Assassin's Creed Chronicles: India - Review 6

Der Mittelteil einer Trilogie, ob nun Film-, Buch oder Videospiel, hat es üblicherweise nie leicht, heißt es. Grund: Während der Auftakt der Serie den Ton bereits gesetzt hat, steht das Finale noch aus und die zweite Episode hängt irgendwo dazwischen. Im Fall von Assassin's Creed Chronicles, das von den Climax Studios und in Zusammenarbeit mit Ubisoft Montreal als dreiteilige Serie angelegt wurde, besteht diese Gefahr allerdings nicht, da jede Folge eine eigene Story erzählt. Nachdem die Geschichte der Meisterassassinen im 2,5D-Format während der Ming-Dynastie in China begann, steht nun mit Indien der Subkontinent und das Reich der Sikhs auf dem Plan. Ob das Spiel seine Schleich- und Meuchelfähigkeiten optimal ausspielen kann, erfahrt ihr in meiner Review.

"Ein Assassine tötet keine Zivilisten", heißt es nicht nur im neuesten Ableger der Serie. Schon in den großangelegten Open-World-Teilen wird der Spieler konsequent desynchronisiert, sprich aus der Simulation des Animus geworfen, wenn eine unbeteiligte Person das Zeitliche segnet. In diesem Stil beginnt auch der hübsch anzusehende 2,5D-Sidescroller, der sich aus dem Fundus der Assassinen-Welt bedient, aber seine Wurzeln eher bei den ähnlich gestalteten Spielen Mark of the Ninja und Prince of Persia: The Sands of Time findet. Letzteres wurde im Übrigen ebenfalls von Ubisoft Montreal entwickelt und im Jahre 2003 auf diversen Plattformen veröffentlicht. Im ersten Abschnitt des Spiels steht demnach das Schleichen und nicht das Töten im Vordergrund.

Los geht es (und das in jedem neuen Abschnitt) mit dem serientypischen Todessprung in einen Heuwagen; nur mit dem Unterschied, dass die Perspektive eine andere ist. Während die Hintergründe einem in Pastellfarben erstellten Gemälde ähneln, ist der Vordergrund realistischer gestaltet und bietet mir die übliche Mischung aus kletterbaren Wänden, Laufwegen und Objekten an, hinter denen sich der Assassine verstecken kann. In diesem Fall sind es zumeist Kisten, Säulen oder dunkle Hauseingänge, die vor den Blicken der aufmerksamen Wachen schützen und einen Stealth-Kill ermöglichen sollen. Nach einer erfolgreichen Attacke aus der sicheren Deckung bin ich außerdem tunlichst dazu angehalten, die Leiche in einer dunklen Ausbuchtung oder einer Kiste verschwinden zu lassen. Wird ein toter Körper gefunden, rufen die Wachen nach Verstärkung und schlagen Alarm. Im ersten Teil des Spiels hat dies - wie bereits erwähnt - zunächst aber keine Relevanz.


Assassin's Creed Chronicles: India
Der zweite Teil der Chronicles-Trilogie führt den Assassinen nach Indien


Der MacGuffin heißt in diesem Fall Koh-i-noor und ist ein Diamant



Was die Kampfmechaniken angeht, schöpfen sowohl das Hauptspiel, als auch der kleine Ableger aus dem bekannten Fundus an Möglichkeiten. Neben einem Angriff aus der Dunkelheit, sind dies ein Luftsprung, mit dem ich gleich mal zwei Gegner ausschalten kann, der Helix-Schlag oder eine Kombination aus Rutschen und schnellem Zuschlagen. Später kommt mit dem Helix-Schleier noch eine Art Tarnumhang dazu. Auch kann ich die getöteten oder ausgeknockten Kontrahenten in bekannter Assassin's Creed-Manier ausrauben und verschlossene Türen überwinden, indem ich deren Schlösser knacke. Diese Fähigkeit steht mir übrigens im Gegensatz zu den Spielen der Hauptserie sofort zur Verfügung und muss nicht extra über einen Talentbaum erlernt werden. Sobald ich die R3-Taste drücke, schalte ich die Adler-Sicht frei und bekomme neben den Laufwegen der Feinde und ihren zu plündernden Gegenständen (was durch ein Icon über deren Köpfe visualisiert wird) auch alle weiteren Hotspots, wie Truhen oder Schalter, angezeigt. Der Druck auf das Touchpad (zumindest bei der von mir getesteten Version für die PlayStation 4) blendet auf eine Übersichtskarte um. Im Spiel ermöglicht mir zudem ein Greifhaken, an Decken entlangzuklettern. Auch die Status-Anzeigen orientieren sich am Design der großen Serienteile, indem z.B. alle wählbaren Waffen (Rauchbomben, Wurf- und Lärmpfeile), mein Gesundheitszustand, die Controller-Belegung oder die Missionsziele und optionalen Aufgaben angezeigt werden.

