Gedankenflug

Anekdoten eines Zockerweibchens #1: die 90er

Geschrieben von Hardcora am 7. Juni 2010 um 19:39 Uhr


Wie wird man eigentlich ein Zockerweibchen oder gar eine Hardcora? Statt ein standardisiertes Weibchen mit lackierten Nägeln und Schuhtick habe ich mich für den harten Weg der Zockerlaufbahn entschieden. Aber warum eigentlich? Und wie zum Teufel gelangt ein Mädel Mitte der 90er auf den elitären Pfad der Spieleliebhaber? Willkommen im bunten Zirkus der Selbstreflektion.

Wir befinden uns im Jahre 1996. Ganz Deutschland ist von Nichtspielern besetzt... Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Zockern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten ...


Es war einmal ..






Die 90er. Ein Paradies für Zocker und welche, die es werden wollen. WiSims hinter jeder Ecke, geniale Adventures und nur vereinzelte hirnlose Shooter. Männer entdecken Doom, Frauen den Friseur. Überall? Nicht ganz. Fragt mich nicht wie und warum, aber aus irgendeinem Grund habe ich den 286er meiner Schwester zu meinem eigenen gemacht, nur um - und jetzt kommts - stundenlang eine halbstündige Demo von Gabriel Knight, wohlbemerkt aus der Stadtbücherei ausgeliehen, zu zocken. Krieg um den PC? Sowas gab es früher noch nicht. Ich war schließlich irgendwie die Einzige, die sich an das Ding traute und auch vor Bluescreens und Abstürzen nicht zurückschreckte. Wieso auch, Kinder fallen hin und dank Gummiknochen passiert nix. So war es damals eben auch mit den x86ern und Windows 3.1.

Aber mal langsam. Wie kam es denn dazu? Ich wurde keinesfalls mit dem Gameboy in den Fingerchen geboren - ganz im Gegenteil. Zu meiner Kindheit gehörte das "Draußen", was die heutige Jugend oft nur noch im Fernseher bestaunt. Dreck, Sport und ... Fahrradtouren zum Elektrofachmarkt im Nebenort. Ok, eine gewisse Medienaffinität war mir wohl doch schon angeboren. Warum sonst würde Klein-Caro fast täglich 10km fahren, nur um Sega Rally und Sim City zu spielen? Der Weg zur Zockerkarriere stand nichts mehr im Weg, also zurück zu unserer Demo.

Die Demo des großartigen 1. Teils der Gabriel Knight-Reihe sollte mich später jedenfalls zu einer besonderen Liebe inspirieren: der Liebe zu meinen Adventures. GK war für mich die Offenbarung, die Daikatana irgendwann werden sollte - mit dem Unterschied, dass sich GK tatsächlich lohnte (JANE ICH WARTE IMMERNOCH AUF TEIL 4!). Was aber, wenn die Geschichte eines Adventures irgendwann genug durchgespielt ist? Ganz einfach:
eine 100SpieleineinerBoxomgistdastollwarumgibtsdasheutenichtmehr
-Sammlung muss her. Und die hatte es in sich. Winzer, Siedler, Hollywood Pictures, Oldtimer und wie sie nicht alle hießen - die WiSimAllesBauenSiedelnWeltherrschaft-Sucht hatte mich gepackt! Kein Spiel, das nicht von mir installiert wurde. Ich umgarnte Tage lang jede einzelne Gouverneurstochter in St. Thomas, ich bastelte mein eigenes Spielemagazin in MAG!!!, panschte den besten Wein des Landes, baute die schönsten Autos und stellte mich zwischendurch allen Adventures der 90er. Allen. (Fast. Da ich Tastatursteuerung in Adventures verabscheue, hab ich Grim Fandango bis heute nicht geschafft, sry.)

