Just Cause 3 - Review 5

Oft sind Videospiele verdammt schwer zu erklären - weil sie auf komplexe Mechaniken bauen, abstrakte Geschichten erzählen oder weil sie einfach anders und einzigartig sind. Und manchmal bedarf es nur weniger Worte: "In Just Cause 3 explodieren Dinge" etwa umschreibt Avalanche's neuesten Action-Spielplatz so treffend, dass man kaum weiter ausschweifen müsste. Wohin auch? Zur Story? Zur Spielmechanik? Zum Missionsdesign? Zu all dem gibt es wenig zu erzählen, denn eigentlich ist mit "Es explodieren Dinge" schon alles gesagt. Bleibt also nur die Frage übrig, welche Dinge denn tatsächlich explodieren. Und selbst die ist sehr schnell beantwortet.

In Just Cause 3 explodieren Benzintanks, Transformatoren, Schaltanlagen, Destillationstürme und Sendemasten, große Schaufelbagger, Satellitenschüsseln, Lautsprecher, verschiedene Arten von Fahrzeugen zu Wasser, zu Lande und in der Luft und natürlich diverser Kleinkram, der hier und da eben rumliegt - Gasflaschen etwa oder Kraftstoffkanister. Das alles fliegt pompös inszeniert in die Luft, eine Stichflamme jagt die nächste, Einzelteile werden umher geschleudert, der dichte schwarze Rauch steigt langsam gen Himmel auf. Zerstörung wird propagiert und zelebriert, und nirgends sonst spürt man ein solch befriedigendes Gefühl, wenn man eine Tankstelle mit einem vier-rohrigen Granatwerfer zerlegt. Mit "In Just Cause 3 explodieren Dinge" ist wahrlich (fast) alles gesagt. Und in dem Satz steckt ja noch mehr als nur die oberflächliche Aussage, denn er liefert gleichzeitig auch noch Auskunft darüber, was es mit Story, Anspruch, Spielwelt, Missionsdesign und Abwechslungsreichtum alles auf sich hat.


Just Cause 3
Cool guys don't look at explosions. Vor allem nicht, wenn man sie jeden Tag sieht.


Boom, boom, boom, boom, ich bring' euch alle um ... ?



Nämlich - Achtung, Überraschung! - nicht viel bis stellenweise sogar gar nichts. Die Handlung etwa kann man getrost mit einem gelangweilten Gähnen abtun, die Frage nach intellektuellem Anspruch mit dem Namen "Just Cause" bereits entwaffnen. Nun kommt das freilich kaum unerwartet und ist per se auch nicht wirklich schlimm, denn seien wir mal ganz ehrlich, ein Just Cause spielt man nicht seiner Geschichten und Botschaft wegen, sondern schlicht und einfach dafür, um mal richtig die virtuelle Sau rauszulassen. Wen kümmert's also, dass der Diktator Medicis null interessante Charakterzüge hat? Dass die Rebellen unnütze Dumpfbacken sind, die mir als Rico Rodriguez die Befreiung des Inselstaates quasi alleine überlassen? Zwischen den dämlichen Figuren, den noch dämlicheren Dialogen und den erstaunlich einfallslosen Zwischensequenzen sucht man erst gar nicht nach Spannung, Twists oder Niveau. Insofern hält sich meine Enttäuschung diesbezüglich auch in Grenzen. Was allerdings meiner Meinung nach gar nicht geht, ist Rico selbst, der keinerlei One-Liner oder coole Sprüche auf Lager hat und stattdessen alles ernst nimmt und teils gar mit der Moralkeule um sich schlägt. Ich hätte diesen Langweiler jederzeit gegen einen Max Rockatansky ausgetauscht.

Und das ist nicht das einzige, was ich tauschen würde. Wenn ich könnte, würde ich das ganze Medici sofort durch die Wastelands ersetzen - weg mit den Traumstränden und mediterranen Wäldern und Dörfern, her mit der staubtrockenen Wüste! Wieso? Weil Medici seinen prächtigen Panoramen und dem idyllischen Inselflair zum Trotz ein totes Land ist. Arm an Flora und Fauna, arm an Sehenswürdigkeiten, arm an Abwechslung, arm an Beschäftigungen. Wer mit Fallschirm und dem großartigen neuen Wingsuit durch Medici gleitet, findet dort auf über 1.000 Quadratkilometern neben unbelebten Landstrichen nichts außer immer gleich aussehenden Städten, Dörfern und Militärbasen. Das muss man sich einmal vorstellen: Selbst die trockenen Wastelands waren optisch abwechslungsreicher als ein kompletter Inselstaat.


