Wolfenstein: The Old Blood - Review
Mein Kampf mit den Nazi-Regime-Maschinen
Wer vor einem Jahr das ziemlich großartige Wolfenstein: The New Order gespielt hat und am Ende wissen wollte, was davor geschah, für den haben Machine Games und Bethesda Softworks kürzlich mit Wolfenstein: The Old Blood ein eigenständiges Prequel veröffentlicht. Noch mehr coole Oldschool-Ballerei mit B.J. Blazkowicz kann eigentlich nie schaden, doch leider lässt mich die Erweiterung viele der tollen Elemente und Momente des Hauptspiels vermissen. Warum ich am Ende eher enttäuscht anstatt lächelnd vor dem Bildschirm saß, erfahrt ihr in meiner Review.


Ein Mann und sein Rohr
Der imposante Anblick von Burg Wolfenstein lässt das Ballerherz bereits ein klein wenig höher schlagen, denn schnell wird klar, dass wir hier die nächsten Stunden verbringen und in guter alter B.J.-Manier alles niedermähen werden. Während unsere Mission zu Beginn noch nach Plan zu verlaufen scheint, wird die Hoffnung auf einen schnellen Sieg durch Rudi Jäger zunichte gemacht. Dieser ist auf der Burg für die Sicherheit und das Gefängnis zuständig, hat uns enttarnt und schmeißt B.J. Blazkowicz und seinen Spion-Komplizen kurzerhand in einen der Kerker, wo uns Folter und fiese Verhöre erwarten. Mit Hilfe eines alten Wasserrohres gelingt es B.J. jedoch, aus dem tiefen Loch zu entkommen. Das besagte Rohr soll uns fortan als Schweizer Messer dienen, das zu vielen Gelegenheiten Verwendung finden wird. Ob als Waffe, Kletterausrüstung oder Stemmeisen - ohne Rohr geht nichts mehr. Was anfangs noch komisch und lustig oder gar praktisch wirkt, kann auf Dauer jedoch schon mal nerven. Denn immer wieder wird die gleiche und etwas zu lang geratene Animationssequenz abgespult, in der man das Rohr zusammen- oder auseinanderschraubt, um eine kurze Aktion auszuführen.
Abermals gut gelungen ist die Shooter-Action, die mich bereits im Hauptspiel überzeugen konnte. Zwar wird man hier mit anderen Waffen und einem nicht ganz so futuristischen Arsenal ausgestattet, ordentliche Gefechte und die Jagd nach Munition und Medipacks sind jedoch erneut garantiert. Zudem werden auch des Öfteren eure Schleichkünste getestet, sofern ihr nicht einer Horde an Widersachern gegenübertreten wollt. Die Gegnervielfalt erweist sich jedoch schnell als recht überschaubar. Neben den einfachen Regime-Soldaten, die uns in verschieden starken Varianten entgegen treten, kommen natürlich auch wieder stark gepanzerte Maschinensoldaten und Alarm-schlagende Offiziere, ja sogar Drohnen, zum Einsatz. Doch irgendwie fühlt sich alles gleich und ähnlich an, es gibt kaum merkliche Unterschiede, außer den Grad der Rüstung und Bewaffnung. In The New Order bekam ich hier wesentlich mehr geboten. Auch ordentliche Bossgegner sucht man in dem Prequel eher vergeblich. Der muskelbepackte Rudi Jäger, einst der Hundeausbilder von General Totenkopf, mit seinen gepanzerten Kötern und "Greta", ist lange Zeit der einzige, der uns etwas härter rannimmt - oder es zumindest versucht. Bis zum Endboss, der uns am Ende des achten Kapitels erwartet, begegnet uns fortan die übliche Shooter-Kost, wobei sich in der zweiten Hälfte des Spiels durch okkulte Hintergründe auch noch Zombie-Soldaten hinzugesellen.




