FIFA 16 - Review

Erst in der vergangenen Woche habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich mein heiliges PS4-Pad am liebsten gewaltig gegen die Zimmerwand gepfeffert hätte. Dass FIFA schon immer ein guter Kandidat dafür gewesen ist, die Emotionen hochkochen zu lassen, war mir klar - doch das diesjährige Update von EAs Rasenschach macht es mir diesmal extrem schwer. Ich schwanke zwischen großer Liebe und tiefem Hass gegenüber der Fußballsimulation. Irgendwie fast wie ein Besuch bei einer der bekanntesten Burgerketten. Ob das Spiel in diesem Jahr ähnlich aufgewärmt ist wie das Burgerfleisch aus der Warmhalteschale, erfahrt ihr in der Review zum vielleicht seltsamsten FIFA aller Zeiten.

FIFA ist schon seit Jahren ein Titel, den man entweder liebt oder abgrundtief hasst. Ich selbst spiele seit vielen Jahren die Fußballsimulation aus dem Hause Electronic Arts und habe alle Höhen und Tiefen miterlebt. Mit dem Umstieg auf die neue Engine bewegte sich die Reihe in die richtige Richtung und kann nach wie vor mit dem üppigen Lizenzpaket punkten. Wie in jedem Jahr verfügen die Jungs von EA nämlich über alle relevanten Lizenzen, weshalb es, anders als beispielsweise in Pro Evolution Soccer, möglich ist, mit Pierre-Emerick Aubameyang für Borussia Dortmund im Signal Iduna Park auf Torejagd zu gehen. Neu dabei sind diesmal im Übrigen auch einige Nationalmannschaften aus dem Frauenfußball. Diese wurden allesamt mit viel Liebe zum Detail ins Spiel eingebaut und die bekanntesten Spielerinnen wirken dank Body-Scan sogar richtig lebensecht.


FIFA 16
Die Integration des Frauenfußballs ist erstaunlich gut geglückt.


Frauenfußball setzt neue Impulse



Dabei sind die Frauen nicht nur detailliert und überaus glaubwürdig ins Spiel integriert worden: Das Spielgefühl ist im Gegensatz zum Männerfußball wahrlich anders und dem realen Sport erstaunlich gut nachempfunden. Die Räume sind größer, die Frauen bewegen sich wesentlich filigraner und schlagen öfter mal Flanken. Ebenso sind Distanzschüsse nicht ganz so stark und landen nicht bei jedem zweiten Versuch im Netz. Selbst die Torhüterinnen unterscheiden sich in ihrem Vorgehen und spielen wesentlich passiver oder fausten den Ball öfter mal weg, anstatt ihn fest in den Händen zu halten. Diese kleinen Stellschrauben lassen das Gameplay mit den Frauen einzigartig und glaubwürdig wirken.

EA hat außerdem gut daran getan, das Zusammenspiel von Frauen- und Männermannschaften zu unterbinden. Direkte Duelle sind aufgrund der Gameplay-Unterschiede nicht möglich. Davon abgesehen lässt sich mit den Frauen allerdings recht wenig anfangen: Gerade einmal zwölf Mannschaften haben es ins Spiel geschafft. Mit dieser geringen Anzahl von Teams lässt sich nicht einmal die letzte Weltmeisterschaft nachspielen - schade. Wer trotzdem mit dem weiblichen Geschlecht auf Torejagd gehen möchte, dem steht immerhin ein kleiner Länderpokal zur Auswahl. Gerne darf im nächsten Jahr die Auswahl der Teams nach oben geschraubt werden und der Frauenfußball einen größeren Part einnehmen als noch in diesem Jahr.


Tanz mit dem Teufel



Für Fanatiker des überaus erfolgreichen FIFA-Ultimate-Team-Modus gibt es hingegen eine neue mögliche Einnahmequelle. Im neuen "Draft-Modus" bekomme ich für jede einzelne Position durch ein Losverfahren fünf Spieler vorgeschlagen, die zu meiner Mannschaft passen könnten. Durch meine Auswahl bestimme ich so indirekt die Mannschaftsleistung und Chemie mit. Wie im eigentlichen Ultimate-Team-Modus, spielt diese natürlich auch in diesem Modus eine überaus wichtige Rolle. Immerhin bekomme ich über das Losverfahren meist hoch bewertete Spieler vorgeschlagen, weshalb es durchaus möglich ist, in nur wenigen Schritten zur Traumelf zu kommen. Diese hält allerdings im besten Fall auch nur vier Partien. Je mehr Spiele man in Folge gewinnt, desto höher ist der Gegenwert an zu erhaltenden Packs, in welchen vielleicht der nächste Top-Spieler für mein richtiges Team enthalten sein könnte.

