Far Cry: Primal - Review 8

Albert Einstein zufolge könnte Far Cry: Primal auch nach dem dritten Weltkrieg spielen, denn im neusten Ableger der Reihe geht es wieder mit Stock und Stein zur Sache. Bewaffnet mit Pfeil und Bogen, Speeren und Keulen kämpft ihr gegen feindliche Stämme oder geht auf die Jagd. Ubisoft wagt den Schritt und schickt euch in ein noch recht unverbrauchtes Szenario, in dem Feuerwaffen noch lange nicht erfunden waren, Mammuts und Säbelzahntiger lebten und Verben noch nicht konjugiert wurden. Leider spielt es sich nicht so abwechslungsreich, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Ich blicke in Richtung der Schlucht. Den Körper an den Boden gepresst pirsche ich mich langsam voran, Seite an Seite mit anderen Mitgliedern meines Stammes. Ein mächtiges Mammut geht nur wenige Meter von uns entfernt und bringt die Erde zum Beben. An der Klippe angekommen, lassen wir uns in die nur wenige Meter tiefe Schlucht hinab und suchen Schutz im hohen Gras. Umzingelt von diesen haarigen Ungetümen gehen wir langsam weiter und suchen ein kleineres Tier, um es zu erlegen. Trotz der Jugendhaftigkeit bleibt die Gefahr groß. Andere Wenja, Mitglieder meines Stammes, entzünden ihre in Tierfett getränkten Pfeile und schießen auf das hohe Gras, womit sie eine brennende Schneise zwischen dem ausgewählten Jungtier und dem Rest des Rudels entfachen. Mit Speeren jagen wir das Tier, treiben es in die Enge. Viele Wenja werden dabei verwundet, doch das Jungtier erliegt seinen Verletzungen. Plötzlich: Ein Säbelzahntiger springt auf den Kadaver und greift uns an. Trotz aller Gegenwehr mit Speer, Pfeil und Bogen tötet die Raubkatze einen Wenja nach dem anderen. Der Sturz in eine Schlucht rettet mir das Leben, doch das Abenteuer scheint erst zu beginnen.

Der Auftakt zu Far Cry: Primal ist unheimlich gut und stimmungsvoll inszeniert. Ich lerne die Jagd, aber auch die Gefahr kennen, werde mit Speer sowie Pfeil und Bogen vertraut gemacht und muss mich gleich zwei mächtigen Tieren im Kampf stellen. Begeistert davon steigen meine Erwartungen an den kommenden Spielverlauf, doch leider kommt es anders als erwartet.


Far Cry: Primal
Die Udam sind Feinde eures Volkes und ernähren sich von Menschenfleisch.


Wunderschöne Spielwelt



Optisch kann Far Cry: Primal, wie wohl jeder Teil der Reihe, überzeugen. Sonnenstrahlen scheinen durch Baumwipfel und zaubern Schattenspiele auf den Boden oder sie scheinen durch hohe Gräser und flackern in der Ferne. Die warmen Farben vermitteln das Gefühl, als wäre es einfach zu heiß, um mit mehr als einen Lendenschurz bekleidet zu sein, während ihr in anderen Gefilden schon fast den eisigen Atem vor dem Monitor seht. Es macht Spaß, durch die Lande zu streifen, durch einen Bach zu waten oder die Aussicht auf einem hochgelegenen Plateau zu genießen. Zudem wartet viel Abwechslung in Form verschiedener Regionen. Von brach bis dicht bewachsen, von gleißend heiß bis eisig kalt und von flachen Ebenen bis hin zu felsigen Bergen oder Schluchten bietet die große, weite Welt nahezu jeden Geländetyp. Auch die Soundkulisse ist gut gelungen. Der Wildnis zu lauschen oder sich durch das eigene Dorf zu bewegen, wo die Bewohner arbeiten oder in einer Sprache sprechen, die auf der indogermanischen Ursprache basiert und eigens für das Spiel von Linguisten entwickelt wurde, erzeugt die richtige Stimmung.

Anders sieht es leider bei den Animationen aus. Während sich Menschen noch verhältnismäßig glaubhaft durch das Land vor unserer Zeit bewegen, vermitteln Tiere gerne den Eindruck, als wären sie Fahrzeuge. Sie drehen sich nur recht schwerfällig auf der eigenen Achse oder müssen erstmal "ausparken", wenn sie gegen eine Wand gelaufen sind. Das mag bei einem Mammut noch vertretbar sein und auch ein Bär darf sich gerne etwas schwerfälliger durch die Prärie bewegen, aber bei den Raubkatzen wirkt das alles andere als glaubhaft. Gerade bei Far Cry hätte ich einfach mehr Dynamik erwartet, denn so erinnert das Ganze mehr an ein Rollenspiel aus dem Hause Bethesda Softworks.


