Captain Toad: Treasure Tracker - Review
Jäger der verlorenen Schätze: Die Abenteuer von Toad und Toadette
Das verängstigte Zittern in Geisterhäusern, das knuffige "Yeah!" nach dem Aufsammeln eines Schatzes, der unbeholfene, watschelige Gang, der Mini-Rucksack auf dem Rücken - manchmal sind es die beiläufigen Dinge, die aus einem kleinen Spiel ein Großes machen. In einer Zeit, in der Spiele Bug-verseucht und unfertig auf den Markt geworfen werden, fühlt sich Captain Toad: Treasure Tracker fast wie etwas Besonderes an. Denn das hier ist kein Spiel, das einfach nur funktionieren soll, um fertig zu sein; es ist ein Spiel, das Spaß machen soll, und das den Spieler zu jeder Sekunde daran erinnert, wieso Nintendo für die Spielewelt unersetzlich ist und bleibt.
Und das "groß" darf in diesem Fall wörtlich genommen werden, denn nicht nur Captain Toad wächst auf der Suche nach Wingo und Toadette an seinen Herausforderungen - auch das Entwicklerteam hat die Aufgabe, aus dem kleinen Minispiel in Super Mario 3D World ein vollwertiges Spiel zu machen, mit Bravour gemeistert.

Jede Idee ist ein ein Level und jedes Level ein Spiel
Das ist vor allem deshalb beeindruckend, weil man zunächst nicht glauben möchte, dass die simple Spielmechanik genug Stoff für ein Spiel dieser Größe hergibt; schließlich muss man ja nicht viel mehr machen, als Captain Toad an ein paar Hindernissen vorbei zum level-abschließenden Powerstern zu steuern. Doch die Entwickler haben so viele Ideen, so viel Kreativität in Treasure Tracker gepumpt, dass sich der Minispiel-Charakter spätestens beim ersten Bosskampf in Luft auflöst, als man einen von Lava gefluteten Turm hinaufsteigt und dabei nicht nur kleinere Puzzles lösen, sondern auch noch den Feuerbällen eines monströsen Magmadrachens ausweichen muss, bis man schließlich ganz oben angekommen ist. Und dann? Dann bricht der Fels in sich zusammen, stürzt dem Drachen auf den Kopf, verursacht eine riesige Beule und offenbart den Weg zum Powerstern - nicht weil Toad das so beabsichtigt hatte, sondern einfach durch einen glücklichen Zufall. Toad ist ein sympathischer Tollpatsch und Treasure Tracker gelingt es ganz wunderbar, seinen kleinen Helden in den Mittelpunkt zu stellen. Man kann einfach nicht anders, als bei dieser zuckersüßen und detailverliebten Präsentation immer wieder zu lächeln - dieses Spiel ist "Nintendo", in jedem einzelnen Pixel.
In über 70 teilweise grundverschiedenen Levels schöpft Treasure Tracker nahezu alle erdenklichen Möglichkeiten aus, die das Spielprinzip bietet. Mal muss man sich in einem überwucherten Heckenlabyrinth an patrouillierenden Shy Guys vorbei schleichen, mal gefräßige Piranha-Pflanzen aus dem Weg räumen, ein anderes Mal muss man Buu-Huus mit der Stirnlampe blenden. Was nach mikroskopisch kleinen Gameplay-Elementen klingt, reicht in diesem Spiel für jeweils ein komplettes Level. Natürlich wird das durch die Tatsache, dass diese "Aquarien" ziemlich kurz sind und nur wenige Minuten dauern, etwas relativiert - andererseits ist es schon eine großartige Leistung, solch kleine Mechaniken überhaupt auf ein paar Minuten Spielzeit aufzublähen, ohne dass es künstlich oder gestreckt wirkt. Das ist es auch, was Treasure Tracker auszeichnet: Jedes Level ist um eine einzelne Idee herum entwickelt worden, jedes ist ein eigenes kleines Spiel, anders als alle anderen zuvor. Und obwohl ein Großteil der Objekte, Gegner und Szenarien aus Super Mario 3D World übernommen wurden, fühlt sich Toads Abenteuer durch die fehlende Sprung-Funktion und die neue Zusammenmischung bekannter Elemente brandneu und richtig erfrischend an. Schade ist dabei nur, dass es zu lange zu einfach bleibt - erst ab der zweiten Episode mit Toadette wird es etwas schwieriger.




