Sonic Lost World - Review

Irgendwie ist es doch immer das gleiche. Erst legt Sonic ein tolles Videospiel nach dem anderen hin, bevor irgendwann der Combobreaker folgt - ein Spiel, das zunächst verspricht, die Vorgänger zu übertrumpfen, und dann letztendlich doch auf dem harten Boden der Tatsachen landet. Dieses Mal ist es Sonic Lost World, das die Erfolgskette von Colours, Generations und All-Stars Racing: Transformed sprengt. Was hatte ich mich auf dieses farbenfrohe, wohklingende, wahnsinnig ambitionierte Abenteuer gefreut - mehr sogar als auf Super Mario 3D World! Doch Sonic wäre nicht Sonic, wenn er nicht nach fast jedem noch so beeindruckenden Höhenflug eine mal mehr, mal weniger schlimme Bruchlandung hinlegen würde. Lost World ist eine der weniger schlimmen Sorte, aber bleibt unter dem Strich eben doch eine Bruchlandung. Und das nur wegen der Steuerung!

Fassunglos sitze ich auf der Couch, das GamePad in der Hand, den Blick starr auf den "Game-Over"-Bildschirm gerichtet. Schon wieder? So langsam reicht es mir wirklich. Wie oft bin ich hier an dieser Stelle nun schon gestorben? 20 Mal? 30 Mal? Auf jeden Fall genau so oft, dass ich fünf Mal ganz von vorne beginnen musste, weil mir die Leben ausgegangen sind. Jedes Mal passiert das gleiche: Ich neige den Stick ein klein wenig nach rechts, bereite mich auf den Sprung über den Abgrund vor und zack, da schießt Sonic auch schon meilenweit über das Ziel hinaus und landet irgendwo im Weltall. Bis ich dieses Level und den Rest der "Frozen Factory" abgeschlossen habe, werden noch 2-3 frustige Stunden vergehen - und das für gerade mal vier verschiedene Levels samt Bosskampf, die jeweils eigentlich nur 6-8 Minuten dauern, bevor der Countdown abgelaufen ist und ich wieder ein Leben verliere. Wären solche Passagen, an denen selbst der hartgesottenste Spieler unter Garantie verzweifelt, Ausnahmen, dann hätte Sonic Lost World vielleicht noch ein gutes Spiel sein können. Doch leider gibt es viel zu viele von ihnen - und die Steuerung ist auch sonst alles andere als präzise. Und das ist extrem schade, weil sie ein eigentlich großartiges Jump'n'Run voller toller Ideen zu einer Durchschnittsnummer degradiert.


Sonic Lost World


Ja, was denn nun? Schnell oder langsam? Könnt ihr euch endlich mal entscheiden?



Sonic Lost World ist nicht unbedingt ein klassisches Sonic, sondern geht andere Wege - bereits daran werden sich so manche Fans beißen. Klar: Auch hier gibt es die traditionellen Levels, in denen der Igel mit einem Affenzahn durch die Gegend prescht, und auch die allseits bekannten 2D-Abschnitte sind mit von der Partie. Doch die meiste Zeit über ist Sonic nicht schnell unterwegs, sondern langsam. So langsam, dass es fast schon an die 3D-Marios erinnert. Und weil wir gerade dabei sind: Ja, Lost World hat viel mit Super Mario Galaxy gemeinsam, doch an diesem Vergleich wollen wir uns gar nicht groß aufhängen. Denn auch wenn man manchmal den Eindruck bekommen kann, dass das Sonic Team sich hier stark hat "inspirieren" lassen: Das Spiel besitzt auch seine ganz eigenen Ideen. Gute Ideen. Teilweise sogar fantastische Ideen! So zum Beispiel das generelle Spielkonzept nahezu sämtlicher 3D-Levels. Denn anders als die meisten Sonic-Spiele in der jüngeren Vergangenheit sind diese nicht linear, sondern bieten unglaublich viel Raum zum Erkunden, mehr, als man es von Sonic jemals gewohnt war.

