Animal Crossing: New Leaf - Review
Mein Haus, meine Stadt, meine Welt: Animal Crossing geht in Runde 4
Da ist es wieder. Dieses eine, unendlich gefährliche Spiel, das eure Zeit frisst wie Pac-Man die Punkte auf dem digitalen Schlachtfeld. Dieses eine Spiel, in dem man so gut wie gar nichts macht, dafür aber umso mehr Spaß damit hat. Animal Crossing: New Leaf zu verstehen, das ist keine leichte Aufgabe. Klar: Wer schon auf dem GameCube, der Wii oder dem Nintendo DS in seine eigene Stadt gezogen ist und diese nach den eigenen Wünschen aufgebaut hat, der weiß, was er auch am 3DS erwarten kann. Für alle anderen dürfte das Spiel allerdings nach wie vor ein großes Fragezeichen sein. Ich meine: Was soll schon so spannend daran sein, seine Zeit mit Angeln, Insektenfangen, Im-Boden-nach-Fossilien-Buddeln und Tratschen zu verschwenden? Nun ... so einiges. Ich werde versuchen, euch in meiner Review einmal genauer zu erklären, was - und wieso.





Ein ganz normaler Tag, eine ganz normale Woche, ein ganz stinknormales Leben
Ihr habt das schon richtig verstanden: In Animal Crossing gibt es kein richtiges "Gameplay", es gibt keine Herausforderung - ihr müsst nicht viel denken und erst recht keine Aufgaben bestehen. Es gibt nicht einmal ein echtes Ziel. In Animal Crossing lebt ihr einfach in den Tag hinein und führt dort ein zweites, ruhiges Leben nach eurer Vorstellung - zumindest soweit es das Spiel erlaubt. Wirklich "spielen" kann man Animal Crossing eigentlich auch nicht. Es gibt zwar ein paar kleine Minispiele, die man zusammen mit einem Freund angehen kann, aber sonst entspricht das Geschehen eher einer seichten Life-Sim. Die Komplexität von zum Beispiel Die Sims 3 & Co. wird dabei aber nie erreicht, denn Animal Crossing geht in eine andere Richtung. Beziehungen zwischen den Charakteren - also zwischen eurem Männlein bzw. Weiblein - und den Nachbarn kann man nicht aufbauen, dafür aber verschiedene oberflächliche Freundschaften eingehen. Ihr könnt euch mit jedem der Mitbewohner in eurer Stadt über alles Mögliche unterhalten und erfahrt dabei ganz irrelevante Dinge über sie. Dinge wie: Kuh Annabell liebt Pfirsiche. Für euch völlig uninteressant, für mich als Spieler aber doch irgendwie von Bedeutung. Denn wenn man jeden Tag in der Stadt unterwegs ist und seine Nachbarn näher kennen lernt, wachsen sie einem doch ein kleines bisschen ans Herz. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn man die Beziehungen noch vertiefen könnte, doch das war nie der Kern, nie das Zentrum von Animal Crossing.
Denn das liegt woanders verankert, nämlich in den zahllosen Möglichkeiten, sein virtuelles Zweitleben zu personalisieren. Es gibt unzählige Dinge, die man ändern kann, und obwohl es auf den ersten Blick völlig unbedeutende Aspekte sind, wirken sie im Spiel irgendwie wichtig. Wie so oft sind es nicht die offensichtlichen und gewöhnlichen Merkmale, die jemanden auszeichnen, sondern die kleinen Details, die man bem ersten Betrachten vielleicht gar nicht bemerkt. Welche Frisur trage ich heute? Wird es Zeit, mal die Schuhe zu wechseln oder ein anderes Design für Shorts, T-Shirt und Hut zu wählen? Nehme ich einen Sonnenschirm mit oder laufe ich gar mit einer schicken Retro-3D-Brille durch die Gegend? Und dann ist da ja noch das eigene Haus, an dem man so viel verändern kann: Ich kann das Dach und den Zaun austauschen, ich kann Bäume und Blumen im Vorgarten pflanzen, ich kann die Möbel im Innenraum verschieben, drehen oder gänzlich neue platzieren und bei Tom Nook kann ich natürlich auch das ganze Gebäude ausbauen, um noch mehr Platz drinnen zu haben, den ich mit meinem Kram vollstopfen kann. Vielleicht ein Aquarium in das Eck? Oder lieber die neue Sound-Anlage, die ich von Knuspi dafür bekommen habe, dass ich ihr einen Brief von Paul überbracht habe? Das Spannende an der ganzen Personalisierung ist, dass man sich eben nicht alles jederzeit kaufen kann, sondern dass die Gegenstände nur situativ und zufällig auftauchen. Jeder Shop wechselt täglich sein Angebot - und um an den großen Kaktus des Nachbarn zu kommen, muss man sich einen guten Trick einfallen lassen.





