Remember Me - Review
Memory Remixes, Erroristen & Amnesie im Neo-Paris der Zukunft ...
Remember Me. Die ersten Assoziationen mit dem Namen gehen in die falsche Richtung: Hier gibt es keinen "Sparkling Vampire" Robert Pattinson und keine schnulzige Love-Story, sondern actionreiche Abenteuer-Kost im Neo-Paris des Jahres 2084. Erinnerungen werden als Waren gehandelt, die Zivilisation wird von der Organisation Memorize unterdrückt. Das Action-Adventure von Capcom und Dontnod Entertainment ist zweifellos das bessere Remember Me der beiden - für die Krone im Videospiel-Sektor reicht es trotzdem nicht. Wieso Nilin dennoch eine Lady ist, die man als Fan von Uncharted, Batman und Mass Effect kennenlernen sollte, das verrät euch meine Review.





Auf der Suche nach Erinnerungen, der eigenen Identität und spielerischer Freiheit
Anders als man es auf den ersten Blick vielleicht denken würde, ist die Welt von Remember Me nicht offen - stattdessen wird man in klassischer Uncharted-Manier durch acht Episoden geführt. Ich werfe hier einfach mal das Wort "Schlauchlevel" in den Raum, dann wisst ihr, was ihr zu erwarten habt. Und damit haben wir eines der Kernprobleme von Remember Me auch schon auf den Punkt gebracht: Es ist linear und geradlinig, bietet dem Spieler keinerlei Perspektive auf Freiheit, lässt ihm keine Wahl, wenn es um Wegführung oder Erkundung geht. Neo-Paris ist eine selten schöne und höchst interessante Sci-Fi-Stadt, die jedoch nicht mehr ist als eine statische Kulisse. Das Szenario hätte potentiell das Zeug dazu gehabt, ein neuer Schauplatz im Stil von Columbia aus BioShock Infinite oder Dunwall aus Dishonored zu werden, allerdings bleiben das Träumereien meinerseits. Zumindest im ersten Teil von Remember Me (ich gehe nach dem Ende doch mal stark von einer Fortsetzung aus) bleiben mir die Türen zu Neo-Paris verschlossen und ich muss mich auf den vorgegebenen Wegen bewegen. Das machen Uncharted & Co. nicht anders, mag der eine oder andere hier vielleicht anmerken, und das ist definitiv richtig, aber während Nathan Drake durch zig verschiedene Schauplätze wandert, ist Nilin die gesamte Spielzeit über nur in der französischen Hauptstadt unterwegs. Da hätte man nicht nur mehr draus machen können, man hätte mehr draus machen sollen. Natürlich bietet auch BioShock Infinite keine offene Spielwelt, aber dort hat man das Gefühl, dass die Welt lebt, atmet, dass Dinge geschehen, die man nicht aktiv mitbekommt. In Remember Me dagegen ... wirkt vieles einfach tot. Was sehr schade ist.
Und trotzdem ist das fiktive Universum von Remember Me ganz klar der heimliche, nein, der offensichtliche Star des Spiels. Denn während die Spielmechanik sich wie eine "zusammengeklaute" Mischung aus Uncharted, Assassin's Creed und Batman: Arkham City anfühlt und damit ganz und gar nicht für Begeisterung sorgen kann, hat mich die Geschichte von Nilin und der Organisation Memorize vor allem gegen Ende irgendwie doch in ihren Bann gezogen. Ich für meinen Teil kannte eine solche Zukunftsvision, in der die Erinnerungen von Menschen als Waren gehandelt werden, noch nicht und war demzufolge doch erstaunt, als ich erkannt habe, dass hinter der Story tatsächlich weit mehr Substanz steckt als ich vermutet hatte. Menschen werden ihre Erinnerungen geraubt, Erinnerungen werden verändert ("geremixed") und neu implementiert, Testsubjekte verkommen zu psychisch kranken Leapern ohne Gewissen und Gedächtnis - es tobt ein Bürgerkrieg auf den Straßen von Neo-Paris und in den verdreckten Slums dieser Stadt, und Nilin steht als Memory Hunter irgendwo zwischen den Fronten.
