Dom Toretto, Michael Caine, Ygritte und Frodo gehen auf Hexenjagd

Vin Diesel als unsterblicher Kreuzritter des heiligen Ordens, bewaffnet mit Flammenschwert, Wetterrunen, Schrotflinte und Bentley, unterwegs im modernen New York, auf der Jagd nach Hexen und dunkler Magie - das klingt nach einem trashigen Actionfilm der Marke "Hirn ausschalten und genießen". Ich habe mir The Last Witch Hunter, das neue Werk von Breck Eisner, angesehen und vergeblich versucht, mich von Kaulders düsterer Geschichte mireißen zu lassen. Denn die ist so gar nicht fesselnd ...

Vin Diesel ist Riddick, Vin Diesel ist Dominic "Dom" Toretto und Vin Diesel ist Kaulder, der letzte Hexenjäger. In erster Linie spielt er hier allerdings nicht den gefürchteten Jäger, sondern sich selbst: den starken Kerl mit den stählernen Muskeln, der immer einen coolen Spruch auf Lager hat. Nicht, dass das zwangsläufig eine schlechte Sache sein muss - sein Talent als Schauspieler und die etablierte, weil funktionelle Rolle als "harter Kerl mit weichem Kern" genügen durchaus, damit man als Zuschauer Spaß im Kino haben kann. Allerdings zeigt schon Diesels doch sehr simpel gestrickte Rolle auf, was das große Problem an The Last Witch Hunter ist: Man hat es sich viel zu einfach gemacht. Ein cooler Hauptcharakter, eine paar nette Spezialeffekte, das zunächst skeptische, später aber vom Gegenteil überzeugte Mädel, die obligatorische Action-Szene, die die Story zum vorhersehbaren Ende bringt - das war's.


Wenig kreativ, wenig spannend



Besonders dick kann das Drehbuch jedenfalls nicht gewesen sein, denn die sowieso schon wenig anspruchsvolle Rahmenhandlung wartet nicht gerade mit überraschenden Wendungen auf. Im ewig andauernden Krieg gegen die mordenden Hexen schaffen es Kaulder und seine Jägertruppe, die Hexenkönigin zu finden und zu töten - doch kurz vor ihrem Ende schafft es die Hexe noch, Kaulder mit dem Fluch des ewigen Lebens zu belegen. Über Jahre, Jahrzehnte und schließlich Jahrhunderte lebt er fortan sein Leben, kämpft als der letzte Jäger seiner Art gegen die wenigen übrigen Hexen, die ihre Existenz der schwarzen Magie widmen, und gewöhnt sich schließlich an den Alltag eines Hexenjägers im 21. Jahrhundert: immer eine gutaussehende Dame im Bett, den edlen Tropfen im Weinregal und den Bentley vor der Tür.

Mit dem Mord an seinem Berater und guten Freund Michael Caine, der sich wie üblich selbst spielt, gerät Kaulders Weltbild jedoch durcheinander. Zeit also, die Waffen zu schärfen, die Fäuste zu ballen und der offensichtlichen Verschwörung auf den Grund zu gehen. Und natürlich steht ihm mit "You know nothing, Jon Snow" Rose Leslie eine gute Hexe zur Seite - ganz so, wie es das Klischee eben verlangt. Kreativ ist all das ebenso wenig wie, dass es spannend ist.


You know nothing, Vin Diesel



Was über The Last Witch Hunter schwebt, sind neben der omnipräsenten Oberflächlichkeit in seiner Geschichte vor allem auch Schatten anderer Filme und Serien. Während Vin Diesel in seiner Rolle wie gewohnt auf solidem Niveau überzeugen kann, fühlt es sich anderweitig an, als habe man nicht Rose Leslie, sondern "Game of Thrones"-Wildling Ygritte gecastet. Das Gleiche gilt auch für Elijah Wood, dessen naivlicher Charakter frappierend an Frodo aus Herr der Ringe erinnert. Dass Michael Caine sich selbst spielt, ist ohnehin keine Überraschung mehr, passt aber umso mehr in das Bild eines Films, an dessen Charaktere man sich schon wenige Stunden nach dem Anschauen kaum noch erinnert. Keineswegs liefern die Schauspieler eine schlechte Leistung ab! Die Charaktere sind allerdings derart flach, dass man gar nicht anders kann, als in ihnen nur die Namen zu sehen, die dahinter stehen. Es hätte mich nicht überrascht, wenn Ygrit-, sorry, die gute Hexe Chloe mit "You know nothing, Kaulder" angekommen wäre. Vergeblich wartet man auf einen Twist oder eine interessante Figur.




Schade außerdem: Vom erwarteten Action-Spektakel bietet The Last Witch Hunter nur das Nötigste. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch, dass es im ganzen Film gerade mal eine Handvoll Hexen zu sehen gibt - und das, obwohl doch selbst in der Produktbeschreibung von einer sich bedrohlich vermehrenden Hexenarmee gesprochen wird. Demzufolge wird das Schwert nur selten geschwungen, vorzugsweise natürlich gegen Ende des Films in der obligatorischen Abschlussschlacht. Dafür braucht es auch keine Spoilertags, da das schon ziemlich früh offensichtlich wird. Spätestens beim ersten Blick in Kaulders Waffenschrank sollte jedem noch so unkonzentrierten Zuschauer klar sein, dass das Ding nicht nur zur Dekoration herumsteht. Und hey - die Wetterrunen wird Kaulder bestimmt nicht grundlos eingesammelt haben.
Tim

Fazit von Tim:

Und was ist, wenn ich das Hirn ausschalte? Das klingt nun alles unheimlich negativ. Tatsächlich ist The Last Witch Hunter dennoch kein schlechter Film. Vielmehr ist er einer dieser Sorte, die man sich "halt mal anschauen kann", wenn eben gerade nichts Besseres läuft oder man einfach nur Lust hat, sich ganz primitiv berieseln zu lassen. Da ist absolut nichts Schlimmes dran - ich lehne mich selbst gerne auf der Couch zurück und schaue mir einfach mal für zwei Stunden stumpfes, unkompliziertes Konsumkino an. Für meinen Geschmack ist The Last Witch Hunter aber zu unspektakulär, als dass er seine Einfachheit irgendwie kaschieren könnte - und spätestens dann wird es öde.

Wir danken Concorde Filmverleih für die Einladung zur Film-Pressevorführung.


The Last Witch HunterFilmkritikFilm-Review
  • The Last Witch Hunter
  • Regie:Breck Eisner
  • Schauspieler:Vin Diesel, Rose Leslie, Julie Engelbrecht ...
  • Genre:Action, Fantasy
  • Kinostart:22. Oktober 2015

Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: HerrBeutel ... und 4 Gästen.
  • derKoelle
    #1 | 27. Oktober 2015 um 16:35 Uhr
    Ich seh das ganz ähnlich, vielleicht nicht ganz so kritisch  

    Es gab schon Twists, allerdings waren die recht vorhersehbar. Alles in allem war das ein netter Film, den man sich mal anschauen kann, aber eben nicht mehr als einmal.

    Unterhaltsam war er, und die "ganz netten" Effekte fand ich eigentlich schon ziemlich nett. Zumindest von der Qualität her.

    Mein Lacher des Films: als sie das Foto machen will, das fand ich ganz lustig
    Mein Highlight: Der Wächter
    Mein Facepalm des Films: das Ende mit dem Plottwist und der "überraschenden" Wendung (will ja nu nich zu viel spoilern hier)
  • Darius
    #2 | 27. Oktober 2015 um 17:50 Uhr
    Schade :|

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