Brothers: A Tale of Two Sons - Review

"Eigentlich hätte das Spiel nur 'Brothers' heißen sollen", sagt Game-Director Josef Fares im Audiokommentar. Da dies aus rechtlichen Gründen aber nicht möglich gewesen sei, entstand der Zusatz "A Tale of Two Sons", den Fares aber weder mochte noch als Teil des Titels sehen wollte, wie er in seinem Monolog freizügig bekennt: "Nennt es einfach Brothers". In der jetzt veröffentlichten Version für die PlayStation 4 und Xbox One sind neben dem bereits erwähnten Audiokommentar noch eine Bildergalerie mit Konzeptzeichnungen und der Soundtrack des Spiels als Zusatzmaterial enthalten.

Darüber hinaus ändert sich aber nichts: Das bereits im September 2013 für PC, PlayStation 3 und Xbox 360 erschienene Spiel, in dem es darum geht, dass zwei Brüder ihren Vater retten müssen, indem sie sich auf eine Reise begeben, entfaltet immer noch eine erzählerische Wucht, die im Videospielbereich ihresgleichen sucht. "Story-driven" ist hier keine Floskel, sondern ein integrales Werkzeug, dass das Spielerlebnis so großartig macht.

Zur Handlung: In der Eingangssequenz kniet ein Junge auf einem Felsen, der von einem mächtigen Baum überdacht wird. Vor ihm ein Grabstein, im Hintergrund die untergehende Sonne über dem Meer. Während die fallenden Blätter den Herbst ankündigen, zieht ein Segelschiff langsam gen Horizont. Die stimmungsvolle Szene wird von einem mystischen Klangteppich unterlegt. In einer dramatischen Rückblende erfährt der Spieler, dass der Junge seine Mutter während eines Sturms nicht vor dem Ertrinken retten konnte und seither von Schuldgefühlen geplagt ist. Aufgrund des traumatischen Erlebnisses fehlt ihm zudem der Mut zu schwimmen. Der stimmungsvolle Einstieg wird dadurch unterbrochen, dass ihn der große Bruder zu sich ruft und beide gemeinsam ihren kranken Vater in einem Handkarren zu einem Heiler transportieren müssen.


Brothers: A Tale of Two Sons
Auf dem Felsen unter einem mächtigen Baum beginnt die Reise der beiden Brüder


Ein Spiel, das ohne Dialoge funktioniert



Auf dem Weg dorthin werden die ersten Rätsel (Ziehe Schalter, um eine Brücke zu bewegen. Befördere den kleinen Bruder mit einer Räuberleiter über die Kante eines Felsens, damit dieser ein Seil herabwerfen kann) eingeführt. Schnell stellt sich heraus, dass alle Aktionen, die Kraft erfordern oder mit Wasser in Verbindung stehen, durch den stärkeren - größeren - Bruder erledigt werden müssen. Das komplette Spiel, das in sieben Kapiteln (plus Prolog und Epilog) erzählt wird, kommt nahezu ohne Dialoge aus. Stattdessen kommunizieren die Figuren in einer Fantasie-Sprache, die vom Arabischen inspiriert ist, wie Josef Fares erzählt. "Jede Aussage hat eine Bedeutung", auch wenn der Spieler sie nicht unmittelbar verstehe.

Um den Vater zu retten, müssen die Brüder ein Heilmittel beschaffen. Der große Bruder bekommt zu Beginn eine Karte in die Hand gedrückt, um Leute am Wegesrand nach dem Weg zu fragen. Ein typisches Rätsel, das sich relativ am Anfang des Spiels befindet, führt die Geschwister zu einem schlafenden Brückenwärter. Nachdem der kleine Bruder einen Eimer Wasser über dem Kopf des Schlafenden ausgegossen hat, um ihn zu wecken, rollt der große Bruder die Karte aus, woraufhin die Brücke heruntergelassen wird. Auf diese Weise geht das Teamwork im Laufe des Spiels weiter. Schön sind auch die vielen kleinen Ablenkungen am Wegesrand, wie das flitschen eines Steins über die Wasseroberfläche oder das Spiel auf einer Harfe. Über den Fortgang der Handlung möchte ich an dieser Stelle nicht viel schreiben. Dies soll und muss sich jeder selbst erspielen. Nur soviel: Am Ende wird die Verbindung der beiden Brüder durch eine geniale Entscheidung mit der technischen Komponente des Spiels zusammengeführt, die bei mir zu einem absoluten Wow-Moment geführt hat.


Brothers: A Tale of Two Sons
Auf ihrer Reise müssen die beiden Brüder Rätsel und Herausforderungen gemeinsam lösen


Keinerlei HUD oder sonstige Anzeigen



Auf der technischen Ebene fällt erst einmal auf, dass das Spiel über keinerlei HUD oder sonstige Anzeigen verfügt, um den Status der Spielfiguren anzuzeigen. Der Fokus liegt komplett auf der Geschichte und der emotionalen Beziehung zwischen den beiden Brüdern, die sich in diesem Fall auf die Steuerung auswirkt. Das Besondere: Beide Figuren werden mit einem Controller gesteuert. Während der große Bruder dem linken Stick zugeordnet ist, belegt der kleine Bruder den rechten Stick. Mit den Schultertasten werden jeweils die Interaktionen im Spiel ausgelöst. Die Rätsel innerhalb der Handlung beschränken sich darauf, Hebel und Kurbeln zu bedienen. Aufgrund der ungewöhnlichen Designentscheidung muss sich der Spieler zunächst in die Bedienung einfinden.

