Day of the Tentacle: Remastered - Review 7

Manche halten es für das beste Adventure aller Zeiten: gemeint ist der LucasArts-Titel Day of the Tentacle, der vor 23 Jahren erstmals auf den Markt kam. Nun hat das Entwicklerstudio Double Fine Productions rund um Branchen-Veteran Tim Schafer (einer der Produzenten des Originals) das Spiel von damals aus der Schublade gezogen und mit der Remastered-Version der PlayStation 4, PlayStation Vita und dem PC eine Neuauflage spendiert. Ob das Rätsel-Schwergewicht von einst vor der Geschichte bestehen kann, erfahrt ihr in meiner Review.

Ein Artikel über den Puzzle-Kracher Day of the Tentacle könnte nicht beginnen, ohne zunächst den direkten Vorgänger Maniac Mansion zu erwähnen. Es war nicht das erste Spiel von LucasArts, aber zumindest ein Titel, der das Adventure-Genre im Jahr 1987 (damals noch auf dem Commodore 64) auf eine neue Stufe gehoben hat. Erstmals musste man seinen Helden nicht mit Hilfe eines umständlichen Textparsers durch eine Fantasy- oder Science-Fiction-Welt navigieren, indem nach Befehlen gesucht wurde, die der Computer dann am Ende nicht verstand. Nein: das von Ron Gilbert erdachte SCUMM-System erleichterte die Steuerung und vor allem die Interaktion mit Gegenständen und Figuren in dergestalt, dass aus einer Reihe von Verben eine Befehlskette nach der Art von "Benutze Hamster mit Mikrowelle" erstellt werden konnte, womit wir auch gleich eines der ikonischen Rätsel der Reihe angesprochen haben. Beides, also der kleine Nager und das Küchengerät, taucht nämlich im Maniac Mansion-Nachfolger als Referenz gleich nochmal auf.


Day of the Tentacle: Remastered
Das purpurne Tentakel streckt seine Fühler nach der Weltherrschaft aus


Rockende Tentakel und die Gründerväter der Vereinigten Staaten



Bleiben wir noch einige Minuten beim oben erwähnten Erstling. Die Handlung von Maniac Mansion spielt im nicht ganz so trauten Heim von Dr. Fred Edison. Unweit des sinistren Domizils, das in der deutschen Übersetzung als Tollhaus bezeichnet wird, ist ein Asteroid abgestürzt, der den Hausherrn ganz kirre werden lässt. In seinem Wahn entführt er die Schülerin Sandy, um an ihr Gehirn zu gelangen. Kurzerhand startet ihr Freund Dave eine Rettungsaktion und scharrt eine Helden-Truppe um sich, die am Ende aus drei Charakteren (Dave plus zwei Begleiter) besteht. Einer dieser Kumpel ist der schlacksige Bernard, den wir in Day of the Tentacle wiedertreffen. Doch bis dieser Handlungsbogen geschlagen werden sollte, mussten noch sechs weitere Jahre vergehen. In dieser Zeit wurden z.B. Zak McKracken, Indiana Jones, Loom und Monkey Island 1 veröffentlicht. Erst nach den Erfolgen von Monkey Island 2 und Indiana Jones and the Fate of Atlantis (inoffiziell Teil 4 genannt) mag sich LucasArts wieder auf das versponnene Universum des Dr. Fred Edison besonnen und einen Nachfolger in Betracht gezogen haben.


Day of the Tentacle: RemasteredDay of the Tentacle: Remastered
Mit einer Zeitmaschine reist Hoagie 200 Jahre in die Vergangenheit


Wenn das Klo zur Zeitmaschine und Wein zu Essig wird



Die Grundidee des Maniac Mansion-Nachfolgers ist ähnlich, wenn auch mit vertauschten Rollen. Diesmal sind es nicht der verrückte Dr. Fred Edison und ein Asteroid, die die Katastrophe ins Rollen bringen, sondern eines seiner putzigen "Haustiere" und ein giftiger (Abwasser-)Cocktail. Schon im ersten Teil hielt sich der exzentrische Doktor zwei Tentakel-Wesen in den Farben grün und purpur. Eines Tages schlürft nun der purpurne Vertreter aus dem kontaminierten Fluss, der aus einer Maschine des verrückten Erfinders gespeist wird, und träumt just von der Weltherrschaft ("Ich fühle mich, als könnte ich die Welt erobern"). Diese will der Doktor zunächst dadurch abwenden, indem er die beiden glupschigen Quälgeister einsperrt. Doch Bernard, sein Metal-Freund Hoagie und Medizinstudentin Laverne befreien die beiden Tentakel und setzen damit eine Entwicklung in Gang, die mittels einer Zeitmaschine rückgängig gemacht werden soll.