Wer ist dieser mysteriöse Edge, der ihr ihre Anweisungen zusendet und sie durch das Abenteuer führt? Was verbirgt sich wirklich hinter der Organisation Memorize? Und vor allem: Wer ist Nilin eigentlich selbst? Fragen über Fragen, die die Story nach einem Durchhänger in der Mitte gegen Ende allesamt beantwortet - auf eine für mich doch zufriedenstellende Art und Weise, die sogar Hoffnung darauf macht, dass das Abenteuer fortgesetzt wird. Remember Me ist eines dieser Spiele, von denen ich behaupte, dass sie unbedingt ein Sequel brauchen. Das Fundament haben Dontnod und Capcom aufgebaut, jetzt muss das Feintuning ran. Mit der richtigen Behandlung halte ich sogar einen Sprung wie bei Assassin's Creed für denkbar. Denn auch wenn es Spaß macht - es ist noch viel Luft nach oben ...





Ein bisschen Batman, ein wenig inFamous, etwas hiervon, noch etwas davon ...
Die Spielmechanik selbst ist nicht einmal so verkehrt, denn die Mischung aus semi-automatisiertem Klettern im Stil von inFamous oder Uncharted und flinken, mehr oder weniger dynamischen Kämpfen nach dem Freeflow-Vorbild von Batman: Arkham City bzw. Arkham Asylum macht durchaus Laune. Das Problem ist allerdings, dass sich das Klettersystem traditionell von selbst spielt und die Kämpfe zu schnell eintönig oder gar langweilig werden. Mit dem Combo Lab hatten die Entwickler definitiv eine coole Idee, aber das Potential wird nicht ausgeschöpft. Der Plan, dem Spieler selbst die Wahl zu überlassen, wie er seine Combos gestaltet, ist gut, die Umsetzung dagegen zu oberflächlich. Vier verschiedene Angriffstypen lassen sich in vier Tastenkombinationen, also vier Combos einsetzen - die unterschiedlichen "Impressons" haben dabei auch spezifische Effekte. Ein Beispiel. Eine Combo besteht aus folgenden Tasten: X, Y, Y, X, Y, Y. Nun kann ich jeder Taste nach dem ersten Befehl ein Impresson, also einen Angriff, zuweisen. Kraft-Impressons sorgen für besonders viel Schaden, regenerative heilen Nilin wieder, Ketten-Impressons verstärken die Wirkung des vorhergegangenen Effekts und die lila Impressons verkürzen die Aufladezeit für Nilins Spezialangriffe. Ich habe zweifellos viel Zeit im Combo Lab verbracht, um die richtigen Combos für mich zu finden, aber die Zahl der Tastenreihen und Impressons ist einfach zu klein, als dass richtige Komplexität und Tiefe in das System gelangen könnte.
Spaß machen die Kämpfe aber auf jeden Fall, auch wenn sie sich zu keiner Zeit so flüssig und dynamisch anfühlen wie in den Batman-Spielen. Zu direkt ist dafür die Eingabe-Erkennung, zu ungenau das Ausweichsystem - und außerdem kann man eine Combo nur an einem einzelnen Gegner ausführen und nicht während des Angriffs zwischen den Feinden hin- und herwechseln. Das hat mich mit Abstand am meisten am ganzen Kampfsystem gestört, da die meisten Gegner einfach zu wenig aushalten, damit ich meine schöne Acht-Schritt-Combo zu Ende führen kann. Gut gefallen hat mir dagegen die Balance im Spieldesign: Man wird nicht ständig in eine Arena nach der anderen geworfen, sondern hat zwischendurch immer wieder ruhige Passagen, in denen es nur gilt, die Umgebung anzuschauen, zum nächsten Zielpunkt zu klettern oder hier und da ein kleines, meist recht einfaches Rätsel zu lösen.
Ab und an gibt es auch die so genannten "Memory Remixes", eine Art Puzzle, die nicht von ungefähr an das NDS-Abenteuer von Ghost Trick erinnert, ebenfalls aus dem Hause Capcom. Hier musste ich die Erinnerungen von diversen Subjekten beeinflussen, um das Ende der Geschehnisse zu verändern. Beispielsweise musste ich dafür sorgen, dass der Arzt einen Patienten bei einer Erinnerungs-Transplantation tötet anstatt den Eingriff erfolgreich zu beenden. Hierfür spult man die Erinnerung quasi zurück und sucht nach Objekten, mit denen man interagieren kann: nach einem Skalpell, einem bewegbaren Tisch, einem Schalter ... und auch wenn das Ganze letztlich zu sehr zu einem Ratespiel ausartet: Die Memory Remixes gehören zu den Stärken von Remember Me. Und hier spürt man, dass das Spiel doch eine eigene Identität besitzt und sich eben nicht alles nur "zusammengeklaut" hat.
