Project Cars - Review

Project Cars war für mich eines der Spiele, die ich schon seit Release der PlayStation 4 heiß erwartet habe. Endlich eine ordentliche Rennsimulation für Konsolen sollte es werden. Nun, nach ausgiebigem Testzocken, wurden meine Erwartungen leider nur zum Teil erfüllt. Also beginnt nun die Warterei von Neuem - nämlich auf Gran Turismo 7 oder auf das erst kürzlich für Konsolen angekündigte Assetto Corsa. Aber bevor es so weit ist, erkläre ich euch, was mir den Spaß an Project Cars genommen hat.

Die Screenshots vor dem Release sahen super aus, es sollte eine umfangreiche Karriere geben und das Spiel mich als waschechte Simulation mit seinem Realismusgrad mit voller Kraft in den imaginären Rennsitz drücken. Übrig geblieben ist davon lediglich ein grundsolides Rennspiel, mit viel Schnickschnack und etwas Bling-Bling hier und da.

Der Grundsatz, die Karriere im Kart zu beginnen und sich über mehrere Saisons nach oben zu fahren, ist eigentlich genial. Leider sind die Kartrennen zu Beginn derart eintönig, dass man einen langen Atem haben muss, um überhaupt über die ersten beiden Saisons hinaus zu gelangen. Immerhin bietet mir das Spiel die Möglichkeit, direkt in einer höheren Rennklasse einzusteigen, aber sind wir mal ehrlich ... wer möchte das schon? Ich möchte mich von ganz unten bis an die Spitze kämpfen, mit allen Hürden und Tücken. Und so startete ich meine Karriere als ambitionierter Kartfahrer. Geschockt von der ach so realistischen Fahrphysik kämpfte ich in den ersten Rennrunden besonders damit, mein Gefährt auf der Strecke zu halten. Ein kleiner Kontakt mit dem Gras oder den Randsteinen resultiert nämlich in einem Dreher oder unter Umständen direkt in einer Zeitstrafe. Besonders ärgerlich sind diese im Qualifying, welches in späteren Events zur lästigen Pflicht verkommt. So passiert es gerne einmal, dass die aktuelle und nächste Runde komplett aus der Wertung fällt, nur weil man sich in der letzten Kurve des laufenden Runs verbremst hat und mit nur einem Rad leicht aufs Grün gekommen ist. Hier hätten die Jungs von Slightly Mad etwas kulanter sein können, zumal der Spagat zwischen Realismus und Arcade-Racer in einigen Punkten doch ganz gut gelungen ist.


Project Cars
Für die beiden Kart-Saisons zu Beginn der Karriere wird ein langer Atem abverlangt.


Nach der abgeschlossenen Kartmeisterschaft, welche größtenteils aus Sprint- und Rundenrennen besteht, geht es in die nächsthöhere Klasse, nämlich die Super-Kart-Serie. Diese Gefährte lassen sich trotz hoher Geschwindigkeiten sehr direkt steuern und sollen so vermutlich auch Anfänger im Genre an das Spiel heranführen. Zwischen den Rennen in der Meisterschaft gibt es zudem immer wieder Show-Events mit den verschiedensten Fahrzeugen zu erledigen. Zwar dienen diese Events der Auflockerung, nerven aber mit zunehmenden Spielverlauf extrem. Ich hatte das Gefühl, mehr Events zu fahren als die eigentliche Karriere voranzubringen. Leider lassen sich diese Events nach einmaliger Annahme dann auch nicht mehr überspringen - schade. Über Stunden hinweg reiht sich somit ein Rennen ans nächste, ohne dabei große Anreize zu schaffen. Ich bekomme alle Autos vorgeschrieben, verfüge über keinen eigenen Fuhrpark, den ich an meine Bedürfnisse anpassen könnte. Außerdem fehlt es an einem Credit-System, das mir für jedes gewonnene Event etwas Geld in die Tasche spült. Das starre System der Karriere kann somit nur die wirklich hartgesottenen Rennspielfans begeistern. Hier wäre definitiv mehr drin gewesen, auch ohne den Anspruch einer Simulation aus den Augen zu verlieren.