Der 3DS klappt zu - doch die Uhr tickt immer, immer weiter und steht niemals still
Animal Crossing ist also eine Art von Spiel, in das man immer und immer wieder zurückkehrt, ja sogar zurückkehren muss, wenn man möchte, dass sich das eigene Dorf zu einer prächtigen Stadt entwickelt. Das geht sogar so weit, dass die Uhrzeit im Spiel direkt mit der echten Uhrzeit in der Realität synchronisiert ist. Was wiederum bedeutet: Wenn ihr mitten in der Nacht den 3DS aufklappt und euch in eure Stadt begebt, werden die meisten Bewohner schlafen und die Läden haben geschlossen - und natürlich ist alles dunkel. Je nach Jahreszeit verändert sich sogar noch viel, viel mehr: Im Sommer startet ein Boot auf eine tropische Insel mit Sandstrand, Palmen und Sonnenschein, dort könnt ihr dann auch im Meer schwimmen gehen. Ist der Herbst dagegen angebrochen (was ich selbstverständlich nicht ausprobieren konnte, auch wenn das Wetter draußen in den letzten Wochen durchaus aus dem September oder Oktober kommen könnte), färben sich die Blätter rötlich-orange, der Boden ist mit ihnen bedeckt und das Gesamtbild eurer Stadt verändert sich grundlegend. An besonderen Tagen wie Halloween, Weihnachten, Ostern und so weiter gibt es außerdem spezielle Veranstaltungen, Turniere und besondere Gegenstände. Es lohnt sich also, seine Stadt täglich zu besuchen. Und wenn ihr mal ein paar Tage keine Lust auf Animal Crossing habt, ist das auch kein großes Problem, denn die Zeit läuft dort einfach weiter. Vielleicht trefft ihr ja auf den einen oder anderen Nachbarn, der eingezogen ist.
Das klingt alles schön, interessant und toll, aber was ist daran neu? Nun, im Wesentlichen erst einmal: nichts. All das kennt man schon von der GameCube-Premiere, vom NDS-Ableger Wild World und natürlich vom Wii-Teil Let's Go to the City. Und zumindest in den ersten Stunden und Tagen bietet New Leaf nicht viel mehr als das altbekannte Material, das Angeln, das Insektenfangen, das Buddeln nach Fossilien und anschließende Verkaufen der Beute, um zusätzliche Sternis zu erlangen. Bis ihr zu den wirklich neuen Ideen und Inhalten von New Leaf vorstoßt, vergeht schon einige Zeit, insgesamt vielleicht etwas zu viel davon. Selbst dann wird aber schnell klar, dass Animal Crossing auch am 3DS nur wenig ändert und noch weniger wirklich neu macht. Denn so spannend manche Neuerungen auf dem Papier auch klingen, in der Praxis sind sie oft weit weniger interessant. So zum Beispiel das groß angepriesene Feature, nun nicht nur ein einfacher Bewohner der Stadt zu sein, sondern der Bürgermeister: Selbst als Kopf der Stadt darf man nicht viel mehr machen als eine Handvoll neuer Gebäude platzieren, für die zunächst teure Spenden bezahlt werden müssen, und ein paar Verordnungen festlegen, die gewisse Eigenschaften der Stadt verändern. Das ist für meinen Geschmack zu wenig Fortschritt gegenüber den Vorgängern, auch wenn das irgendwie schon zu erwarten war, boten doch auch die Teile auf Wii und NDS nicht viel mehr als das allererste Animal Crossing. Das soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass New Leaf nach wie vor ein unvergleichliches, außerordentlich gelungenes Spiel ist - nur sind die De-ja-vues häufiger als die "Oh, das ist neu!"-Momente. Für Einsteiger ist New Leaf aber die erste Wahl.
