Ni No Kuni: Wrath of the White Witch - Review
Ein märchenhaftes Abenteuer für Groß, Klein und alles dazwischen!
Japan-Rollenspiele haben es im Westen nicht leicht, solange nicht der Name Final Fantasy im Titel vorkommt - normalerweise wird der Großteil von den meisten Spielern übergangen und scheitert trotz häufig guter Kritiken am Desinteresse der Kunden. Normalerweise! Denn für Ni No Kuni: Wrath of the White Witch hat der Spielegott ein anderes Schicksal auserkoren: Das Bilderbuch-Rollenspiel aus Fernost gehörte seit langer Zeit zu den am heißesten erwarteten Games des Jahres 2013. Jetzt ist es endlich da. Und von überall her schallt das einhellige Echo: "Meisterwerk"! Nach vielen, vielen Stunden in der märchenhaften Welt von Oliver, Tröpfchen & Co. stimme auch ich in den Tenor mit ein. Ja, es ist ein Meisterwerk - ein Meisterwerk in Sachen Kunst und Inszenierung. Aber es gibt da noch das Gameplay und den Inhalt. Die Review verrät, wie sich Ni No Kuni schlägt!
Und wenn nicht Ni No Kuni diese Auszeichnung verdient, welches andere Videospiel sollte es dann?





Zu Fuß, zu Schiff und "zu Drache" zieht das Heldenquartett durch das Königreich ...
Es fällt mir wirklich leicht, von diesem Ni No Kuni: Wrath of the White Witch (zu deutsch: Die Rache der weißen Königin) zu schwärmen. Es sieht wahnsinnig toll aus und sorgt dafür, dass es mir beim Spielen angenehm warm ums Herz wird. Okay - aus der Nähe betrachtet ist die Technik veraltet. Die Texturen sind größtenteils echt grauenhaft und viele Bilder könnten genau so vermutlich auch von der Nintendo Wii ausgegeben werden (wenn auch ohne Anti-Aliasing). Trotzdem wirkt Ni No Kuni in seiner Gesamtheit einfach atemberaubend schön, weil es auf wundervolle Weise mit Farben und Animationen spielt. Das technische Highlight sind die Charaktere, die - anders als die Kulissen - mit sehr viel Liebe und Detailgrad gestaltet wurden. Allen voran natürlich die Protagonisten Oliver und Esther, die gemeinsam mit der Fee Tröpfchen und weiteren Gefährten die schwierige Reise angetreten haben. Das Ziel der Heldengruppe ist klar: Der finstere Magier Shadar, der die mysteriöse und bildschöne Welt der Fabelwesen ins Chaos gestürzt hat, muss besiegt werden. Doch Oliver hat noch eine weitere Aufgabe: Er muss seine Mutter retten, die in der echten" Welt gestorben ist. Denn jeder Mensch in Olivers Welt hat einen Seelenverwandten in der Parallelwelt von Tröpfchen & Co. - und mit ein wenig Glück schafft es Oliver ja, auf diese Weise seine Mama zu retten. So ziehen die ungleichen Protagonisten ins Abenteuer.
Was jedoch keiner unserer Helden weiß: Shadar ist nicht der einzige Bösewicht, der die Fäden zieht.
Die Reise führt Oliver & Co. durch eine Vielzahl wunderschöner Landschaften und Städte, durch Täler, über Berge und bis hinaus auf das weite Meer. Die Spielwelt sieht nicht nur toll aus, sie ist auch angenehm groß. Man beginnt das Abenteuer in einem grünen Tal und ehe man sich versieht, zieht man schon durch staubige Wüsten mit meterhohen Dünen, goldbraune Herbstwälder oder sticht mit dem Schiff in See. Die herrliche Oberwelt wird dabei von jeder Menge Monster bevölkert, die sich unseren Helden immer wieder in den Weg stellen - ähnlich zu Final Fantasy XIII sieht man die Viecher bereits auf der Karte und kann ihnen ausweichen, sich an sie heranschleichen oder einen offenen Kampf eingehen. Anders als in genanntem Final Fantasy ist die Welt jedoch nicht schlauchförmig, sondern in große Areale aufgeteilt und öffnet sich immer mehr, desto weiter man in der Mainquest kommt. Auf Dauer können einem die vielen Gegner auf der Map allerdings ziemlich auf die Nerven gehen - wenn man auch drei Babambinos auf einmal ohne Mühsal plattwalzen kann, möchte ich nicht ständig von ihnen angegriffen werden. Immerhin erreicht man irgendwann einen Status, in dem das lästige Kleinvieh freiwillig flüchtet. Gerade für längere Laufwege (was immer mal wieder vorkommt) ist das eine echte Erleichterung. Ganz und gar nicht erleichternd ist dagegen die katastrophale KI der Mitstreiter im Kampf - bereitet auch darauf vor, eure Partner immer und immer wieder in eigentlich problemlosen Situationen zu verlieren.