Etwas wenig Benzin im Tank



Abseits der enttäuschenden Karriere steht mir die Möglichkeit offen, meine Fähigkeiten in Einzelrennen zu verbessern. Unter den hier 110 zur Auswahl stehenden Streckenvarianten finden sich bekannte sowie Fantasiestrecken. Insbesondere die bis ins letzte Detail originalgetreu umgesetzte Nordschleife lässt mein Rennfahrer-Herz natürlich höher schlagen.

Anders als in Gran Turismo verfügt das Spiel zudem über ein wirklich sehr gelungenes dynamisches Wettersystem. Dieses lässt mich in der Abenddämmerung bei strahlendem Sonnenuntergang starten, bevor es in den Nachtstunden bei extremer Dunkelheit zu regnen beginnt. Das ist genial umgesetzt und bringt eine ganz eigene Dynamik ins Spiel. Neben der bereits erwähnten großen Auswahl an Strecken bietet Project Cars außerdem knapp 58 Fahrzeuge aus den unterschiedlichsten Rennklassen. Hier ist von einem Ford Focus, einigen Oldtimern bis zu den Formel-A-Wagen alles vertreten und Wünsche bleiben kaum welche offen. Dennoch nerven die im Menü sichtbaren Hinweise, dass es bald mehr Fahrzeuge per DLC zu kaufen geben wird. Schade, dass Slightly Mad nicht auf solche verzichtet hat - zumal man das Spiel über Jahre hinweg mit einer treuen Community zusammen entwickelt hat. Zurück auf der Strecke kann ich mich mit bis zu 45 KI-Gegnern auf die Piste begeben. Diese sorgen während der Fahrt für ordentlich Betrieb und ermöglichen ein ungewöhnliches Spielerlebnis, denn selten bot ein Rennspiel ein derart großes Fahrerfeld. Diesem Umstand geschuldet ist das Antreten bei der Qualifikation fast eine Pflicht. Nicht selten ist es nämlich unmöglich, sich von ganz hinten bis nach ganz vorn vorzukämpfen. Es sei denn, ihr seid im Online-Rennen unterwegs ...

Project Cars
Auf der Piste herrscht ordentlich Betrieb.
In Startsituationen kommt es daher oftmals zu Kollisionen mit den KI-Gegnern.


Destruction Derby ist zurück!



Wer möchte schon gegen eine grundsolide KI auf Schienen antreten, wenn die große weite Welt genug menschliche Gegner bietet? In bis zu 20 Online-Lobbys kann ich gegen Leute aus der ganzen Welt auf allen im Einzelspieler-Modus verfügbaren Strecken und Autos zurückgreifen. Diese Rennen werden in ein sogenanntes Rennwochenende gepackt, weshalb es online ebenfalls möglich ist, erst ein freies Training, danach eine Qualifikation und darauffolgend das Rennen zu bestreiten. Auch hier greifen das dynamische Wettersystem, sowie, je nach Einstellung, das Schadensmodell, Reifenverschleiß und Benzinverbrauch. Eine kluge Taktik vorausgesetzt, kann man sich also online an die Spitze der Rangliste fahren. Hm, die Umsetzung dieser Vorstellung wäre schön, denn wie zu befürchten war, ist der Online-Modus voll von Kamikaze-Fahrern, welche nichts anderes im Sinn haben als mich von der Strecke zu drängen. Diese unnötigen Kollisionen katapultieren mich oftmals bis ans Ende des Feldes, sodass jeder Anschluss nach vorn verloren geht.

Leider greift hier das Strafsystem aus dem Einzelspieler nicht konsequent genug ein. Fährt der Gegner in mich hinein und ich treffe darauf hin den Vordermann völlig unabsichtlich, werde ich ebenso bestraft wie der Raser hinter mir. Hinzu kommen vermehrt Spieler, die sich, sofern sie weit abgeschlagen sind, mitten auf der Strecke quer stellen, um so eine weitere Kollision zu provozieren. Leider werden diese Fahrer vom Spiel nicht direkt in den "Ghost-Modus" geschaltet, wodurch zumindest dieses Problem ausgemerzt wäre. Wer also wirklich ernsthaft gegen menschliche Mitspieler antreten möchte, ist wohl gezwungen, in eine der zahlreichen Online-Ligen einzusteigen. Immerhin werden diese direkt von der Community gepflegt und sind voll von motivierten Mitspielern, die wirklich nur auf den reinen Rennsport mit spannenden Boxenstopps und Langstreckenrennen aus sind.

