God of War: Ascension - Review

Ein neues God of War ist erschienen! Normalerweise wäre das Grund zur Freude, zur Euphorie, zur Begeisterung. Doch irgendwie schafft es der mittlerweile vierte große Teil der Serie, dieses Mal ein Prequel, nicht, solche Gefühle zu entfachen. Ganz im Gegenteil: God of War: Ascension wirkt überflüssig. Es ist, als ob Sony zum Ende der PS3-Ära noch eben ein weiteres Abenteuer mit Kratos auf den Markt werfen wollte, um den maximalen Gewinn aus der breiten Kundenschaft zu schröpfen. Diesen Eindruck hatte ich nicht nur vor dem Release, diesen Eindruck habe ich auch nach dem Durchspielen der Singleplayer-Kampagne. Mit Ascension steigt Kratos nicht noch höher im Action-Olymp auf, er fällt stattdessen tief hinunter. Doch wieso? Was haben Santa Monica Studios nur mit God of War gemacht, dass ich solche harten Worte in den Mund nehmen muss? Was ist passiert?

Ich denke gerne noch an meine Erlebnisse mit God of War III zurück. Was gab es da alles, an das ich mich erinnern kann! Da war der bombastische Einstieg auf dem Rücken von Gaia gegen Poseidon - spektakulärer war wohl kaum ein Tutorial je inszeniert. Ich erinnere mich an den einzigartigen Bosskampf gegen Göttervater Kronos, in dem man dem gigantischen Titanen die Fingernägel zerstören musste (!). Selbst die Bilder vom vergleichsweise weniger interessanten Kampf gegen Hades oder dem Puzzle-Part in Heras Garten habe ich noch vollständig im Kopf. Das waren schöne Zeiten. Das waren gute Zeiten. Zeiten, an die God of War: Ascension nicht einmal ansatzweise anknüpfen kann - oder will.


God of War: Ascension



Göttlich ist anders: Kämpfe, Inszenierung, Story - alles hat einen Haken.



Es ist wirklich so: God of War: Ascension versucht nicht einmal, an seinen grandiosen Vorgänger heranzukommen. Ganz im Gegenteil: Stattdessen ruht man sich dem altbekannten Schema aus. Man kämpft sich durch Massen an Standardgegnern, klettert halbautomatisch ein paar Wände hoch, löst eine Menge nervtötender Rätsel und hier und da gibt es die obligatorische Kamerafahrt, um die edle Technik des Spiels noch einmal deutlich hervorzuheben. Das ist prinzipiell okay so, das war es auch schon in God of War III. Die Sache ist nur: In God of War III hat sich das alles episch, spannend, bombastisch angefühlt, man wollte immer mehr sehen, man wollte immer weiterkommen, immer weiterkämpfen, immer wieder den Atem anhalten. Hier lächelt man müde über die schicken Panoramen, flucht über die langatmigen und unausgewogenen Kämpfe und wünscht sich, manche Passagen einfach nur überspringen zu können. Die größten Höhepunkte dieses Spiels sind seine Bosskämpfe, die - ganz nach Serientradition - aufregend und packend sind. Der Haken: Die Anzahl von ihnen wurde so drastisch reduziert, dass man das Gefühl hat, es gäbe nur den Anfangs-, den End- und irgendwo einen Zwischenboss. Der Haken an den Kämpfen: Der Schwierigkeitsgrad schwankt zwischen super-einfach und super-schwierig und ist nach dem Spielstart nicht mehr veränderbar. Der Haken an der Story: Sie ist wirr und die meiste Zeit nicht existent. Kurz: Irgendwie hat alles an God of War: Ascension einen Haken.

Das Schlimmste und wirklich Allerschlimmste an Ascension ist seine Story. Moment - welche Story eigentlich? Über weite Strecken im Spiel hatte ich keine Ahnung, warum ich überhaupt genau das mache, was ich in diesem Moment eben mache. Wofür das alles? Wo will ich hin? Warum ich? Hä? Dafür, dass das Spiel ein Prequel sein will, welches die Vorgeschichte von Kratos erzählt, ist es ganz schön schweigsam. Dialoge und Zwischensequenzen haben Seltenheitswert, Neulinge werden gar absolut nichts verstehen, es gibt auch für Veteranen keine echte Einführung in die Geschichte, von der sie Teile möglicherweise schon vergessen haben. Ascension plätschert einfach so vor sich hin. Man kämpft gegen Gegner, weil man eben gerade gegen Gegner kämpfen soll - nicht, weil die Geschichte irgendeinen Hintergrund dazu verrät. Man klettert irgendwelche Wände hoch, weil, weil ... weil das Spiel es eben so vorsieht und es keinen anderen Weg zum Ziel gibt, von dem man ebenfalls nicht weiß, wieso man überhaupt dort hin möchte. Selbst der Charakter Kratos ist so uninteressant wie selten zuvor. Seine Wutausbrüche gibt es kaum noch und von der groß angekündigten "Menschlichkeit" ist weit und breit keine Spur. Kein Wunder, dass zu keinem Zeitpunkt wirkliche God-of-War-Atmosphäre aufkommen will.


