SteamWorld Heist - Review 7

Vor zwei Jahren brachten Image & Form Games mit SteamWorld Dig eine Art Plattform- und Minen-Simulator mit Metroid-Elementen auf den Markt. Nun legt das Studio mit SteamWorld Heist nach und siedelt sein neues Spiel auf dem Nintendo 3DS zwar in einem ähnlichen Universum an, präsentiert dabei mit einem rundenbasierten Strategiespiel á la XCOM allerdings einen gänzlich anderen Ansatz. Ob der aktuelle Titel überzeugen kann, erfahrt ihr in meiner Review.

"Es war einmal vor einer langen, langen Zeit in einer weit entfernten Galaxis", heißt die ikonische Textzeile, die vor jeder Star Wars-Episode über die Leinwand läuft. An dieser Stelle ist natürlich die Frage berechtigt, was ein Multimillionen-Dollar-Blockbuster, der zur Zeit mit Episode VII im Kino fortgeschrieben wird, und ein Indie-Spiel für den Nintendo 3DS miteinander gemeinsam haben? Eine ganze Menge, denn beide vertreten eine Art von Science-Fiction, die sich eher bei einem dreckigen Italo-Western bedient, anstatt die blitzsaubere Welt eines Star Trek zu referenzieren. Wo sich das eine Universum an Lens-Flare-Effekten berauscht, geht es in der anderen Galaxis eher rustikal zur Sache. Oder warum trägt Han Solo seine Blaster-Pistole in einem Holster, wie ihn eigentlich nur Cowboys gebrauchen. Diese Atmosphäre haben ohne Zweifel auch die sympathischen (dampfbetriebenen) Blechkumpel aus SteamWorld Heist aufgesogen. Mit einer Schmuggler-Bande, angeführt von Captain Piper Faraday, bewege ich mich in den Außenbereichen des Weltraums, immer auf der Suche nach dem nächsten Schiff, das es zu plündern gilt. In diesem Sinne orientiert sich das Setting nicht nur an Star Wars, sondern ist eigentlich noch näher an der TV-Serie Firefly dran, die vor mehr als zehn Jahren von Regisseur Joss Whedon (u.a. Avengers: Age of Ultron) inszeniert, aber leider nach nur einer Staffel abgesetzt wurde.


SteamWorld Heist
SteamWorld Heist besteht aus rundenbasierten Kämpfen auf engstem Raum


Das Intro hat den Charme eines Propagandafilms aus dem Kalten Krieg



Die Hintergrundgeschichte von SteamWorld Heist ist nicht sehr gehaltvoll, aber mit einer Extraportion Charme ausgestattet. Im Stil eines Propagandafilms der 1950er-Jahre (inklusive des körnigen Bildes einer Super-8-Kamera) werden die Hauptfiguren des Universums eingeführt. Weil die Erde in Scherben liegt, müssen die sympathischen Cowbots ("steam-driven") in die Tiefen des Alls ausweichen, wo sie sich als rechtschaffende Farmer und Wasser-Sucher verdingen. Für das Haar in der Suppe sorgen marodierende Banden, die im Original treffenderweise als "space-jerks" oder frei übersetzt als Weltraum-Trottel bezeichnet werden. Sie legen nicht nur schlechte Manieren an den Tag, sondern lassen die Cowbots zudem ausbluten, wobei es in diesem Fall der Begriff austrocknen wohl eher trifft. Als wäre das nicht schon genug, gibt es da auch noch die ("diesel-driven") Royalists als Vertreter einer unterdrückenden Monarchie und irgendetwas Bedrohliches, das an einem unbekannten Ort schlummert, über dessen Herkunft und Existenz aber niemand etwas genaues weiß. Das war es dann aber auch schon. Der Rest ist feinste Strategie im 2D-Side-Scrolling-Format.


SteamWorld Heist
Als Captain Piper Faraday gehe ich auf Raubzüge am Rande des Universums


Mit Rüstung, Power-Handschuh oder Granate in die Beuteschlacht



Die rundenbasierte Schießerei beginnt für mich, Captain Piper Faraday und meinen Piloten Wonky, immer auf der Brücke meines Schiffs. Sobald ich eine Crew angeworben habe, verteilen sich Gabriel "Seabrass" Stubb, Sally Bolt, Bogdan "The Great" Ivanski, Beatrix "Bea" Bach, Valentine Butterbolt und weitere Söldner über die Decks und warten darauf, von mir in einen Einsatz geschickt zu werden. Alle Raumfrachter oder Versorgungsschiffe, die ich im Laufe der Kampagne anfliege, sind als von der Seite aufgeschnittene Modelle dargestellt. Drumherum kann ich zudem durch die schick gestaltete Schwärze des Raums kreisen. Die perspektivische Darstellung funktioniert im Grunde einwandfrei, mit der kleinen Einschränkung, dass die Treffergenauigkeit in manchen Situationen darunter leiden kann. Aber hierzu später mehr. Über den Kartentisch im Kommandoraum meines Schiffes kann ich die einzelnen Missionen anwählen und mich dabei mit einem Miniaturschiff durch die "Outskirts" bewegen.

