Assassin's Creed 3 - Review

Ubisoft stand vor einer schweren Aufgabe. Drei Jahre lang hatte man mit Ezio Auditore nicht nur zu einem echten Assassinen, sondern auch zu einem Liebling der Fans heranwachsen lassen - und man hatte ein Universum in der Renaissance aufgebaut, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Wie sollte man es nun schaffen, mit Assassin's Creed III diese enorme Lücke zu füllen? Kann man überhaupt noch einmal eine so stimmige und stimmungsvolle Spielwelt mit einem so lebendigen Protagonisten entwerfen? Und selbst das wäre alleine noch nicht genug, denn nach Brotherhood und Revelations erwarten die Fans auch eine spielerische Evolution - ist das neben dem ganzen Aufwand für den neuen Schauplatz noch möglich? Ubisoft beantwortet diese Fragen mit einem Epos, das die Vorgänger in den Schatten stellt und trotz technischer Mängel beweist: Sie können es noch.

Drei Jahre lang hat Ubisoft Montreal an Assassin's Creed III gearbeitet. Drei Jahre, die auch dringend nötig waren. Denn dieses Mal standen die Entwickler vor schweren Herausforderungen: Man musste von Grund auf eine komplett neue Spielwelt entwerfen, die alles vorherige hinsichtlich Größe und Detailgrad übertrumpft. Man musste einen neuen Assassinen entwickeln und eine spannende Geschichte rund um sein Schicksal schreiben. Man musste die Rahmenhandlung um Desmond zu einem befriedigenden Ende führen. Man musste das Gameplay verbessern & erweitern, um für ein neues Spielgefühl zu sorgen. Und schließlich musste man auch mit einer neuen Engine arbeiten, die im neuen Assassin's Creed zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Nicht alles davon hat das Team geschafft. Aber es beweist mit Assassin's Creed III eindrucksvoll, dass sich das lange Warten auf Teil 3 gelohnt hat ...

Assassin's Creed 3


Willkommen in Amerika. Willkommen in der neuen Welt von Assassin's Creed!



Ubisoft überrascht bereits mit einem hervorragenden erzählerischen Einstieg nach einem tollen Intro-Video, in dem man - anders als erwartet - gar nicht in die Haut von Connor schlüpft, sondern in die von Haytham Kenway. Der Name sagt euch nichts? Verständlich, denn bisher hatte Ubisoft die Story von Assassin's Creed III gekonnt geheim gehalten. Über etwa fünf Stunden lernt man Haytham genauer kennen, bevor schließlich Connor (der übrigens eigentlich Ratohnhakéton heißt) in den Mittelpunkt tritt. Wer dieser Haytham Kenway nun ist, was er mit Connor zu tun hat und warum er so essentiell für die Story ist, das werde ich euch hier nicht verraten, aber seid versichert: Ubisoft hat eine großartige Geschichte um die beiden gesponnen, die erzählerisch mit zum Besten gehört, was Assassin's Creed bisher hervorgebracht hat. Dramaturgische Wendungen sowie der stetige Konflikt zwischen Templern und Assassinen, Siedlern und Indianern sowie Briten und Amerikanern sorgen über die gesamte Spielzeit für Spannung. Und diese Zeit ist verdammt lang: Assassin's Creed III ist ein Epos, das in sich alleine für die Mainquest fast 25 Stunden beansprucht. Man bekommt wirklich das Gefühl, hier historische Ereignisse 1:1 nachzuspielen. Wenn Ubisoft Montreal eines tadellos beherrscht, dann ist es die authentische Rekonstruktion der Vergangenheit - selbst reale Persönlichkeiten wie Charles Lee, George Washington oder Benjamin Franklin wirken unheimlich lebendig, glaubwürdig und menschlich.

