Gedankenflug

Spielen früher und heute - Willkommen beim Fast Food-Gaming

Geschrieben von Haschbeutel am 5. Mai 2010 um 19:53 Uhr


Wisst ihr noch, damals bei Hotel Mama? Dort gab es fast immer leckeres Essen, liebevoll zubereitet und selbst in großen Mengen absolut lecker. Wenn man dann nicht alles geschafft hat, gab es die nächsten Tage noch aufgewärmte Reste, die nicht minder schmackhaft waren. Doch irgendwann wird man erwachsen, man geht arbeiten und plötzlich findet man sich meist mit einem Whopper und Pommes in der Hand, was auch durchaus lecker sein kann, aber nur so lange, wie das Essen auch wirklich heiß ist. Was das mit Spielen zu tun hat?

Nun, auf den ersten Blick nicht viel. Aber vergleicht man obiges Beispiel mit heutigen Spielen, dürfte dem ein oder anderen einleuchten, auf was ich hinaus will. Das Spielen heute ist schon lange nicht mehr das Spielen, welches ich früher erlebt habe. Zwar sind Spiele heutzutage nicht schlechter als früher - im Gegenteil - aber dank der Industrie habe zumindest ich zeitweilig das Gefühl, dass ich einfach nichtmehr oder kaum noch in den Genuss von guter Hausmannskoste komme, sondern nur noch als Konsument von einem Spiel zum nächsten haste. Doch der Reihe nach.

Mein Spielerlebnis damals ...
Ich gebe zu, ich habe die "Goldene Ära" nicht mehr wirklich erlebt. Zwar hatte ich einen C64 und kann mich auch noch an einige Games erinnern, aber meine ersten richtigen Zockerfahrungen hatte ich mit DOS-Spielen und dem damaligen, frisch erschienenen, Windows 95. Mein erstes Spiel war damals, wenn ich mich recht erinnere, Syndicate von den Bullfrog Studios. Zugegeben war mir das Spiel damals zu komplex und ich fand mich recht schell damit ab, die Finger von reinen DOS-Spielen zu lassen und die Möglichkeit von Windows 95 zu nutzen, um Spiele direkt auf der "Oberfläche" zu spielen.

Eine meiner ersten Spielpakete war dann die "Second-Collection", beinhaltend Siedler II, Civilization II und SimCity 2000. Und wisst ihr, wie lange ich dieses Paket damals (150 Mark!) gespielt habe? Selbst heute packe ich diese Box hin und wieder aus, um mich in die Spielwelt zu stürzen - die Freude ist nach wie vor ungebrochen. Auch Titel, die damals über die Jahre hinweg folgten, konnten mich Wochen- und Monatelang fesseln, selbst wenn es sich "nur" um Singleplayerspiele wie Tomb Raider II, Age of Empires II (ich habs irgendwie mit Teil 2), Commandos, Theme Park World oder sonstige Titel handelte - irgendwie konnte man spielen und spielen und spielen, aber so richtig langweilig wurde es nie, weil die meisten Spiele einfach jedes für sich liebevoll gestaltet waren und spielerisch genug Abwechslung boten. Wenn ich doch mal die Schnauze voll hatte, setzte ich mich an den SNES und zockte dort irgendetwas komplett anderes - Street Fighter II oder Bomberman zum Beispiel.

Man wusste einfach, dass bis zum nächsten Top-Titel noch Monate vergehen konnten und so genoss man die Spiele genau mit der Liebe, die die Entwickler damals in sie investiert hatten.

... später ...
Irgendwann jedoch merkte ich, dass mich Spiele nichtmehr so richtig fesselten. Nicht, weil sie schlechter gemacht oder weniger interessant waren. Es war einfach die Industrie, die sich veränderte. Die Intervalle zwischen Toptiteln verkürzten sich. Es kam im Jahr nicht mehr "das eine Spiel" worauf alle warteten, sondern viele Titel, die alle das Spielerlebnis neu definieren wollten. Hier bessere Grafik, dort neue Features (frei zoom- und drehbare Landschaften!) und sowieso wurde man erschlagen von Neuerungen und Ideen.