Wie bereits angedeutet, muss ich zunächst dreier Juwelen habhaft werden, ohne dabei die Wachen zu töten. Die übergreifende Geschichte dreht sich natürlich - wie sollte es auch anders sein - um die ewige Rivalität zwischen Templern und Assassinen, wobei in diesem Fall die englischen Offiziere als Bösewichte herhalten müssen und die privaten Armeen der britischen East India Company auch noch kräftig mitmischen. Als ein Meister-Templer mit einem mysteriösen Gegenstand, dem Koh-i-noor-Diamanten, aufkreuzt, der einmal im Besitz des Assassinen-Ordens gewesen war, muss ich - Arbaaz Mir – das mystische Objekt mit allen Mitteln zurückerlangen.


Assassin's Creed Chronicles: India
In manchen Abschnitten kann ich auch in den Hintergrund hineinlaufen


Ein mysteriöser Behälter und die Absichten der Templer



Historisch gesehen ist Assassin's Creed Chronicles: India im Jahr 1841 und damit auf dem Höhepunkt der britischen Herrschaft angesiedelt: Während die Konflikte zwischen dem Sikh-Reich und der East India Company eskalieren, nutze ich die Aufruhr, um den Diamanten für die Bruderschaft zu sichern, einen mysteriösen Behälter des Assassinen-Ordens zurückzustehlen und die Absichten der Templer zu ergründen. Ach ja: Mit Prinzessin Pyara Kaur hält die Story natürlich auch noch die passende "love interest" für mich bereit. All dies wird in gezeichneten Sequenzen erzählt, die zwischen die einzelnen Levelabschnitte geschaltet werden. Das Gameplay bietet die übliche Mischung aus schleichen, rennen, klettern und kämpfen. Wenn ich eine der Zusatzwaffen (Chakram, Lärmpfeil oder Rauchbombe) benutzen will, wird mir mein Aktionsradius entweder mit einer Linie oder einem Kreis angezeigt. Der Kreis, den ich jeweils größer oder kleiner ziehen kann, dient zur Platzierung von Rauchbomben oder anderen Ablenkungsmanövern. Nutze ich hingegen mit dem Chakram eine Art von Wurfmesser, ziele ich mittels einer weißen Linie, deren Verlauf sich durch Wände und andere Barrieren verändern und ablenken lässt. Auch die Wachen haben einen Sichtradius, der durch ein lang gezogenes Dreieck angezeigt wird. Sobald ich den kritischen Bereich betrete, schlägt ein gelber und dann roter Alarm an und meine Häscher suchen nach mir, während ein Countdown die Sekunden herunterzählt und sich die Lage erst nach Ablauf dieser Frist wieder beruhigt.

Zudem gibt es noch Tiger, die zwar in Käfigen eingesperrt sind, aber sofort anschlagen, wenn ich auch nur einen Fuß in ihren Einflussbereich setze. Auf eine Wache muss ich dann nicht mehr lange warten. Zumeist endet dies konsequenterweise in der Entdeckung und dem unmittelbaren Abbruch der Sequenz. Sich aus der Situation zu befreien, klappt in den meisten Fällen nicht, außer mit dem beherzten Wurf einer Rauchbombe. Allerdings ist deren Anzahl eher rar gesät. An dieser Stelle unterscheidet sich Chronicles massiv vom großen Open-World-Spiel, da ich mich aus einer schwierigen Lage nur sehr eingeschränkt per Kampf befreien kann, sondern eher schleichen oder eine List anwenden muss, um mein Ziel zu erreichen. Sind alle Aufgaben eines Teilabschnitts gemeistert, wartet eine umfangreiche Statistik auf mich, die meine Leistung in Gold, Silber oder Bronze aufwiegt. Wer z.B. unentdeckt bleibt oder niemanden verletzt, bekommt eine höhere Stilnote zugesprochen.

Mit Beginn des zweiten Teils ändert sich der komplette Ton und auch das Pacing des Spiels: Statt des Schleichens steht nun vor allem rennen auf dem Programm. In einem höhlenartigen Tempel, gespickt von Fallen der Vorläufer, gilt es möglichst schnell ein Ziel zu erreichen. Diese Passage hat es in ähnlicher Form so auch schon in Assassin's Creed: Rogue gegeben; allerdings mit weniger Klettereinlagen. Immer wieder gerate ich unter Zeitdruck; entweder, wenn Höhlen in sich zusammenstürzen, ich einem Kugelhagel entfliehen muss oder wenn ich zu einem späteren Zeitpunkt in Afghanistan einen britischen Stützpunkt in die Luft sprenge. Wer sich bis zum Ende durchgekämpft hat, darf sich an zwei New Game Plus-Modi versuchen und in Herausforderungsräumen einzelne Missionen (Einsammeln, Aufträge, Attentat) absolvieren.