Liebe in Pixeln
Generell lässt es Nintendo in den ersten Levels relativ ruhig angehen und führt die verschiedenen Elemente nach und nach ein - die Tippsteine, das lautlose Schleichen, die Doppelkirschen, die Lorenfahrt, die Spitzhacke und den Rest des Arsenals, der später kunterbunt zusammengemischt wird. Erst ab ca. der Hälfte - also nach etwa 3-4 Stunden - beginnt das Spiel langsam, richtig aufzudrehen. Die Levels werden größer, vertrackter, komplexer, anspruchsvoller; die geheimen Juwelen und Goldpilze sind plötzlich richtig gut versteckt und nicht selten hatte ich das Level beendet, ohne sie überhaupt irgendwo gesehen zu haben. Und dann sind da ja auch noch die für jedes Level spezifischen Spezialaufgaben á la "Lass dich von keinem Shy Guy entdecken", "Berühre nur drei Tippsteine" oder "Besiege alle Gegner" - die sind alles andere als einfach und erhöhen den Wiederspielwert zumindest bis zur Perfektion eines jeden Kapitels. Danach macht es leider wenig Spaß, die Levels nochmal anzugehen - das ist, als ob man ein Kreuzworträtsel, das man schon gelöst hat, nochmal von vorne beginnt. So verbleibt das Spiel etwas kurz, erscheint dafür aber zu einem vergünstigten Preis.
Zusätzlich zu den über 50 brandneuen Levels der Kampagne gibt es bei Besitz eines bestimmten Speicherstandes noch eine ganze Reihe an Bonuskapiteln, die so manchem Wii-U-Besitzer verdammt bekannt vorkommen dürften - allerdings mit einem Twist. Worum es sich hier handelt, das dürft ihr ab Januar für euch selbst herausfinden. Aber lasst euch gesagt sein: Hier erwartet euch eine ziemlich coole Überraschung.
Captain Toad: Treasure Tracker ist außerdem endlich wieder ein Spiel, das sich das GamePad auf interessante Art und Weise zunutze macht. Fährt man zum Beispiel in einer Lore über eine verdrehte Schienenstrecke, kann man über den GamePad-Bildschirm mit der Kanone Rüben verschießen und damit Powerblöcke aktivieren, Gegner erledigen und Münzen und Juwelen sammeln - am Fernseher dagegen sieht man Toad aus der Schulterperspektive. Ebenfalls sehr cool sind die Abschnitte, in denen man leuchtende Plattformen durch Antippen auf dem GamePad verschieben kann. Und ganz besondere Bedeutung kommt selbstverständlich der Kamera zu, die man in den zumeist würfelförmigen Levels um 360° um das gesamte Spielbrett herum drehen kann, um auch jedes Eck zu untersuchen und die jeweils drei versteckten Edelsteine zu finden - wer möchte, kann das auf Wunsch auch über den Gyrosensor des GamePads tun. Ich habe allerdings lieber wie gewohnt den rechten Analogstick benutzt - auf Dauer wird das ständige Hin- und Herschwenken anstrengend.
Zum wundervollen Grafikstil brauche ich angesichts der eingebetteten Bilder und Videos kaum noch Worte verlieren, aber der Vollständigkeit halber erwähne ich es trotzdem: Das Spiel sieht unheimlich edel aus, ganz wie Super Mario 3D World vor ihm, und ist absolut zuckersüß und herzallerliebst - es ist Liebe in Pixeln, und wird begleitet von einer sehr sympathischen Mischung aus neuen Musikstücken und Neuauflagen bekannter Tracks.
Fazit von Tim:
Es tut richtig gut, Toad einmal im Mittelpunkt seines eigenen Spiels zu sehen! Wie lange schon musste der Kleine dabei zuschauen, wie Mario und Luigi ihm die Show stahlen? 30 Jahre? Doch damit ist jetzt Schluss - mit Captain Toad: Treasure Tracker tritt der Pilzkopf endlich aus seinem Schattendasein heraus, und das mit einem Spiel von genau der Qualität, wie man sie von Nintendo gewohnt ist: Es ist wunderschön, überraschend abwechslungsreich, unglaublich detailverliebt - ein Schmuckstück in einer jeden Wii-U-Sammlung. Zwar ist es ein wenig schade, dass die Levels auch zum Spielende hin relativ klein und in ihrer Gesamtheit zu einfach ausfallen und dass es keinen Level-Editor gibt - ich hätte wahnsinnig gerne meine eigenen Puzzles entworfen. Aber von diesen Kleinigkeiten mal abgesehen ist Captain Toad: Treasure Tracker genau das Richtige für die kalten Wintertage im Januar: Wenn es draußen schneit, wird einem beim Sammeln von Juwelen und Powersternen richtig warm ums Herz.
Mit Treasure Tracker treten Toad und Toadette nicht nur endlich aus ihrem Schattendasein heraus, sondern zaubern obendrein noch eines der liebenswürdigsten und ungewöhnlichsten Spiele auf den Bildschirm, die Nintendo in den letzten Jahren kreiert hat. Schade nur, dass es etwas zu einfach und relativ kurz geworden ist.
- zuckersüße Präsentation, Liebe zum Detail
- coole Spielmechanik ohne Sprung-Funktion
- mehr als 70 sehr unterschiedliche Levels
- sehr gelungene, sehr schicke Bossfights
- intelligente Einbindung des GamePads
- die meiste Zeit über zu einfach
- Großteil der Levels recht klein
- kein Level-Editor enthalten
Tim hat Captain Toad: Treasure Tracker auf der Nintendo Wii U gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt.


#1 | 9. Dezember 2014 um 19:25 Uhr
#2 | 10. Dezember 2014 um 16:30 Uhr