Irgendwann kaufte ich mir dann einen Gameboy. In rot. Mein erstes Spiel? Street Fighter 2. Und ich war IMMER Blanka. Harr. Daneben durfte es dann auch die erste richtige Konsole sein: der Sega Mega Drive 2. Im Elektrofachmarkt bereits vergöttert, verbrachte ich nun Stunden mit Alien Storm: von links nach rechts, dazwischen Aliens, springen, rennen, sterben. Bis heute habe ich dieses (laut aktuellen Berichten) eigentlich "leichtes" Spiel nie durchgespielt. Später gab es dann sogar mal eine PSone, zu einer Zeit zu der die PS2 bereits in jedem Haushalt stand. Man sieht - ich war nie der große Konsolenspieler, da der PC für mich einfach mehr zu bieten hatte.


.. vor langer langer Zeit.


Die Zeit entwickelte sich und mit ihnen die Spiele und deren Kultur. Pixelflimmern war plötzlich out und die Vogelperspektive wurde modern. Auch gezeichnete Spiele waren (und sind bis heute) eine Schönheit. Ob Baphomets Fluch, Monkey Island 3 oder Airline Tycoon - inzwischen hatte ich einige Genres erobert, doch blieb ich einem bis dahin eisern fern: der bösen Action mit RATATATATA. Warum auch sollte ich was spielen, wo man sterben kann? "Wo bleibt denn da der Spielspaß?". Irgendwann habe ich tatsächlich einmal Half Life installiert - Ergebnis? Ich habe immerhin den Vorspann bis zum Erscheinen der Aliens geschafft. Und weiter? Der erste Facehugger (Facehugger > Headcrab) sprang mir entgegen und ich hab das Spiel ängstlich beendet. Ich bin noch heute traumatisiert. Weitere Begegnungen mit jenem Genre hatte ich maximal bei Ocarina of Time oder Tomb Raider. Während ich bei Zelda nur als Zuschauer auf einer Ikeabanane gastierte, war ich bei Tomb Raider ebenfalls nur neidvoller Bestauner voller Erfurcht vor dem großen, bösen T-Rex.

Gestern erst stand wieder einmal die übliche Runde Left 4 Dead an. Ihr wisst schon - dieses Spiel mit Zombies, RATATATATA und vielen Bildschirmtoden. Der Weg von einem nie beendeten Half Life bis zur Neuzeit, in welcher ich ohne Multiplayer-Skype-Teamshooter schon fast nicht mehr könnte, war ein langer und steiniger. Heute betrachtet waren die 90er eine wahrlich schöne Zeit um mit dem Zocken zu beginnen. Schade, dass es einige Spieleschmieden und Ideen von damals heute nicht mehr gibt. Oder?






9 Kommentar(e):
und folgenden Usern gefällt der Beitrag: Hardcora, Haschbeutel, Frida, ... und 2 Gästen.

 





#1
Geschrieben am 7. Juni 2010 um 21:57 Uhr

Frida meint ...

Genialer Gedanke!
Dank solcher Ideen lerne ich Euer Team besser kennen! MEHR MEHR MEHR!
Hardcora, jetzt weiß ich besser, wer Du bist und warum Du genau diese Spiele auswählst! Schreib mehr von dem Magazin - zeige die Bilder; die kannst Du bestimmt scannen, ne?
Jetzt warte ich auf die Abenteuer von dem übrigen Team.
Ehrlich gesagt - das ist fast der beste Artikel, den ich hier gelesen habe.
Bin gespannt, was Du uns in dem zweiten Teil erzählen wirst   
Also - danke für den Artikel - Ihr seid für mich nicht nur Pixel, sondern jemand mit einer Story   

P.S. Weißt Du, was das bedeutet, dass Du den roten Gameboy gekauft hast?   



          
 





#2
Geschrieben am 7. Juni 2010 um 22:05 Uhr

Hardcora meint ...

Danke, ist immer interessant sich an jene "entscheidende" Momente zu erinnern und die alten Zeiten wenigstens gedanklich wieder aufleben zu lassen  . Der zweite Teil kommt dann demnächst .. weiß allerdings noch nicht, ob ich das dann aufsplitte, da es bei mir von 2000 bis 2010 einfach zu viele Spieleperlen gab, die mein Leben "nachhaltig beeinflusst" haben  


          
 





#3
Geschrieben am 7. Juni 2010 um 22:11 Uhr

Frida meint ...

