Gravity Rush Remastered - Review 5

Erst Tearaway, jetzt Gravity Rush: Stück für Stück verabschiedet sich Sony von der PlayStation Vita und bewegt sein Lineup zurück in Richtung Heimkonsole. Für viele die optimale Gelegenheit, diese Spiele endlich nachzuholen - darunter auch für mich, denn obgleich ich eine Vita besitze, habe ich Gravity Rush nie gespielt. Neugierig, aber ohne große Erwartungen habe ich mich also mit Kat in die bizarre und im wahrsten Sinne des Wortes völlig verdrehte Welt von Gravity Rush Remastered gestürzt und Hekseville nahezu im Sekundentakt auf den Kopf gestellt. Die Revolution blieb allerdings aus.

Wie oft passiert es, dass man im Hang der Euphorie von grenzenloser Freiheit spricht! Doch fühlt sich Freiheit erst dann grenzenlos an, wenn es auch Grenzen gibt, die man überwinden kann - zum Beispiel jene der Physik. Gravity Rush spielt nicht nur mit diesen Grenzen - es hebt sie gänzlich auf. Ein Druck auf die Schultertaste und schon schwebt Kat, das Katzenmädchen, im dreidimensionalen Raum, nicht mehr an die Gravitationskräfte gebunden. Verdreht man die Kamera und tippt nochmals auf die Schultertaste, fällt Kat plötzlich horizontal in den Raum herein. Das gleiche ein paar Male wiederholen und schon ist oben dort, wo vorher unten war, links ist rechts - oder andersherum? - und die Orientierung ... die ist ebenfalls irgendwo verloren gegangen. Wenn man das erste Mal die Schwerkraft verändert, dann ist das ein komisches Gefühl und etwas, an das man sich erst einmal gewöhnen muss.

Das Eingewöhnen fällt jedoch ziemlich leicht. Überraschend ist das so gesehen allerdings nicht, denn natürlich würde Sony kein Spiel neu für die PlayStation 4 auflegen wollen, wenn es nicht schon im Original gut funktioniert hätte. Und auch wenn ich die Übersetzung des Erlebnisses vom Handheld auf die Heimkonsole nicht beurteilen kann (ich habe die Vita-Version wie gesagt vorher nicht gespielt), so fühlt es sich für mich zumindest keineswegs so an, als sei es in irgendeiner Weise kastriert worden. Ganz und gar nicht sogar: Gravity Rush wirkt auf mich, als wäre es von Anfang an für die PS4 konzipiert worden - obwohl ich natürlich weiß, dass dem nicht so ist. Aber das tut ja zum Glück nichts zur Sache - entscheidend ist das Ergebnis.


Gravity Rush Remastered
Bloß nicht nach ... oben schauen? Gravity Rush setzt die Regeln der Physik außer Kraft.


Shifter, Schöpfer und das Schicksal



Nun ist Gravity Rush freilich nicht das erste Videospiel, das Gravitation als Spielelement in seine Mechaniken einbindet. Auch vor dem Vita-Original gab es schon eine Handvoll anderer Titel, die sich in diesen Gefilden bewegt haben. Ein Super Mario Galaxy hat 2007 schon Welten auf den Kopf gestellt und im unterschätzten Third-Person-Shooter Inversion konnte man ebenso bereits an der Wand entlanglaufen. Was macht Gravity Rush also so außergewöhnlich? Es ist die Freiheit, die Schwerkraft nicht nur dann zu verändern, wenn das Spiel es gerade will, sondern es jederzeit und an fast jedem beliebigen Ort tun zu können. Und das alles nicht in einer Reihe linearer Schlauchlevels, sondern in einer großen, schwebenden, komplett begehbaren Stadt. Das war 2011 etwas Neues, etwas anderes und etwas völlig Einzigartiges - und das gilt auch 2016 noch für das Remastered. Zumindest so lange, bis irgendwann dieses Jahr der Nachfolger kommt, der dann jedoch nur noch für die PlayStation 4 erscheint.

