Bravely Default - Review 2

Der Nintendo 3DS hatte 2013 ein schlicht fantastisches Jahr: Von Fire Emblem: Awakening über Luigi's Mansion: Dark Moon bis hin zu Pokémon X & Y und The Legend of Zelda: A Link Between Worlds war die Riege an hochklassigen Spielen so breit gefächert und so umfangreich, dass die PS Vita nur neidisch zuschauen konnte. Dabei ging einer der spannendsten Titel nahezu unbemerkt im Weihnachts- und GOTY-Tohuwabohu unter, nämlich Bravely Default, das nach langer Wartezeit endlich den Sprung vom fernen Osten nach Europa geschafft hat. Es ist das jüngste Werk von den Silicon Studios, den Machern von 3D Dot Game Heroes, und ein glorreicher Abschluss eines denkwürdigen Spielejahres für Nintendos Handheld. Und es ist das Final Fantasy, auf das wir schon so lange gewartet haben - auch wenn es auf einen ganz anderen und leicht bizarren Namen hört.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der Dorfjunge Tiz wacht eines Tages in einer Schenke auf, nachdem ihn ein Ritter des Königs aus dem Dorf Norende gerettet hat, das von einem mysteriösen Abgrund verschlungen wurde, der sich einfach aus dem Nichts aufgetan hat. Woher der Abgrund kommt, der die Katastrophe verursacht hat, ist unbekannt, doch als er auf die Vestalin Agnés Obligé trifft, beginnen die Dinge Sinn zu ergeben. Als Vestalin hat sie die Pflicht, die vier Kristalle zu beschützen und ihre Macht zu erhalten, doch haben die Steine an Kraft verloren. Die finsteren Folgen: Es tun sich gefährliche Abgründe auf, das Meer ist zu großen Teilen vergiftet, Monster durchstreifen die Welt und obendrein stellt sich die Gesellschaft auch noch gegen Agnés und schiebt ihr die Schuld für die desaströsen Zustände und die hunderten Toten zu. Die beiden beschließen, gemeinsam zu den Tempeln aufzubrechen und die Macht der Kristalle wiederherzustellen. Bald schließen sich ihnen noch der Lustmolch Ringabel und die Schwertkämpferin Edea an, die die bunt gemischte Party komplettieren. Durch die makabere Charakterzusammenstellung ergeben sich einige sehr unterhaltsame Dialoge, die die gemächlich vor sich hindümpelnde Geschichte um eine kleine Portion Humor und Charme aufwerten.


Bravely Default


Brave & Default: zwei blöde Namen für eines der coolsten Genre-Kampfsysteme



Das Gameplay selbst präsentiert sich als ausgesprochen klassisch, ja fast schon retro, und tritt in die Fußstapfen alter Final-Fantasy-Spiele. Andererseits ist diese Rückkehr zu den Wurzeln heutzutage bei JRPGs ohnehin gang und gebe - man schaue sich nur einmal Ni No Kuni: Wrath of the White Witch oder die gesamte Tales-of-Serie an. Bravely Default folgt genau diesem Schema: Mit seiner kleinen 4er-Gruppe überquert man eine riesige Oberweltkarte, trifft auf Gegner in Zufallsgefechten, betritt Städte, um Waren zu kaufen, Nebenquests zu starten oder Dialoge zu führen, und natürlich geht es auch in regelmäßigen Abständen in die genretypischen Dungeons bzw. Labyrinthe. Bravely Default ist in dieser Hinsicht sehr klassisch, was aber nicht zwangsläufig etwas schlechtes ist, schließlich ist die alteingesessene JRPG-Tradition auch heute noch ein echtes Erfolgsrezept. Wodurch sich das 3DS-Rollenspiel aber hervorhebt, das sind zwei andere Dinge. Zum einen das großartige, weil taktisch anspruchsvolle Kampfsystem - zum anderen durch den wunderschönen Grafikstil der Städte und Dörfer.