Und was wäre dann mit den Scanns, he?


          
 





#4
Geschrieben am 7. Juni 2010 um 22:17 Uhr

Frida meint ...

Und außerdem erinnert mich das an das Tennis, das ich mit meinem Vetter gespielt hatte!   

[Externer Link]


          
 





#5
Geschrieben am 12. Juni 2010 um 09:32 Uhr

GN_Sheep meint ...

Bravo!

Wie immer, Super geschrieben, mit Deiner ganz persönlichen Note   
Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer es ist in den vergangen Zeiten zu "kramen". Selbst für einen einfachen Malediven-Urlaub habe ich -zig Seiten an Erinnerungen geschrieben (obwohl es keine Sau interessiert) ...
Ich wünsche mir eine Fortzetzung von deinem Leben als Frau und Spielerin! Weiter so!
Vielleicht will ja auch einmal jemand meinen Bericht lesen ... eventuell, möglich, Sonne, Wasser *mmmhhh..*   


          
 





#6
Geschrieben am 13. Juni 2010 um 16:40 Uhr

Hardcora meint ...

Ha! Danke  .. Malediven sind interessant und Urlaub sowieso immer - gib doch mal nen Link zum Bericht  . Nachfolgeartikel (Mehrzahl) sind schon in Arbeit. Ist ganz schön schwierig das zusammen zu fassen und könnte theoretisch zu jedem einzelnen Spiel meine Lieblingsszenen schreiben  .... doch das würde dann den Blog wegen zuviel Input sprengen!   


          
 





#7
Geschrieben am 19. Juni 2010 um 14:35 Uhr

GN_Sheep meint ...

Gerne!  

Leider ist nur der Stress bis dorthin beschrieben.


          
 





#8
Geschrieben am 21. Juni 2010 um 16:24 Uhr

Moon meint ...

Hardcora: Fahrradtouren zum Elektrofachmarkt im Nebenort. Ok, eine gewisse Medienaffinität war mir wohl doch schon angeboren. Warum sonst würde Klein-Caro fast täglich 10km fahren, nur um Sega Rally und Sim City zu spielen?


Das kenne ich nur zu gut   
Zwar war der weg zum (meistens) Toys 'r' Us nicht ganz so weit, doch konnte ich wegen meines zarten Alters damals nur mit meinen Eltern hin.
Und dann wollten die auch auch nie den ganzen Tag bleiben wie ich, ts!   

Zu dieserr Zeit hatte ich schon die Amiga (später noch die SNES und die Playstation, kann das zeitlich nur nicht genau einordnen   ), aber das hat mir keineswegs gereicht.
Sega beispielsweise war eine sonst komplett unzugängliche Spielewelt für mich und was hätte ich für ein paar freie Stunden Sonic im Galeria Kaufhof gegeben...

Bevor ich hier zu deinem schönen Kommentar noch zu viel von mir selbst schreibe, fang ich lieber an zu überlegen, wo und wie ich meine Zockervergangenheit verarbeite   

Ansonsten habe ich nicht allzuviele der von dir erwähnten Spiele gespielt: Baphomets Fluch gefiel mir damals sehr gut, bloß kam ich nie sehr weit - da habe ich lieber meinem großen Bruder zugeschaut.
Muss ich auf jeden Fall nachholen!

Monkey Island hole ich im Moment nach, bin aber erst beim 2. Teil  

Achja, Street Fighter hast du noch erwähnt. Da fasse ich mich lieber gleich ganz kurz: Ich LIEBE das Spiel!


          
 





#9
Geschrieben am 22. Juni 2010 um 00:14 Uhr

Hardcora meint ...

Ich denke, dass gerade der Anfang der Spielekarriere bei jedem anders verlaufen *muss* - jeder findet am Anfang etwas anderes interessant, jeder ist von was ganz Speziellem fasziniert und findet so "seinen Weg". Bei mir warens halt die Adventures, die irgendwann zu Left 4 Dead führen  

Wenn du also auch gerne Adventures spielst, dann hol die beiden ersten Teile von Baphomet unbedingt nach, vergleichbares gibt es einfach nicht  


          



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