Beide Figuren gleichzeitig zu steuern und dann auch noch im Team Aufgaben zu bewältigen, wie einen Baum umzusägen oder einen Gegenstand um Hindernisse herum zu bugsieren, fühlt sich zunächst ungewohnt hakelig an. Nach wenigen Minuten geht dies aber relativ locker von der Hand. Eine automatische Sprungfunktion und die Tatsache, dass die Kamerafunktion die beiden Brüder immer analog zur Controller-Belegung anordnet, macht es dem Spieler leichter, sich auf die märchenhaft-düstere Geschichte zu konzentrieren.

Zuletzt noch ein Punkt: Der Leser wird sich vielleicht gefragt haben, warum es ein Audiokommentar überhaupt auf die Blu-Ray eines Videospiels geschafft hat; ist diese Form doch eher aus Filmen bekannt, wenn der Regisseur nachträglich seine gesprochenen Gedanken als Tonspur über die Handlung legt. Dass das Feature gerade in dieses Spiel integriert wurde, ist aber alles andere als außergewöhnlich. Josef Fares, gebürtiger Libanese und seit vielen Jahren in Schweden lebend, war bislang eher als Filmemacher bekannt, z.B. durch die wirklich sehr gelungenen Komödien "Jalla!Jalla!" (2000) und "Kops" (2003).



Jari

Fazit von Jari:

Der Filmemacher Josef Fares und das Team von Starbreeze haben mit Brothers: A Tale of Two Sons ein ganz starkes Videospiel abgeliefert, das technisch überzeugt, aber vor allem auf der erzählerischen Ebene neue Standards setzt. Ähnlich wie in den storylastigen Spielen Heavy Rain, Beyond: Two Souls, Until Dawn oder auch Journey, steht auch hier die Atmosphäre gegenüber dem Gameplay klar im Vordergrund. Zwar gibt es zwei Szenen, die sich im weitesten Sinne als Boss-Kämpfe interpretieren ließen. Allerdings sind diese so „einfach“ gestaltet, dass der Spieler kaum daran scheitern kann. Nichts, aber auch gar nichts lenkt in diesem Spiel von der mystisch-dunklen Welt ab, durch die der Spieler seine beiden Figuren lenken muss. Mutig auch, dass in einem Videospiel die Themen Krankheit, Abschied und Tod auf so berührende Weise verarbeitet werden. So opulent die Welt auch grafisch dargeboten wird, so wenig erfährt der Spieler über die Wesen, die in ihr Leben. In einem Kapitel treffen die beiden Brüder auf Riesen, die in einer Schlacht gefallen sind. Warum es diesen Krieg gegeben hat, wird nicht weiter erklärt. Gut so! Der einzige Tribut an die Konsole sind die Trophäen, die es innerhalb des Spiels zu finden gilt. Ich bin an den meisten Sammlerstücken blind vorbei gerannt. Wenn ihr also einen Basketball seht, dann werft ihn doch bitte in den nächsten Brunnen.

Besonders gut finde ich ...
  • Starke Geschichte
  • Toller Soundtrack
  • Stimmungsvolle Spielwelt
  • Innovatives Gameplay
Nicht so optimal ...
  • Nichts

Jari hat Brothers: A Tale of Two Sons auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von 505 Games zur Verfügung gestellt.


Darius

Fazit von Darius:

Wie schon bei meiner Review vor zwei Jahren, kann ich auch nach dem erneuten Durchspielen von Brothers: A Tale of Two Sons nur meine Empfehlung aussprechen. Das kurzweilige Abenteuer mit der ungewöhnlichen, aber eingängigen Koop-Singleplayer-Steuerung weiß trotz einer Spielzeit von rund 3 Stunden noch immer zu begeistern. Das liegt nicht nur an der liebevollen Präsentation, sondern vor allem an der Geschichte. Diese wird spannend und ohne große Worte erzählt, während ihr euch mit den beiden Brüdern durch wunderschöne und abwechslungsreiche Schauplätze bewegt und vereinzelte (Puzzle-)Aufgaben löst. Tolle Momente und nette Ideen begegnen einem im Spiel mehr als einmal und lassen einen darüber hinwegsehen, dass das Gameplay wenig Herausforderungen zu bieten hat. Am Ende bleibt es "eine wundervolle, berührende und dramatische Reise zweier Brüder", die ihr nicht verpassen solltet und jetzt auch auf der aktuellen Konsolen-Generation genießen könnt.

Besonders gut finde ich ...
  • Präsentation & Artstil
  • Interessante und kurzweilige Story
  • Intuitive Koop-Singleplayer-Steuerung
  • Perspektiven & Kamerafahrten
  • Einzelne Momente und Gameplay-Ideen
Nicht so optimal ...
  • Spielzeit ggf. etwas zu kurz (ca. 3 Stunden)
  • Lineares Gameplay ohne große Herausforderungen

Darius hat Brothers: A Tale of Two Sons auf der PlayStation 4 gespielt.

Brothers: A Tale of Two Sons - Boxart
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  • Entwickler:Starbreeze Studios
  • Publisher:505 Games
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PC, PS3, PS4, Xbox360, Xbox One
  • Release:07.08.2013
    (PS4, Xbox One) 12.08.2015
    (Retail) 03.09.2015

Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Kithaitaa ... und 4 Gästen.
  • Pyromaticx
    #1 | 10. September 2015 um 22:01 Uhr
    Habe dazu mal ein Let's Play gesehen, ist echt ein liebevolles, nettes Spiel bei dem man auch ein bisschen das Köpfchen anstrengen muss  

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