Das Hobby selbst begann teurer zu werden. Man musste seinen PC aufrüsten, neue Konsolen kaufen und plötzlich kam nicht alle paar Monate ein Game ins Haus sondern monatlich mehrere Titel. Wem das zu blöd wurde, der kaufte sich eine "Next-Gen" Konsole und verpasste trotzdem nichts, da Spiele jetzt auf allen Plattformen veröffentlicht wurden. Ständig war ich gewillt, neue Spiele zu kaufen, um ja keine Neuerung zu verpassen. Wow - das erste GTA erschien und schmiss mich in eine offene Welt. Kaufen! Max Payne kam raus und machte die Bullet-Time hip. Kaufen! Half-Life durfte man als Shooter-Fan sowieso nicht verpassen. Kaufen! Oha, für GTA kommt ein Add-ON. GTA: London. Kaufen? Kaufen!

... und heute.
Moment. Add-Ons? Ja. Damals aber eher als "Expansion" bekannt, denn im Gegensatz zu heute wurden meist nicht einfach nur nachträglich Level hinzugefügt, sondern gleich neue Spiele darin verpackt. GTA: London warf einen in eine komplett neue Welt und hätte auch als GTA 1.5 durchgehen können. "Age of Empires II: The Conquerers" Expansion fügte neue Völker, Kampagnen, Modi und allgemein eine neue Spielerfahrung hinzu.

Irgendwann jedoch wurden Expansions zu berüchtigten Add-Ons. Es wurden keine neuen Welten erschaffen, sondern nur wenige Neuerungen in Form von neuen Leveln hinzugefügt, die meist das Geld nicht wert warten. Erinnert sich jemand an das Add-On "Commandos: Im Auftrag der Ehre"? Das war bei weitem nicht schlechter als Commandos selbst, aber täuschte nicht darüber hinweg, dass eine handvoll (fast schon unmenschlich schwere) Maps wohl die Zukunft sein sollten und siehe da - immer öfter erschienen plötzlich, kurz nach Release eines Titels, bereits erste Add-Ons, die natürlich auch gekauft werden mussten, auch wenn das eigentliche Spiel viel zu kurz kam.

Diese Entwicklung sollte dann leider erst der Anfang sein. Aus teuren Add-Ons wurden klammheimlich immer mehr Add-Ins, die kaum Neuerungen brachten, jedoch natürlich unbedingt gekauft werden mussten. Man wollte ja weiter am Ball bleiben. Die Entwicklung schritt allerdings immer weiter voran und dank Micro-Payment, Xbox Live und Onlinevertrieb, konnten Erweiterungen immer schneller unters Volk gebracht werden. Und wo stehen wir jetzt?

Konsumzwang und Fast Food-Content
Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem Spiele entwickelt werden, denen dann vor Veröffentlichung Teile herausgeschnitten werden, um diese später gegen Geld wieder als Download-Content, also DLC, zu verkaufen. Kollege Kith hat dieses Thema bereits sehr schön von allen Seiten betrachtet. Meist ist noch nicht einmal ein Spiel erschienen, da ist schon von zwei, drei DLCs die Rede. Der Spieler hat dann nach Erscheinen ungefähr ein paar Wochen Zeit, bis er das Spiel beendet haben muss, weil dann schon neuer Content zur Verfügung steht. Dieser ist dann noch nicht einmal durchgespielt, da wird schon der nächste DLC angekündigt und ein weiterer Teil des Spiels soll nächstes Jahr dann auch erscheinen. Dazwischen sind dann aber noch einige andere Toptitel, die natürlich ebenfalls DLCs haben, welche bis in drei Wochen durchgespielt sein müssen, weil dann ja auch schon wieder ein Must-Have erscheint.

Und was mache ich? Ich hechte von einem Spiel zum nächsten, versuche dieses in kurzer Zeit durchzuspielen, damit ich auch ja noch genug Zeit habe, die beiden anderen Spiele, die schon in der Warteschleife stehen, zu zocken. Wenn es ein Titel wagen sollte, die mittlerweile übliche 8-Stunden-Spielzeitmarke zu durchbrechen, werde ich ungeduldig und renne nur noch so von Level zu Level. Ich will doch noch unbedingt das andere Spiel durchhaben, bis dann in einem Monat endlich mein lang ersehntes Must-Have kommt. Dafür habe ich dann auch nur ein paar Tage Zeit, denn den angekündigten, exklusiven Pre-Order Content, der an ein DLC gekoppelt ist, muss ich auch haben.

