Until Dawn - Review
Ein Horrortrip, der seinesgleichen sucht
Spätestens seit der Etablierung der Telltale-Adventures wissen Spieler der heutigen Generation, wie packende Geschichten mit überraschenden Twists erzählt werden müssen. Auf einer ähnlichen Schiene fährt auch das Horror-Abenteuer Until Dawn, welches trotz klischeebehaftetem Aufhänger über die komplette Spielzeit hinweg auf hohem Niveau zu unterhalten vermag. In den knapp zehn Stunden Spielzeit wurde ich öfter an den Rande des Wahnsinns gebracht, als es ein Resident Evil je schaffen konnte. Was die Faszination ausmacht und warum ich meine Hitliste der Top-Horrorspiele neu sortieren muss, erkläre ich euch in meiner Review.
Stereotypische Charaktere
Die Macher von Until Dawn haben bei der Charaktererstellung bewusst mit den Klischees verschiedenster Horrorfilme gespielt. Im Cast finden sich unter anderem der selbstbewusste und überaus gut aussehende Mädchenschwarm, die furchtbare schreckhafte blonde Tussi und der nette Nerd von nebenan - der erwartungsgemäß seine Problemchen mit der Frauenwelt hat. Speziell in der Anfangsphase strotzt das Spiel daher mit platten Dialogen, Beziehungsdramen und teils nervigen Plattitüden. Immerhin sind diese Dialoge auch alle in deutscher Sprache vertont, wenngleich die Synchronsprecher hier und da etwas überspitzt wirken und der Ton an verschiedenen Stellen sehr schlecht abgemischt ist. Während mir die blonde Tussi in einem Moment das Ohr wegschreit, höre ich ihren Begleiter nur wenige Sekunden später kaum noch. Ob das vielleicht an der schrillen Stimme lag? Immerhin lassen sich im Spiel optional auch die englischen Sprecher aktivieren und zudem noch deutsche Untertitel hinzuschalten.

Die Steuerung aus der Hölle
Spielerisch unterscheidet sich Until Dawn kaum von den bekannten Telltale-Spielen wie beispielsweise The Walking Dead. Anders als im eben genannten Spiel gibt es jedoch keinerlei Rätsel oder ausufernde Gameplay-Elemente, die erst mit zunehmender Spielzeit erlernt werden müssen. Im Grunde navigiere ich die Charaktere durch wunderschön und überaus atmosphärisch inszenierte Schauplätze von A nach B und suche dort nach verschiedenen Objekten, die zur Aufklärung der mysteriösen Vorfälle auf dem Berg beitragen sollen. Diese Objekte kann ich, ähnlich wie in The Order: 1886, mit einer Art Detailansicht näher unter die Lupe nehmen. Habe ich alle Hinweise gefunden, wird meist auch schon die nächste Zwischensequenz ausgelöst, die die Handlung weiter vorantreibt. Für Spieler, die keinen angeborenen Sammeltrieb an den Tag legen, ist diese Sucherei allerdings komplett optional. Da die Schauplätze aber ohnehin weitestgehend linear ausfallen, stolpert man meist über alle wichtigen Hinweise.
Dabei nervt die teils sehr hakelige Steuerung, denn ähnlich wie in Resident Evil arbeitet Supermassive Games mit festen Kameraperspektiven, die gerne mal dazu führen, dass ich die eine oder andere Treppe mehrmals nach oben oder unten laufe, ohne die Laufrichtung auf dem Analog-Stick geändert zu haben. Immerhin sind alle wichtigen Fluchtsequenzen gescriptet, sodass mich aufgrund dieser Unzulänglichkeit kein Bildschirmtod ereilt.