Es lohnt sich nicht nur, die kugelrunden, zylinder-, kegel-, oder prismaförmigen Planeten zu umqueren, um Ringe zu sammeln, die seltenen roten Münzen zu ergattern oder bunte Tierchen zu befreien - es lohnt sich vor allem deshalb, weil es Spaß macht. Vor allem dann, wenn man nicht versucht, pfeilschnell hin- und herzurasen, sondern sich Zeit nimmt und langsam, ja gar vorsichtig vorgeht. Es braucht seine Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat, und es braucht noch mehr Zeit, bis die Steuerung halbwegs in Fleisch und Blut übergegangen ist - die könnte nämlich durchaus deutlich präziser sein. Aber hier, in den modernen Levels, funktioniert sie relativ gut. "Relativ gut", das ist selbstverständlich nicht gut genug, und wäre an sich schon ein riesiger Kritikpunkt, vor allem für ein Genre wie das Jump'n'Run, bei dem der Spieler absolute Kontrolle über seine Spielfigur haben muss. Doch hier ist relativ gut ein Lob. Moment Mal - wie kann "relativ gut" ein Lob sein? Ist der Tester jetzt völlig durchgeknallt? Nein ... aber wenn ihr einmal die Levels in Sonic Lost World gespielt habt, in denen die Steuerung überhaupt nicht (und zwar wirklich gar nicht) funktioniert, dann würdet auch ihr froh darüber sein, wieder zu einer "relativ guten" Handhabung wechseln zu dürfen, bei der ihr das Gefühl habt, der Herr über das Geschehen zu sein.

Von diesen eigentlich wunderbar erdachten, aber grauenvoll umgesetzten Levels gibt es viele - viel zu viele im Kontext des Spiels. Denn hier hat die Steuerung ein großes Problem. Sobald man mit Sonic sprintet bzw. sprinten muss, reicht es, den Analogstick ganz leicht zur Seite zu neigen, und schon driftet Sonic komplett in die jeweilige Richtung ab. Und als ob das noch nicht genug wäre, ist der Boden ausgerechnet in diesen sowieso schon schwierigen Levels auch noch mit Eis bedeckt oder besteht aus einem riesigen Sandstrom, auf dem Sonic entlangrutscht. Bremsen? Ist nicht, denn Sonic gleitet entweder graziös über das Eis und braucht mehrere Sekunden, um halbwegs zum Stand zu kommen, oder aber er kann überhaupt nicht anhalten, weil das Level es nicht erlaubt. Die Steuerung wird hier zum Fluch und zieht den Spielspaß in den Keller. Besonders schlimm wiegt in diesen Phasen auch noch die Tatsache, dass Sonic meist nur 2-3 Leben besitzt, und solltet ihr dann 2-3 Mal sterben, heißt es "Game Over" und zurück an den Anfang. So macht das einfach keinen Spaß, und ich als erfahrener Jump'n'Run-Spieler meine doch zu erkennen, was eine gute und was eine richtig verkorkste Steuerung ist. Das hier ist eine richtig verkorkste Steuerung, sorry, und ich bin richtig sauer darüber, weil genau diese Levels mit einem besseren Handling vielleicht mit die Highlights des Spiels hätten sein können.


Sonic Lost World


So viele Ideen, so viel Abwechslung - aber auch so viel ungenutztes Potential.



Das ist aber längst nicht das einzige Problem, mit dem Sonic in Lost World zu kämpfen hat. Da wären zum Beispiel noch die Bosskämpfe, die wohl die schlechtesten in der gesamten Seriengeschichte darstellen dürften. Nicht nur, dass sie einfallslos und langweilig sind - sie sind auch noch viel zu einfach und mit einem kleinen Trick kann man manche von ihnen allen Ernstes in unter zehn Sekunden (!) beenden! Sonic beherrscht nämlich neben einem neuen Kick seine klassische Homing-Attacke, die dieses Mal aber bis zu vier Mal aufgeladen werden kann, wenn man den Gegner längere Zeit anvisiert. Und das funktioniert auch bei den Bossen, sodass man ihnen mit einem Schlag vier von sechs Leben abziehen kann. Einerseits natürlich selten blöd designt - andererseits war ich froh, mich nicht länger mit den armseligen Kämpfen plagen zu müssen. Wirklich tödlich sind die "Deadly Six" also nicht und obendrein sehen sie noch ziemlich bescheuert aus und hören sich ebenso bescheuert an. Die deutschen Stimmen, das Charakter-Design, die Dialoge und Zwischensequenzen der Story, all das ist Material zum Fremdschämen, aber immerhin überspringbar und glücklicherweise nicht wirklich von Bedeutung für das eigentliche Spiel, das ja sowieso schon genug Probleme hat - mehr als genug, um ehrlich zu sein.