Zur Grafik komme ich allerdings später, für den Moment interessiert uns zunächst das Kampfsystem. Das ist wie so oft im Genre rundenbasiert, sodass die Helden und Gegner abwechselnd an der Reihe sind. Im Prinzip laufen die Kämpfe ab wie in Golden Sun & Co.: Man kann normale Angriffe mit Schwert, Stab, Schlagring etc. (der jeweiligen ausgerüsteten Waffe eben) starten oder Magiepunkte in spezielle Zauber investieren - beispielsweise in Feura, Eisra, Toxin oder Vitae, also in Angriffs-, Schwächungs-, Stärkungs- und Heilungsmagie. Der Clou ist in Bravely Default jedoch die Einbindung der Befehle "Brave" und "Default", die dem Spiel auch seinen seltsam anmutenden Namen verleihen. Mit Default verteidigt sich die jeweilige Figur für die kommende Runde selbst und gewinnt einen Ausdauerpunkt hinzu. Brave hingegen verbraucht einen Ausdauerpunkt und erlaubt der Figur dafür eine zweite Aktion. Brave lässt sich sogar bis zu vier Mal aneinanderketten, sodass man den Gegnern ordentlich auf die Rübe hauen und dabei noch Heilmagie starten kann. Allerdings ist es wichtig, auf seine Ausdauerpunkte zu achten, denn liegen die bei -2 oder darunter, dann ist der Charakter für die nächste Runde automatisch wehrlos, um sich zu regenerieren. Die taktische Komponente, die dadurch gewonnen wird, ist beachtlich, da man sich immer wieder die wichtige Frage stellt: Hänge ich vier Brave-Angriffe aneinander und gehe das Risiko ein, in den kommenden zwei Runden schutzlos dazustehen? Gerade in den relativ schweren Bosskämpfen ist es elementar, intelligent mit Brave und Default umzugehen. Ein großer Vorteil des Systems ist übrigens, dass sich mit dem Einsatz von Brave bis zu 16 Attacken im Team aneinanderhängen lassen, sodass schwache Gegner in der ersten Runde geplättet werden können.

Doch das ist noch nicht alles. Komplexer wird das System durch die verschiedenen Jobs, die Tiz, Agnés, Ringabel und Edea annehmen können. "Jobs" bedeutet hier im weitesten Sinn so etwas wie "Klassen", zwischen denen man jederzeit außerhalb eines Kampfes wechseln kann. Derer gibt es insgesamt satte 24 Stück, darunter starke Nahkämpfer wie den Mönch, mächtige Zauberer wie den Schwarzmagier, Heiler wie den Weißmagier und Mischklassen wie Diebe, Piraten oder den standardmäßigen Freiberufler, der von allem etwas beherrscht, aber nichts davon außergewöhnlich gut. Jeder Charakter lässt sich in jedem Job in mehreren Stufen hochleveln, wodurch er in der jeweiligen Klasse noch besser und fähiger wird und weitere Fähigkeiten freischaltet. Das erinnert nicht von ungefähr alles an Final Fantasy V und funktioniert richtig, richtig gut. Schön ist auch, dass man auch spät im Spiel noch Jobs wechseln und effizient nutzen kann, ohne zuerst ewig lange grinden zu müssen, da die frühen Job-Upgrades nicht ganz so viele XP benötigen. Genau in diesem hier beschriebenen Kampfsystem liegt auch die größte Stärke von Bravely Default, denn während die Story eher gemächlich voranschreitet, sind es vor allem die Kämpfe und neuen Jobs, die mich zum Weiterspielen motivierten. Es macht nämlich einfach Spaß.


Bravely Default


Grafikstil, Musikuntermalung, Online-Komponente und ... Mikrotransaktionen.



Absolut stark sind neben dem Kampfsystem die Musik und der wunderbare Grafikstil der Städte und Dörfer. Der Soundtrack besteht aus herrlich eingängigen Melodien und ich habe mich immer wieder dabei erwischt, wie ich rhythmisch mit dem Kopf mitgenickt habe - auch wenn die Oberwelt-Musik etwas zu sehr an Ni No Kuni erinnert. Der Grafikstil dagegen ist generell ein zweischneidiges Schwert. Die Weltkarte selbst sieht unglaublich altbacken und fad aus, die betretbaren Städte dagegen sind eine Augenweide und wirken wie ein handgezeichnetes Gemälde, was ihr an den beiden oben eingebetteten Bildern schön erkennen könnt. Es ist ein cooles Gefühl, durch diese "Bilder" zu laufen und mit den Einwohnern zu interagieren. Schade, dass die Oberwelt selbst im Vergleich so öde daherkommt. Innerhalb der Kämpfe sind die Charaktermodelle solide, aber reißen ebenfalls keine Bäume aus. Angesichts dessen, was The Legend of Zelda: A Link Between Worlds & Co. im vergangenen Jahr technisch alles geleistet haben, ist Bravely Default aus technischer Sicht schon so ziemlich mau.