Ich gebe zu, ich bin ein Fast Food Konsument geworden. Ich freue mich auf jeden heißen Titel, teilweise monatelang, aber schon kurz danach ist es nur noch wabbeliges Weißbrot und ich lasse ihn liegen. Selbst der beigefügte Salat oder die Pommes verlieren schnell an Genuss, wenn der Nebenmann gerade einen frischen Burger serviert bekommt. Wisst ihr was? Ich hab's satt. Ich trenne jetzt das Netzwerkkabel, gehe nach Hause und esse etwas von Mutti. Das ist zwar tiefgefroren, aber in Hausgemachtem steckt eben noch Liebe drin - und die geht selbst nach Jahren nicht kaputt, auch wenn man sie noch so oft aufwärmt. Mag jemand mitessen? Oder steht ihr doch eher auf Fast Food? In diesem Sinne: Mahlzeit.






4 Kommentar(e):
und folgenden Usern gefällt der Beitrag: Haschbeutel, Michi, Hardcora, LiquidSnakE, ... und 2 Gästen.

 





#1
Geschrieben am 5. Mai 2010 um 22:57 Uhr

Kithaitaa meint ...

Das Problem an der Sache ist sicherlich nicht nur die gesteigerte Anzahl an Titeln (siehe Mai!), sondern auch, dass wir auch keine 13-Uhr-Daheim-Ranzenhinschmeissen-Futtern-Zocken-Kids mehr sind  Zumindest sehe ich das so, und damals war man sogar noch an der frischen Luft, ist ohne Helm auf supergefährlichen BMX-Rädern um die Häuser gezogen und das ganze Programm! Wenn ich mich noch an so geniale Spieleboxen erinner, die standardmässig mehr geboten haben als eine SUPER-PREMIUM-Collectors-Limited heute und an Karten die man selbst gezeichnet hat (Bards Tale!), dann vergieße ich fast schon wieder eine Träne an die gute alte Zeit   

Und ganz ehrlich, ich finde diese 10-Stunden-Spiele heutzutage gar nicht mal so schlecht, Heavy Rain zum Beispiel, an einem Stück durchgezockt, oder Splinter Cell: Conviction. Ein Mass Effect 2 und Dragon Age ist auch super, keine Frage, aber ... ja, genau. Biste einmal raus, weils eben mal 30+ Stunden dauert, und ein anderes Game kommt dazwischen, findet man heute kaum noch wieder rein. Alan Wake zieht sich auch gerade leider etwas kaugummihaft (SPOILER!!!!) *g*

Das wird natürlich von Spieler zu Spieler unterschiedlich sein - auch klar   




          
 





#2
Geschrieben am 6. Mai 2010 um 23:41 Uhr

ALeks_M meint ...



mannomannomann ist das lange her. ich bin noch bonanzarad gefahren. spiele von heute haben es einfach schwerer, weil, wie auch in der musik oder mode, es alles schon mal gegeben hat. oder so. machts gut pressis und ein tolles wochenende, urlaub und natürlich viel mehr   


          
 





#3
Geschrieben am 6. Mai 2010 um 23:42 Uhr

ALeks_M meint ...



mannomannomann ist das lange her. ich bin noch bonanzarad gefahren. spiele von heute haben es einfach schwerer, weil, wie auch in der musik oder mode, es alles schon mal gegeben hat. oder so. machts gut pressis und ein tolles wochenende, urlaub und natürlich viel mehr   


          
 





#4
Geschrieben am 7. Mai 2010 um 01:59 Uhr

LiquidSnakE meint ...

Ich kann die in diesem Artikel beschriebenen Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen. Damals war einfach vieles anders - aber war es wirklich die Industrie, die so anders war?

Zum "Hardcore-Gaming" fand ich erst mit der ersten PlayStation. Keine andere Konsole - obwohl ich bereits vorher NES, SNES, Game Boy und Megadrive gespielt bzw. herumstehen hatte - bot mir damals so viel Spielspaß und Abwechslung. Die DOS- und Win95-Ära habe ich verpasst, weil meiner Familie damals kein PC ins Haus kam (einfach so - es hieß, wir brauchen keinen PC, Basta - und da das Internet damals noch keinerlei Relevanz hatte, brauchten wir tatsächlich keinen), die Konsole musste also reichen.