Schön auch: Der Online-Modus lief in der von mir getesteten PlayStation-4-Version jederzeit ohne Verbindungsabbrüche oder Lags ab. Es gab überdies stets genug offene Lobbys mit zahlreichen Spielern. Leider ist die Filteroption etwas unausgereift, weshalb es sich als schwierig gestaltet, online nach dem gewünschten Event zu suchen. Ebenso werden nur maximal 20 Online-Lobbys gleichzeitig angezeigt. Erstelle ich also selbst eine solche Lobby, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis andere Spieler dieser beitreten, da diese meine Lobby schlichtweg nicht sehen können - hier wäre ein Patch wünschenswert.


Project Cars
Jedes Fahrzeug verfügt über sein eigenes Cockpit,
welche allesamt authentisch ihrem originalen Pendant nachempfunden sind.


In der Garage wird ordentlich gewerkelt



Die schier unglaubliche Anzahl an Einstellungsmöglichkeiten der Boliden lässt für den hartgesottenen Fan keinerlei Wünsche offen. Noch nie war es in einem Konsolen-Rennspiel möglich, derart viele und vor allem stufenlose Einstellungen an den Fahrzeugen vorzunehmen. Selbst der Reifendruck jedes einzelnen Reifens kann individuell angepasst werden. Diese Änderungen sind im Spiel, je nach Einstellung, auch am Fahrverhalten des Fahrzeugs bemerkbar. Hier werkelt im Hintergrund also schon eine Physik, die auf einen gewissen Realismusgrad ausgelegt ist. Das Schadensmodell verhält sich in einigen Situationen dagegen etwas seltsam. Berühre ich mit der vorderen Seite des Autos die Bande, kann es gerne mal passieren, dass im hinteren Teil des Autos einige Teile abfliegen, die Front dagegen wie geleckt aussieht. Je nach Einstellung gibt es neben den optischen auch mechanische Schäden, weshalb der Motor den Geist aufgeben kann und damit das Rennen gelaufen ist. Ebenso platzen Reifen, fliegen Spoiler weg oder die ganze Aufhängung verschiebt sich. Diese Schäden sind alle im Fahrverhalten spürbar und glaubwürdig umgesetzt. Nur die Karts lassen sich in etwa wie wild gewordene Spielzeugautos auf Schienen steuern. Hier arbeiten die Jungs von Slightly Mad allerdings bereits an einer Verbesserung.

Jede Rennklasse und jedes Fahrzeug verfügt außerdem über eine individuelle Fahrphysik. Hier ist die Liebe ins Detail durchaus bemerkbar und ordentlich umgesetzt. Des Weiteren besitzt jedes der insgesamt 58 Autos eine eigene Cockpit-Perspektive, die ihrem originalen Pendant in nichts nachsteht. Der satte Sound der Autos ist ohnehin grandios eingefangen und lässt ab der ersten Sekunde die Heimanlage beben. Allerdings fehlen leider einige Umgebungsgeräusche: Bei einem schweren Unwetter ist lediglich das leichte Nieseln eines friedvollen Regens wahrzunehmen. Ebenso kommt es ab und an zu einem seltsamen Knacksen oder gar zu Tonaussetzern. Während der Rennen gibt es im Übrigen keine Rennmusik, dank der Spotify-Funktion der PlayStation 4 kann ich immerhin meine eigene Playlist einschalten und genüsslich meine Runden auf Laguna Seca oder dem Hockenheimring drehen. Ferner sehen alle Autos und Strecken super aus, wenngleich die Umgebung mancher Strecken etwas leblos dargestellt wird. Im Hintergrund poppen hier und da Bäume ins Bild und die Felswand am kalifornischen Highway hat extrem schwach aufgelöste Texturen verpasst bekommen. Dafür läuft das Spiel selbst bei viel Betrieb weitestgehend flüssig, auch wenn einige Bildrateneinbrüche besonders bei Regenrennen spürbar werden. Dies ist wohl aber eher der etwas schwächeren Konsolenhardware geschuldet. Auf dem PC konnte ich solche Einbrüche nicht beobachten.