Es ist ein fantastisches Universum, das Assassin's Creed III hier inszeniert. Angefangen bei den riesigen und toll nachempfundenen Städten Boston und New York bis hin zum exzellenten Nachbild der Wildnis sind alle Umgebungen weitläufig, abwechslungsreich und bis ins kleinste Detail durchdacht. Gerade das Grenzland ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch ein gigantischer Spielplatz für Jäger und Sammler. Wenn man nachts die Klippen erklettert, während einem der Regen ins Gesicht prasselt und Blitze durch die Wolken zucken, und urplötzlich von einem Puma angesprungen wird, dann sind das Momente, die so maximal noch Red Dead Redemption bietet. Das Ökosystem ist zweifellos eine der inszenatorischen Stärken dieses Abenteuers. Und Pumas sind ja nicht die einzigen Tiere, die die Wildnis durchstreifen: Wer genau hinsieht und sich nicht zu auffällig verhält, entdeckt auch Hirsche, Hasen, Dachse, Füchse, Wölfe und sogar Bären. So richtig lebendig wird das Ganze aber erst durch das Verhalten der Tiere: Man kann Hirsche beim Kampf beobachten oder Bären zum Fischen zuschauen. Nie zuvor hat Jagen in einem Spiel so viel Spaß gemacht und war so aufregend wie hier. Getrübt wird die fröhliche Jagd allerdings durch die Erkenntnis, dass man selbst quasi unbesiegbar ist und nur in ganz seltenen Fällen wirklich bedroht wird. Was sich leider durch das gesamte Spiel zieht: Man stirbt nur selten und wenn man stirbt, dann meistens durch Pech. Ein klassisches Symptom für ein neues AC.

Assassin's Creed 3


Getrieben von Moral, Verzweiflung und blinder Wut tritt Connor in Ezios Fußstapfen.



Dass Geschichte, Spielwelt und historisches Universum so gut ineinander greifen, liegt vor allem an Protagonist Connor, der quasi als Bindeglied zwischen den einzelnen Aspekten dieses Abenteuers fungiert. Er selbst repräsentiert das Volk der Indianer, ist aber dank seiner halb-britischen Herkunft auch am Schicksal der weißen Menschen interessiert. Man erlebt in Assassin's Creed III seinen gesamten Werdegang zum Meister-Assassinen mit - von Kindheit über Jugend bis hin zum Erwachsenenalter. Es ist ein packendes, stellenweise trauriges und berührendes Schicksal, das mich wirklich mitgerissen hat - auch wenn es immer mal wieder unnötige erzählerische Flauten oder Tiefen gibt. Connor schafft es zwar nicht ganz, in die Fußstapfen von Ezio Auditore zu treten, aber Ezio hat bekanntlich auch drei lange Geschichten in Assassin's Creed II, Brotherhood und Revelations erzählt. Wenn Connor das erwartete direkte Sequel bekommt, dann hat Ubisoft die Chance, auf dem neu aufgebauten Fundament weiter zu arbeiten und seinen Charakter zu vertiefen. Ich bin schon gespannt, welche weiteren Abenteuer Connor noch erleben wird - das Potential für spannende Geschichten ist da.

Für langjährige Fans stellt sich aber vor allem eine Frage: Hat Ubisoft es geschafft, die Spielmechanik zu erweitern und zu verbessern oder spielt man hier quasi ein Assassin's Creed: Revelations an der nordamerikanischen Ostküste? Ich persönlich finde, dass die spielerischen Neuerungen und Verbesserungen wie das Klettern auf Bäumen, das Jagen und das Erweitern der Bruderschaft-Mechanik gerade genug sind, damit Assassin's Creed III nicht stagniert; eine echte Evolution oder gar Revolution bleibt hier aber aus. Besonders die Kämpfe sind in Teil 3 manchmal absolut nervtötend und langweilig und das, obwohl sie ein zentrales Element des Gameplays darstellen. Ich war schon in Situationen, in denen immer und immer wieder Gegner gespawnt sind und mich angegriffen haben, sodass ich keine Chance hatte, den Bekanntheitsgrad irgendwie zu senken. Über mindestens zehn Minuten habe ich mich durch immergleiche und immer gleich blöde Gegner gekämpft, bevor ich es endlich geschafft habe, mich in einen Heuhaufen zu flüchten. Das kann man definitiv besser lösen - zum Beisiel durch weniger Feinde auf den Straßen oder durch spannendere Gefechte, bei denen ich nicht ständig kontern muss. Schade, dass Ubisoft es nicht geschafft hat, das Kampfsystem endlich einmal zu überarbeiten. Warum orientiert man sich nicht am Freeflow-System aus Batman: Arkham City, das viel besser funktioniert?

