Wenn die Stille zum einzigen Freund wird 2

Filme sind heute meist ein Spiegelbild modernen Lebens: Sie sind laut, hektisch und unter der schillernden Oberfläche versteckt sich meist nur inhaltliche Leere ohne tiefgreifende Substanz. Da ist es angenehm, wenn ein Film - zumindest auf dem Papier - andere Wege beschreitet und fast auf komplette Stille setzt. Wenn er dann noch ein Horror-Film ist und im festgefahrenen Genre endlich neue, spannende Ideen mit sich bringt, dann kann man sich schon mal freudig in den Sessel fallen lassen. Ob A Quiet Place seine Prämisse über die gesamte Laufzeit aufrecht halten kann, das verrate ich euch in der Filmkritik. Also Ruhe bitte!

Chantal, heul leise!



Bevor ich mich zum Film äußere, möchte ich einen kleinen Rat geben: Schaut keine Trailer zum Film! Der erste Trailer, der nur andeutete, um was es sich handeln könnte, ist in Ordnung - alle weiteren Trailer danach spoilern (mal wieder) große Teile der Handlung, weshalb sie absolut zu vermeiden sind. Denn: Je weniger man über die Bedrohung und die Geschehnisse in A Quiet Place weiß, desto besser. Entsprechend werde ich auch nur wenige Infos zum Inhalt preisgeben. Nur so viel: Die Geschichte spielt in einer Dystopie, die sich komplett auf das Leben der Familie Abbott konzentriert und darauf, wie sie mit der neuen Situation umgeht. Die "Situation", das ist eine Gefahr, die verlangt, dass die Menschheit - oder das, was davon übrig ist - sich absolut still verhält: Jedes laute Geräusch, jeder für uns normale Alltagsgegenstand, jedes Husten kann und wird den unmittelbaren Tod mit sich bringen.

Man kann sich den Film ein wenig wie Don't Breathe vorstellen, das Konzept nur flächendeckend ausgeweitet und die Gefahr kommt nicht von einem alten, blinden Mann, sondern von etwas ... anderem. Das ist auch mit der größte Reiz von A Quiet Place: Der Film spielt über weite Strecken in absoluter Stille und wird nur von einem spärlichen, aber meist passenden Soundtrack untermalt, wenn es die Situation erfordert. Auch die Kommunikation im Film selbst erfolgt über Gestensprache. Wenn Evelyn Abbott (hervorragend: Emily Blunt) ihre Kinder erzieht, geschieht dies in absoluter Stille. Lerninhalte werden via Gesten vermittelt und gegessen wird nicht mit Löffel und Gabel, sondern mit geräuschdämmenden und zweckentfremdeten Utensilien. Auch bei Spielen wie Monopoly wird mit wenig Geräuschen und entsprechenden Stoff-Figuren gespielt. Man versucht einfach, ein normales Leben zu führen; nur eben deutlich leiser, als man das gewohnt ist.


Die wichtigste Regel des Überlebens: Ruhe! (Bild: Paramount)


Unkonventionelle Idee trifft auf Genre-Standards



Das größte Plus des Films ist eindeutig die Idee: Ein Film, der zu großen Teilen in absoluter Stille spielt, ist ein extrem gewagtes Unterfangen - vor allem als krasser Gegenentwurf zum aktuellen Blockbuster-Höher-Schneller-Weiter-Trend. Und für einen Horrorfilm, der natürlich die Masse ansprechen soll, fährt der Film gerade zu Beginn erstaunlich konsequent mit seiner Linie: Der Score ist quasi gar nicht vorhanden und die einzigen Geräusche sind natürlichen Ursprungs auf der Leinwand. Die Atmosphäre ist ab der ersten Minute immens dicht und auch wenn es befremdlich wirkt, dass es (gefühlt) eine gute Weile dauert, bis das erste längere Musikstück seinen Weg in den Film findet, hilft es ungemein, ein Gefühl für diese Dystopie und die Familie zu bekommen, die man die nächsten knapp 90 Minuten begleiten wird.

Leider hält der Film die konsequente Einleitung nicht permanent durch und irgendwann kommt der Punkt, an dem A Quiet Place immer öfter den eigentlich sehr unkonventionellen und erfrischenden Pfad verlässt und auftretende Situationen für Musik und Jumpscares nutzt, womit A Quiet Place dann plötzlich trotz der frischen Idee alte Tricks aus der Mottenkiste auffährt. Je mehr der Film sich dann dem Ende nähert, desto konventioneller und austauschbarer wird die Regiearbeit von John Krasinski, der neben seiner Arbeit hinter der Kamera auch als Vater Lee Abbott vor der Kamera seinen Teil beiträgt. Ihm kann ich aber, zumindest für die Arbeit vor der Kamera, nur ein Lob aussprechen. Auch der restliche Cast leistet richtig, richtig gute Arbeit und obwohl der Film gegen Ende seiner Prämisse überhaupt nicht mehr gerecht wird, so bleibt die Schauspielleistung aller Beteiligten dennoch immer auf hohem Niveau. Es freut mich vor allem, dass speziell die Kids durchweg überzeugen, speziell Millicent Simmonds als taube Tochter Regan. Dass sie auch in ihrem echten Leben taub ist, hilft immens, ihre Reaktionen auf die Stille der Umwelt einzufangen, und auch viele Szenen, die aus ihrer Perspektive erzählt werden, nutzen ihre Taubheit, um den Kontrast zum aufkommenden (lauten) Chaos zu bilden.