Predator

Fazit von Kevin:

Die Slightly Mad Studios haben mit Project Cars immerhin einen kommerziellen Erfolg gelandet. Mir bietet das Spiel im Singleplayer hingegen einfach zu wenig Anreize. Ich vermisse ein Credit-System, einen eigenen Fuhrpark und die Möglichkeit, frei zwischen den einzelnen Events wählen zu können. Gerne würde ich ein Oldtimer-Event erst dann absolvieren, wenn ich die Lust darauf verspüre. Leider schreibt mir Project Cars aber auch hier die genaue Reihenfolge der kommenden Rennen vor.

Der Online-Modus auf der PlayStation 4 läuft immerhin jederzeit flüssig und hat man mal eine Lobby mit fairen Mitspielern gefunden, kommt auch so etwas wie Spaß auf. Leider greift das Strafsystem in vielen Fällen unfair oder gar nicht. Ich hoffe auf Nachbesserung - bis dahin ist Project Cars für mich online definitiv keine Option mehr. Immerhin motivieren die Fahrerevents, in denen man auf einer vorgeschriebenen Strecke mit einem festgelegten Auto die beste Zeit ablegen muss. Hier wird allerdings der Unterschied deutlich, wenn man ohne Lenkrad unterwegs ist. Für Benzinjunkies ist Project Cars mit viel Geduld und Einarbeitungszeit auf jeden Fall einen Blick wert. Alle anderen machen dann doch lieber einen Bogen um die überhypte Rennsimulation.

Project Cars bietet allen Rennspielfans mit jeder Menge Zeit und Geduld sicher ein solides Rennerlebnis. Dem geneigten Gelegenheits-Schumi ist jedoch geraten, einen Bogen um das Spiel zu machen.

Besonders gut finde ich ...
  • verschiedene Rennklassen
  • grandios umgesetztes dynamisches Wettersystem
  • jedes Auto fährt sich anders
  • gefühlvoller Umgang mit Gas & Bremse erforderlich
  • Bis zu 45 KI-Gegner
  • stabiler Online-Modus (PS4)
  • Motorensounds
  • Streckenauswahl
  • viele anpassbare Optionen
  • viele Fahrhilfen für Anfänger
  • Boxenstopps
  • Boxenfunk
  • Community-Events
Nicht so optimal ...
  • monotone Einzelspieler-Karriere
  • Kamikaze-Spieler im Online-Modus
  • unfaires Strafsystem
  • Kollisionsverhalten
  • unaufgeregte Inszenierung der Rennen
  • Soundaussetzer
  • Keine Rückspulfunktion
  • Keine Splitscreen-Rennen

Kevin hat Project Cars auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Bandai Namco Games zur Verfügung gestellt.

Project Cars - Boxart
  •  
  • Entwickler:Slightly Mad Studios
  • Publisher:Bandai Namco Games
  • Genre:Rennsimulation
  • Plattform:PC, PS4, Xbox One
  • Release:07.05.2015

Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: RayRaven ... und 2 Gästen.
  • Darius
    #1 | 8. Juni 2015 um 20:16 Uhr
    Eigentlich kann ich mit Rennsimulationen im Stile von Forza Motorsport oder Gran Turismo nicht viel anfangen und greife lieber zu Arcade-Rennspielen. Project Cars hat mir gezeigt, dass ich dies auch weiterhin tun sollte.

    Habe ein paar Jahre in der (Super)Kart-Karriere verbracht, der Realismus mag vielleicht hoch sein und die vielen Einstellungsmöglichkeiten sind bestimmt ein Fest, aber leider wird alles recht staubtrocken präsentiert und machte mich daher nicht sonderlich an. Die Steuerung mit dem Controller ist zudem bei anderen Klassen und Fahrzeugen nicht immer optimal und sehr empfindlich, ein Lenkrad ist hier wohl eher gefragt, wenn nicht sogar Pflicht. Vielen Simulationsfans gefällt's scheinbar ganz gut - für die und von denen ist es ja auch gemacht. Ich schmeiße da lieber ab und zu Driveclub an oder versuche mich in Dirt Rally. Letzteres reizt mich wesentlich mehr, obwohl es eine Simulation ist. Es gibt einfach mehr Action   

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