Valiant Hearts: The Great War - Review
Einige überlebten, andere nicht. War sometimes changes.
Während Ubisoft für seine Blockbuster-Produktionen aktuell wieder den, mittlerweile scheinbar zum guten Ton gehörenden, Shitstorm der Game-Community erfährt, veröffentlicht der französische Publisher und Spieleentwickler gleichzeitig mit Valiant Hearts: The Great War ein weiteres Werk aus der Ideenschmiede von Ubisoft Montpellier. Das Graphic-Novel-Abenteuer versucht, das Thema des Ersten Weltkriegs auf eine bisher nie gesehene Art aufzugreifen und es dem Spieler in einer Mischung aus Action-, Erkundungs- und Rätselaufgaben näher zu bringen. Wie man es geschafft hat, dieses traurige Ereignis der Weltgeschichte in ein Spiel zu packen, das gleichzeitig Emotionen, Spaß und eine Prise Geschichtsunterricht vereint, erzähle ich euch in meiner Review.

Geschichte und Schicksale hautnah
Wer jetzt an eine staubtrockene Geschichtsstunde denkt, die einem mit dem erhobenen Zeigefinger den Krieg eintrichtern will - weit gefehlt. Die historischen Infos und Details drängen sich einem im Spiel nie auf, sondern können bei Bedarf direkt oder später über euer Journal aufgerufen werden. Dazu müsst ihr verschiedene Passagen meistern und Sammelobjekte finden. Genau wie die Journaleinträge vermitteln auch die Sammelobjekte interessantes Wissen zur damaligen Zeit; ganz gleich, ob dies nun ein Brief eines Soldaten, eine Taschentuch-Stickerei, eine Erkennungsmarke oder Ratten am Spieß sind.
Eure Geschichte beginnt im August 1914 in Frankreich, nachdem das Attentat von Sarajevo eine Kettenreaktion auslöste und Deutschland zunächst Russland und dann Frankreich den Krieg erklärte und sich schließlich innerhalb kürzester Zeit die halbe Welt in einem bewaffneten Konflikt wiederfand. Karl ist hierbei der erste unserer fünf Protagonisten: Ein Deutscher aus Strasbourg der in St. Mihiel seine Familie gründete und nun des Landes verwiesen wird, um anschließend in der deutschen Armee zu dienen. Sein Schwiegervater Emile wird unmittelbar danach ebenfalls zum Militärdienst in Frankreich berufen, die Tochter und der kleine Enkel bleiben zurück. Recht schnell lernt man dann auch Freddie kennen, einen Amerikaner, der bei seiner Reise nach Europa durch den Krieg überrannt wurde und nun in der Fremdenlegion seinen Schmerz bekämpfen will. Später treffen wir noch auf Anna, eine belgische Studentin aus adeligem Haus, die sich als Krankenschwester auf die Suche nach ihrem Vater macht. Mit dem Dobermann Walt, einem Sanitätshund und treuen Weggefährten, wäre unsere Truppe dann auch komplett. Im Verlauf des Spiel werden sich die Wege und Schicksale dieser Menschen kreuzen und dafür sorgen, dass ihr gemeinsam versucht, dem Grauen des Krieges zu entfliehen.

Gameplay und Emotionen
Mit diesen Figuren geht es nun mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Aufgaben an die Front. Wie eingangs erwähnt, bietet Valiant Hearts eine gute Mischung aus Action-, Erkundungs- und Rätselaufgaben, die ihr bei eurer Reise durch die Geschichte erfüllen müsst. Während die Rätsel zu Beginn eher eine Platzhalter-Rolle einnehmen, werden sie im späteren Verlauf der vier Kapitel auf jeden Fall anspruchsvoller, auch wenn zu keiner Zeit eine wirkliche Kopfnuss auf euch wartet. Das macht allerdings überhaupt nichts, denn dafür wirken diese, trotz Wiederholungen in der Mechanik, stets frisch und sind sehr gut in das jeweilige Spielgeschehen integriert. Ganz gleich, ob ihr ein Rohrsystem reparieren müsst, damit die Soldaten duschen können, oder im Tauschhandel mit anderen an die notwendigen Gegenstände zum Weiterkommen gelangen müsst. Neben Rätseln und Puzzles hat Ubisoft Montpellier auch Action-Einlagen und gelegentliche Schleich-Passagen im Spiel platziert, weshalb der Titel nie langweilig wird, weil sie den nötigen Spielfluss aufrecht erhalten, um die Geschichte zu erzählen. Action bedeutet in dem Fall zum Beispiel das geschickte Vorankommen in Schützengräben, ohne vom Maschinengewehrfeuer oder von Granaten ins Jenseits befördert zu werden - aber auch Fahrten in Panzern gehören dazu, die unbeschadet überstanden werden müssen.
Apropos Jenseits: Ziel der Spieldesigner war es, dass ihr im gesamten Spiel niemanden tötet. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch zum grausamen Kriegsgeschehen, wird aber stets gut verpackt, ohne dabei deplatziert zu wirken. In den bilderbuchartigen Sequenzen seht ihr zum Beispiel eure Feinde fliehen, bevor ihr die strategisch wichtige Brücke in die Luft sprengt, oder ihr knüppelt einen Deutschen einfach bewusstlos. Der Tod und das Leid sind aber dennoch stets präsent: Zahllose Verwundete, Leichenberge, Explosionen, die Auswirkungen und Folgen von Biokampfstoffen und Kriegsgerät usw., spiegeln sehr gut die Tragik des WWI wider. Das alles wird durch den großartigen Grafikstil fast schon harmonisch visualisiert, die atmosphärische Musik- und Sounduntermalung tut dann ihr Übriges, um die Emotionen beim Spieler zu aktivieren. Doch trotz des ernsten Themas verstehen es die Entwickler, auch die Hoffnung und wohl dosierten Witz in Valiant Hearts zu integrieren. Paradebeispiel hierfür sind die Taxifahrten mit Anna, bei denen ihr im Rhythmus zu Orchestermusik von Jacques Offenbach den feindlichen Soldaten und anderen Gefahren ausweichen müsst. Auch Annas Versorgung von Verwundeten wirkt unfreiwillig komisch, geschieht dies doch durch eine Art "Guitar Hero"-Minispiel, bei dem ihr den Schmerz auf ein erträgliches Maß reduzieren müsst.