Am oberen Bildschirmrand sehe ich jeweils die Anzahl der Söldner, die ich für den jeweiligen Raubzug einsetzen darf, wie viele Sterne ich nach der erfolgreich gemeisterten Mission bekomme (hiermit kann ich im Laufe des Spiels neue Areale freischalten) und ob ich das "Epic Swag" erbeutet habe. Der untere Bildschirm des 3DS ist in dieser Phase des Spiels der Missionsbeschreibung und der Inventarverwaltung vorbehalten. Jedem Charakter kann ich vier Items zuordnen. Ein Slot sollte natürlich einer Waffe vorbehalten sein. Die weitere Zusammenstellung bleibt jedoch jedem selbst überlassen: Ob ich statt einer Rüstung eher auf Granate und Power-Handschuh setze oder meinem tapferen Schmuggler ein Medi-Kit an die Hand gebe, obliegt den taktischen Vorlieben des Spielers. Welche Hüte ich meinen Gesellen aufsetze, ist allerdings für den Spielverlauf vollkommen irrelevant. Hier geht es allein um die Dekoration und eine weitere Referenz in Richtung des Western-Genres. Immerhin kann ich meinen Gegnern die Kopfbedeckung vom Haupt schießen und als Trophäe erbeuten.

Sobald ich ein feindliches Piratenschiff betrete, stehen meinen Söldnern festgelegte Kontingente an Schritten zur Verfügung. Auf dem unteren Bildschirm werden eine Karte des Schiffs und die Gesundheitswerte und Spezialfähigkeiten meiner Crew angezeigt. Alle Bereiche, die hinter einer verschlossenen Tür liegen, bleiben für mich zunächst unsichtbar. Mit dem Steuerkreuz des 3DS ziehe ich eine gelb leuchtende Linie über den Boden, die meiner Figur die Richtung anzeigt. Schöpfe ich die volle Schrittzahl aus, ist der Zug beendet und es besteht keine Möglichkeit mehr, einen Schuss in Richtung des Gegners abzufeuern, was mir durch ein blaues Icon angezeigt wird. Verbrauche ich hingegen weniger Schritte, kann ich noch auf einen der Verteidiger zielen (gelbes Icon), indem ich die rechte Schultertaste aktiviere und mit der A-Taste den Schuss auslöse. Das eigentliche Zielen erfolgt dann wieder über das Steuerkreuz.


SteamWorld HeistSteamWorld Heist
Um ordentlich Beute zu machen, muss ich feindliche Schiffe entern


Die Missionen werden im Übrigen prozedural generiert



Hier zeigt sich allerdings ein kleiner taktischer Wermutstropfen, der allein der Perspektive des Spiels geschuldet ist. Da nicht jede Waffe über eine Zielvorrichtung in Form eines Laserstrahls verfügt, ist ein Treffer manchmal reine Glückssache, vor allem dann, wenn sich der Gegner außerhalb des eigenen Sichtfelds befindet. Ich kann das Bild zwar scrollen, allerdings keine direkte Sichtlinie zum Gegner herstellen. Sobald ich allerdings eine Sniper-Pistole mit Zielvorrichtung erbeutet habe, kann ich quasi "über Bande" schießen, die Kugel an einer Wand abprallen lassen und dann vielleicht auch noch ein Fass zur Explosion bringen, um gleich mehrere Feinde zu pulverisieren. Das Waffensortiment kann später noch um Granatwerfer oder Mehrfach-Projektil-Waffen ergänzt werden.

Einige Missionen, die übrigens prozedural generiert werden, haben im weiteren Verlauf auch noch Selbstschussanlagen im Programm, um mir das Beute machen so schwer wie nur möglich zu gestalten. Habe ich alle Gegner besiegt und die Schätze eingesamelt, muss ich alle Crewmitglieder über eine Rettungskapsel evakuieren, um die Aufgabe abzuschließen. An dieser Stelle zeigt sich ein zweiter Punkt, den ich dem ansonsten tadellosen Spiel auf der Minus-Seite anstreichen muss. Dass mich das Spiel zwingt, nach jeder Mission Gegenstände zu verkaufen, halte ich für unsinnig. Zwar kann ich zusätzlichen Platz kaufen, aber das ständige Hin- und Her-Geschiebe innerhalb meines Inventarsystems verpasst der Freude nach noch mehr Beute zumindest einen Dämpfer. Nach jeder Mission werden meiner Crew Erfahrungspunkte gutgeschrieben, die wiederum zu einem Levelanstieg führen und neuen Fähigkeiten freischalten. Boss-Kämpfe gibt es natürlich auch noch. Einer der Schurken trägt den schillernden Namen Chop Sue, der aus Schrottteilen eine Armee bastelt und seine "Kinder" in die Schlacht schickt. Bisher ist SteamWorld Heist nur für den Nintendo 3DS erhältlich, eine Veröffentlichung für PC-Systeme und die PlayStation 4, Xbox One sowie Nintendo Wii U soll in diesem Jahr folgen.