Die Heldin dieses ungewöhnlichen Abenteuers ist das Katzenmädchen Kat. Ein "Shifter", wie sie die Einwohner von Hekseville nennen - und nicht nur deshalb kritisch beäugt. Was ist das für ein seltsames Mädchen, das die Macht besitzt, die Schwerkraft auszuhebeln? Was hat es mit der verdächtig leuchtenden Katze Dusty auf sich, die ihr Schritt auf Tritt folgt? Und vor allem: Wieso kann sich Kat an nichts erinnern? Gravity Rush's Geschichte beginnt unspektakulär mit einer allzu gewöhnlichen Amnesie, steigert sich aber dankbarerweise von Kapitel 1 bis zum abschließenden Kapitel 21 sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch. Trotzdem dauert es etwas zu lange, bis die Handlung Fahrt aufnimmt, und dann geschieht das vielleicht sogar einen Tick zu rapide, denn zwischen Träumern, Schöpfern, verlorenen Welten und Dimensionen fällt es etwas schwer, mit dem rasant gestiegenen Tempo Schritt zu halten.

Auch schließt das Ende die Story zu hart und mit zu vielen offenen Fragen ab. Aber: Gravity Rush ruht sich nicht auf seiner Spielmechanik aus, sondern bemüht sich, auch eine spannende Geschichte drumherum zu erzählen. Und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, das Schicksal Kats und Heksevilles und die mysteriösen Nevi-Wesen hätte mich nicht zumindest neugierig gemacht.


Gravity Rush Remastered
Bis auf ein paar wenige Ausnahmen ist die Welt trist, farblos und damit unattraktiv.


In der Schwebe



Faszinierender als die Erzählung ist aber natürlich das Erkunden der Spielwelt selbst, die alle paar Kapitel um einen neuen großen Bereich wächst. Allerdings ist es weniger das Auskundschaften der Straßen, Dächer und Parks als vielmehr die Art und Weise, wie man in der Umgebung vorwärtskommt, was diese Faszination auslöst. Besonders viel stellt das Spiel nämlich nicht mit seinem morbiden Schauplatz an - außer Gullydeckeln zur Schnellreise und bereits auf der Karte angezeigten Herausforderungen und Nebenmissionen gibt es nämlich eigentlich nichts zu sehen, zu erforschen oder zu sammeln. Abgesehen von den zu Tausenden verstreuten "kostbaren Edelsteinen", mit deren Kraft man Kats Fähigkeiten in mehreren Stufen aufwerten kann. Nichtsdestotrotz sind gerade diese Kristalle eine starke Motivation, die Stadt buchstäblich von oben bis unten und von unten zu durchsuchen, denn gerade später im Spiel ist es ungemein bedeutsam, ausreichend Ausdauer zu besitzen und mächtige Gravitationskicks landen zu können.

Letztere sind die beste Waffe gegen die Schattenkreaturen Nevi, die wie Kat in der Luft schweben können und teils die bizarrsten Formen annehmen. Fliegende schwarze Schwertfische sind da noch das kleinste Übel - die giraffen- und walartigen Varianten oder die sich selbst aufpumpende Kugelfisch-Version sind noch eine ganze Ecke gefährlicher. Klar, dass die Angreifer ausgerottet werden müssen. Und wie ginge das besser als mit einem punktgenau platzierten Gravitationskick im dreidimensionalen Raum? Allzu kompliziert oder gar tiefgründig ist das Kampfsystem in Gravity Rush zwar nicht und Kats Aktionspalette recht überschaubar, aber trotzdem erfordert es einiges an Geschick, die Freiheit des Schwebens zu beherrschen, den Nevi-Angriffen auszuweichen und selbst im richtigen Zeitpunkt zuzuschlagen.


Gravity Rush Remastered
Nieder mit den Nevi: Mit gut getimten Gravitationskicks bezwingt Kat fast jeden Gegner.


Auf der Suche nach den Farben



Wenn ihr bis hierhin gescrollt und gelesen habt, habt ihr eventuell schon eine Idee, warum Gravity Rush trotz seiner zweifellos sehr gelungenen Spielmechanik eben nicht die ganz große Revolution ist bzw. sie auch damals nicht war. Einen der Gründe dafür seht ihr direkt über diesem Absatz. Gravity Rush ist ein extrem farbloses, tristes, häufig grau-braun-orangenes, selten visuell ansprechendes Spiel. Nicht die Technik ist das Problem - die hat Bluepoint durchaus überzeugend für die PlayStation 4 aufbereitet. Vielmehr ist die eintönige und einfach nicht schöne Farbgebung der gesamten Spielwelt etwas, das sofort ins Auge sticht, und zwar im negativen Sinne. Bis auf drei kurze Abstecher in etwas buntere "Zwischendimensionen" macht die Optik einfach nicht viel her - trotz schicker Charaktermodelle und einem eigentlich wirklich interessanten Cel-Shading-Stil. Ich hatte mir so oft gewünscht, einmal in einen blauen Himmel gleiten zu können, vielleicht der Sonne entgegen, oder einfach mal ein paar andere Farben zu sehen. Immerhin verspricht der Nachfolger, das Problem zu beheben.