Zum hundertsten Jahrestag
Optisch und erzählerisch geht Valiant Hearts also in Richtung der jüngsten Telltale Adventures wie The Walking Dead oder The Wolf Among Us, bietet spielerisch aber mehr von einem klassischen Point'n'Click-Abenteuer als die genannten Episoden-Spiele. Ein guter Mix, der natürlich durch die packende Geschichte getragen wird und für mich, während der rund 8 Stunden Spielzeit, zu keiner Zeit langweilig wurde. Diese Stunden verlaufen über insgesamt vier Kapitel, die sich nochmals in einzelne Abschnitte unterteilen und in denen ihr mit den Protagonisten fast den gesamten Zeitraum des Krieges durchstreift. Die Story wird dabei jedoch nicht chronologisch abgearbeitet, sondern bietet auch kleine Zeitsprünge durch Rückblicke in die Vergangenheit unserer Helden oder den Wechsel der Schauplätze. Technisch gibt es rein gar nichts zu meckern, die Steuerung ist sehr intuitiv und geht locker von der Hand, was sicherlich auch den überschaubaren Handlungsmöglichkeiten zu verdanken ist. Sehr gut verteilte Checkpoints, die selbst innerhalb der anspruchsvolleren Passagen integriert sind, lassen keinen Frust im Spielfluss aufkommen. Spieler mit wenig Routine oder Hang zu Rätseln können sich dank eines Hinweissystems auf die Sprünge helfen lassen - für eingefleischte Abenteurer lässt sich diese Option auch komplett deaktivieren. Ubisofts Entwicklerstudio hat bei Valiant Hearts weder bei der Recherche noch bei der Qualität gespart und dem günstigen Download-Titel neben der tadellosen Technik auch sehr gute Synchronsprecher spendiert, die sich im Wesentlichen in den Zwischensequenzen zu Wort melden - die Dialoge im Spiel selbst reduzieren sich eher auf Zeichen bzw. Bildersprache und ein meist unverständliches Gebrabbel.
Die Spielewelt ist sicherlich um eine Perle reicher geworden und die Gamesbranche konnte zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs keinen besseren Beweis dafür abliefern, dass Videospiele eine Kunstform sind. Während der Launch Trailer - meiner Meinung nach - zuviel aus dem Spiel vorweg nimmt, gewährt der nachstehende E3-Trailer einen klasse Einblick ins Spielgeschehen, ohne dabei etwas zu spoilern. Gleichzeitig erhaltet ihr auch eine Kostprobe der guten deutschen Synchronisation in Form des Hauptsprechers aus dem Off. Nun bin ich gespannt, wie sich This War Of Mine diesem Thema annimmt.
Fazit von Darius:
Großartig. Ubisoft Montpellier liefert mit Valiant Hearts: The Great War ein mitreißendes Spiel über den Ersten Weltkrieg ab, das durch eine geschickte Mischung aus Action-, Erkundungs- und Rätselaufgaben den Part eines Spiels mit einer Prise Geschichtsunterricht vermischt und dabei nie die Botschaft aus den Augen verliert. Die Highlights fürs Auge werden durch den Grafikstil und die UbiArt Framework Engine erreicht, während die atmosphärische Musik- und Sounduntermalung für den notwendigen Hörgenuss sorgen. Dank überzeugender Synchronsprecher kann hier zu keinem Zeitpunkt von einem bloßen Puzzle-Spielchen die Rede sein. Dafür ist das Thema zu wichtig und das Gesamtwerk einfach in jedem Punkt überzeugend. Endlich (wieder) ein Spiel, das sich um das Thema Krieg kümmert und Hintergründe vermittelt, anstatt es als bloße Kulisse für repetitive Shooterorgien zu missbrauchen. Für mich bisher das überzeugendste Spiele-Highlight des Jahres und eines, das man auf keinen Fall verpassen sollte.
- mitreißende, emotionsgeladene Geschichte
- Artdesign und Inszenierung
- Musik und Sounduntermalung
- sehr gute Synchronsprecher
- abwechslungsreiches Gameplay
- informativer Geschichtsunterricht
- Spielzeit (ca. 8-10 Stunden)
- Preis-/Leistungsverhältnis (15 Euro)
- Nix.
Darius hat Valiant Hearts: The Great War auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt.


#1 | 27. Juni 2014 um 23:58 Uhr
#2 | 28. Juni 2014 um 13:26 Uhr