Ich war damals Schüler, jung, mit sehr begrenzten finanziellen Mitteln. Ein Grund mehr, weshalb ich nicht jedes x-beliebige Spiel gekauft habe. Selbst Blockbuster ließ ich liegen, wenn ich genau wusste, dass sie nichts für mich sind - Beispiel 'Final Fantasy', eine Serie, mit der ich bis heute nicht warm geworden bin. Damals las ich sogar unregelmäßig Gaming-Magazine - jawohl, Printmedien! - um mich ein wenig nach deren Reviews zu orientieren. Das Geld war, wie gesagt, nicht im Überfluss vorhanden, und ich wollte davon schließlich länger etwas haben.

Damals gab es noch keine gemeinsame EU-Währung. Niemand in meinem Umfeld - kein Erwachsener - verfügte über eine Kreditkarte. Importe waren also etwas ganz, ganz besonderes. Mein erster Import war die UK-Version von 'Resident Evil 3' für die PlayStation - boah, war man damals noch "cool", wenn man eine der bösen "Uncut-Versionen" sein Eigen nennen konnte. Bei mir war die größte Umstellung daher meine finanzielle Lage. Heute besitze ich meine eigene Kreditkarte und habe Geld, weshalb ich wesentlich leichter Spiele zukaufe. "Hm, bei Amazon UK gibt's 'Bayonetta' für 22 Pfund? Die Demo war ja nicht so toll... - egal, gekauft." - so in etwa lässt sich mein Gedankengang beim Online-Shopping beschreiben. Vor 10 Jahren hätte ich niemals so inflationär einkaufen können. Damals kostete ein Spiel noch zwischen 599 und 799 Schilling (bin Österreicher  ), Importe waren in heimischen Gameshops sogar noch teurer. Da musste man zwangsläufig persönliche Hits aussieben.

Mein Spielverhalten hat sich dem "Fast Food"-Trend längst angepasst. Früher hatte ich das Ziel, jedes Spiel, das ich kaufe, erst durchzuspielen, ehe ich zum nächsten gehe. Aus heutiger Sicht wäre das illusorisch - 2/3 meiner 700-Titel-umfassenden Spielesammlung habe ich noch nie durchgespielt. Ich kaufe meist schon 1-2 neue Spiele, während ich noch an einem sitze. Die vom Autor erwähnte "Ungeduld", wenn ein Spiel dann etwas mehr Zeit beansprucht, kann ich ebenfalls gut nachvollziehen. So ging es mir bei 'Ryu ga Gotoku 3' / 'Yakuza 3': ich habe mich sehr darauf gefreut, es gerne gespielt, aber nachdem ich alle Side Missions in beiden Städten gespielt habe, was rund 40 Stunden in Anspruch nahm, kam mir das Ende bereits äußerst zäh vor. An ein 'Mass Effect' wage ich mich gar nicht erst heran - obwohl ich den ersten Teil besitze, kam ich nie über ein Anzocken hinaus. Ja, ich bin ein Opfer des "Fast Food"-Gamings, jedoch ist mir diese Tatsache gar nicht so unsympathisch. Meine Freizeit wird zunehmend weniger statt mehr, weshalb ich mich lieber 4-6 Stunden vor ein 'Call of Duty' als 70-100 vor ein 'Fallout 3' (ich habe bis heute nicht alle Quests beendet) samt Add-ons setze.

Fazit: Ich finde nicht, dass sich die Industrie so stark verändert hat. Verändert hat sie sich freilich schon. Sie wurde größer - Computerspiele erreichen mehr Menschen denn je, bietet mehr Jobs denn je, kostet mehr Geld, wirft aber auch mehr Gewinn ab. Das Klischee der vierköpfigen Gruppe von Hobby-Programmierern, die mal eben ihr eigenes Studio gründen und ein Text-Adventure auf drei Floppys verteilt rauswerfen ist endgültig tot - Produktionen wie 'GTA IV' geben den Takt an. Die angehenden 'Superstars' von damals wären heute maximal als Indie-Entwickler erfolgreich. Alles wurde "mehr", "bigger and better". Die größte Veränderung sehe ich dennoch beim Spieler - bei mir selbst. Ich, mein Spiel- und Kaufverhalten hat sich stärker als die Industrie oder die Spiele per se verändert. Und, glaubt mir: Wer heute (in jungen Jahren) mit dem Zocken anfängt, wird - vorausgesetzt, er bleibt dabei - in 10 Jahren das Gleiche über die heutige Zeit sagen. Wie heißt's so schön? "Früher war alles besser" - immer.  


          



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