Call of Juarez: Gunslinger - Review

Ganz ehrlich? Ich hätte niemals geglaubt, dass ich jemals wieder die Gelegenheit bekommen würde, ein neues Call of Juarez zu spielen. Was ich nach dem schrecklichen Fiasko namens The Cartel aber noch weniger erwartet hatte, war ein gutes neues Call of Juarez. Aber das ist ja das Schöne an der Spielewelt: Es gibt immer wieder kleine und große Überraschungen und mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, an dem Publisher mehr Risiken eingehen können, indem sie ihre Spiele eben etwas runterskalieren und dann digital veröffentlichen. So wie Call of Juarez: Gunslinger. Das ist nämlich - wider Erwarten - ein Western-Spektakel erster Güte geworden. Und es darf den Namen Call of Juarez zu recht im Titel tragen. Bühne frei für Cowboys, Colts und coole Sprüche!

Danke, Ubisoft. Wirklich: Danke, dass ihr an die Marke Call of Juarez geglaubt habt, danke, dass ihr sie auf solch wundervolle Weise wiederbelebt habt. Erst Far Cry 3: Blood Dragon, jetzt dieser wahnwitzige Western: Eure digitale Sparte ist auf einem superben Weg - und ich möchte mehr von dieser Sorte an Spielen sehen!

Jetzt ist es raus. Wer es nach dem Teasertext noch nicht verstanden hat, der weiß es spätestens jetzt: Ich bin rundum zufrieden und glücklich mit Call of Juarez: Gunslinger und würde über ca. sechs Stunden hinweg wunderbar unterhalten. Im Gegensatz zum missratenen The Cartel sprüht Gunslinger nur so vor Atmosphäre. Wenige Spiele fühlen sich so sehr nach Western an wie dieses hier; Red Dead Redemption vielleicht, ansonsten fällt mir außer dem ersten Call of Juarez und dem Nachfolger Bound in Blood keines ein. Und das Schönste an Gunslinger ist, dass es nicht einfach ein weiterer Ableger nach dem Erfolgsrezept der ersten beiden Teile geworden ist, sondern ein Spiel, das seinen ganz eigenen Charme besitzt und das trotz spielerischer Einbahnstraße vor allem "erzählerisch" Zeichen setzen kann. Doch bevor ich euch an dieser Stelle schon das Fazit vorwegnehme - alles der Reihe nach. Es war einmal ...


Call of Juarez: Gunslinger


Moorhuhn im Wilden Westen: Ausufernder Spaß trotz spielerischer Einbahnstraße



Die Geschichte von Silas Greaves beginnt dort, wo sie endet: in einer Bar. Hier beginnt das Spiel, aber hier endet auch die Geschichte. Klingt zunächst falsch, hat aber durchaus seine Richtigkeit, denn in Call of Juarez: Gunslinger spielen wir nicht "in Echtzeit", sondern durchleben die Erinnerungen und Erzählungen von ebenjenem Silas Greaves - einem gerissenen Kopfgeldjäger, der gleich zweierlei tolle Talente besitzt. Erstens: Er kann verdammt gut mit Schießeisen jeglicher Art umgehen. Und zweitens ist er richtig gut darin, Geschichten zu erzählen und sie mit Spannung und Atmosphäre auszuschmücken, auch wenn er mitunter ein wenig zur Übertreibung neigt. So werden aus einer Handvoll Ganoven schon einmal mehrere Dutzend Indianer, die er ganz alleine umgelegt hat. Und er bedeutet in diesem Fall ich, denn da ich bekanntlich die Erzählungen von Silas "nacherlebe", muss ich mich auch plötzlich gegen diesen Haufen an Rothäuten behaupten. Während ich die Indianer also nach Strich und Faden in Zeitlupe niedermähe, mischt sich aber ein anderer Gast in der Bar ein und meinte, das wären doch viel zu viele Feinde gewesen, und außerdem habe er doch eigentlich von gewöhnlichen Ganoven gesprochen. "Ja, stimmt", sagt Silas, "wie komme ich nur auf Indianer?" Und zack, da sind 20 Indianer verschwunden und die restlichen fünf Gegner verwandeln sich wieder in die Raufbolde, von denen Silas ursprünglich erzählt hatte. Die Idee hinter der Nacherzählung ist spitze, die Umsetzung mindestens genauso gut - und das über die gesamte Spielzeit hinweg. Es warten immer wieder Überraschungen.

So vergehen die knapp sechs Stunden Spielzeit fast wie im Flug, während man eine Geschichte nach der anderen nacherlebt. Obwohl Call of Juarez: Gunslinger im Kern nichts weiter ist als ein Einbahnstraßen-Shooter ohne jegliche Abwechslung abseits der Ballereien, macht es einfach einen Heidenspaß. Das liegt einerseits natürlich an der hervorragend funktionierenden Spielmechanik, die - im Gegensatz zu The Cartel - gar nicht erst anstrebt, das Gameplay durch irgendwelche blöden Ideen wie Fahrsequenzen oder ähnliches aufzupeppen. Hier wird einfach nur geballert, gefeuert, das Pulver verschossen, bis sich die Leichen stapeln. Es ist Moorhuhn im wilden Westen: Ein Treffer, ein Toter, zwei Treffer, zwei Tote. Die Gegner halten nicht viel aus, wenn man sie richtig erwischt, und das gleiche gilt auch für Silas selbst.