Die pure Verzweiflung
Damit letzterer tunlichst vermieden werden kann, sollten alle Entscheidungen im Spiel mit Bedacht gewählt sein. Nehme ich eine gerade gefundene Leuchtpistole mit oder übergebe ich sie an meinen Partner? Eine solch unscheinbar wirkende Entscheidung kann in einer bestimmten Situation über Leben oder Tod entscheiden und nachhaltig das Spielerlebnis verändern. Stirbt nämlich einer der Charaktere, können ganze Storystränge verborgen bleiben. Dadurch motiviert mich das Spiel natürlich zum mehrmaligen Durchspielen. Von Guides beim ersten Durchgang rate ich im Übrigen absolut ab. Nichts packt euch mehr als die bittere Gewissheit, dass ihr soeben eine falsche Entscheidung getroffen und einen eurer lieb gewonnen Charaktere für immer verloren habt.
Damit es aber erst einmal so weit kommt, muss ich in einer der unzähligen rasant zusammengeschnittenen Actionsequenzen ordentlich versagt haben. Hier müssen innerhalb kürzester Zeit verschiedene Aktionsknöpfe betätigt werden, um das Ableben des Charakters zu verhindern. Ebenso werde ich immer wieder vor die Wahl gestellt, ob ich langsam und sicher von Hang zu Hang klettern möchte, oder aber die riskantere Variante wähle, um schneller an mein Ziel zu kommen. Da diese Situationen überaus stressig inszeniert sind und die Gefahr unmittelbar im Nacken sitzt, kann hier aus dem Bauch heraus gut und gerne mal die falsche Entscheidung getroffen werden. Immerhin bietet mir Until Dawn oftmals eine zweite Chance, um die Quick-Time-Sequenz doch noch zu meistern.
Allzu viel Gnade sollte man trotzdem nicht erwarten, denn im Laufe des Spiels überraschen euch immer neue Gefahren und treiben euch an den Rande des Wahnsinns. Besonders fies sind die Sequenzen, in welchen ich mich völlig still verhalten muss. Mithilfe des Bewegungssensors des PlayStation-4-Controllers wird meine Fähigkeit zur Bewahrung absoluter Ruhe gemessen – während sich mir die Gefahr auf dem Bildschirm nähert und so auf mich einen extremen Druck ausübt. Jede kleinste Zuckung mit dem Gamepad kann auch hier den Bildschirmtod bedeuten. So schlau, wie ich natürlich gewesen bin, habe ich in solchen Momenten das Gamepad auf dem Sofa abgelegt - doch nicht weiter an das nicht abschaltbare Vibrationsfeature gedacht. Ihr könnt euch denken, wie diese Szene geendet hat.

Herausragende Inszenierung
Zwar bietet Until Dawn aus spielerischer Sicht kaum Innovationen, dennoch stimmt die Inszenierung von der erste Minute an. Immer wieder spielen die Entwickler mit der glaubwürdigen Soundkulisse: Schritte im Schnee, knisternde Äste oder Tiere versetzen mich oft in Angst und Schrecken. Ebenso musste ich einen Medizinschrank öffnen, aus welchem eine riesige Ratte kroch - dieser Moment war so unvorhersehbar, dass das Gamepad fast auf dem Boden gelandet wäre. Auch die schwerwiegenden, später im Spiel zu treffenden Entscheidungen trieben mich immer wieder zur puren Verzweiflung. Beim Durchstreifen verschiedenster Höhlen und Minen hatte ich oft nur einen Gedanken: "Oh nein, bitte nicht!". So stumpf die Charaktere zu Beginn des Spiels nämlich in die Geschichte eingeführt werden, so schnell habe ich sie lieb gewonnen und versuchte alles, um sie am Leben zu halten. Umso schmerzhafter ist es dann, dass trotz aller Bemühungen mein Lieblingscharakter am Ende des Spiels spektakulär verstorben ist.