Assassin's Creed 3


Seemann, deine Heimat ist das Meer! Lasst uns ein paar Schiffe zerstören!



Assassin's Creed III ist eine High-Budget-Production. Woran man das sieht? Nun, zum einen selbstverständlich an der umfangreichen Spielwelt, den tollen Videos, der spannenden Story und der überragenden grafischen Inszenierung. Aber der heimliche Star des Spiels sind die neuen Seeschlachten, die man auf der gamescom dieses Jahr erstmals präsentiert hatte. Seeschlachten in einem Assassin's Creed - das mag sich blöd und unpassend anhören. Und tatsächlich wirkt es nicht zu 100% glaubwürdig, dass Connor plötzlich neben seinem Assassinen-Handwerk auch noch das Manövrieren und Verwalten eines mächtigen Kriegsschiffs beherrscht. Aber wisst ihr was? Das ist mir völlig egal. Denn die Seeschlachten sind spielerisch und optisch einfach der Hammer! Das Wasser und die komplette Physik sind unglaublich realistisch, die Inszenierung bombastisch, die Bedienung angenehm anspruchsvoll. In mehr als 15 unterschiedlichen Missionen kann man sein Schiff Aquila durch Meerengen, Küstenstreifen und feindliche Gewässer steuern, man kann andere Fregatten entern, man genießt die Freiheit auf dem offenen Meer. Wer zu viel Geld hat, kann seine Aquila auch noch in mehreren Stufen aufrüsten. Ich persönlich habe noch nie so glaubwürdige und ansehnliche Seeschlachten erlebt - hoffentlich wird das im nächsten Assassin's Creed weiter genutzt und ausgebaut.

Aber nicht nur die Seeschlachten sehen verdammt gut aus, auch der Rest des Spiels macht optisch einen richtig schicken Eindruck. Gerade die Wildnis beeindruckt mit einer enormen Weitsicht und vielen Details - und wenn man im Winter durch den Schnee stapft und Fußspuren hinterlässt, werden Erinnerungen an Uncharted 2 wach, auch wenn Assassin's Creed III nicht ganz an dessen Pracht heranreichen kann. Das liegt daran, dass die Texturen aus der Nähe nicht wirklich schön aussehen und dass manche Animationen ziemlich hakelig und abgehackt wirken. Insgesamt ist das jedoch Jammern auf hohem Niveau, zumal wir es hier mit einem Open-World-Spiel zu tun haben. Eines muss ich aber leider Gottes noch negativ anmerken: Bei der Synchronisation von Aussichtspunkten ist die Weitsicht irgendwie alles andere als schön und man erkennt deutlich, wie die Details mit zunehmender Entfernung flöten gehen. Auf dem PC wird das sicherlich einen ganzen Tacken beeindruckender werden, die Xbox 360 dagegen scheint am Ende ihrer Kraft zu sein. Ob die Wii U da zulegen kann, darf bezweifelt werden.

Assassin's Creed 3


Desmond Miles? Animus, Abstergo, Eden-Apfel? Moment, da war doch was ...



Natürlich liegt bei einem jeden Assassin's Creed das Hauptaugenmerk auf der Story und Spielwelt im Animus - sprich, den Erfahrungen der Vorfahren von Desmond Miles -, aber wer die Rahmenhandlung der Serie fleißig verfolgt hat, der wird sicher noch viel gespannter darauf sein, wie diese in Teil 3 zu einem Ende geführt wird. Ubisoft hat ja bekanntlich groß angekündigt, mit Assassin's Creed III die Story um Desmond, den Assassinen der Gegenwart, angemessen zu beenden und ihm mehr Aufmerksamkeit zu spendieren. Ich muss leider sagen, dass das nicht besonders gut gelungen ist. Teil 3 beendet zwar die Geschichte um Desmond, aber die Art und Weise, wie das Finale abgehandelt wird, erinnert an Mass Effect 3. Immerhin kann man bereits ahnen, wie die Handlung im nächsten Assassin's Creed weitergehen wird, ich hatte mir jedoch ein deutlich interessanteres und erzählerisch mehr nachvollziehbares Ende gewünscht. Schade - hier hat Ubisoft die Chance vertan, Bioware zu zeigen, wie man eine Trilogie zu einem spektakulären Finale führt. Der Fluch der Trilogien hat wieder zugeschlagen.