Just Cause 3
Just Cause 3 ist umwerfend schön - aber viel steckt leider nicht dahinter.


Rico, die Abrissbirne



Jede Stadt ist gleich aufgebaut und besteht aus ein paar Häusern mit roten Dächern. Irgendwo steht die Diktatorstatue herum, auf die es offensichtlich einen Mengenrabatt gegeben hat. Polizeistationen sind allesamt architektonisch identisch, jede ausgestattet mit einem bis zwei großen Benzintanks, einer kleinen Satellitenschüssel und einem Öffnungstor, durch das man die Rebellen hineinlassen kann. All diese liebevoll "Chaos-Objekte" getauften, rot markierten Elemente sprengt man gekonnt in die Luft, mit einer Selbstverständlichkeit hisst man Dorf für Dorf die Flagge der Rebellen am immergleichen Rathaus. Das ist beim ersten Mal cool, beim zehnten Mal noch nett, beim dreißigsten Mal doof und beim fünfzigsten Mal nur noch nervige Routine. Aber hey, Hauptsache, wir haben über 1.000 Quadratkilometer Fläche im Spiel!

Militärbasen sind nicht viel besser. Größer, stärker bewacht, mit mehr Chaos-Objekten gefüllt, aber gleichermaßen identitätslos und ein ganzes Stück schwerer zu erobern. Wo in einer Stadt nur eine Handvoll Soldaten die Zerstörungsorgie stören und zwischendurch mal ein Panzer oder Hubschrauber vorbeischaut, prasseln die Projektile hier wie Hagel auf Rico ein, von allen Seiten kommend, stets punktgenau treffend. Anfangs hatte ich mir noch die Mühe gemacht, die Soldaten einen nach dem anderen auszuschalten - doch irgendwann kam die Erkenntnis, dass das rein gar nichts bringt, da immer und immer wieder Verstärkung anrollt, auf einen Hubschrauber folgen zwei weitere, auf einen Militärjeep kommen drei dazu. Masse statt Klasse ist das Motto von Just Cause 3 und wer effizient und zeitsparend zerstören will, ignoriert die zahllosen Wachen und sprengt inmitten des Kugelhagels einfach alles weg, was im Entferntesten rot leuchtet. Und wenn man im Suizidkommando stirbt, ist das ja auch gar kein Problem: Dann steht man nach dem Ladebalken nämlich mit randvoller Munition direkt vor den Toren der entsprechenden Basis. So wird das Sterben quasi Teil des Erfolges - sehr praktisch.


Just Cause 3
Seht ihr die rot markierten Türme da hinten? Die stehen nicht mehr lange.


Experimentierfreude mit Greifhaken und Helikoptern



Das alles muss sich unglaublich dumm anhören. Und noch dümmer klingt es vermutlich, wenn ich nun sage, dass ich dabei tatsächlich Spaß hatte - der peinlichen Spielwelt und dem noch peinlicheren Design von Städten und Militärbasen zum Trotz. Denn nirgends sonst fühlt es sich so befriedigend an, für Zerstörung zu sorgen, zumal Ricos Waffenarsenal hervorragend ausgestattet ist und Greifhaken und Wingsuit spektakuläre Situationen und Experimente erlauben. Klar ist es nett, eine Diktatorstatue mit einem Raketenwerfer zu zerbersten. Aber viel geiler ist es doch, drei Autos mit Greifhäken an einem Helikopter zu hängen und diese dann mit voller Wucht gegen di Ravellos Steinkopf zu schmettern. Oder einen Jet mit Tempo 300 auf die Statue zu steuern. Auch wenn die Möglichkeiten entgegen der Werbung doch recht begrenzt sind, so macht es viel Laune, mit den gegebenen Tools zu experimentieren.

