Rain - Review
Wenn der Regen mit auf der Couch sitzt
Wie Sony das aber auch immer hinbekommt: Kaum habe ich rain gestartet, schon beginnt es tatsächlich zu regnen. Gut, es könnte natürlich auch an dem mehr als durchwachsenem Wetter der letzten Tage liegen, aber ich gehe lieber von der romantischeren Vorstellung aus. Davon abgesehen sollte man rain auch nur zu solchen Zeiten spielen, denn während es harmonisch auf die Fensterscheiben tropft, verdichtet sich die Atmosphäre und wird fast schon greifbar.





Das Mädchen vor lauter Regen nicht sehen
Da könnt ihr sagen was ihr wollt, aber ein Morgen, an dem es bereits stetig und ohne Unterlass regnet, ist kein Guter. Schaut man dann noch aus dem Fenster und sieht ein kleines Mädchen im Regen vor einem Monster weglaufen, scheint die Welt nicht mehr ganz in Ordnung zu sein. In der Gestalt eines kleinen Jungen springt der Spieler spontan aus den warmen Federn, um die holde Maid zu retten. Doch die Spur des Mädchens verliert sich in einer Seitengasse, kurz vor einem größeren Tor. Mutig schreiten wir hindurch und ahnen nicht, dass wir längere Zeit in dieser unbekannten und doch etwas merkwürdigen Stadt verweilen müssen. Schnell steht fest, dass nicht nur die gesamte Stadt seit mehreren Monaten verlassen scheint, auch können wir so sehr winken, hüpfen und schreien wie wir wollen, das namenlose Mädchen bemerkt uns nicht. Könnte vielleicht daran liegen, dass sämtliche Charaktere nur durch eine Silhouette erkennbar sind und das auch nur direkt im Regen. Ist einem das klar, beginnt eine wundersame Reise durch die verregneten Straßen, immer auf der Suche nach dem Mädchen, um eine Lösung für das "Unsichtbarkeitsproblem" zu finden.
Die Spielwelt von rain ist ähnlich düster, wie sich die Emotionen anfühlen, wenn an Regen gedacht wird. Zwar erwartet den Spieler keine Highend-Grafik, aber die Atmosphäre und das Gefühl, was die Macher erreichen wollten, wird von Beginn an transportiert: Graue Häuser und Straßen, Barrikaden an allen Ecken und Enden, verwahrloste Gebiete und zerstörte Monumente, wo fiese Monster gewütet haben. Alle Ecken schreien gerade zu nach Hoffnungslosigkeit. Zwar gibt es stellenweise farbige Blumen oder eine aufgerissene Wolkendecke, doch so schnell wie ein Lichtblick auftaucht, verschwindet er wieder. Im Verlauf von rain nimmt die Tristesse sogar weitere Formen an, welche fast schon an The Unfinished Swan erinnern. Kahle Wände, keine Details und klare Linien gehören dann zum Stadtbild. Gemeinsam mit den sehr harmonischen Klavierstücken baut rain eine Welt auf, die einem einfach unter die Haut geht. Dies wird noch verstärkt durch fehlende Soundeffekte. Man hört zwar Fußtritte und das Plätschern des Regens, ansonsten ist die handgezeichnete Welt eher still. Nützliche Hinweise oder die Geschichte werden in reiner Textform innerhalb des Spielgeschehens präsentiert, wobei das Intro und Outro durch wunderschöne Bilder im passendem Aquarell-Stil glänzen.