Besonders fies bei der Sache ist allerdings der Umstand, dass der Draft-Modus nicht beliebig oft gestartet werden kann. Um die saftigen Belohnungen nicht im Übermaß ausreizen zu können, verlangt Electronic Arts für jeden neuen Start einer Saison den Einsatz von 15.000 Münzen oder wahlweise 300 FIFA-Points, welche in der PS4-Version für knapp drei Euro erhältlich sind. Hier entscheidet also nach wie vor der Geldbeutel über Sieg oder Niederlage, wenngleich es nicht unmöglich ist, mit einer schwachen Bronze-Mannschaft eine Mannschaft mit Neymar, Lewandowski & Co alt aussehen zu lassen - der entsprechende Skill und das nötige Quäntchen Glück vorausgesetzt.


FIFA 16
Neymar, Messi & Co sind nun auch mit ihren Tattoos ausgestattet.


Sieg oder Niederlage entscheiden sich auf dem Platz



Siege können selbstverständlich nur durch gekonntes Taktieren, einer guten Mannschaft und einem guten Spieler vor dem Bildschirm eingefahren werden. Um das Spiel besser zu verstehen, verfügt nun auch FIFA über den EA-Trainer, welcher ähnlich dem von NHL 16 fortlaufend Tipps gibt, wie ich in den verschiedenen Situationen vorzugehen habe. Dank der visuell unauffällig integrierten Pfeilanzeige ist so für Anfänger der Reihe besser nachvollziehbar, warum der eben gespielte Pass in den Beinen des Gegenspielers hängen geblieben ist und nicht das anvisierte Ziel erreicht hat.

Über die Skill-Spiele, welche im Karriere-Modus übrigens nun dazu dienen, die eigenen Spieler weiter aufzuwerten, gibt es außerdem die Möglichkeit, seine Fähigkeiten Stück für Stück zu verbessern. Dabei nimmt mich das Spiel jederzeit gut an die Hand und lehrt selbst mir als erfahrenem Spieler hier und da immer etwas Neues. So zum Beispiel das neue No-Touch-Dribbling, welches mit der Hilfe des argentinischen Star-Spielers Lionel Messi ins Spiel integriert wurde. Mit dem Einsatz der Schultertaste und dem rechten Stick ist es jetzt leichter denn je, einen Gegenspieler zu täuschen ohne dabei den Ball in eine Richtung bewegen zu müssen. Besonders wenn die Räume dank Fünfer-Abwehrkette zugestellt sind, hilft dieses Feature enorm, um in den Strafraum vorzudringen. Neben dieser Neuerung gibt es außerdem jetzt auch schärfere Pässe, die das Spiel in wichtigen Kontersituationen enorm beschleunigen können.

Beide Neuerungen bringen eine höhere Vielfalt in den Spielaufbau und heben das Gameplay gekonnt von FIFA 15 ab. Dafür sorgt auch die überarbeitete Ballphysik, die zwar nach wie vor nicht mit der von Pro Evolution Soccer mithalten kann, aber dennoch ein ordentliches Spielgefühl entstehen lässt: Die Kugel wirkt nun wesentlich schwerer und senkt sich bei Schüssen ordentlich ab, zu gewissen Zeitpunkten fliegt der Ball aber auch gerne mal völlig unkontrolliert und unrealistisch durchs halbe Stadion.

Solche Kuriositäten bestimmen durchaus öfter die überaus engen Online-Partien. Spieler rempeln sich um und verhaken ineinander, Torhüter stolpern bei Rückpässen über den Ball oder der Distanzschuss aus dem richtigen Winkel bedeutet fast immer ein Torerfolg. Zwar hat Electronic Arts recht schnell einen Patch nachgeschoben, der eben Angesprochenes leicht verbessert, einige Bugs sind aber noch immer vorhanden und ärgern nicht nur mich, sondern auch die riesige FIFA-Community.


FIFA 16
In Freistoßsituationen zückt der Schiri nun auch das Freistoßspray.


Schiedrichter aus der Hölle



Doch nicht nur die Ballphysik hat so ihre Probleme. Während in Pro Evolution Soccer die Schiedrichter gerne mal dazu neigen, auch harte Fouls zu ignorieren, pfeifen die Jungs in FIFA 16 überaus penibel jede kleinste Berührung. Wobei Letzteres oftmals nicht der Fall ist und der Gegner trotzdem einen Elfmeter zugesprochen bekommt. Selbst der kleinste Rempler kann hier schon für eine rote Karte sorgen. Das hemmt den Spielfluss ungemein, lässt das Spiel teilweise unfair werden und raubt so sehr schnell den Spaß. Ich hoffe, dass an dieser Stelle noch einmal nachgebessert wird, da die momentane Situation der Schiris eine absolute Katastrophe darstellt. Ebenso kämpft das Spiel im Online-Modus teils mit massiven Lags und Verbindungsabbrüchen, die es manchmal unmöglich machen, das Beste aus seiner eigenen Mannschaft herauszukitzeln.