Um genau diese Experimentierfreude anzuheizen, gibt es Herausforderungen und sogenannte "Mods" - kleinere Perks, mit denen man zusätzliche Fähigkeiten aktivieren kann, etwa auf Kontakt detonierende Granaten, einen schneller einziehenden Greifhaken oder die Möglichkeit, mehrere Häken parallel zu verwenden. Zum Freischalten sind schließlich die Herausforderungen da, das Just-Cause-3-Pendant zu Nebenmissionen, im Regelfall bestehend aus einem Start-Ziel-Rennen, einem Wingsuit-Parcours oder einer Zerstörungsmission unter Zeitdruck. Wie gewohnt spielen Geschichten hier gar keine Rolle, dafür bekommt man wenigstens die Gelegenheit, seine Ziel- und Flugkünste mal richtig unter Beweis zu stellen - denn sonstwo in der Spielwelt wird man in all dem kaum gefordert. Macht schon Spaß und ist endlich mal etwas anspruchsvoller, fühlte sich für mich aber schnell nach verschwendeter Zeit an, da die Belohnungen zum Abschließen des Spiels völlig überflüssig sind.


Just Cause 3
Fragt nicht, was das Auto da in der Luft zu suchen hat - und wieso Rico gerade aussteigt.


Fragen über Fragen



Kurzweilig wird Just Cause 3 durch all das - die Herausforderungen, die Zerstörung Befreiung der Städte, Dörfer und Militärbasen, das Experimentieren mit dem Arsenal - allemal. Nach spätestens einer Stunde ist die Luft jedoch schon wieder raus, da man eben doch immer und immer wieder das gleiche macht. Und auch wenn das in Just Cause 2 nicht so viel anders war, so fühlte ich mich dort wesentlich besser und vielseitiger unterhalten - sei es alleine schon wegen der unterschiedlichen Klimazonen. Selbst die knapp 25 Story-Missionen bieten kaum mehr Abwechslung und werfen einem häufig elend große Gegnerwellen entgegen. Hier hätte man so viel mehr draus machen können, selbst ein Assassin's Creed ist da besser aufgestellt.

Es ist mir einfach ein Rätsel, wieso Medici eine so langweilige und inhaltsleere Spielwelt ist, wieso Städte immerzu gleich aussehen und sich selbst die Chaos-Objekte schon nach kurzer Zeit nur noch wiederholen, wo Just Cause 3 doch außer Zerstörung rein gar nichts Interessantes zu bieten hat - zumal ausgerechnet die Action häufig unter heftigen Framerate-Einbrüchen leidet. Da hilft es dann auch nicht mehr, dass Medici optisch zum Schönsten gehört, was ich auf der PlayStation 4 bisher gesehen habe. Fragwürdig auch, wieso man mit Helikoptern das Befreien kompletter Städte quasi aushebeln kann, indem man über der Sichtlinie fliegt und wild und wahrlos Raketen draufrotzt, bis auch das letzte Chaos-Objekt vernichtet ist. Oder wofür man überhaupt noch Autos, Boote und Motorräder nutzen sollte, wenn man mit Greifhaken, Fallschirm und Wingsuit doch um ein Vielfaches schneller vorwärtskommt. Vielleicht sind das aber auch Fragen, die man einem Just Cause nicht stellen sollte, weil es sie sowieso nicht beantworten kann. Hauptsache, es explodieren Dinge.



Tim

Fazit von Tim:

Just Cause 3 ist für mich eine der größten Enttäuschungen von 2015 und nur deshalb an meiner Flop-Liste im GOTY-Beitrag vorbeigerutscht, weil ich es zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht ausführlich genug gespielt hatte. Ja: Ich war schon im Vorfeld ob der seltsam vertrauten Trailer und der offensichtlich marginalen Gameplay-Veränderungen skeptisch - und ich habe nicht viel mehr als ein Just Cause 2.5 erwartet. Aber Just Cause 3 ist noch weit weniger als das: Es fühlt sich noch gleichförmiger und abwechslungsärmer an als sein Vorgänger, ist in seiner Story noch dümmer und spielerisch kaum weiter als damals. Nun mag all das für ein Spiel, das ohnehin nur Zerstörung zelebriert, nicht entscheidend sein. Denn wer interessiert sich schon für den Diktator oder die Rebellen, wenn man gerade mit einem Granatwerfer einen Destillationsturm wegsprengt, parallel dazu mit C4 eine Reihe an Benzintanks hochjagt und anschließend mit dem Wingsuit durch die Rauchschwaden gleitet, der Sonne entgegen, die heiße Stichflamme im Rücken? Just Cause 3 inszeniert seine explosive Action ganz fantastisch, vergisst aber alles andere drumherum - und leider auch seine Spielwelt. Medici ist ein totes Land mit immergleichen Städten und Dörfern, in dem selbst das Zerstören viel zu schnell zur langweiligen Routine verkommt. Und das ist für ein Spiel, das sonst nichts anderes zu bieten hat, traurig und beschämend.

