Gravity Rush 2 - Review 5

Wenn Menschen in Stasisblasen schweben, es Kisten und Parkbänke regnet und oben plötzlich unten ist, dann ist das fünf Jahre nach Gravity Rush und fast genau zwölf Monate nach dessen PS4-Remaster zwar nichts Neues mehr, aber immer noch faszinierend und vor allem erfrischend anders. Nachdem Kats erstes Abenteuer in Hekseville noch von den Limitierungen der PlayStation Vita eingeschränkt war, konnte Sonys Japan Studio für Gravity Rush 2 jedoch aus dem Vollen schöpfen und mit den Möglichkeiten der PlayStation 4 ein bunteres, schöneres und vor allem größeres Spiel realisieren.

Und weil nackte Zahlen genau das wunderbar belegen, steigen wir doch ganz nüchtern mit der Spielzeit ein, die ich für Gravity Rush 2 aufgewandt habe. 25 Stunden hat mich Kats Abenteuer bislang beschäftigt, ein paar weitere werden in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich noch dazuaddiert werden. Nach dem Durchspielen der Geschichte, ausgiebigem Erkunden der Spielwelt und über 30 Nebenmissionen habe ich aber definitiv genug gespielt und gesehen, um euch Folgendes sagen zu können: Gravity Rush 2 ist ein tolles und erfreulich umfangreiches Action-Adventure mit dem Herz am rechten Fleck, einer der ersten Höhepunkte dieses jungen Spielejahres 2017 und ein sehr guter Nachfolger, der aus der Kritik am ersten Teil gelernt hat.


Gravity Rush 2
Oben ist in Gravity Rush 2 nicht immer oben, sondern manchmal auch unten, rechts oder links ...


Gravity Rush 2 startet gemächlich - und steigert sich dann bis zum furiosen Finale



Gravity Rush hieße nicht Gravity Rush, würde man nicht abermals mit der Schwerkraft hantieren und an Decken oder Wänden laufen, gar durch die Lüfte gleiten können. Allerdings erwacht Kat zu Beginn des Spiels in der Bergbauflotte Banga - ohne Kräfte, ohne Freundin Raven und ohne Schwerkraftkatze Dusty, die ihr die Macht über die Gravitation ja gerade erst verleiht. Aber wo ist Raven? Was ist in Hekseville geschehen? Und was hat es mit diesem ominösen Gravitationssturm auf sich, der Kat überhaupt erst hierher in die Banga-Siedlung gebracht hat? Fragen über Fragen, die teilweise in den kommenden Kapiteln und teilweise von einem 20-minütigen, zweiteiligen Anime beantwortet werden. Letzteren findet ihr natürlich auch bei uns und solltet ihr euch unbedingt anschauen, bevor ihr in Gravity Rush 2 startet, weil er die Ereignisse zwischen dem ersten Teil und dem Nachfolger erzählt - ansonsten hat man gerade zu Beginn einige Fragezeichen über dem Kopf. Nichtsdestotrotz startet die Story eher gemächlich und lässt sich einige Zeit, bevor man Dusty wiederfindet, sich mit den Leuten der Banga-Siedlung wie Anführerin Lisa und deren Tochter Cecie anfreundet und schließlich in Jirga Para Lhao landet - einer farbenprächtigen, schwebenden Metropole mit vier riesigen Bezirken, die trotzdem gerade einmal die Hälfte der Spielwelt dieses erstaunlich großen Abenteuers darstellt.

Ich mochte bereits die etwas dünne Handlung im ersten Gravity Rush, aber gerade das Ende warf damals mehr Fragen auf als es beantwortete. Nach dem Durchspielen vom Nachfolger weiß ich auch, warum. Hier werden die Erzählstränge zu Ende geführt - in einer Art und Weise, die ich so von diesem Spiel gar nicht erwartet hatte. Gerade im letzten Drittel fahren Story und Inszenierung zur Hochform auf, plötzlich wandelt sich die sonst so unbeschwerte, leichtfüßige Gute-Laune-Stimmung in eine ernste und durchaus dramatische Geschichte um Gut und Böse und Verflichtungen und Verantwortung. Ich will und werde an dieser Stelle natürlich nichts vorwegnehmen, aber freut euch auf eine spannende und dennoch schlüssige 180°-Wende und ein großartiges Finale mit sehenswerten Bosskämpfen. Ich bin schon gespannt auf den angekündigten kostenlosen Story-DLC mit Raven und darauf, wie er sich in die Ereignisse einfügt, denn ich habe nicht das Gefühl, als wäre hier schon alles erzählt.


Gravity Rush 2Gravity Rush 2
Sonys Japan Studio hat sich die Kritik zu Herzen genommen: Gravity Rush 2 ist heller, bunter und schöner.


