Eine Stadt mit tausend Planeten und ähnlich vielen Problemen 4

Luc Besson dürfte jedem, der in seinem Leben mehr als fünf Filme geschaut hat, ein Begriff sein. Der umtriebige Franzose hat zwar selbst als Regisseur eine überschaubare Filmografie, doch gerade als Produzent zahlreicher Actionfilme hat er sich nicht nur unter Fans einen Namen gemacht. Drei Jahre nach seinem letzten eigenen Film Lucy erfüllt er sich mit der Comic-Verfilmung Valerian: Die Stadt der Tausend Planeten, basierend auf dem gleichnamigen Comic Valérian et Laureline, einen Kindheitstraum. Leider ist das Ergebnis nicht selten überambitioniert.


Vom Comic in die Köpfe Hollywoods auf die große Leinwand



Als am 9. November 1967 Jean-Claude Mézières (Zeichnungen) und Pierre Christin (Texte) den ersten "Valérian et Laureline" Comic (Valerian und Veronique) veröffentlichten, hätte niemand erahnen können, wie dieser das Kino nachhaltig prägen wird - wenn auch auf sehr passive Weise. Denn obwohl die Comicreihe bisher nie auf die große Leinwand kam, bedienten sich zahlreiche wegweisende Genre-Filme am Artdesign und der Welt der beiden Franzosen. Den wohl größten Einfluss hatte das Werk auf das gesamte Star-Wars-Universum, das sich doch sehr offensichtlich am Comic orientiert: Egal ob das Design des Millenium-Falken, die berühmte Cantina Bar oder legendäre Kreaturen wie Chewbacca: George Lucas fand in den Comics wohl eine starke Inspirationsquelle, die bis heute Gegenstand von kleineren und größeren Copycat-Streitereien ist. Näheres zum erwähnten Einfluss auf diverse Filme im Allgemeinen und Stars Wars im Speziellen hat übrigens Kollege Marco "Nerdkultur" Risch hier in einem informativen Video zusammengetragen.

Doch auch Luc Besson selbst hat sich schon einmal an das Material gewagt: Mit seinem bis heute bahnbrechenden Das Fünfte Element rezitiert er die Welt von Valerian ein ums andere Mal. In diesem Fall ist das aber gewollt, arbeiteten doch Jean-Claude Mézières und Jean Giraud (ebenfalls einer der bedeutendsten Comiczeichner Frankreichs) am gesamten Look des Films und prägten diesen nachhaltig mit ihren Einflüssen. Wer den Valerian-Comic kennt, wird viele Panels, zum Beispiel die berühmte Taxi-Jagd durch das futuristische New York, wiedererkennen. Selbst während der Produktion des Films wurde Besson mehrfach gefragt, warum er nicht direkt eine Comic-Adaption und stattdessen lieber diesen Film machen würde. Sein Argument: Die Technik sei noch nicht so weit. Jetzt, nach der Sichtung von Valerian, bleibt festzuhalten: Gute Technik macht eben nicht auch automatisch einen erinnerungswürdigen Film.


Ein Genuss für Augen und Ohren



Dass Besson detailversessen ist, merkt man seinen eigenen Filmen im Laufe der Jahre mehr als einmal an. Schon in Das Fünfte Element strotzten die Bilder und Kreaturen vor Liebe zum Detail; in jeder Ecke der Leinwand gab es etwas zu entdecken, jede Spezies - und sei ihr Auftritt noch so klein - war extrem aufwendig gestaltet. Diese Versessenheit auf Details ist auch in Valerian wiederzufinden. Über 200 verschiedene Spezies gibt es im Film. Besson schreib eigenen Angaben zufolge ein 600-seitiges Manifest, das jede dieser Spezies genauestens beschrieb. Um die "Stadt der tausend Planeten" einzufangen, liefert Besson ein Effekt-Feuerwerk, das ein ums andere Mal ins Staunen versetzt und liefert gleichzeitig gigantische Bilder, die förmlich danach schreien, auf Leinwand gedruckt und an die Wand gehängt zu werden. Ja, Valerian ist ein Herzensprojekt von Besson und das merkt man. Auch wenn einige Setpieces (gewollt) künstlich aussehen, so unterstreichen sie doch den fantastischen Sci-Fi-Aspekt der Vorlage mitsamt der Vielfältigkeit seines Universums.

