Hui, das war doch mal was. Auch wenn die 23 Uhr Vorstellung definitiv zu spät war für diese Laufzeit, war ich doch sehr, sehr begeistert. Zwar war die wackelige und hektische Kamera zu Beginn unglaublich anstrengend (was wohl am hochprezentigen Bar-Besuch kurz vorher lag), aber von der ersten Minute ab baut der Film eine immense Sogwirkung auf, die sofort fesselt. Jennifer Lawrence ist ein Augenschmaus, Liam Hemsworth zum Glück nur eine Randfigur. Dafür punkten Stanley Tucci als durchgeknallter Ansager, Wes Bentley als Puppenspieler und Woody Harrelson als ewiger Trunkenbold mit dem Herz am rechten Fleck. Donald Sutherland bleibt leider relativ blass, darf aber dennoch in einigen Szenen punkten. Die Beziehungen, Spannungen und Ängste der Tribut-Steller werden fix eingefangen und schnell ist klar, dass diese Dystopie nichts für schwache Nerven ist.
Ich kenne die Bücher nicht, aber war vor allem von der optischen Umsetzung mehr als Begeistert. Düstere Farben wechseln mit einer Farbpracht im Konzil, Bauarbeiteranzüge mit monumentalen Festanzügen und Haartrachten. Das Einfangen des Gefühlszustands mit dumpfen Gesprächsfetzen, Kameraspielereien und surrealen Wahrnehmungseinflüssen ist phänomenal umgesetzt - selten hat man so intensiv "gesehen" was eine Titelfigur gerade durchlebt. Schade nur, dass der Film auf FSK 12 getrimmt wurde - gerade der Beginn der Spiele wäre mit FSK 16+ noch um einiges intensiver und bedrückender ausgefallen, wenn man den ein oder anderen Spritzer Blut etwas länger gesehen hätte. Hier und da merkt man zwar, dass Platz für mehr "Tiefe" gewesen wäre und einige interessante Gespräche und Grundgedanken werden nur touchiert aber nie zu Ende gedacht. Hier weiß ich nicht, wie es in den Büchern ist, aber ich hoffe, dass hier in den folgenden Teilen noch nachgelegt wird.
Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass der Film zu hektisch in der Erzählung ist. Ruhige, intensive Momente werden phänomenal eingefangen, Spannung ist vorhanden, Charaktertiefe ebenso und auch abseits des Plots gibt es viel zu entdecken. Einzig zu bemängeln sind die angesprochenen "Tief"greifenden Probleme, dass oftmals vieles (z.b. das "Warum?") nur oberflächlich angekratzt wird, wobei ich hier eben nicht weiß, wie das in den Büchern ist und ob das erst später alles kommt. Auch hat der Film keinen richtigen Climax. Die Spiele ziehen sich konsequent durch, ein klassischer Kampf "Gut (Tribute) gegen Böse (Konsumenten)" findet nicht statt, wobei das auch damit begründet sein wird, dass die folgenden Bücher noch Futter brauchen.
Trotzdem wurde ich "ausgezeichnet" unterhalten und ich freue mich sowohl auf die Fortsetzungen, als auch auf den Heimkino-Release. Den werde ich mir nämlich garantiert noch einmal anschauen. Dann aber vor 23 Uhr ...
8/10