Nett ist dagegen, dass die Entwickler sogar eine Art Online-Komponente eingebaut haben, mit der man Freunde zu Hilfe rufen kann. Ist ein Kampf besonders schwer, kann man einen Online-Freund einen Angriff ausführen lassen, was natürlich besonders dann sinnvoll ist, wenn der jeweilige Kumpel bereits einige Stufen weiter fortgeschritten ist als man selbst. Jeweils eine Aktion lässt sich ins Internet hochladen und dann unter allen Freunden teilen, die das Spiel besitzen. Trotzdem bleibt Bravely Default im Kern ein reines Singleplayer-Rollenspiel, was auch gut so ist. Um mit der Zeit zu gehen, hat Square Enix auch gleich noch ein bisschen was an Mikrotransaktionen auf das Modul geklatscht, die nicht unbedingt nötig gewesen wären - freundlich ausgedrückt. Mit dem Befehl "Bravely Second" lässt sich eine gegnerische Runde nämlich sofort unterbrechen und in eine eigene Runde umwandeln, was allerdings einen "S-Punkt" verbraucht. Einen hat man zu Beginn, alle acht Stunden Ingame-Spielzeit (!) kommt ein weiterer hinzu - es sei denn, man hat genug echtes Geld auf der Kante und mag es sich leisten, dieses dafür aus dem Fenster zu werfen. Wer's braucht, sage ich. Immerhin wirkt sich dieses System nicht negativ auf den Spielspaß auf und wird zu keiner Zeit gepusht oder gar aufgezwungen.



Tim

Fazit von Tim:

Bravely Default ist kein Final Fantasy, aber es fühlt sich verdammt stark danach an - und das nicht im negativen Sinn, denn mit Final Fantasy sind nicht die jüngeren Ableger der Serie gemeint, sondern die richtig alten Klassiker. Bravely Default ist ein JRPG, wie es im Buche steht, und als solches erfüllt es seinen Job auch absolut zufriedenstellend. Klar: Die Weltkarte könnte schöner sein, manchmal ist das Spiel zu leicht, einige der vielen Dungeons sind extrem farblos und langgezogen. Aber was zählt, ist der Spielspaß, und von dem hatte ich mehr als genug, was allerdings vor allem an den sympathisch geschriebenen Dialogen und nicht zuletzt am gelungenen Kampfsystem liegt. Die Idee mit Brave und Default ist wirklich toll und ich freue mich schon darauf, wenn Bravely Second - der direkte Nachfolger, der noch 2014 in Japan auf den Markt kommen soll - auf diesem Fundament aufbaut und es weiter entwickelt. In jedem Fall ist Bravely Default eine weitere schöne Addition für die sowieso schon umfangreiche 3DS-Spielebibliothek, auch wenn es nicht an große Rollenspiele wie Ni No Kuni heranreichen kann.

Hört sich doof an, spielt sich aber erstaunlich gut: Bravely Default ist ein JRPG in Tradition der alten Final-Fantasy-Teile und damit ein durch und durch unterhaltsames Rollenspiel.

Besonders gut finde ich ...
  • cooles Kampfsystem mit taktischer Komponente
  • Brave und Default als großartige neue Einfälle
  • 24 verschiedene Klassen zum freien Auswählen
  • interessantes & bunt gemixtes Heldenquartett
  • schwächere Gegner dank Brave schnell besiegt
  • wunderschöne, gemälde-artige Städte & Dörfer
  • stimmungsvolle Musik begleitet das Geschehen
Nicht so optimal ...
  • Dungeon-Design oft sehr langweilig & farblos
  • Story mangelt es an Dramatik in Inszenierung
  • aus technischer Sicht größtenteils eher mager
  • Mikrotransaktionen haben hier nix zu suchen!

Tim hat Bravely Default auf dem Nintendo 3DS gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Silicon Studio
  • Publisher:Nintendo
  • Genre:JRPG
  • Plattform:3DS
  • Release:06.12.2013
    (Japan) 11.10.2012
    (Japan, FtS) 09.12.2013

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