Viel Action, wenig Story
Während man in The New Order noch mit einer interessanten und gut inszenierten Story konfrontiert wurde, die nicht nur Emotionen und einen nachdenklichen B.J. Blazkowicz zeigte, und damit aus dem starren "Oldschool-Shooter"-Korsett herausbrach, fehlt diese Komponente in der Prequel-Erweiterung nahezu vollständig. Natürlich, Dialoge finden statt und gelegentlich gibt es auch Zwischensequenzen, doch diese fallen bei weitem nicht so gut und interessant aus wie im Hauptspiel. Vielmehr schließen sie mit einer kurzen Sequenz einfach nur das jeweilige Kapitel ab und kaschieren damit in erster Linie die Ladezeit für den neuen Abschnitt. Durch die stark reduzierte Story begegnen mir während meines rund 7-8-stündigen Abenteuers daher leider auch wenige Charaktere. Im Grunde fallen mir neben den beiden Regime-Figuren nur Ludwig Kessler sowie Annette und ihre Freundin Katrin ein, die erwähnenswert wären. Also nicht einmal eine Hand voll, was auch den kurzen Auftritten und Begegnungen mit den Figuren geschuldet ist. Sehr schade, da insbesondere das Drumherum fernab der Shooter-Action The New Order für mich zu einem besonderen Erlebnis gemacht hat.
In puncto Gameplay erwartet uns im Grunde mehr vom Gleichen, was durchaus positiv zu werten ist. Nach wie vor verläuft das Level-Design überwiegend linear, lässt uns aber ein Stück weit Freiheiten, um Verstecke oder alternative Wege zu erkunden. Dies ist vor allem für die Sammelobjekte und das Auffinden der speziellen Albtraum-Level notwendig. Letztere versetzen uns für einen Moment in die gute alte Zeit, also in die pixeligen Classic-Level des Ur-Wolfensteins, denen wir entfliehen müssen. Neben der üppigen Waffenauswahl dürfen natürlich auch diesmal die Upgrades (Perks) nicht fehlen, welche wir durch eine bestimmte Anzahl besonderer Aktionen freischalten können und die uns das Leben im Kampf gegen das Regime erleichtern. Die Schauplätze der Vorgeschichte sind zwar nicht mehr ganz so eindrucksvoll, bieten dennoch genügend Abwechslung und durchaus erinnerungswürdige Momente.
Kompromisslose Technik
Technisch liefert Machine Games wieder erstklassige Arbeit ab, wodurch das Spiel auch auf den neuen Konsolen von Sony und Microsoft in 1080p und 60 Bildern pro Sekunde erstrahlt. Gefühlt hat man sogar noch ein wenig mehr aus der Engine kitzeln können, da diesmal keine Veröffentlichung für die Last-Gen erfolgt ist. Alles läuft rund und ohne Macken und auch die Ladezeiten fallen äußerst kurz und selten aus. Aus den Boxen ertönen nicht nur die satten Waffensounds, sondern natürlich auch wieder ein trashiger Soundtrack - muss man mögen. Die misslungene Soundabmischung des ersten Teils ist im Prequel nicht mehr vorzufinden, allerdings finden hier auch deutlich weniger Dialoge statt, so dass es hier auch nicht sonderlich ins Gewicht fallen würde. Die deutsche Fassung ist, wie schon das Hauptspiel, im Gewaltgrad ungeschnitten, muss jedoch ohne die verfassungsfeindlichen Symbole auskommen und wurde in den Dialoginhalten leicht verändert (Regime statt Nazis usw.).
Habt ihr eure Mission in einer der fünf verfügbaren Schwierigkeitsstufen gemeistert und die Geschichte abgeschlossen, könnt ihr im Anschluss noch jedes einzelne der neun Kapitel durchgehen, um etwaige Sammelobjekte oder die besagten Albtraum-Levels nachzuholen. Außerdem steht euch ein Herausforderungsmodus zur Verfügung, der euch abermals an die verschiedenen Schauplätze verfrachtet und in dem es schlicht um das bestmögliche Überleben in Kombination mit Combos geht. Das steigert eure Punktzahl, die sich gleichzeitig im weltweiten Leaderboard wiederspiegelt. Dadurch kann die Spielzeit von rund 7-8 Stunden für die Kampagne nochmals um einige Stunden erweitert werden. Schlussendlich liefert Machine Games mit der günstigen Prequel-Erweiterung einen soliden Shooter ab, dem jedoch die Klasse und besonderen Qualitäten von The New Order fehlen.
Fazit von Darius:
Eine Erweiterung zum erstklassigen Wolfenstein: The New Order?! Her damit, dachte ich mir. Doch auch wenn The Old Blood mehr vom gleichen Ballerspaß mit B.J. Blazkowicz bietet, der schon im Debütwerk von Machine Games begeistern konnte, fehlt mir einfach der interessante und gut inszenierte Storypart aus dem Hauptspiel. Auch sonst fühlt sich für mich vieles wie ein "Wolfenstein: Light" an. Kaum Neuerungen, eine geringe Gegnervielfalt, nahezu keine Bossgegner und das Fehlen von Charakteren, die mich tiefer in die Story eintauchen lassen. All das habe ich während meines Ausflugs mit B.J. schmerzlich vermisst. Und dann dieses Rohr, herrjemine! Wolfenstein: The Old Blood ist sicherlich kein schlechtes Spiel bzw. eine schlechte Erweiterung, aber durch die hohe Qualität bei The New Order wurde die Latte eben recht hoch gesetzt und daher fällt meine Begeisterung für das Prequel schlussendlich wesentlich geringer aus. Dennoch: Wer ein paar Stunden soliden Ballerspaß genießen und die Vorgeschichte erleben möchte, kann zum DLC-Preis zugreifen.
- Oldschool-Shooter-Feeling
- Freier Spielstil und Upgrade-System
- Lange Spielzeit (7-8h) für eine Erweiterung
- Einwandfreie Technik, kurze Ladezeiten
- Story und Inszenierung hinkt dem Hauptspiel hinterher
- Kaum Neuerungen, nahezu keine Bossgegner
- Zombie-Soldaten *gähn*
Darius hat Wolfenstein: The Old Blood auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Bethesda Softworks zur Verfügung gestellt.


#1 | 12. Juni 2015 um 20:05 Uhr
#2 | 10. September 2015 um 22:04 Uhr