Ein paar frische Ideen gab es auch an der Multiplayer-Front: Neu dabei ist zum Beispiel ein kooperativer Modus für vier Spieler, in dem man gegen Gegnerwellen antritt. Ansonsten bietet Assassin's Creed III das, was bereits der Vorgänger bot, dieses Mal jedoch mit schickerer Grafik und neuen Karten und Charakteren. Wer sich gerne online austobt, der wird auch hier viele Spielstunden verschwenden.





Tim

Fazit von Tim:

Assassin's Creed III ist ein Biest von einem Spiel. Es ist unglaublich umfangreich und vielseitig - und ich habe schlicht nicht die Kraft und Fähigkeit, das alles in eine Review zu komprimieren, ohne deren Rahmen komplett zu sprengen. Aber das ist auch gar nicht nötig. Das Wichtige ist, dass Assassin's Creed III den bisherigen Höhepunkt der Serie darstellt - es ist wunderschön, spannend, abwechslungsreich und bringt einige Neuerungen und Verbesserungen mit sich. Die Spielwelt ist imposant, das Gameplay unterhaltsam, die Figuren besitzen Charakter. Abgesehen von einigen Mankos wie technischen Mängeln (die durch den Day-1-Patch einigermaßen behoben werden), schwachem Kampfsystem und einem stellenweise uninteressanten Soundtrack, ist das Spiel zweifellos eines der ganz Großen in diesem Jahr. Wer Assassin's Creed bisher verfolgt hat, muss sich auch das Finale der Trilogie unbedingt zulegen und wird über eine verdammt lange Zeit verdammt gut unterhalten. Ich hatte insgesamt zwar etwas mehr spielerische Evolution erwartet, aber letztendlich hat mich die Story so gefesselt, die Spielwelt so fasziniert und die gesamte Inszenierung so geflashed, dass unter dem Strich nichts anderes als die Maximalwertung in Frage kommt. Dieses Spiel hat Herz, es hat Seele und es ist einfach anders als alles, was man sonst so auf dem Markt findet.

Auch wenn das erzählerische Finale der Desmond-Story nicht überzeugt: Sobald man in den Animus steigt, findet man sich in einer faszinierenden Spielwelt voller Abenteuer und erinnerungswürdiger Momente wieder. Es gab niemals ein besseres Assassin's Creed!

Besonders gut finde ich ...
  • brandneue Spielwelt und Charaktere
  • sympathischer neuer Assassine Connor
  • faszinierende Mischung aus historischen Fakten und fiktiven Sci-Fi-Elementen
  • lebendige und riesige offene Spielwelt
  • großartige Schiffschlachten auf offener See mit nahezu realistischer Physik
  • sehr schöne, sehr detaillierte Grafik
  • umfangreiche Kampagne: über 30h
  • sinnvoll erweiterter Multiplayermodus
Nicht so optimal ...
  • technische Mankos: Clippingfehler, Bugs, falsche Kollisionen, Pop-Ups
  • Kampfsystem wurde nicht verbessert
  • spielerisch kaum Weiterentwicklung
  • man ist zu schnell fast übermächtig

Tim hat Assassin's Creed 3 auf der Xbox 360 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

Assassin's Creed 3 - Boxart
  •  
  • Entwickler:Ubisoft Montreal
  • Publisher:Ubisoft
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PC, PS3, Xbox360, WiiU
  • Release:31.10.2012
    (PC) 22.11.2012
    (Wii U) 30.11.2012

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Kommentare & Likes

Folgendem User gefällt der Beitrag: Phaz
  • Darius
    #1 | 6. November 2012 um 01:12 Uhr
    Hab ich eigentlich schon mal erzählt, dass ich alle Assassin's Creed Spiele habe, aber nie einen ... ah, ja. Hm.   
  • DarkRaziel
    #2 | 6. November 2012 um 15:59 Uhr
    So etwas kenne ich   
    Habe auch alle Teile, aber nur bis Teil Zwei durchgespielt und ich konnte einfach nicht wieder stehen Teil 3 anfangen zu spielen.
    Wie den Test lese ich jetzt nicht durch, denn man weiß ja nie ob etwas von der Handlung vor kommt, aber das Fazit geht schon in Ordnung   

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