Das intelligente Kampfsystem & Sammelfreuden mit den Pokémon Vertrauten ...
Das ist besonders darum schade, weil das Kampfsystem eigentlich clever aufgebaut und überraschend tiefgründig ist. Es macht wirklich einen Heidenspaß, sich gegen die zahllosen Monster in dieser kunterbunten Welt zu behaupten - vor allem auch deshalb, weil Ni No Kuni: Wrath of the White Witch gekonnt den Echtzeitkampf mit leichten Rundentaktik-Anleihen verknüpft. Die Auseinandersetzungen finden in separaten Arenen statt, abgekoppelt von der Weltkarte, vergleichbar mit Pokémon oder oben genanntem Final Fantasy XIII bzw. XIII-2. In dieser kreisrunden Arena darf ich Oliver, Esther oder Sven frei mit dem linken Analogstick bewegen, um feindlichen Angriffen zu entgehen oder gezielt von einer bestimmten Seite aus zuzuschlagen. Über die Schultertasten dagegen navigiere ich in einem Radialmenü, welche Aktionen ich durchführen möchte: den klassischen Direktangriff, einen mächtigen Offensivzauber, vielleicht Heilmagie - ich kann mich aber auch durch den Proviant wühlen und Gegengifte oder Heilmittel verwenden. Dadurch entsteht in den Kämpfen ein angenehmer Spielfluss. Noch dynamischer werden die Gefechte allerdings durch das System der Vertrauten, das besonders Pokémon-Fans gefallen dürfte. Per Knopfdruck kann ich jederzeit zwischen den drei Anführern und ihren jeweils drei Vertrauten wechseln - jeder Kämpfer hat individuelle Stärken, Schwächen und Fähigkeiten.
Bei den Vertrauten handelt es sich um kleine oder große Monster, die man überall auf der Weltkarte findet. Wie auch in Nintendos Kultserie können die Viecher hier gefangen und gezähmt werden - anschließend begleiten sie Oliver & Co. auf ihrem Abenteuer. Wie es sich für ein echtes Rollenspiel gehört, werden sie mit mehr XP natürlich aufgelevelt, erlernen neue Zauber und Aktionen, verbessern sich in den obligatorischen Kategorien Angriff, Magischer Angriff, Flinkheit, Verteidigung etc.pp. - und wenn sie eine bestimmte Stufe erreicht haben, kann man sie durch Verabreichen eines bestimmten Items weiterentwickeln lassen. So wird der Wicht zum Wunderwicht und der Trompetzer zum Blasphemist. Mehr als 400 verschiedene Monster gibt es mit je mehreren Evolutionsformen - wer Spaß am Sammeln hat, kann hier also gut und gerne über 100, wenn nicht noch mehr Stunden verbringen!





Dear Esther. Would you please stop dying and start fighting? Thank you very much.
Wie oben bereits angedeutet leiden die Kämpfe aber an einem gewaltigen Problem. Und zwar an der KI der Mitstreiter: Egal, welchen Anführer man gerade steuert, die anderen beiden scheinen total zu verzweifeln und nicht in der Lage zu sein, startegisch klug vorzugehen und sich ab und zu mal zu heilen. Schlimmer noch: Die mächtigen Angriffe von Bossgegnern, vor denen man bereits mehrere Sekunden vor der Exekution gewarnt wird, ziehen den Partnern locker mal die Hälfte der Lebenspunkte ab, weil diese zu blöd sind, die Attacken zu blocken. Nach ein paar Stunden lernt man zwar zwei Taktik-Befehle kennen, mit denen man die Kollegen zum Blocken bzw. Angreifen zwingen kann, aber viel zu oft muss man selbst den Retter in der Not spielen. Und gerade in den zahlreichen Bosskämpfen sorgt das schnell für Frust, weil man entweder nicht genug Magiepunkte hat, um ständig zu heilen, oder einem die Proviantrationen ausgehen. Irgendwann steht man dem Bossmonster im blödesten Fall alleine gegenüber - das nervt. Und das in zweierlei Hinsicht, denn alleine dauert es noch länger, die repetitiven und unsagbar zähen Kämpfe zu bestehen. Mit dem Schrecktakel habe ich gut und gerne eine halbe Stunde verbracht, in der ich nichts anderes gemacht habe außer Blocken, Heilen, im Kreis rennen und im richtigen Moment selbst mit der immergleichen Attacke zuzuschlagen. Hier wurde Potential verschenkt.