Mit Stock und Stein



Anders als bei bisherigen Far-Cry-Spielen seid ihr nicht mehr mit großkalibrigen Handfeuerwaffen unterwegs, sondern bedient euch eurer Umwelt und bastelt daraus Pfeil und Bogen, Speere, Keulen und andere kreative Waffen. Hierfür sammelt ihr Stöcke, Steine und Schilf, später aber auch seltenere Materialien, um eure Waffen zu fertigen. Die Herstellung wird nur beim ersten Mal mit einer Animation verschönert und benötigt etwas Zeit. Später lassen sich Waffen sogar im Kampf herstellen und sind demnach mit nur einem Klick verfügbar.

Persönlich sehe ich die Designentscheidung eher kritisch, allerdings würden die Alternativen viel Tempo aus dem Spiel nehmen, es weitaus schwieriger gestalten oder aber verlangen, dass sich euch weniger Gegner in den Weg stellen. Vielleicht wäre letzteres gar nicht so verkehrt, denn damit komme ich zu meinem nächsten Kritikpunkt: Ihr habt einfach niemals eure Ruhe! Es ist euch leider kaum möglich, die eben genannte wunderschöne Welt in ihrer Hülle und Fülle zu genießen, da eure Wanderung alle paar Meter gestört wird. Entweder ist wieder ein wildes Tier hinter euch her oder es stellen sich euch Eingeborene eines befeindeten Stammes in den Weg. Alternativ stecken auch gerne Wenja, also Angehörige eures eigenen Stammes, in der Patsche und benötigen Hilfe. Unterm Strich kommt das alles einfach viel zu häufig vor und ist äußerst nervig.


Far Cry: Primal
Von Wölfen über Bären bis hin zu Säbelzahntigern lassen sich fast alle Tiere zähmen.


Tiere zähmen leicht gemacht



In Far Cry: Primal müsst ihr nicht alleine unterwegs sein. Ihr habt die Möglichkeit, Tiere zu zähmen, die euch anschließend als Begleiter zur Verfügung stehen. Euer erster Begleiter ist eine Eule, die ihr auf Zuruf steuern könnt. Dadurch betrachtet ihr eure Umgebung aus der Luft, könnt das Gelände auskundschaften, Gegner markieren und später auch direkt angreifen. Andere Begleiter wie Wölfe, Raubkatzen und Bären begleiten euch am Boden und unterstützen euch im Kampf. Bären können sogar als Reittier genutzt werden, wobei ihr dadurch nur bedingt schneller, jedoch weitaus unflexibler seid. Alternativ stehen euch später auch Mammuts als Reittiere zur Verfügung, mit denen ihr wunderbar Gegner über den Haufen rennen könnt.

Die Idee mit den Tierbegleitern hat mir sehr gut gefallen, nur hat das Spiel hierbei leider einiges an Potenzial verschenkt. Zum einen ist das Zähmen der Tiere viel zu einfach. Den richtigen Skillpunkt vorausgesetzt, reicht es, dem ausgewählten Tier einen Köder vor die Nase zu werfen, ihm anschließend langsam näher zu kommen und zur rechten Zeit auf die richtige Taste zu drücken. Es folgt ein kurzes Tiergeflüster und das war es dann auch schon. Wenn auch nicht unbedingt viel schwieriger, hätte das Zähmen doch aufwändiger ausfallen können. Immerhin sind die Begleiter im Kampf recht hilfreich und können notfalls wiederbelebt oder auch einfach erneut gerufen werden.


Um was ging es noch gleich?



Far Cry: Primal spielt 10.000 vor Christus im Lande Oros. Ihr spielt Takkar, einen Jäger des Stammes der Wenja. Durch zwei weitere Stämme, die Unfrieden in das Land gebracht haben, wurde der Stamm der Wenja weitestgehend vernichtet und die Überlebenden sind im ganzen Land verteilt. Nun ist es an euch, euer Volk wieder zusammenzuführen. Dazu befinden sich in der ganzen Welt verteilt Mitglieder eures Stammes, die auf Hilfe warten. Entweder müsst ihr sie überstützen und somit überzeugen, sich eurem Dorf anzuschließen, oder ihr müsst sie aus der Hand feindlicher Stämme befreien. Dadurch wächst euer Dorf mehr und mehr und die Story schreitet voran, denn letzten Endes geht es darum, die beiden befeindeten Stämme aus Oros zu vertreiben.