Jirga Para Lhao ist eine größere, schönere und endlich farbenprächtigere Spielwelt



Die größten Schritte nach vorne macht Gravity Rush 2 aber nicht nur in Sachen Story, sondern in der Spielwelt. Jirga Para Lhao ist ein beeindruckendes und herrlich farbenprächtiges Städtchen, dessen schwebende Inselketten ähnlich labyrinth-artig aufgebaut sind wie Hekseville aus dem ersten Teil. Apropos: Später gelangt man auch wieder zurück an den Schauplatz des Erstlings und gerade im direkten Vergleich wird deutlich, wie diese neue, ungewohnte Farbenpracht Gravity Rush gut tut. Schön auch, dass man natürlich auch wieder jede Menge kleinen und großen Krimskrams in der Umgebung aufnehmen und umherschmeißen kann, was die Spielwelt zusammen mit den vielen umherlaufenden Leuten angenehm lebendig wirken lässt. Gerade auf dem Marktplatz in Jirga Para Lhao kann man ein herrliches Chaos anrichten und alle Marktstände in ihre Einzelteile zerlegen.

Spätestens hier wird dann auch deutlich, dass die PlayStation 4 eben doch noch eine Ecke mehr Möglichkeiten bietet als die kleine Vita. In diesem Zug kann man auch noch lobend anerkennen, dass es in Gravity Rush 2 außer dem Spielstart und beim Abbruch von Missionen quasi keine Ladezeiten gibt und diese wenigen auch nur relativ kurz dauern - sehr schön.

Allerdings hat die riesige Spielwelt, die immerhin 2 bis 2,5 Mal so groß ist wie die in Teil 1, auch ihren Haken. In den meisten Missionen - egal ob Haupt- oder Nebenmission - nimmt man den Auftrag relativ weit weg vom eigentlichen Startpunkt an, sodass man zunächst für eine Weile durch die Lüfte gleiten muss, bis es endlich richtig losgehen kann. Das stört beim ersten oder zweiten Mal noch nicht so sehr, wird aber spätestens beim zehnten Mal ermüdend und nervig, denn die Entfernungen nehmen logischerweise mit dem Maßstab der Spielwelt ebenfalls zu. Dafür lässt man sich auf dem Weg jedoch immer wieder von sorgfältig platzierten Power-Up-Kristallen ablenken, mit denen man Kats Kräfte im Menü verstärken kann - etwa das bekannte Gravitationsgleiten auf flachen Oberflächen oder das erwähnte Stasisfeld, mit dem man Objekte greifen und hinfortschleudern kann. Diese Kristalle sind wie schon im ersten Teil überall an Gebäuden platziert, bevorzugt natürlich an Decken und Wänden, sodass man fast im Sekundenrhythmus die Gravitation umkehrt oder durch engste Gänge schwebt, um auch möglichst den letzten glitzernden Edelstein aufzunehmen. Ich bemitleide zwar den armen Menschen, der diese über tausend Kristalle verteilen musste, aber immerhin hat sich die Mühe gelohnt und so verbringt man viel Zeit damit, die Welt nach ihnen abzusuchen.


Gravity Rush 2
Lisa und Syd sind nur zwei der vielen sympathischen Figuren, denen man in Jarga Para Lhao und Hekseville begegnet.


Gravitationskicks, Stasisfelder und Oberflächengleiten



An der grundlegenden Formel hat man bei Sony Japan nur wenig geschraubt, Kats Kräfte stimmen im Wesentlichen mit denen überein, die man auch im ersten Gravity Rush nutzen konnte. Das heißt auch, dass Kämpfe hauptsächlich mit dem Gravitationskick geführt werden - einem Angriff aus der Schwebe, bei der man mit einem Affenzahn auf den Gegner rast, um ihm die Sohle ins Gesicht bzw. in den leuchtenden Glaskristall der Nevi zu drücken. Vorsichtig erweitert wird das System nun durch zwei neue "Stile", namentlich Lunar und Jupiter, die Kat wahlweise federleicht oder bleischwer machen und dadurch entweder Platforming oder Kampf erleichtern. Gewechselt wird jederzeit über einen Wisch auf dem Touchpad und je nachdem, welchen Stil man angewählt hat, variieren auch alle anderen Fähigkeiten ein bisschen - so wird aus dem Gravitationskick im Jupiter-Stil ein mächtiger aufladbarer Sturmkick, bei dessen Aufkommen auf dem Boden eine Schockwelle ausgelöst wird. Eines haben aber alle Stile und Kampfszenen gemeinsam: Ist die Umgebung zu eng oder der Feind zu groß, so verliert man wegen der konfusen Kamera oftmals schnell die Orientierung. Gerade dann, wenn man sich nah am Gegner befindet, ist Chaos vorprogrammiert.

Im Großen und Ganzen fühlt sich alles aber genauso an, wie man es aus dem ersten Teil schon kannte, und das ist auch absolut okay so, zumal das Missionsdesign bemüht ist, immer wieder für Abwechslung zu sorgen, indem man beispielsweise nur bestimmte Kräfte nutzen darf oder stellenweise gar komplett auf die Schwerkraftmanipulation verzichten muss. Die Stealth-Abschnitte, bei denen man aus heiterem Himmel entdeckt wird, wenn man den vorgesehenen Pfad verlässt, hätte man sich allerdings komplett sparen können. Generell schwankt die Qualität der Nebenmissionen relativ stark, was bei 50 Stück an der Zahl wohl zu erwarten war - zumal es mit erkundbaren Bergbaustätten und Highscore-Herausforderungen sowie umfassenden neuen Online-Features wie Schatzjagden oder Foto-Contests ohnehin eine dicke Palette an Beschäftigungen gibt.