Innerhalb der acht Episoden des Spiels warten selbstverständlich auch einige Bosskämpfe auf Nilin, die in meinen Augen allerdings allesamt eher mäßig ausgefallen sind - weder spielerisch noch inszenatorisch sind sie gut genug, um sich vom Rest des Spiels abzuheben. Und wie es sich für das Genre fast schon gehört, gibt es zum Abschluss eines jeden Bossfights natürlich eine Reihe an Quick-Time-Events. Abgesehen davon verschont Remember Me uns aber mit diesen selten nervigen Reaktionstests - danke dafür! Großes Lob gebührt übrigens dem hervorragenden Soundtrack, der auf interessante Weise elektronische Musik mit Streichinstrumenten vermischt. Ich hätte niemals gedacht, dass ein so seltsamer Mix aufgehen kann, aber die Musik hier klingt absolut spitze. Was leider nicht für die deutsche Sprachausgabe gilt, die, freundlich ausgedrückt, durchwachsen auffällt. Zumindest auf der Xbox 360 kann man aber jederzeit zum englischen Original umsteigen. Zur Technik gibt es an sich nicht allzu viel zu sagen. Es ist ein Spiel für die "alte" Xbox 360 und grafisch dort kein Meilenstein mehr, sieht aber durchaus schick aus und bietet einige hübsche Panoramen, während man im Vordergrund an Häusern und Leitern entlangklettert. "Das Übliche", was man im Genre eben erwarten kann, und das ist bei weitem nicht negativ gemeint. Ich denke, ihr wisst, worauf ich hinaus möchte. Daneben ist das Spiel auch für die PS3 und den PC erschienen, eine Version für die Xbox One / PS4 ist indes nicht angedacht.
Fazit von Tim:
Nein, Remember Me ist nicht der erhoffte Hit geworden, und es lässt wirklich viel von dem Potential verstreichen, das es definitiv besitzt. Allerdings gibt es kaum ein Spiel, bei dem ich mir so sehr einen Nachfolger wünschen würde wie dieses hier. Nahezu alles erinnert mich - im übertragenen Sinne - an das erste Assassin's Creed: Das Szenario ist spannend, die Spielmechaniken interessant, die Story ein Mix aus neu und alt - und obwohl man Spaß daran hat, besteht noch enorm viel Luft nach oben. Wenn ihr mich hört, Capcom: Bitte gebt mir ein Remember Me 2! Drückt Dontnod die Erlaubnis in die Hand, ein Sequel zu entwickeln, und lasst ihnen alle Zeit der Welt, um das Spiel zu evolutionieren. Macht die Levels größer, das Combo Lab tiefer, macht die Welt offener und die Steuerung direkter. Arbeitet an all dem und an den kleinen Details, dann hat auch Remember Me das Zeug dazu, noch ein ganz großes Spiel zu werden. Im ersten Anlauf hat es nicht ganz geklappt, aber jeder verdient eine zweite Chance und jetzt wo das Fundament steht, geht es um das Feintuning. Ich hatte trotz anfänglicher Skepsis viel Spaß mit dir und deinem Abenteuer im Neo-Paris der Zukunft, liebe Nilin. Remember you soon!
Stilistisch und akustisch über alle Zweifel erhaben, spielerisch dagegen lässt Remember Me einige Wünsche offen. Es verbindet große Namen wie Uncharted und Batman, kommt aber nicht an die starken Vorbilder heran. Dennoch: Unterhaltsam ist das Abenteuer mit Nilin auf alle Fälle - und es verdient einen guten Nachfolger, der seine Fehler korrigiert!
- höchst interessanter und exotischer Schauplatz
- vor allem gegen Ende recht spannende Handlung
- gutes Kampfsystem mit sehr coolem Combo Lab
- angenehme Balance aus Kämpfen und Klettern
- tolle, wenn auch zu wenige Memory Remixes
- hervorragender Soundtrack passt wunderbar
- zu wenig Tiefe in Kampfsystem & Combo Lab
- Combos nur an einem (!) Feind durchführbar
- gewöhnungsbedürftiges Nilin-Laufverhalten
- erzählerische Streckung in der Spielmitte
- Schlauchlevels statt offenen Umgebungen
Tim hat Remember Me auf der Xbox 360 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Capcom zur Verfügung gestellt.


#1 | 17. Juni 2013 um 22:00 Uhr
#2 | 14. April 2015 um 03:26 Uhr
Aktuell arbeiten Dontnod ja an Life is Strange und dem Vampyr-RPG.