Neben den regulären Dorfbewohnern gibt es auch besonders wichtige Stammesmitglieder wie einen Schamanen, eine Meisterjägerin und einen Krieger, durch deren Anschluss an euer Dorf ihr nicht nur neue Missionen erhaltet, sondern auch neue Fähigkeitsbäume freigeschaltet werden. Diese ermöglichen es euch z.B. weniger Aufmerksamkeit zu erregen, größere Tiere zu zähmen oder weitere Nahkampfangriffe zu lernen. Leider fehlt dem Spiel der rote Faden, da die Story zu langsam voranschreitet. Viel zu häufig seid ihr mit Nebenmissionen beschäftigt und räuchert kleinere, feindliche Lager aus, um einen neuen Punkt zur Schnellreise freizuschalten. Dabei nutzt sich das Spielprinzip viel zu schnell ab und es fehlt schnell die Motivation, die Hauptstory voranzutreiben. Das scheint leider ein Far-Cry-Phänomen zu sein.



Nawrock

Fazit von Nawrock:

Far Cry: Primal erinnert mich stark an Far Cry 2, denn auf die Begeisterung über die Präsentation folgen bereits nach wenigen Stunden gähnende Langeweile und repetitives Gameplay. So unverbraucht das Szenario auch ist, so verbraucht ist im Kern das Gameplay und das ist nicht nur bei Far Cry der Fall, sondern auch bei vielen anderen Titeln aus dem Hause Ubisoft. Ihr bewegt euch durch eine große, offene Spielwelt und müsst diverse Punkte einnehmen, um Teile der Karte aufzudecken und einen neuen Schnellreisepunkt zu setzen. Auf dem Weg von A nach B zwingen euch ständig Zufallsereignisse zur Konfrontation mit Gegnern und letzten Endes beschäftigt ihr euch mehr mit Nebenmissionen als mit der Hauptstory, denn die ist sowieso relativ platt. Richtig, damit war Assassin's Creed gemeint. Oder doch The Crew? Far Cry: Primal hätte es wirklich gut getan, sich noch etwas weiter von anderen Titeln zu distanzieren, um mich wirklich vom Hocker zu hauen und vor allem auf Dauer zu motivieren. Eine dichtere Story, bessere KI und ein innovatives System, um mit Tieren zu interagieren, bei gleichzeitiger Abstinenz verbrauchter Mechaniken wären nötig gewesen, um wirklich frisch und innovativ zu wirken.

Letzten Endes bleibt Primal ein Durchschnittsspiel, welches nur für Fans der Far-Cry-Reihe zu empfehlen ist.

Besonders gut finde ich ...
  • grafisch gute Präsentation mit schönen Lichtspielen
  • glaubhafte Darstellung der Urmenschen
  • eigene Sprache (von Linguisten für das Spiel entwickelt)
Nicht so optimal ...
  • langweilig inszenierte Story
  • verschenktes Potenzial beim Zähmen von Tieren
  • ständige Angriffe beim "Wandern" nervig!
  • Nahkampfmechanik lässt zu wünschen übrig

Nawrock hat Far Cry: Primal auf dem PC gespielt.

  •  
  • Entwickler:Ubisoft Montreal
  • Publisher:Ubisoft
  • Genre:FPS
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:23.02.2016
    (PC) 01.03.2016

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Folgenden Usern gefällt der Beitrag: HerrBeutel, Atze, ... und 6 Gästen.
  • Jari
    #1 | 22. März 2016 um 16:32 Uhr
    Ich bin mit der Far Cry-Serie noch nie richtig warm geworden und werde dann sicherlich auch den interessanten Ausflug nach 10.000 B.C mal außen vor lassen und lieber andere Titel vorziehen.
  • Tim
    #2 | 26. März 2016 um 12:49 Uhr
    Bestätigt leider so ziemlich das, was ich damals schon im Podcast befürchtet hatte - das gleiche Far Cry in anderem Setting, nur dieses Mal mit einer schlechteren Geschichte. Hoffentlich lernt Ubi draus (wie auch bei Assassin's Creed) und gibt Far Cry mal wieder eine Pause.

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