Auch fehlte mir auf Dauer etwas die Abwechslung - und der Wille, noch mehr aus dem tollen Spielprinzip herauszuholen, obwohl das immer wieder angedeutet wird. In einem bestimmten Kapitel beispielsweise muss man wie in einem Puzzle-Spiel Schritt für Schritt überlegen und sich mittels Veränderungen der Schwerkraft durch ein löchriges Blocklabyrinth rätseln - warum gibt es nicht mehr coole Spielereien dieser Art? Warum nicht mal ein Bosskampf, bei dem der Schwachpunkt nach jedem Treffer die Seite wechselt und man die Gravitation entsprechend anpassen muss? Gravity Rush könnte ein noch viel spannenderes Spiel sein!



Tim

Fazit von Tim:

Gravity Rush ist ein herrlich verdrehtes, herrlich offenes Abenteuer in einer angenehm morbiden Welt - aber es schafft es (noch) nicht, die Videospielwelt auf den Kopf zu stellen. Dafür mangelt es ihm sowohl an spielerischer als auch visueller Abwechslung. So sehr ich Kat, Raven und das tolle Spielen mit der Schwerkraft auch mag: Ich werde das Gefühl nicht los, dass damals nicht genug Zeit gewesen war und das Spiel zeitnah zum PlayStation Vita-Release fertig werden musste. Von daher ist es umso erfreulicher, dass der Nachfolger bereits auf dem Weg ist und schon dieses Jahr erscheinen soll. Bis dahin lohnt es sich für jeden, der das Original damals auf der PS Vita nicht gespielt hat, sich schon mal im Remastered mit dem sympathischen Katzenmädchen und Dusty anzufreunden. Denn trotz seiner kleinen und großen Macken ist dieses Gravity Rush ein ganz besonderes und absolut liebenswertes Stück Software, das zeigt, wie vielseitig das Medium sein kann. Und es ist eines der wenigen Spiele, in denen Freiheit tatsächlich Freiheit bedeutet.

Ein herrlich verdrehtes Abenteuer mit einer liebenswerten Heldin, einer tollen Gravitationsmechanik und noch viel Luft nach oben - auf der PS4 wie auf der Vita.

Besonders gut finde ich ...
  • faszinierendes Umkehren der Schwerkraft
  • Spielwelt ein völlig verdrehtes Labyrinth
  • sympathische Heldin und gute Dialoge
  • einige coole Bosskämpfe & Sidequests
  • zauberhafter Soundtrack
Nicht so optimal ...
  • Spielwelt fast nur in graubraunen Tönen
  • das Drumherum wirkt oft einfallslos
  • Ende kommt abrupt und wirkt verfrüht
  • zu wenige kreative Spielereien

Tim hat Gravity Rush Remastered auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Sony CEE zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:SCE Japan Studio
    Bluepoint Games
  • Publisher:Sony CEE
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PS4
  • Release:03.02.2016
    (Retail) 10.02.2016

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Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 4 Gästen.
  • DarkRaziel
    #1 | 19. Februar 2016 um 09:14 Uhr
    Das Sony die PlayStation Vita schon nach fast 4 auf den Tag genau fallen lässt ist traurig. Habe gerne mit ihr gespielt, aber ohne weitere Software nutzt einen diese Hardware nicht.
    Habe diese Spiel auch für die PS Vita aber extra noch einmal für die PS4 kaufe ich es nicht. Das ist wie Rayman Legends damals, welches nur für WiiU kommen sollte und dann doch nicht.
    Aber man merkte spätestens bei der Steuerung das dieses Game speziell für die WiiU entwickelt wurde und so denke ich es mir bei diesem Spiel auch.

    Und zu anderem belohne ich Sony ihre Einfallslosigkeit für die PS4 nicht indem ich Spiele doppelt kaufe, welche ich schon auf anderen System habe.

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