Dazu gibt es zu Beginn des Films in einer sehr charmanten "Wie-kam-es-dazu"-Sequenz mit David Bowie und seiner "Space Oddity" auch akustisch geiles Zeug auf die Ohren, bevor der Film sich langsam, aber sicher in epische, Space-Opera-würdige Gefilde steigert. Auch hier überlässt Besson nichts dem Zufall und hat mit Alexandre Desplat einen fähigen Mann für den Hörer-Genuss engagiert. Technisch kann man Valerian also keinerlei Vorwurf machen - hier trifft ein visueller Perfektionist auf akustische Perfektion, beides fügt sich optimal zusammen und die knapp 200 Mio. Dollar Budget tropfen mehr als offensichtlich aus jeder Pore der Leinwand. Sogar das 3D bietet einen guten Mehrwert: Es verleiht der gesamten Raumstation Alpha eine extreme Tiefe und skaliert diesen "Planeten" in gigantische Dimensionen.


Augen und Ohren werden auf höchstem Niveau penetriert. (Bild: Universum Film)


Eine inhaltliches Desaster



Die cineastische Liste an gescheiterten Space-Operas ist lang. Egal ob jüngst John Carter oder Jupiter Ascending - schon oft übernahmen sich namhafte Studios und Regisseure an ambitionierten Sci-Fi-Projekten und fuhren die Filme an die Wand. Obwohl ich all den genannten Filmen recht positiv gegenüber stehe und durchaus meinen Spaß damit habe (die Öhrchen von Channing Tatum in Jupiter Ascending sind halt einfach putzig), so leid tut es mir, zu sagen, dass man Valerian wohl bald in einer Reihe mit diesen Werken nennen wird - auch wenn der Film mehr Qualität besitzt. Denn abseits der technischen Seite ist der Film inhaltlich eine Bruchlandung. Ich bin kein großer Kenner des Comics, aber scheinbar basiert der Film zu großen Teilen auf dem sechsten Band der Reihe. Entsprechend geht auch der Film zu Werke: Eine große Einführung der Hauptfiguren bekommt man nicht, auch alle anderen Wesen und Personen, die man trifft, "sind halt da". Ich fühlte mich in ein Meer an Informationen geworfen, das nicht aufhörte, auf mich einzuprügeln. Es gibt eine Szene im Film, die man auch in den Trailer bereits sieht: In dieser rennt unser Titelheld Valerian mit seinem Anzug durch die Mauern der Alpha-Raumstation und rennt binnen kürzester Zeit durch zig Räume und eigene, kleine Welten, ohne sich damit zu beschäftigen, bis er am Ende wieder im Weltraum landet.

So ähnlich beschreibt sich auch meine Erfahrung mit dem Film: Er rennt von Setpiece zu Setpiece, erklärt kaum etwas und torpediert mich im Sekundentakt ohne große Pause mit visueller Brillanz, vergisst dabei aber, auch mal einen Moment für seine Figuren zu opfern - oder für die Geschichte. Diese besteht nämlich im Endeffekt nur daraus, dass die Titelhelden von A nach B rennen, getrennt werden, sich suchen und wieder von A nach B rennen. Dazwischen gibt es irgendwas mit Aliens, einem Planeten, Murmeln und Replikatoren, die aber alle nur selten über den Status des MacGuffin hinaus kommen. Achja, und Rihanna. Warum und wofür? Das erklärt der Film in den letzten Minuten seines knapp 140-minütigen Ritts, als es mich schon fast gar nicht mehr interessiert hat, was auch daran liegt, dass keine der Figuren auf dem Schirm so etwas wie Sympathien geweckt hat oder über ihre Schablonenhaftigkeit hinauskommt. Es passiert einfach alles. Irgendwie. Irgendwo.


