Von Arkanoid bis Zork: Die 11. Lange Nacht der Computerspiele 5

Nein: Die 11. Lange Nacht der Computerspiele bestand nicht nur aus Retro und der Erinnerung an Hard- und Software aus längst vergangenen Tagen. Im Lipsiusbau der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig wurden auch E-Sports-Turniere im StarCraft-Universum ausgefochten, an der Roboter-KI für ein Fußballturnier gefeilt und Bahn-Rekorde mit Mario Kart 8 aufgestellt. Zunächst fand traditionell der Informationstag der Hochschule statt, im Anschluss daran zockten die Besucher bis tief in die Nacht an Konsolensystemen und Heimcomputern aus den vergangenen fünf Jahrzehnten.

Was mir besonders ins Auge gefallen ist: Früher hatten die Spiele in jedem Fall eine viel opulentere Verpackung und auch der Inhalt beschränkte sich nicht (wie es heutzutage üblich ist) auf einen Waschzettel (wenn überhaupt) und das Spielmodul bzw. eine CD. Was heute nur noch als Special- oder Collector's Edition in einer vergleichbaren Ausstattung für ein Vielfaches des normalen Preises über die Ladentheke geht, war früher Standard. In zahlreichen Vitrinen wurden in Leipzig die schönsten Exemplare von einst ausgestellt, seien es nun die klassischen Adventure-Spiele von Sierra-Online, deren Hüllen vor allem bis in die frühen 1990er-Jahre sehr schön gestaltet waren, oder aber die Klassiker aus der Textadventure-Schmiede Infocom. Vor allem letztere stattete ihre Spiele mit so genannten "Feelies" aus, also Karten, Handbüchern, Aufklebern und vieles mehr.


Die Spielepackungen sahen früher einfach besser aus und hatten vor allem mehr Inhalt.


Manche Konsole ist zu Recht auf dem Hardware-Friedhof der Geschichte verschwunden



Doch neben den vielen Exponaten hinter Glas standen vor allem die Spiele und das tatsächliche Ausprobieren im Vordergrund. Hatte ich doch seit vielen Jahren keinen Joystick à la Competition Pro oder Quickshot mehr in die Hand genommen. Die Wahl zwischen diesen beiden Fabrikaten war übrigens damals genauso eine Glaubensfrage, wie es heute die Entscheidung zwischen Windows und Mac ist. Dass sich die Hubschrauber-Ballerei Silkworm auf dem Amiga immer noch ausgezeichnet spielen lässt und vor allem im Koop-Modus ein Kracher ist, hatte ich so nicht erwartet. Im Falle eines Turrican II hatte ich dies zumindest gehofft und wurde diesbezüglich nicht enttäuscht. Im Gespräch mit den "wahren" Retrofreaks habe ich auch gelernt, dass für meine Originalverpackungen beider Action-Titel von Kultprogrammierer Manfred Trenz ein sehr ordentlicher Preis abgefragt wird. Gut, dass ich damals die Posterbeilagen nicht weggeworfen habe.

Obwohl ein funktionierender Amiga oder Commodore 64 in mir ein nostalgisches Gefühl an die eigene Kindheit und Jugend hervorbrachte, waren es vor allem die Begegnungen mit weniger bekannten oder auch verbreiteten Systemen, die mein Interesse weckten. Der Atari Jaguar, ab 1993 im Markt, hat sich zu Recht nur in einer Stückzahl von 250.000 Exemplaren verkauft. Das klobige Joypad ist ein katastrophaler Design-Fail und das von mir angespielte Atari Kart nicht nur eine Frechheit Nintendo gegenüber, sondern schlichtweg lachhaft (damals wie heute). Auch das 3DO von Goldstar, ebenfalls ab 1993 im Verkauf und immerhin 1,5 Millionen Mal abgesetzt, ist eine Hardware, die der Durchschnittsspieler nur selten zu Gesicht bekommt. Überrascht hat mich, dass das Vectrex-System, auf dem ich selbst Anfang der 1980er-Jahre gedaddelt habe, sehr gut gealtert ist. Ein Analogstick und vier Feuerknöpfe reichten vollkommen aus, um den Spielspaß auf ein Neues zu entfachen. Um Farben und Details zu erzeugen, musste damals eine spezielle Overlay-Folie über den Bildschirm des Vectrex gelegt werden. Für alle Nostalgiker: Die überschaubare Bibliothek dieses Nischen-Produkts mit 25 verfügbaren Spielen ist vor einigen Jahren für das iPad neu aufgelegt worden.


Silkworm und Turrican sind immer noch ein Brett und dann gab es da auch noch das Treffen der Generationen.