An der Präsentation haben die Entwickler dieses Jahr natürlich ebenfalls gefeilt. Wer im Karriere-Modus, oder auch nur im freien Spiel ein Match mit zwei Bundesliga-Mannschaften bestreitet, darf nun die originalen Einblendungen aus den TV-Übertragungen bewundern. Man mag es kaum glauben, aber eben genau diese Kleinigkeiten lassen mich als Spieler noch ein Stück tiefer in das virtuelle Stadion eintauchen. Diese sind außerdem ihren originalen Pendants nachgestellt und können bis ins letzte Detail überzeugen. Leider fehlen immer noch einige Bundesliga-Stadien, wenngleich nun der Borussia Park als neues Stadion bespielt werden darf.

Allgemein gesehen tritt FIFA grafisch etwas auf der Stelle. Das grüne Gras versprüht weniger Glanz als noch im letzten Jahr, die Abnutzung wird wesentlich weniger intensiv dargestellt und einzelne Spieler laufen beim Torjubel nach wie vor durch das Tornetz - inklusiver hässlicher Clipping-Fehler. An solchen Kleinigkeiten hätte man durchaus arbeiten können. Immerhin gibt es eine Neuerung in der Kommentatoren-Kabine: So gibt es die Kommentare des überaus beliebten Wolff-Christoph Fuss zu hören, der in den letzten Jahren bei der Konkurrenz das Spielgeschehen kommentierte. Dieser wird wie gewont von Frank Buschmann unterstützt, wobei hervorzuheben ist, dass einige nervige Sätze aus dem Vorjahr gestrichen und neue, weniger nervige aufgenommen wurden. Wahlweise gibt es außerdem die Möglichkeit, zum englischen Kommentatoren-Duo zu wechseln, welches seit Jahren eine sehr gute Alternative zu den deutschen Kommentatoren darstellt.



Predator

Fazit von Kevin:

Der neueste Ableger der FIFA-Reihe ist eine Sache für sich. Bei der Entwicklung versuchte Electronic Arts viel am Gameplay zu schrauben und hat auch tatsächlich die richtigen Stellschrauben gefunden. Allerdings machen die überaus kleinlichen Schiris, die nervigen Rempler und furchtbar agierende Torhüter das Spielerlebnis schnell kaputt. Mal hält mein Torhüter wie Manuel Neuer, um nur in der nächsten Sekunde einen absolut sicheren Ball mit den Händen direkt vor die Füße des Gegners zu fausten. So ewas muss nicht sein und haben wir in den letzten Jahren schon besser gesehen.

Der Umfang hingegen stimmt, die neuen Kommentatoren machen einen ordentlichen Job und die Optik ist in jeder Hinsicht der von Pro Evolution Soccer überlegen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass auch auf dieser Ebene mehr drin gewesen wäre. Für Casuals ist FIFA mit Sicherheit auch in diesem Jahr die erste Wahl, alle anderen sollten sich schon einmal ein neues Pad dazu kaufen. Das Alte wird wohl nicht die ganze Saison halten.

Electronic Arts schraubt an den richtigen Stellschrauben und liefert in diesem Jahr einen soliden Ableger ab, der Casuals und Hardcore-Spieler zugleich begeistern dürfte - wenn da nur nicht diese Aussetzer wären...

Besonders gut finde ich ...
  • überarbeitete Ballphysik
  • Karriere-Modus durch Trainingsoptionen erweitert
  • Freistoßspray, Torlinientechnik, originale Einblendungen
  • neues Kommentatoren-Team
  • virtuelle Bundesliga (PS4-Version)
  • frei belegbare Steuerung
  • üppiges Lizenzpaket
  • No-Touch-Dribbling
Nicht so optimal ...
  • Mitspieler laufen selten mit
  • kaum freie Räume
  • insgesamt trägeres Spielgefühl
  • Torhüter-KI stark schwankend
  • furchtbare Schiedsrichter-KI
  • keine Online-Lobbys
  • massive Laggs in Online-Partien
  • keine Pressekonferenzen, Storykomponente im Karriere-Modus
  • lahmes Menü, viele Ladezeiten (PS4-Version)
  • Ruckler während der Skill-Spiele in Ladezeiten
  • Draft-Modus verlangt Einsatz von zu viel Münzen oder Echtgeld

Kevin hat FIFA 16 auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Electronic Arts zur Verfügung gestellt.

FIFA 16 - Boxart
  •  
  • Entwickler:EA Canada
  • Publisher:Electronic Arts
  • Genre:Fußball
  • Plattform:PC, PS3, PS4, Xbox360, Xbox One
  • Release:24.09.2015

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