"Was passiert hi.... OH SCHAU MAL!" (Bild: Universum Film)


Cara Delevercastetdieeigentlich?



Man könnte nun sagen, dass auch Das Fünfte Element eindimensionale Figuren hatte, was auch stimmt. Dennoch hatten sie etwas, das keine der Figuren in Valerian hat: Charakter. Ja, Tuckers Ruby Rhod war ein nerviger, überzeichneter Hampelmann, aber er war verankert in dieser Welt. Auch der besonnene Priester von Iam Holm oder Gary Oldmans Zorg hatten trotz aller Klischees erinnerungswürdigen Charakter. Über Bruce und Korben Dallas muss ich wohl wenig sagen. Man erinnert sich auch noch 20 Jahre nach Veröffentlichung des Films an sie. Bereits kurz nach Verlassen des Kinos vergaß ich allerdings schon fast alle Figuren, die mir Valerian um die Ohren schlug. Lediglich ein fantastischer Ethan Hawke blieb mit seiner grandiosen Rolle als "Jolly the Pimp" im Kopf.

Negativ in Erinnnerung bleiben mir dafür die beiden Stars des Films: Dane DeHaan und Model Cara Delevingne. Ich mag Dane DeHaan. Ich empfand seine Goblin-Performance in The Amazing Spider-Man als gut und gerade im hoffnungslos unterschätzten A Cure for Wellness gab er eine astreine Performance als verstörter, gepeinigter Gefangener in einem bizarren Wellness-Club. Aber hier ist er ungefähr so sympathisch wie ein Hagelkorn, das Autodächer zerbeult. In der Vorlage ist Valerian ein Aufreißer, Frauenheld, verwegener Abenteurer, Tausendsassa - im Film ist er eher gelangweilt und genervt. Dauerhaft. Ich nahm ihm die Rolle des Space-Helden einfach zu keiner Sekunde ab. Selbiges gilt für seine Leinwandkollegin Cara Delevingne. Eigentlich ein Model, schafft sie es, ständig für große Blockbuster gecastet zu werden. Dabei war sie in Pan schon "meh" und in Suicide Squad eine mittelgroße Katastrophe - was aber fairerweise nicht ausschließlich an ihr lag. Nun hat Besson durchaus ein Händchen, Models zu einer großen Filmkarriere zu verhelfen, wie man an Milla Jovovich sieht. Doch wer auch immer auf die Idee kommt, Cara zu casten: Lasst es. Bitte!

So hübsch und prägnant Cara auch anzusehen ist: Ihre Ausstrahlung kommt nie über die eines kaputten Kühlschranks hinaus. Sie hat keinerlei Chemie mit DeHaan, die gesamte Romanze im Film ist zum Fremdschämen und ihre Performance grenzt gerne mal an Arbeitsverweigerung, weil die Variationen ihres Gesichtsausdrucks eigentlich kaum vorhanden ist. Zwar war Leeloo in Das Fünfte Element auch merklich talentfrei, doch passte es zur Figur. Dafür, dass Valerian und Laurelie ein eingespieltes Duo sind, die in einer speziellen Space-Einheit die Galaxis retten, wirkt sie einfach fehl am Platz. Als wäre sie mit DeHaan zufällig auf das Set gestolpert und beide müssten jetzt eben ihre Gesichter in die Kamera halten. Selbiges gilt für einen Großteil des weiteren Casts: Clive Owen? Kris Wu? Sam Spruell? Alle sind stets so schlecht gelaunt, dass ich mich frage, ob die Vorlage auch so pessimistisch mit seinen Figuren einhergeht.

Das passt leider nur selten tonal zum Film, der immer zwischen locker-flockig und bierernst umherpendelt, ohne einen richtigen Flow entwickeln zu können. Im einen Moment hat man drei Schnabelenten-Tierchen, die durchaus für Lacher sorgen, bevor Clive Owen in irgendwelche Räume stürmt, etwas zum Plot beisteuert und mies gelaunt wieder wegrennt, während irgendwo anders ein Bildschirm mit "DANGER" aufblinkt und alle panisch in die Kamera starren.