VR oder ein Blick in die Gegenwart



Neben den alten Spielen gab es mit der HTC Vive aber auch aktuelle Technik zu bestaunen. Dass die neuen VR-Brillen eine Chance darstellen, das Prinzip der Spielhalle oder Arcade wiederzubeleben, haben in den vergangenen Monaten einige Gründer in ganz Deutschland zum Anlass genommen, mit einem solchen Konzept an den Start zu gehen (so auch in Leipzig). Angesichts von (noch) hohen Anschaffungskosten für die Hardware und dem benötigten Platzbedarf halte ich die VR-Technik geradezu prädestiniert hierfür. Ich habe in den vergangenen Monaten nicht nur die HTC Vive bereits mehrfach ausprobieren dürfen, sondern mit Oculus Rift, PlayStation VR und Samsung Gear VR auch konkurrierende Systeme hautnah erlebt. Ich persönlich halte die HTC Vive und dessen Room-Tracking-System aber für das aktuell beste und auch beeindruckendste System am Markt, das sich perfekt für eine Arcade anbietet. Da ich bislang immer mit einem dicken Kabelbaum hantieren musste, der an der Brille befestigt ist, war ich umso erstaunter, eine von XMG entwickelte Rucksack-Einheit (Kosten: aktuell rund 1500 Euro) im Live-Betrieb zu sehen. Sie ermöglicht nun ein viel freieres Spielen im virtuellen Raum. Das in Leipzig gezeigte Space Pirate Trainer macht übrigens richtig Laune. Wer die Chance hat, eine Arcade zu besuchen oder die Brille möglicherweise zu Hause hat, sollte es in jedem Fall ausprobieren. Spielspaß garantiert!


Die Lange Nacht der Computerspiele



Mit der Langen Nacht der Computerspiele stellt die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig mittlerweile zum elften Mal ihre Studiengänge vor und schafft darüber hinaus auch eine Plattform für das Medium Computer- und Videospiel in seiner ganzen historischen Bandbreite. In diesem Sinne luden mehr als 100 nostalgische Konsolen und Heimcomputer aus den vergangenen fünf Jahrzehnten zum Spielen ein. Dies waren unter anderem: Atari 2600, Atari Jaguar, Super Nintendo, NES, Sega Mega Drive, Sega Master System, Amiga, Apple II, Atari 800 XL, Commodore 64, VC 20, ZX Spectrum und viele weitere. Auch Multiplayer existierte bereits in der Zeit vor dem Internet: An vier miteinander vernetzten Atari-ST-Rechnern konnte in "Midi-Maze", einem der ersten Netzwerkspiele aus den Achtzigerjahren, gegeneinander angetreten werden.

Neben den Videospielern fanden sich auch die Sammelkarten- & Brettspieler in der Mensa wieder und die Roboter-Fußballer traten mit ihren Hightech-Maschinen im Obergeschoss an. Wer selbst mal an einer Platine löten wollte, konnte dies in einem Hardware-Workshop tun. Neben der Vitrinenausstellung von Sammlern aus der Szene, stand im MS-DOS-Raum die DOStalgie im Mittelpunkt. Ein Vortragsprogramm, Chiptunes und Filme mit Videospielbezug (Ralph reicht's) rundeten das Programm ab.




Die Spielenacht verbindet Elemente eines Retro-Treffens, einer LAN-Party, eines Studenten-Camps, eines Brettspiele-Abends und einer Tagung zu einem Ganzen. Entstanden ist sie 2007 aus einer Vorlesungsreihe von Professor Dr. Klaus Bastian an der HTWK Leipzig. Gemeinsam mit René Meyer von der Schreibfabrik gab es insgesamt zehn Computerspielenächte.

2017 hat Klaus Bastian das Team der Computerspielenacht um Mitstreiter aus den Fakultäten Informatik, Mathematik, Naturwissenschaften (IMN) und Medien der HTWK Leipzig erweitert. René Meyer unterstützt die Lange Nacht der Computerspiele weiterhin als Berater.

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Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Kithaitaa, Tim, HerrBeutel, ... und 2 Gästen.
  • Kithaitaa
    #1 | 3. Mai 2017 um 23:41 Uhr
    Hachja, die Spielepackungen von damals. Sicherlich mit viel mehr Liebe und Inhalt gemacht, als die heutigen Plastikteile, sehe aber auch an mir selbst, dass selbst das Interesse an Collector's Editions stark nachgelassen hat - auf Dauer wird das alles nicht nur zum Platzproblem, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt stellt sich halt auch die Frage nach dem "warum, wozu"? Da ist aber wohl jeder anders. =D

    Cool auf jeden Fall, dass die "Spielenacht" mittlerweile in die 11. Runde ging.
  • Jari
    #2 | 4. Mai 2017 um 12:30 Uhr
    Neben der Spielenacht habe ich mir in Leipzig auch noch das Panometer angesehen, in dem großflächige 360 Grad-Panoramen in einem alten Gasometer gezeigt werden. In diesem Fall war es das Wrack der Titanic, unterlegt mit der Original-Musik aus dem Film; und der kam ja auch schon vor 20 (!!) Jahren in die Kinos. Irgendwie auch ein bisschen Retro.

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