Die abschließende Episode von Assassin's Creed Chronicles wird den Spieler in das Russland des Jahres 1918 und damit mitten in die Revolutionswirren führen. Im dritten Teil spiele ich den Assassinen Nikolaï Orelov, der das Land mit seiner Familie verlassen muss, zuvor allerdings noch eine letzte Mission für den Assassinen-Orden ausführen will. Die Aufgabe: Das Gebäude infiltrieren, in dem die Zarenfamilie von den Bolschewiki festgehalten wird und wiederum ein Artefakt stehlen, um das die Assassinen und Templer seit Jahrhunderten kämpfen. Die komplette Trilogie mit allen drei Teilen erscheint am 9. Februar als digitaler Download und als Retail-Version, Anfang April wird auch die PlayStation Vita bedient.



Jari

Fazit von Jari:

Eines mal vorweg: für ungeduldige Zeitgenossen ist Assassin's Creed Chronicles mal gerade überhaupt nichts. Die schwammige Steuerung macht jeden Alarm zur Qual und die x-te Desynchronisation wird zu einem Drahtseilakt für das ohnehin schon angespannte Nervenkostüm. Das Prinzip „try & error“ und der Einsatz von „time trials“ mag ja lieb und nett sein: Wenn dann aber die Mechanik nicht stimmt, ist das Spiel eher Frust, als Lust. Dass sich Ubisoft dazu entschieden hat, der Assassin's Creed-Serie gleich drei Spin-Offs zu spendieren, neue Geschichten zu erzählen und dabei Schauplätze anzusteuern, die es sicherlich nicht in einen regulären Teil des Hauptspiels geschafft hätten, ist gut! Die Umsetzung ist es leider nicht. Zwar vermag die 2,5D-Optik zu überzeugen und bildet das koloniale Indien in satten und auch stimmungsvollen Farben ab. Und auch wenn das Tempo in der zweiten Hälfte des Spiels merklich anzieht und auch ordentlich gekämpft werden darf: Zu diesem Zeitpunkt hätte ich den Controller außerhalb der Testumgebung bereits längst an den Nagel gehängt. Angesichts des Gameplays muss sich Assassin's Creed Chronicles an der Konkurrenz aus dem eigenen Hause messen lassen. Im direkten Vergleich zeigt sich, dass Prince of Persia: The Sands of Time auch 13 Jahre nach dem Release das weitaus bessere Spiel ist. Ein Dolch, der die Zeit zurückdreht: Hier wäre er nötiger denn je!

Besonders gut finde ich ...
  • stimmungsvolle Hintergründe...
  • und eine 2,5D-Grafik in kräftigen Farben
  • bekannte Moves- und Mechaniken aus den Hauptspielen
  • neue Items und Waffen, wie Chakram und Lärmpfeile
  • neue Schauplätze
Nicht so optimal ...
  • krampfige Steuerung
  • ...die jedes Timing vermissen lässt
  • eine eher schwache Handlung
  • nerviges „trial & error“
  • einige Bugs

Jari hat Assassin's Creed Chronicles: India auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Climax
    Ubisoft Montreal
  • Publisher:Ubisoft
  • Genre:Stealth-Action
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:12.01.2016

Kommentare-Kommentier-Show


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, Atze, ... und 4 Gästen.
  • DarkRaziel
    #1 | 21. Januar 2016 um 18:46 Uhr
    Ich warte bis das Game mal im Angebot ist.
  • David
    #2 | 22. Januar 2016 um 13:38 Uhr
    Ich hab mir das auch sofort gekauft, Chronicles China fand ich nämlich ziemlich gut. India sieht ziemlich dufte aus, so zumindest mein erster Eindruck. Ich fand (und finde es noch, bin noch nicht durch) es aber im Vergleich ziemlich knifflig, was teilweise auch der Steuerung geschuldet ist. Story, Mac Guffin und so. klar, ist Assassin's Creed, selbst die Hauptgames haben keine Story. Über "Templer haben was, was wir haben wollen" geht das ja selten hinaus.
    Ich werd mich auf jeden Fall noch durch Indien kämpfen, Story, egal, aber ich find das Spiel wirklich richtig, richtig schön, vor allem die Hintergründe.

Name:*
E-Mail (wird nicht angezeigt):*
Eigene Homepage (optional):
Dein Kommentar:*
              
Antispam:*
 
Captcha