God of War: Ascension



Waffen und Wutanzeige werden zu den trojanischen Pferden des Kampfsystems ...



Wieso entwickelt man ein Prequel, wenn man eigentlich so gut wie nichts zu erzählen hat? God of War: Ascension hat in dieser Hinsicht genau das gleiche Problem wie aktuell auch Gears of War: Judgment - es ist irgendwo überflüssig. Niemand hat nach einem Prequel gefragt, wir haben es trotzdem bekommen, und an die Erwartungen herankommen kann es auch nicht. Das gilt im Übrigen sogar für das Gameplay, welches im Vorgänger noch wunderbar funktioniert hat. Im Kern verwendet Ascension zwar die exakt gleiche Spielmechanik, nimmt daran aber minimale Veränderungen vor, die wiederum große Auswirkungen auf den Spielspaß haben. Der Rage-Modus funktioniert neuerdings zum Beispiel so, dass die Leiste rapide abnimmt, wenn man getroffen wird oder eine kurze Zeit keinen eigenen Angriff ausführt. So weit, so gut. Das Problem ist aber, dass die starken Attacken und Combos nur mit einer gefüllten Rage-Leiste ausgeführt werden können und ich somit minutenlang auf vermeintlich schwache Standardgegner einkloppen muss, weil mein Kratos einfach zu wenig Schaden verteilt. Bin ich mal im Combo-Rausch, reißt mich ein einziger Schlag plötzlich wieder raus und schon sinkt die Leiste wieder auf Null, weil Kratos unglaublich lange braucht, um wieder aufzustehen. Wenn ich wenigstens den Schwierigkeitsgrad in solchen Passagen herunterdrehen könnte! Aber nein, auch das bleibt mir verwehrt - besonders schlimm angesichts dessen, dass Ascension das bisher schwerste God of War ist.

Hinzu kommt, dass das Kampfsystem nun nur noch auf eine einzige echte Waffe setzt, nämlich die Chaosklingen. Zwar kann ich vier verschiedene Elemente, unter anderem Zeus' Donner und Poseidons Eis, auf meine Klingen setzen. Aber das System wird dadurch ad absurdum geführt, dass die Gegner nicht auf die Elemente reagieren. Ein Eisviech als Feind? Kein Problem, das lässt sich mit Eis ebenso gut besiegen wie mit Feuer. Taktische Tiefe kommt abseits der Rage-Leiste und der wenigen Combos nicht auf. So quäle ich mich durch einen Kampf nach dem anderen und frage mich, wieso das hier im Vergleich zu God of War III eigentlich so viel weniger Spaß macht. Es ist das gesamte Drumherum, das an meiner Laune nagt: die quasi non-existente Story, die vergleichsweise unspektakuläre Inszenierung, die viel zu seltenen Bossgegner. Und dann sind da ja auch noch diese unsagbaren Rutsch-Passagen, in denen Kratos einen Abhang herunterschliddert und man im richtigen Moment X drücken muss. Die wären in Ausnahmefällen ja okay gewesen, allerdings macht Ascension sie zur Regel - und spätestens nach zwei Stunden Spielzeit gingen sie mir richtig auf den Zeiger. Da kommt es fast recht, dass ein Durchgang nur 7-8 Stunden dauert. Danach gibt es zwar noch den (angeblich guten) Multiplayer, mit dem ich mich allerdings mangels Interesse und Überzeugung nicht beschäftigt habe und es auch nicht tun werde.


God of War: Ascension



Viel Kritik, viel Enttäuschung - aber irgendwas muss doch auch gut sein?



Als ob all das nicht schon schlimm genug wäre, kommt auch noch eine Inszenierung hinzu, die dem Namen God of War nicht so ganz gerecht wird. Vielleicht liegt es an dem atemberaubenden Vorgänger, aber in Ascension gibt es nur wenige Momente, die mich noch wirklich vom Hocker hauen konnten. Stattdessen rückt das Gameplay mehr in den Vordergrund, weniger die Kulisse. Das hätte gut für das Spiel sein können, ist es in diesem Fall aber einfach nicht, denn spielerisch ist God of War kein Hack & Slay von der Klasse eines Devil May Cry. God of War lebt und atmet mit seiner Präsentation, die dieses Mal einfach nicht mehr so packend ist wie zuvor. Wenn es mal Situationen gibt, in denen die Entwickler beeindrucken wollen, dann hauen sie richtig auf den Putz - aber im Verhältnis sind die so selten, dass ich wirklich enttäuscht bin. Vielleicht habe ich auch einfach zu viel von den Entwicklern erwartet.