Freilich setzt das Spiel hier und da auf Jump Scares, die sich bisweilen zwar schnell abnutzen, dem ungeachtet haben die Entwickler aber immer wieder Wege und Mittel gefunden, das Niveau auch gegen Ende hoch zu halten. Die genial und glaubhaft inszenierten Zwischensequenzen tun ihr Übriges. Besonders die Gesichter der realen Schauspieler, allen voran Hayden Panettiere als Sam, sind nahezu fotorealistisch ins Spiel integriert worden. Diese Liebe zum Detail lässt die Charaktere und die Geschichte um den mysteriösen Berg nur noch intensiver auf mich wirken. Ebenso ist die Umgebungsgrafik sehr gut gelungen und zeigt, was die PlayStation 4 zu bieten hat. Obwohl sich hier und da vermatschte Texturen blicken lassen und die Bildrate gerne mal in den Keller geht, bleibt Until Dawn ungeachtet dessen ein Augenschmaus und setzt insbesondere im Horror-Genre grafisch neue Maßstäbe.
Fazit von Kevin:
Nie hatte ich eine solche Entscheidungsfreiheit wie in Until Dawn. Wie verstehen sich die Charaktere untereinander? Lieben oder hassen sich die Protagonisten nach einiger Zeit? All das liegt komplett in meiner Hand und lässt das Horror-Abenteuer zu einem ganz besonderen Erlebnis werden. Hier bin ich der Regisseur und Leidtragende zugleich, wenn trotz meiner gut überlegten Entscheidungen der Falsche stirbt. Jede Entscheidung ist von einer alternativen Sequenz begleitet und die Konsequenzen zeigen sich oftmals erst einige Kapitel später.
Die herausragend inszenierte Soundkulisse und die in der Spielwelt versteckten Totems, welche mich vor Gefahren in der Zukunft warnen, steigern die Spannung kontinuierlich bis zum Finale des Spiels. Selbst dieses liegt bis zur letzten Sekunde in meiner Hand, sodass es nicht nur bei einem Durchmarsch bleiben wird. Outlast war dagegen ein Spaziergang und von diesem Meisterwerk dürfen sich Genre-Vertreter eine große Scheibe abschneiden. Es müssen nicht immer verlassene Gänge, Zombies oder Aliens sein, um mich in Angst und Schrecken zu treiben. Danke Supermassive Games für dieses grandiose Spiel, das ich allerdings nur den hartgesottenen Fans unter euch wirklich empfehlen kann.
Denn wer schon bei Resident Evil, Outlast oder Silent Hill so seine Probleme hatte, sollte es sich hier eventuell ein zweites Mal überlegen. Dieses Spiel ist definitiv nichts für schwache Nerven und teilweise so brutal, dass es schwache Gemüter emotional für einen Moment packen kann. Letzteres ist natürlich Voraussetzung, um das Spielerlebnis vollends genießen zu können. Hierfür muss man dann besonders zu Beginn über die platten Dialoge und die klischeebehafteten Charaktere hinweg sehen können.
Until Dawn hat sich in meiner Horror-Top-Liste auf den ersten Platz gesetzt. Selten setzte ein Genre-Vertreter derart viele Maßstäbe. Horror geht auch ohne Zombies oder Aliens und lässt Outlast & Co. zu einem Spaziergang durchs eigene Wohnzimmer verkommen!
- Gesichter nahe am Fotorealismus
- realistische Mimik und Gestik
- Render- & Spielsequenzen kaum zu unterscheiden
- unterschiedliche Handlungsstränge
- volle Entscheidungsfreiheit
- mit all ihren Konsequenzen
- Totems zeigen die Zukunft
- Quick-Time-Events varrieren
- abwechslungsreiche glaubhafte Spielwelt
- kein Leerlauf
- herausragender Soundtrack
- kaum Ladezeiten
- Bewegungssensor wird gut genutzt
- emotionale Entscheidungen fallen verdammt schwer
- brutale Bildschirmtode
- schlecht abgemischter Sound (deutsche Synchronisation)
- hakelige Steuerung
- teils niedrige Bildrate
Kevin hat Until Dawn auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Sony CEE zur Verfügung gestellt.


#1 | 10. September 2015 um 22:45 Uhr
#2 | 17. September 2015 um 14:31 Uhr