Just Cause 3 ist schöner, größer, lauter und langweiliger - und ein Mahnmal an alle Entwickler, dass es mit Superlativen alleine eben noch lange nicht getan ist.

Besonders gut finde ich ...
  • hervorragende Fortbewegung mit dem Wingsuit
  • malerische Kulissen, grandiose Explosionen
  • bunte Experimente mit dem Greifhaken möglich
  • lange Spielzeit von 25-40 Stunden
Nicht so optimal ...
  • die wohl dümmste KI des gesamten Spielejahres
  • nervige Framerate-Einbrüche bei viel Action
  • Zerstörung verkommt zu schnell zur Routine
  • viel zu wenige verschiedene Chaos-Objekte
  • spielerischer Freiraum enger als gedacht
  • todlangweilige und immergleiche Spielwelt
  • kaum Abwechslung bei Städten und Basen
  • sinnfreier Sammelkram ohne Gegenwert
  • Story & Figuren erwartungsgemäß schwach
  • Töten von Zivilisten ohne Auswirkungen
  • konsequenzloses Angreifen aus Helikoptern
  • keine freie Zerstörung á la Red Faction

Tim hat Just Cause 3 auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Square Enix zur Verfügung gestellt.


Kithaitaa

Fazit von Kithaitaa:

Groß-Art-ig! Damit meine ich nicht etwa Just Cause 3 als Spiel, sondern die Wahl des Community Launch Trailers und den Ersteller des selbigen. Er beschreibt das Open-World-Spektakel vorzüglich. Im Grunde liefern die Avalanche Studios genau das, was man wohl erwartet hat. Einen explosiven Sandkasten, spaßig, repetitiv und auf Dauer leider ziemlich langweilig. Das Spiel sieht zwar großartig aus, nimmt sich nicht sonderlich ernst, bietet einen gewissen Humor, aber im Kern viel zu wenig Abwechslung. Alle Aufgaben laufen nicht nur nach Schema-F ab: Töten, erobern, beherrschen. Jede Basis und nahezu jedes Dorf und jede Stadt sehen zudem auch gleich aus. Die 25 Story-Quests lockern das Ganze zwar mit Zwischensequenzen auf, verpacken den gleichen Quatsch aber nur anders. Herausforderungen und Sammelobjekte dürfen in einem Open-World-Spiel natürlich auch nicht fehlen. Ob euch die Freiheiten mit allerlei Physik- und Explosiv-Experimenten lange genug bei der Stange halten ist die Frage und sicherlich Geschmackssache. Mir hat die fehlende Abwechslung schon während der über 25-stündigen Storysession stellenweise den Spaß genommen und am Ende, als ich Medici restlos befreit habe, war die Luft dann endgültig raus. Als Gaudi für zwischendurch sicherlich okay, aber das (und noch mehr) bekommt man auch mit dem zweiten Teil.

Besonders gut finde ich ...
  • wunderschönes Medici
  • tolle Grafik & Effekte
  • Wingsuit, Greifhaken und Freiheiten
  • spaßige Erlebnisse & Explosionen
  • Spielzeit (25+ Stunden)
Nicht so optimal ...
  • Spaßfaktor "Chaos" nutzt sich schnell ab
  • fehlende Abwechslung bei Missionen, Aufgaben und in der Spielwelt
  • fragwürdige KI-Gegner
  • unausgeglichenes Balancing (Heli, Panzer)
  • künstlich aufgeblähte Spielwelt (Größe)
  • belangloser Sammelkram
  • keine wählbaren Schwierigkeitsgrade
  • nervige Ladezeiten (ggf. gefixt)

Kithaitaa hat Just Cause 3 auf der PlayStation 4 gespielt.

  •  
  • Entwickler:Avalanche Studios
  • Publisher:Square Enix
  • Genre:Third-Person-Action
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:01.12.2015

Kommentare-Kommentier-Show


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 4 Gästen.
  • Jari
    #1 | 6. Januar 2016 um 22:34 Uhr
    Ich fand schon die Demo auf der gamescom doof und mein Eindruck hat sich ja nun leider bestätigt.

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