Selbstverständlich ist aber nicht alles im Spiel nur Weiß und Schwarz - es gibt auch jede Menge Grauzonen, in denen das neue God of War Spaß macht, aber eben nicht begeistern kann. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es sich auf seine Stärken konzentriert, auf die Inszenierung und die Dynamik. Der einleitende Kampf gegen die erste der drei Furien, die Schlacht gegen den riesigen Insektenkopf, das Schlangenrätsel vor dem Orakel von Delphi - das sind diese Grauzonen, die weit davon entfernt sind, perfekt zu sein, aber auch ebenso weit davon, keinen Spaß zu machen. Trotz aller Kritik ist God of War: Ascension in seiner Kampagne unterhaltsam. Und technisch ist es ja sowieso ein Brett: Zwar macht es nach God of War III keine großen Schritte mehr nach vorne (eher rückwärts), aber es sieht nach wie vor super aus und weckt Vorfreude auf das, was die Santa Monica Studios wohl aus der PlayStation 4 kitzeln werden. Dann aber hoffentlich im "richtigen" God of War IV und keinem erzwungenen Prequel.




Tim

Fazit von Tim:

Bei allem Respekt vor den Santa Monica Studios und dem grandiosen God of War III: Mit God of War: Ascension habt ihr euch keinen Gefallen getan. Ascension ist kein Aufstieg, es ist ein tiefer Fall in nahezu jeder erdenklichen Hinsicht. Sieht es schön aus? Ja, definitiv - aber das bringt mir wenig, wenn die Kulissen zu 90% langweilig sind. Spielt es sich gut und dynamisch? Sicherlich - aber das habe ich genau so auch schon in God of War III erlebt. Ascension versucht in keinem, aber wirklich keinem einzigen Aspekt, den grandiosen Vorgänger zu übertrumpfen, es traut sich ja nicht einmal irgendetwas neues. Es ist ein God of War wie jedes andere, aber irgendwie ist es auch wieder keines. Es fehlt der Funke, der die Serie bislang ausgezeichnet hat. An so vielen Stellen wurde "geschlampt": Die Story ist wirr und undurchsichtig, die Kamera kommt dem Gameplay erstaunlich oft in die Quere, der Schwierigkeitsgrad ist unausgeglichen, die Zahl der Bosskämpfe wurde reduziert. Mit God of War III hat sich Kratos in den Action-Olymp katapultiert, mit Ascension landet er wieder auf dem Boden der Tatsachen. Das mag alles härter klingen als es ist und unter dem Strich ist das natürlich Jammern auf hohem Niveau. Aber auch dann bleibt die Singleplayer-Kampagne für mich nur eines: eine mittelschwere Enttäuschung. Um es kurz zu machen: Keiner hat dieses Spiel gebraucht.

Wer hoch klettert, muss irgendwann auch tief fallen. Nach dem großartigen God of War III ist die Kampagne von Ascension eine mittelschwere Enttäuschung: Sie wagt nichts Neues und versucht nicht einmal, auf eine ähnliche Qualitätsebene zu kommen. Kurz: Dieses Spiel hätte keiner gebraucht, weder Story noch Inszenierung bieten schlagkräftige Argumente.

Besonders gut finde ich ...
  • edle Technik auf dem Niveau von Teil 3 mit zumeist sehr stimmigem Artdesign
  • einige inszenatorisch beeindruckende Momente, welche in Erinnerung bleiben
  • sehr dynamische & fordernde Kämpfe
  • spektakulär präsentierte Bosskämpfe
Nicht so optimal ...
  • wirre & z.T. undurchschaubare Story
  • Kratos als Charakter uninteressant
  • viel weniger Epos als der Vorgänger
  • verschlimmbessertes Kampfsystem
  • stark reduzierte Zahl an Bossfights
  • überflüssige & öde Rutschpassagen
  • unausgewogener Schwierigkeitsgrad

Tim hat God of War: Ascension auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Sony CEE zur Verfügung gestellt.

God of War: Ascension - Boxart

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Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Atze, HerrBeutel, Phaz
  • Darius
    #1 | 2. April 2013 um 22:00 Uhr
    Schade, haben die beiden GOWs wohl da was gemeinsam - beide waren wohl mit der Trilogie bzw. mit dem definitiven dritten Teil zu Ende, keiner wollte oder brauchte einen weiteren. Nun kam doch einer, ... dort schlimmer als hier. Das mit dem Multiplayer war eh schon suspekt und fühlte schon auf der gamescom deplatziert an , aber das sage ich auch bei Spielen wie Uncharted oder zuletzt Tomb Raider, scheint dennoch Fans zu geben.
  • Phaz
    #2 | 3. April 2013 um 19:30 Uhr
    Kostenlos (   ) habe ich es doch ganz gerne gezockt. Vorallem die Bosskämpfe, wie auch im Text erwähnt, waren Highlights, die ich gerne erneut erleben würde. Das Spiel drumherum war eher mehr vom gleichen.

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