Richtig begeistert hat mich, wie fast immer, Emily Blunt. Einige der packendsten Szenen und fast alle Höhepunkte des Films gehen auf ihr Konto. Der Spagat zwischen vorgespielter Normalität, allgegenwärtiger Gefahr und besorgter Mutter gelingt ihr spielend und sie dient als stetiger Anker und Bezugspunkt zur Familie, die sich, mal von einigen nötigen Plot-Entwicklungen abgesehen, für das Genre erstaunlich smart verhält und meistens nachvollziehbare Entscheidungen trifft.


Die Darsteller leisten gute Arbeit. Emily Blunt und Millicent Simmonds stechen aber heraus. (Bild: Paramount)


Der Hype tötet einen guten Horror-Film



Das größte Problem neben dem finalen Akt ist der Hype, den A Quiet Place erfährt. Das Marketing schreckt nicht davor zurück, ihn - na klar - als einen der krassesten Horror-Filme überhaupt zu vermarkten. Dabei ist der Film über weite Strecken kein Horror, sondern eher ein Psycho-Thriller mit dramatischen Elementen. Die Gefahr selbst ist eigentlich recht egal; der Fokus liegt auf der Familie Abbott und darauf, wie sie mit der Situation allgemein umgeht. Das alles wird von den üblichen Jumpscares untermauert, die bei fortschreitendem Film stets egaler und ineffizienter werden. Auch nimmt der Film sich selbst unnötig die Spannung weg, indem er die Stille mit Dialogen und einem zunehmend lauteren Score unterbricht, was das tolle Konzept über den Haufen wirft.

Bryan Woods und Scott Beck, die das ursprüngliche Drehbuch geschrieben hatten, hatten in ihrem Entwurf nur eine einzige Zeile an Dialog. Auch wenn A Quiet Place ein guter Film geworden ist, so hätte es der finalen Kinoversion vermutlich besser getan, wirklich nur eine Dialogzeile im Film unterzubringen und sich mehr auf die Situation selbst zu konzentrieren. So bleibt am Ende ein Film mit einer wahnsinnig guten Idee, tollen Darstellern, gelungener Kameraarbeit und einer immens packenden ersten Hälfte, welche die Zuschauer oftmals in den Sessel drückt, der aber mit fortschreitender Spieldauer zu oft auf konventionelle Horror-Elemente zurückgreift und die unangenehme Grundspannung später gegen alte Genre-Tricks aus der Hollywood-Mottenkiste tauscht, nur um sich im Finale dann voll und ganz allen Klischees und Mainstream-Konventionen hinzugeben.

Übrigens war war ich sehr froh, dass sich die Zuschauer in der Pressevorführung entsprechend zu verhalten wussten, aber ich fürchte, in einem großen Multiplex-Kino dürfte der Film gerade zu Beginn atmosphärisch (je nach Publikum) ein Rohrkrepierer werden: Bei jedem Rascheln von Popcorn und bei jedem Schlürfen des Getränks droht die Gefahr, komplett aus der Stimmung des Films gerissen zu werden. Ich hoffe für jede/n Zuschauer/in, dass sich das Publikum auf den Film einlässt - sonst geht hier eine häufig sehr gute Film-Erfahrung verloren. A Quiet Place habe ich übrigens in der OV gesehen, daher kann ich leider nicht sagen, wie gut oder schlecht die deutsche Synchro gelungen ist.



HerrBeutel

Fazit von HerrBeutel:

A Quiet Place lässt mich leider ein wenig ernüchtert zurück: Der Einstieg in den Film ist, wie die gesamte Idee, großartig und ein toller Gegenentwurf zum aktuellen Reizüberflutungs-Kino. Doch je weiter der Film voranschreitet, desto weniger traut er sich, seine Grundidee konsequent umzusetzen, sodass er sich am Ende dann überwiegend klassischer Horror-Elemente bedient - inklusive aller ausgelutschter Klischees der Hollywood-Mottenkiste. Trotzdem sollte man A Quiet Place gesehen haben, denn alleine für die darstellerischen Leistungen und die starke erste Hälfte lohnt sich der Ausflug in diese Dystopie. Ich hoffe nur, das Publikum ist in großen Cineplex-Kinos in der Lage, sich ruhig genug zu verhalten, um die angespannte Grundstimmung auch wirken zu lassen.

Wir danken Paramount Pictures für die Einladung zur Film-Pressevorführung.

  • A Quiet Place
  • Regie:John Krasinski
  • Schauspieler:John Krasinski, Emily Blunt, Noah Jupe, Millicent Simmonds, Cade Woodward
  • Genre:Horror, Thriller
  • Kinostart:12. April 2018

Kommentare


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: ATeC, ... und einem Gast.
  • Jari
    #1 | 11. April 2018 um 12:13 Uhr
    Sehr spannender Artikel, wobei auch klar sein dürfte, dass man sich diesen Film nur im (Heim-)Kino wird ansehen können. Wie formulierte es ein cinephiler Kumpel von mir: die Festung ist geschliffen. Ein Kinobesuch ohne nervende und manchmal nur schwer zu ertragende Nebengeräusche ist meiner Meinung nach kaum bis gar nicht mehr möglich. Dies musste ich schmerzlich erfahren, als ich unlängst den leider nahezu komplett vergeigten James-Bond-Klon Red Sparrow im Kino ertragen musste. Leider kam kurz vor Filmbeginn eine Gruppe von wahrscheinlich 15-jährigen Mädchen in den Kinosaal, die konsequent und nahezu durchweg LABBERN UND KICHERN mussten. Der einzige Trost war, dass die Geräuschkulisse einen ohnehin schon schlechten Film kaum schlechter machen konnte und die Genugtuung, dass sich die extrem mitteilungsbedürftige Gruppe einen ultrabrutalen Film ansehen musste.
  • HerrBeutel
    #2 | 11. April 2018 um 13:55 Uhr
    Mir bricht das Herz, wenn ich lese, wie du über RED SPARROW redest.   

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