Chemie herrscht zwischen den Helden selten bis gar nicht. (Bild: Universum Film)


Hirn aus und Spaß haben? Kann man machen.



Jetzt ist das natürlich auch viel persönliche Auffassung. Ob man mit der Besetzung der Hauptfiguren etwas anfangen kann oder nicht, das muss jeder selbst entscheiden. Für manche mag die Chemie stimmen und der Spaß am Ende überwiegen. Das ist auch vollkommen OK, denn bei aller Kritik, die Valerian verdient hat, so kann man Luc Besson eines nicht vorwerfen: dass er es nicht versucht hat. Es ist ein riskantes Projekt, gerade für Nicht-Kenner der Vorlage, und Besson wagt den Versuch. Seinen Weg und die Art, wie er seine Geschichte erzählen mag, zieht er bis zum bitteren Ende durch. Versuchen einige Regisseure, am Ende durch Schnitt und Post-Production noch irgendwas zu retten, geht Besson "Full Bonkers".

Wer sich also von Beginn an auf diesen extrem oberflächlichen, aber audiovisuell hübschen Ritt einlassen kann und will, der wird am Ende einen zumindest unterhaltsamen Sommer-Blockbuster serviert bekommen, der im Gegensatz zu vielen anderen mittelprächtigen Blockbustern dieses Jahr nicht nur auf puren Cash-Grab aus ist, sondern dem man anmerkt, dass hier mit Herz und Seele gearbeitet wurde - auch wenn das Resultat leider ein überambitioniertes Wrack ist, das am Ende immer wieder zum Vergleich mit Bessons Meisterwerk Das Fünfte Element herangezogen und den Vergleich dabei immer verlieren wird.



HerrBeutel

Fazit von HerrBeutel:

1997 erschien mit Das Fünfte Element eine nahezu perfekte - und selbst heute noch gut gealterte - Space-Opera unter der Regie von Luc Besson, die eine bekannte Geschichte mit tollen Figuren und einem spannenden Universum erzählte, sich aber auf Grund technischer Limitationen viel auf die Figuren und den Humor verlassen musste. Valerian versucht das Gleiche, hat allerdings kaum noch technische Limitierungen, weshalb Besson sich bunt und wild ausleben kann - was leider auf Kosten der Figuren geht. Dane DeHaan und Cara Delevingne haben keinerlei Chemie oder Ausstrahlung in ihren Rollen und stören eigentlich in jeder Leinwandsekunde die wunderschöne Szenerie.

Wer sich mit oberflächlichen Charakteren und einer quasi kaum vorhandenen Story arrangieren kann, bekommt einen innovativen, kunterbunten Trip durch ferne Galaxien mit fantastischen Sets, aufwändigen Kostümen und so viel Liebe zum Detail, dass die Leinwand daran zu ersticken droht. Trotz aller Kritik kann ich eine gewisse faszinierende Anziehungskraft für diesen Film nicht leugnen und eine Zweitsichtung steht definitiv im Raum - und sei es alleine für das liebevolle Drumherum. Wer wie ich am Ende trotzdem eher ernüchtert vom überambitionierten Projekt ist, der hat zumindest das Wissen, dass Besson es vor 20 Jahren schon mal besser geschafft hat, eine tolle Space-Opera zu erzählen. Ich gehe mir jetzt auf jeden Fall wieder mal Korban Dallas anschauen. Grün? Grün!

Wir danken Universum Film für die Einladung zur Film-Pressevorführung.


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Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Tim, ... und 3 Gästen.
  • Kithaitaa
    #1 | 15. Juli 2017 um 22:47 Uhr
    Schade. Einer der Trailer hat durchaus mein Interesse geweckt, auch wenn schon da die Hauptcharaktere äußerst komisch bis deplatziert gewirkt haben. Vielleicht dann mal via ZDF-Montagskino, hehe. Praktischerweise kommt am 10. August "Das fünfte Element" wieder zurück in die Kinos. [ externer Link ] Multipass. Multipass? Multipass!

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