Regenschirm? Fehlanzeige!
Die Suche nach einem Ende der Regenzeit wird vor allem mittels Laufpassagen durch die verregnete Stadt gemeistert. Stellenweise befindet sich der junge Bursche auf der Flucht vor ebenso durchsichtigen Monstern, manchmal gilt es Rätsel zu lösen. Um weiter zu kommen müssen Kisten verschoben, die Fähigkeiten der Gegner ausgenutzt oder aber mit fiesen Tricks diese in eine Falle gelockt werden. Dank Dächern oder Nischen können wir aus dem Regen verschwinden und werden dadurch nicht nur für uns selber, sondern auch für Gegner unsichtbar. Gerade mit diesem Element werden viele sonst unmöglich zu bewältigende Passagen gemeistert: Unter einem Dach kann der Wolf (zumindest sehen manche so aus) euch nicht sehen, reagiert aber auf Krach und lässt sich so weglocken. Alternativ ist auch eine Puppe praktisch - einfach an einen Ort gelegt und schon versammelt sich die angriffslustige Meute, während wir unbemerkt an ihnen vorbeimarschieren. Eine nette Idee, wenn nicht schnell klar werden würde, dass rain immer nach dem gleichen Prinzip funktioniert: Monster, wir müssen uns verstecken und sie weglocken, weiter geht es. Highlight sind da diese Stellen, an dem es Teamwork heißt und wir mit dem Mädchen gemeinsam Rätsel lösen müssen. Schade nur, dass der Schwierigkeitsgrad generell nicht so hoch ist, da sich alles in den linearen Level in unmittelbarer Umgebung befindet. Wirkliche Entscheidungsfreiheiten oder Backtravelling gibt es nicht.
Dennoch wird das Spiel selten eintönig, da die Geschwindigkeit viel zu hoch ist und es selten Phasen des planlosen Spazierens gibt. Gleichzeitig patrouillieren die Geschöpfe der Nacht an allen Ecken und wollen immer wieder auf neue Wege ausgetrickst werden. Dabei gibt es verschiedene Arten an Monstern, welche das Spielprinzip zudem abwechslungsreich gestalten. Ganz nach dem Motto "Der Feind deines Feindes ist dein Freund" helfen einem manche sonst böse Kreaturen sogar. Rain verzichtet während des gesamten Spiels auf Items, welche die Authentizität zerstört hätten. Dementsprechend muss gut auf sein Leben aufgepasst werden, da einen sonst die Nacht einholt. War der Stealth-Bereich doch zu schwierig, kann direkt am günstig gesetzten Checkpoint neubegonnen werden. Hilft auch das nicht, lassen sich über die Select-Taste nützliche Hinweise anzeigen, wenn man denn will.
Nach dem Ende des Spiels ist bekanntlich vor dem Spiel und auch in rain gilt es weitere Dinge zu entdecken. Sicherlich, versteckte Erinnerungen hätte man auch direkt in das Spiel einbauen können, aber so wird man dazu veranlasst ein weiteres Mal zu spielen. So tauchen stellenweise an recht fiesen Stellen leuchtende Blasen auf, die handgezeichnete Bilder mit der Hintergrundgeschichte unseres jungen Paars beinhalten. Per einzelner Kapitelauswahl lässt sich so das Abenteuer Etappenweise erneut genießen.
Fazit von Lenela:
Auch wenn die Geschichte von rain recht einfach gestrickt ist und auch das Gameplay wenig Herausforderungen bietet, kann der Download-Titel vor allem durch die Erzählweise sowie die unglaublich dicht verpackte Atmosphäre punkten. Es kommt selten vor, dass ich mit Gänsehaut vor dem Bildschirm sitze und gar nicht genug bekommen kann. Und das obwohl ich Regen hasse und es mich zutiefst deprimiert. 12,99 Euro sind sicherlich nicht gerade billig, vor allem aufgrund der recht kurzen Spielzeit (ca. vier bis sechs Stunden). Die Entwickler schaffen es jedoch die Zeit optimal zu nutzen und gerade dann, wenn vielleicht Eintönigkeit auftaucht, neue Elemente einzubauen. Hier können sich manche Spiele etwas abschauen. Insbesondere Liebhaber von Spielen, die speziell durch ihre Geschichte binden, werden an rain ihre wahre Freude haben und können sicherlich Stunden damit verbringen, hinter die Geschichtsbedeutung des Titels zu kommen.
- Packende Atmosphäre
- Fesselnde, nachdenklich-machende Geschichte
- Eingängiges Gameplay
- Gute Kameraführung
- Nettes Hinweissystem
- Widerspielwert durch versteckte Erinnerungen
- Gebiete sind recht linear
- Spielzeit eher gering
Lenela hat Rain auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Sony CEE zur Verfügung gestellt.


#1 | 4. Oktober 2013 um 23:21 Uhr