Ein weiterer Punkt auf der Liste sind die aus Sonic Colours zurückkehrenden Wisps und ihre Spezialfähigkeiten, mit denen Sonic zum Beispiel als Rakete in den Himmel schießen, als Drill durch den Untergrund bohren oder als Laserkugel durch Hindernisparcours flitzen kann. Denn die wurden in Lost World fast ausnahmslos nicht nur mit einer dämlichen Gyro-Steuerung belegt, sie wirken auch generell überflüssig und fehl am Platz, zumal man sie bis auf wenige Passagen nicht einmal braucht, um das Ziel zu erreichen. So vieles, was man an Sonic immer mochte, wird hier weggelassen oder ist unterrepräsentiert - wie die Grindschienen, die genau zwei Mal im ganzen Spiel vorkommen (Tropical Coast & Lava Mountain). Ironischerweise schlägt sich Sonic aber ausgerechnet dann noch am besten, wenn es sich nicht an alten Tugenden, sondern eben an klassischen 3D-Marios orientiert. Dort hat Lost World auch seine stärksten eigenen Ideen. Beispielsweise dann, wenn man einen überdimensionalen Apfel in ein rotierendes Messer rollen muss, um mit der Saft-Fontäne zum nächsten Planeten zu reisen. Oder dann, wenn man als Schneekugel über enge Plattformen rollt und die eingesammelten goldenen Ringe nicht direkt auf das Konto gehen, sondern bis zum nächsten Checkpoint am Eis kleben bleiben. Oder auch dann, wenn riesige Raupen einen kugelrunden Planeten durchbohren und Sonic sie eine nach dem anderen durch Sprünge auf den Kopf ausschaltet. Abwechslung ist en masse vorhanden, kreative Ideen gibt es am Fließband, nur ist die Umsetzung nicht immer so gelungen, wie man es gerne hätte.

Trotz all der oben genannten Kritikpunkte macht Lost World die meiste Zeit über aber dennoch Spaß - nicht so viel wie Generations vor zwei Jahren, aber immer noch genug, dass man die Wii U nicht gleich ausschalten und das Spiel verkaufen will. Was Spielmechanik und Steuerung an Feintuning fehlt, das bieten dafür Grafik und Musik im Überfluss. Der Soundtrack ist zwar ebenfalls schwächer als der von Generations und Colours, aber für sich genommen trotzdem große Klasse. Und an der grafischen Front gibt es eigentlich abseits des Designs der Deadly Six überhaupt nichts zu meckern. Die verlorene Welt sprüht nur so vor Farben und an manchen Stellen wie den Spiegelungen beim Bosskampf in der zweiten Zone der Wüste, da lässt die Wii U auch ein bisschen ihre technischen Muskeln spielen.



Tim

Fazit von Tim:

Reden wir gar nicht lange um den heißen Brei herum und schlucken die Worte so, wie sie gesagt werden müssen: Sonic Lost World ist ein visuell beeindruckendes, akustisch tolles, spielerisch aber nur halbgares Jump'n'Run, das viele seiner großartigen Ideen mit einer einzigartigen Leichtigkeit gegen die Wand fährt. Dass dem Sonic Team nicht aufgefallen ist, dass sich der Igel in etwa 25% der Levels kaum präzise steuern lässt, ist mir ein absolutes Rätsel. Gerade für mich, der immerhin sogar das viel kritisierte Sonic Unleashed mochte, ist das ein echter Stich ins Herz. Ich hatte mich riesig auf dieses Spiel gefreut, schließlich sah es in den Trailern immer super aus, doch das Endergebnis ist eine Enttäuschung. Im einen Level hat man riesigen Spaß und steuert den Igel elegant und bequem durch die dreidimensionalen Planetenwelten, im nächsten wiederum fasst man sich vor Fassungslosigkeit über das fünfte oder sechste Game Over an den Kopf. All die schönen Kulissen, das wirklich starke Leveldesign, der stimmungsvolle Soundtrack, die guten Ideen, aus all dem hätte man so viel mehr rausholen können, wenn die Qualität der Steuerung nicht so massiv schwanken würde. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich Sonic nach diesem Rückschlag erneut aufrappeln kann.

Lost World ist ein Spiel voller großartiger Ideen, die zum Teil sehr gut, zum Teil aber auch grauenvoll umgesetzt werden - und das starke Leveldesign leidet unter einer unpräzisen Steuerung. Schade, dass Sonic nicht an die Qualität von Colours & Co. anknüpfen kann!

Besonders gut finde ich ...
  • prächtige Planetenwelten á la Mario Galaxy
  • großartiges Leveldesign (speziell die 3D-Levels)
  • völlig unterschiedliche Wege führen zum Ziel
  • tonnenweise Abwechslung und viele gute Ideen
  • toller Soundtrack bietet zahlreiche Ohrwürmer
Nicht so optimal ...
  • gewöhnungsbedürftiges bis miserables Handling
  • fast ausnahmslos nur überflüssige Wisp-Kräfte
  • die blödesten Bosskämpfe in Sonics Geschichte
  • Story & Zwischensequenzen zum Fremdschämen
  • gelegentlich bricht die Framerate stark ein

Tim hat Sonic Lost World auf der Nintendo Wii U gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Sega zur Verfügung gestellt.

Sonic Lost World - Boxart
  •  
  • Entwickler:Sonic Team
  • Publisher:Sega
  • Genre:Jump'n'Run
  • Plattform:PC, WiiU, 3DS
  • Release:18.10.2013
    (PC) 02.11.2015

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