Call of Juarez: Gunslinger


Im Duell mit Butch Cassidy, Kid Curry, Pat Garrett und den Dalton-Brüdern



Garniert wird das Spektakel durch eine feine Bullet-Time und ein seichtes, aber funktionelles Deckungssystem. Im Laufe des Spiels sammelt man zudem XP, mit denen man sich kleine und große Boni kaufen kann: größere Magazine, stärkere Schusskraft, verkürztes Nachladen und alles andere, was eben so zum Standard gehört. Rein spielerisch ist Gunslinger also alles andere als eine Offenbarung. Es ist die Präsentation, die das Spiel so antreibt, und die ist hier ebenso stark wie in Far Cry 3: Blood Dragon. Man streift durch ausgewachsene Canyons, durch sumpfige Geisterstädte, erkundet einen Friedhof, ein Schiff und natürlich auch eine klassische Mine - besonders gut haben mir aber die Kapitel im Zug und in der Höhle des Indianer-Medizinmannes gefallen. Visuell gibt es mehr als genug Abwechslung. Außerdem sieht das Spiel insbesondere für einen Download-Titel wirklich toll aus. Zumindest gilt das für die von mir gespielte PC-Version, die XBLA- bzw. PSN-Umsetzungen habe ich nicht ausprobiert.

Cool und auf jeden Fall erwähnenswert sind noch die Bosskämpfe und/oder Duelle, die einen am Ende eines jeden Kapitels erwarten. Dann fordert man einen der Western-Helden vergangener Tage zum Kampf heraus: Pat Garrett, Butch Cassidy oder andere. Wenn es zu einem Bosskampf kommt, tritt man meist in einer runden Arena gegen den Feind an und muss seinen Angriffen eben geschickt ausweichen, um dann selbst loszuballern; in einem Duell dagegen gilt es, Fokus und Schnelligkeit bei der Handbewegung mittels leichter Analogstick-Bewegungen auf eine hohe Prozentrate zu bringen und dann rechtzeitig die Waffe zu ziehen. Die Duelle sind mit die spannendsten Momente im Spiel - und wer mag, darf sich nach der Story noch an einem speziellen Duell-Modus versuchen, indem man alle Duelle der Reihe nach noch einmal bewältigen muss, dabei aber nur fünf Versuche übrig hat. Einen Multiplayermodus gibt es Gunslinger nicht und um ehrlich zu sein, ich habe ihn auch nicht wirklich vermisst. Für gerade mal 15€ bietet das vierte Call of Juarez gut 5-6 Stunden tolle Singleplayer-Qualität und das ist bei dem Preis durchaus viel. Ob es da noch einen Multiplayer gebraucht hätte? Nö.



Tim

Fazit von Tim:

Hachja, was hatte ich den Wilden Westen doch vermisst! Es gibt einfach viel zu wenige Videospiele, die das Zeitalter der Cowboys, Siedler und Indianer thematisieren - Red Dead Redemption ist immerhin schon drei Jahre alt und seitdem gab es eigentlich kein brauchbares Western-Spiel mehr. Aber jetzt ist ja Call of Juarez: Gunslinger da, das mir genau das bietet. Natürlich: Rein spielerisch ist das nicht mehr als ein typischer, altmodischer, gewöhnlicher Einbahnstraßen-Shooter. Durch seine außergewöhnlicher Präsentation und die interessante Erzählstruktur wird er aber zu etwas Besonderem. Und das ganze Drumherum stimmt ja sowieso: Die Spielzeit geht mit gut gefüllten 5-6 Stunden voll und ganz in Ordnung, die Technik ist überzeugend, der Spielspaß hoch und die musikalische Untermalung passt wie die Faust aufs Auge. Ich glaube, dass man für 15€ kaum etwas falsch machen kann. Wer auch nur einen Funken Interesse für den Wilden Westen übrig hat und sich mit Shootern anfreunden kann, der sollte auf jeden Fall mal in Call of Juarez: Gunslinger reinschauen. Es wird sich lohnen!

Für gerade einmal eine Handvoll Dollar Euro bekommt ihr hier eine Shooter-Achterbahn, die die Seele des Wilden Westens perfekt einfängt und sie darüber hinaus mit erzählerischer Innovation würzt. Eigentlich kann man hier überhaupt nichts falsch machen.

Besonders gut finde ich ...
  • simples, klassisches, schnelles Shooter-Gameplay
  • hübsche & durchaus abwechslungsreiche Szenarien
  • interessante Erzählstruktur mit Überraschungen
  • spannende Duelle gegen echte Western-"Helden"
  • tolle Musikuntermalung sorgt für Atmosphäre
Nicht so optimal ...
  • linearer Spielverlauf, eigentlich nur Geballer
  • Bosskämpfe hätten interessanter sein können

Tim hat Call of Juarez: Gunslinger auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

Call of Juarez: Gunslinger - Boxart
  •  
  • Entwickler:Techland
  • Publisher:Ubisoft
  • Genre:Action
  • Plattform:PC, PS3, Xbox360, Switch
  • Release:22.05.2013
    (Switch) 10.12.2019

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