Dafür stimmt aber die Inszenierung immer, selbst bei der rein spielerisch uninteressantesten Mission und natürlich auch bei den über 20 Story-Aufgaben. Wie man es schon von Kats erstem Auftritt kennt, wird jede Mission von mehreren Dialogsequenzen umrahmt, die sich zwar meistens auf Sprechblasen bzw. Textfelder beschränken, dafür aber mit tollen Zeichnungen ansprechend untermalt werden. So entsteht der Eindruck eines spielbaren Anime, was durch den passenden Grafikstil natürlich nochmal unterstützt wird. Trotz der somit vor allem in den ersten zwei Dritteln eher wenig dynamischen Dialoge und Zwischensequenzen verleiht das gut geschriebene Skript jedem Charakter eine eigene Persönlichkeit - und oft werden dabei auch erwachsenere Themen wie die Schere zwischen Arm und Reich oder Alkoholsucht angesprochen. Dass Kat als naives junges Mädchen fast immer nur das Positive und Gute in den Menschen sehen will, wirkt deshalb regelrecht als Katalysator in einer Welt, die nur auf den ersten Blick scheint, als habe sie keine Sorgen oder Probleme, und macht sie noch sympathischer.



Tim

Fazit von Tim:

Gravity Rush 2 ist in fast jeglicher Hinsicht eine Steigerung gegenüber dem ersten Teil und insgesamt ein runderes, schöneres, unterhaltsameres, spannenderes, umfangreicheres und vor allem farbenprächtigeres Action-Adventure mit dem Herz am rechten Fleck - die Videospielwelt auf den Kopf stellen können Kat und Raven aber auch im zweiten Anlauf nicht. Was mir persönlich nach wie vor fehlt, sind noch ein wenig die interessanten Gameplay-Twists und Spielereien mit dem Leveldesign. Anstelle in manchen Missionen Herausforderungen wie "Besiege alle Gegner!" oder "Sammle alle Juwelen!" aneinander zu reihen, wären mir ein paar clevere Puzzles oder anspruchsvollere Platforming-Einlagen lieber gewesen. Dafür entschädigen allerdings eine riesige Spielwelt, fulminante Bosskämpfe und ein großartiges letztes Spieldrittel voller Überraschungen und Ideen. Vor allem auch ist Gravity Rush 2 ein erstaunlich umfangreiches Spiel, mit dem man gut und gerne über 30 Stunden verbringen kann, ohne sich in dieser Zeit zu langweilen oder ständig nur dasselbe zu tun. Nach den ersten Spielstunden war ich noch etwas ernüchtert ob dem gemächlichen Einstieg, der Kamera und den vielen überlangen Flug- bzw. Laufwegen - doch umso länger und mehr ich gespielt habe, umso mehr konnte ich über diese Dinge hinwegsehen und mich mit Kats und Ravens Abenteuer in dieser verdrehten Schwebewelt anfreunden, bis ich es jetzt, nach dem Durchspielen, kaum erwarten kann, auch den ersten großen Story-DLC zu spielen. Gravity Rush 2 ist ein erstes kleines Highlight des Spielejahres und für mich einer der besten PS4-Exklusivtitel bislang.

Der Nachfolger ist in jeglicher Hinsicht das bessere Spiel und auch für sich gesehen ein tolles, rundes Abenteuer mit stimmungsvoller Präsentation, einer angenehm großen Welt, jeder Menge Content und einer liebenswerten Heldin.

Besonders gut finde ich ...
  • immer noch faszinierendes Umkehren der Schwerkraft
  • sehr große Spielwelt mit viel mehr Farben als in Teil 1
  • erzählerisch und inszenatorisch starkes letztes Drittel
  • liebenswürdige Charaktere, allen voran Heldin Kat
  • mehr als 40 sehr abwechslungsreiche Nebenmissionen
  • Lunar- und Jupiter-Stil erweitern das Kampfsystem
  • motivierendes Sammeln von Kristallen für Power-Ups
  • über 25 Stunden Spielzeit für Story und Sidequests
  • sehr stimmungsvoller und vielfältiger Soundtrack
Nicht so optimal ...
  • teilweise schwere Kameraprobleme in engen Arealen
  • vor allem anfangs ermüdend lange Lauf-/Flugwege
  • Abschnitte ohne Gravitationskräfte wenig spaßig
  • Qualität der Nebenmissionen schwankt stark

Tim hat Gravity Rush 2 auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Sony Interactive Entertainment zur Verfügung gestellt.

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  • Entwickler:SCE Japan Studio
  • Publisher:Sony CEE
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PS4
  • Release:18.01.2017

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