Jari

Fazit von Jari:

Machen wir es kurz: Mit SteamPunk Heist hat der Nintendo 3DS eine echte Indie-Perle spendiert bekommen. Die Steuerung bedarf kaum einer Erklärung und geht bereits nach wenigen Minuten butterweich von der Hand. Der Strategie-Hammer ist ein klassischer Vertreter der „Easy to learn, hard to master“-Formel, die jeder noch so guten Idee das nötige Suchtpotential verleiht, um den Spieler über einen längeren Zeitraum an den Bildschirm zu fesseln. Verstehen wir uns an dieser Stelle nicht falsch: Unter der benutzerfreundlichen Oberfläche schlummert ein Strategiespiel, das – trotz seiner fünf wählbaren Schwierigkeitsgrade – auch mächtig fies sein kann. Doch auch wenn jeder Tod grausam ist und meine sympathischen Roboter dabei in Zeitlupe in tausend Stücke fliegen, lässt der Sog des „Lasst mich noch einen Level spielen“-Drangs nicht nach. Neben dem überaus motivierenden Gameplay und der Jagd nach Beute, verwöhnen mich die Designer darüber hinaus auch mit einer wunderschönen Steampunk-Welt, in der einfach jedes Detail stimmt. Es zischt, es raucht, die Kugeln fliegen und am Rande des Universums, in Lola's Bar, schrammelt eine Band den Western-Blues. War da nicht etwas auf Mos Eisley...

Besonders gut finde ich ...
  • tolles Steampunk-Design
  • stimmungsvoller Western-Soundtrack
  • motivierende Rundenkämpfe
  • witzige Dialoge mit viel Ironie
  • liebevoll gestaltete Charaktere
  • simple Steuerung...
  • aber ein anspruchsvolles Gameplay
  • Schwierigkeitsgrade von Casual bis Elite
Nicht so optimal ...
  • nerviges Inventarsystem
  • manchmal hakeliges Zielen...
  • und fehlende Übersicht

Jari hat SteamWorld Heist auf dem Nintendo 3DS gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Image & Form zur Verfügung gestellt.


Tim

Fazit von Tim:

SteamWorld Heist ist ein kleines Highlight des Nintendo eShops! Vor ein paar Wochen noch hätte ich bei Erwähnung des Namens höchstens fragend mit den Schultern gezuckt - im wie gewohnt prall gefüllten Spieleherbst ist Heist völlig unter meinem Radar geflogen. Doch schon wenige Minuten nach dem ersten Starten hatte es mich am Haken. Ich hätte nicht gedacht, dass sich "XCOM in 2D" so gut anfühlt! Neben der stylishen Präsentation und den sympathischen Dialogen haben es mir vor allem die abprallenden Kugeln in den Gefechten angetan. Es ist einfach cool, mit der Scharfschützenpistole aus der hintersten Ecke des Raumschiffs ein Projektil punktpräzise in den Schädel eines feindlichen Scrappers zu jagen - und die Kugel dabei von Wänden, Decken und Fässern abprallen zu lassen. SteamWorld Heist ist eigentlich so simpel in seinen Mechaniken, aber gleichzeitig verdammt anspruchsvoll, sobald man den Schwierigkeitsgrad erhöht. Etwas schade finde ich nur, dass es keinen Multiplayer gibt - gerne wäre ich Jaris Squad im Gefecht begegnet. Aber das ist auch das einzige, was ich an Heist bemängeln könnte - davon abgesehen ist es ein wunderschönes und verdammt packendes Taktik-Abenteuer!

Besonders gut finde ich ...
  • spannende taktische Gefechte
  • tolle Spielmechanik mit Tiefe
  • cool: abprallende Projektile
  • zerstörbare Deckung
  • ausreichend lange Spieldauer
  • New Game Plus nach Durchspielen
  • stilsichere Präsentation
  • sympathische Dialoge & Figuren
Nicht so optimal ...
  • kein Multiplayermodus
  • Inventar anfangs begrenzt

Tim hat SteamWorld Heist auf dem Nintendo 3DS gespielt.

  •  
  • Entwickler:Image & Form
  • Publisher:Image & Form
  • Genre:Arcade-Strategie
  • Plattform:PC, Mac, PS4, WiiU, Switch, 3DS, PSVita, iOS
  • Release:10.12.2015
    (PC, PS4) 08.06.2016
    (Wii U) 30.09.2016
    (iOS) 09.11.2016
    (Switch) 28.12.2017

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