Schade ist auch, dass während der Bosskämpfe immer die gleiche Musik läuft. Die Melodie verströmt zwar eine tolle Atmosphäre, aber irgendwann hat man sich einfach an ihr sattgehört. Das gilt allerdings nicht für den Rest des brillanten Soundtracks, der aus der Feder von Joe Musashi stammt. Bereits das Titelstück ist ein echter Ohrwurm und die Musik, die während der Welterkundung erklingt, ist ein Genuss für die Ohren. Generell verwöhnt Ni No Kuni: Wrath of the White Witch mit so vielen Dingen (Musik, Kulissen, Inszenierung) die Sinne, dass der Begriff Kunstwerk tatsächlich passt wie die Faust aufs Auge. Mit dem märchenhaften Design geht jedoch auch einher, dass man den Kämpfern ihre Ausrüstung nicht ansehen kann. Egal, welche Axt ich dem Großprotz in die Hand drücke, er schlägt nur mit den Fäusten zu. Somit existieren Waffen, Rüstung & Co. nur als Attribute auf dem Papier. Das ist natürlich kein Weltuntergang, in einem umfangreichen Japan-Rollenspiel aber schon ein bisschen enttäuschend.
Apropos Umfang: Alleine für die Mainquest wird der erfahrene Spieler mindestens 30, eher noch mehr Stunden benötigen - und das ist ja längst nicht alles. Neben der Story gibt es noch zahlreiche Nebenmissionen und Monsterjagden, außerdem lädt das System der Vertrauten immer wieder zu einer Rückkehr in die Welt von Tröpfchen ein. Fest steht: Dieses Ni No Kuni bietet verdammt viel für sein Geld.
Fazit von Tim:
Ja, Ni No Kuni: Wrath of the White Witch hat ganz offensichtliche und teilweise sehr elementare Schwächen: Die Bosskämpfe ziehen sich wie Kaugummi (teilweise über mehr als eine halbe Stunde!), die KI der Mitstreiter ist - mal freundlich formuliert - "durchwachsen", das Taktikmenü wirkt überflüssig und nicht effizient. Und trotzdem bin ich begeistert von diesem Spiel! Es ist vielleicht nicht perfekt durchdacht, aber es sprüht nur so vor Kreativität, Spielwitz, Herz und Charme. Es macht eine Menge Spaß und man möchte immer weiterspielen. Es vermittelt einem das Gefühl, dass jede noch so kleine Aktion ein weiterer Fortschritt in einer gewaltig großen Geschichte ist - über viele Dutzend Stunden hin baut Ni No Kuni eine Spannung und Atmosphäre auf, der man den Aufstieg des kleinen Jungen zum mächtigen Zauberer ohne jegliche Hinterfragung abkauft. Und dann sieht es ja auch noch wundervoll aus mit seinen tollen Animationen, dem märchenhaften Design und der unheimlich schönen, herrlich großen Weltkarte. Mit Ni No Kuni ist die PlayStation 3 verdammt gut in das neue Spielejahr 2013 gestartet und ich denke, dass das Abenteuer des kleinen Oliver der großen Konkurrenz in Form von God of War, GTA und Assassin's Creed so einige GOTY-Nominierungen und -Awards wegmopsen wird. Es ist ein Videospiel-Märchen in seiner reinsten Form - mit ganz viel Herz!
Ein kleiner Junge auf einer großen Reise: Wer auch nur ein bisschen für Rollenspiele und Märchen übrig hat, erlebt mit Ni No Kuni eine einzigartige Odyssee durch eine prachtvolle Welt, die ihresgleichen sucht. Spielerisch ist es nicht perfekt - aber Inszenierung, Story & Co. entschädigen dafür umso mehr. Man kann diesem bezaubernden Spiel nicht böse sein!
- märchenhafte Kulissen & Inszenierung
- liebevoll erzählte Geschichte, die von sympathischen Figuren getragen wird
- unterhaltsames Echtzeit-Kampfsystem
- Pokémon-Prinzip sorgt für Suchtgefahr, es gibt über 400 sammelbare Vertraute
- zumeist wundervolle Musikuntermalung
- Partner-KI im Kampf eine Katastrophe, Taktik-Änderungen fast ohne Einfluss
- Bosskämpfe zumeist zäh wie Kaugummi
- Ausrüstung gibt es "nur auf dem Papier"
Tim hat Ni No Kuni: Wrath of the White Witch auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von NamcoBandai Games zur Verfügung gestellt.


#1 | 12. März 2015 um 21:16 Uhr
Hab das Spiel letztes Weihnachten bekommen. Muss sagen das es vom Schwierigkeitsgrad sehr leicht ist wenn man vorher gut levelt. Das Spiel ist aber so schön gestaltet das ich es auf jedenfall ein zweites mal durchspielen würde.
Die Wizard Edition hab ich mir kurz darauf spendiert da der Magische Begleiter in Real mega hammer ausschaut, wenngleich es ihn nur auf englisch gibt.