Auch technisch hält sich die Entwicklung in Grenzen. Das Bild ist wie gewohnt bunt, charmant und die Charaktere sind knuffig und farbenfroh, aber egal ob in 2D oder 3D, wirklich beeindrucken kann das Gezeigte nicht. Hier war mehr drin, aber andererseits war die Grafik nie entscheidend für den Spielspaß bei Animal Crossing. Die Musik, die im Hintergrund vor sich hinklimpert, ist nett anzuhören und untermalt das Geschehen mit ihren ruhigen Tönen gut, ohne aber groß aufzufallen. Erwähnenswert ist natürlich noch der Multiplayer, bei dem man die Städte seiner Freunde online besuchen kann. Interagieren kann man dort aber mit so gut wie gar nichts, was den Multiplayer also fast schon auf Sightseeing beschränkt. Schön ist aber, dass es eine Insel mit ein paar Minispielen gibt, die man zusammen mit Freunden ausprobieren kann. Revolutionär ist davon allerdings nichts. Auch hier war weit mehr drin.
Fazit von Tim:
Kennt man ein Animal Crossing, dann kennt man sie alle. Aber selbst wenn man sie alle kennt und gespielt hat, schafft es jeder neue Ableger irgendwie doch, einen noch an die Konsole zu fesseln. Wieso eigentlich? Ganz ehrlich: Ich kann es nicht einmal genau erklären. Es ist dieses Gefühl, eine Art Zweitleben zu führen, in dem alles ruhig abläuft und ganz nach den eigenen Vorstellungen funktioniert, das mich jedes Mal an Animal Crossing fasziniert. New Leaf schafft das natürlich auch: Ich habe in den letzten Wochen fast an jedem Tag mindestens eine halbe Stunde in meiner kleinen Stadt 3DS City verbracht und kehre immer noch regelmäßig zurück, um nachzuschauen, was eben so passiert und wie es den Nachbarn so geht. Auch wenn es schade ist, dass New Leaf immer noch nicht die nötigen Schritte nach vorne geht, um sich von den Vorgängern abzuheben, so ist das Spiel dennoch eines, das in keiner gut sortierten 3DS-Bibliothek fehlen sollte. Wer noch nie ein Animal Crossing gespielt hat, ist mit dem 3DS-Teil noch besser bedient als mit den Vorgängern, wer die Vorgänger kennt, muss für sich entscheiden, ob ihm die wenigen Neuerungen und das altbekannte Spielgefühl den Vollpreis wert sind. Oder aber ihr kauft euch einfach die grandiosen Luigi's Mansion: Dark Moon und Fire Emblem: Awakening und schnappt euch New Leaf kostenlos durch die So-viele-Spiele!-Aktion von Nintendo. Ganz egal, wie ihr es macht: Ansehen solltet ihr euch New Leaf auf jeden Fall.
New Leaf macht zu wenig neu und wenig anders, um sich von den Vorgängern abzuheben. Trotzdem schafft es auch der mittlerweile vierte Teil der Serie mal wieder, einen an die Konsole zu ketten. Es ist ein Spiel, das mehr hätte sein können, aber immer noch gut genug ist, um einen lange zu beschäftigen. Vor allem für Einsteiger aber ist es die erste Wahl!
- traditionelle, ruhige Animal-Crossing-Spielerfahung
- fast unzählige Möglichkeiten zur Personalisierung
- charmante, farbenfrohe und knuffige Präsentation
- sympathische Charaktere & sehr gelungene Dialoge
- kleinere Neuerungen wie Bürgermeister-Job & mehr
- unter dem Strich eher wenig Fortschritt
- aus technischer Sicht nur durchschnittlich
- erste Stunden sind mal wieder unnötig zäh
Tim hat Animal Crossing: New Leaf auf dem Nintendo 3DS gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt.


#1 | 7. Juni 2013 um 14:39 Uhr
Genau genommen geht Animal Crossing aber mit diesem Teil in die fünfte Runde, gab noch einen N64-Teil, der ist allerdings nur in Japan erschienen.
Weiter so!