Nur wenn die drei (Anti-)Helden es schaffen, die Vorrichtung im Geheimlabor von Dr. Fred auszuschalten, bevor das Tentakel einen kräftigen Schluck aus der (Abwasser-)Pulle nehmen kann, wird die Katastrophe verhindert. Das Zeitexperiment schlägt jedoch fehl. Während Bernard in der Gegenwart verbleibt, werden Hoagie 200 Jahre in die Vergangenheit und Laverne um denselben Zeitraum in die Zukunft katapultiert. In ihrer Realität haben die Tentakel wirklich die Macht übernommen und die Menschen versklavt. Hoagie hingegen trifft in seiner Version der Geschichte auf George Washington und andere Gründerväter der Vereinigten Staaten, die gerade mit der Ausarbeitung der Verfassung betraut sind. Die Rätsel ergeben sich nun aus dem Umstand, dass ich - wie in Maniac Mansion - zwischen drei Figuren hin und herschalten und die Zeitmaschine, auch Zeitfluß-Strudelkammer oder (im Original) Chron-O-John genannt, als Transportmittel für leblose Gegenstände nutzen kann. Ich spüle also im wahrsten Sinne des Wortes ein Objekt durch die Zeit. Und da sich die Zeit bekanntermaßen nur in eine Richtung bewegt, veränder sich die Objekte natürlich, wodurch aus einem guten Wein dann auch schnell mal Essig werden kann. Für Lebewesen gilt dieses Zeitexperiment ausdrücklich nicht, mehr soll aber an dieser Stelle nicht gespoilert werden.


Day of the Tentacle: RemasteredDay of the Tentacle: Remastered
Bernard kehrt sechs Jahre nach Maniac Mansion wieder in das "Tollhaus" zurück


Die Gag-Dichte würde auch für zwei Spiele ausreichen



Die mit einer modernen Optik ausgestattete Remastered-Version kann sich in allen Belangen sehen lassen. Hübsch anzusehen sind vor allem die kleinen Details, die noch auf das 23 Jahre alte Original verweisen. Wie damals signalisiert ein Disketten-Symbol, dass das Spiel (wenn auch in diesem Fall automatisch) gespeichert wird. Lasse ich die Figuren für mehrere Minuten im Stillstand verharren, entwickeln sie ein lustiges Eigenleben. Während Hoagie z.B. einen kräftigen Rülpser vom Stabel lässt, schiebt Bernard seine Brille vom Typ Kassengestell in eine gerade Position. Was das Spiel aber vor allem auch ausmacht: Ich kann die Spielgrafik zu jeder Zeit auf das Ursprungsformat umstellen und mit dem Original-SCUMM-Parser navigieren. Die angepasste Icon-Steuerung funktioniert aber ebenso reibungslos. Überhaupt handelt das Spiel den Punkt "wie gespielt wird" in einer erfrischend selbstironischen Knappheit ab: "Wähle einen Zielort mit dem linker (hier sollten die Macher nochmal bei der Rechtschreibung nachbessern) Stick und drücke dann X, um dich dorthin zu bewegen". Mehr braucht es nicht, um das Prinzip zu erklären.

Auch nach mehr als 20 Jahren hat Day of the Tentacle nichts von seinem einzigartigen Charme verloren. Die Mischung aus Comic-Look, Slapstick und den innovativen Rätseln in Zeit und Raum zünden meiner Meinung nach auch heute noch und haben keinerlei Patina angesetzt; oder ist jemanden in der Zwischenzeit irgendwo mal ein grünes Tentakel begegnet, das in einer Rockband spielt und abgefahrene Musik macht. Eben! Allein die Tatsache, dass sich meine liebenswerten (Anti-)Helden immerfort durch Schornstein, Fenster und die Tür einer Wanduhr (!) zwängen und sich dabei wie Dick & Doof benehmen, finde ich immer noch brüllend komisch und liebenswert zugleich. Überhaupt hätte die Gag-Dichte des Tentakel-Spektakels gut und gerne für zwei Spiele ausgereicht. Als kleiner Wermutstropfen bleibt, dass der Kern der Handlung schon sehr auf den amerikanischen Spieler zugeschnitten ist und den geschichtlich unbedarften Adventure-Freund möglicherweise ein bisschen im Regen stehen lässt. Die spezielle Verbindung zwischen George Washington und Kirschbäumen sei hier nur als ein Beispiel angeführt. Dies trübt den Gesamteindruck allerdings nur marginal. In die Hall of Fame der besten Computer- und Videospiele gehört Day of the Tentacle allemal: damals wie heute.

Kleine Anekdote am Rande: Day of the Tentacle war der Abgesang auf das SCUMM-System, denn alle Spiele die noch folgten, setzten auf eine weitaus komfortablere Icon-Steuerung. So kann es als eine Ironie der Geschichte bezeichnet werden, dass dieses wegweisende Steuerungs-Werkzeug mit Maniac Mansion begann und mit seinem Nachfolger zum Abschluss gebracht wurde.



Jari

Fazit von Jari:

Day of the Tentacle ist auch 23 Jahre nach seinem Erscheinen und im neuen Gewand ein grandioses Adventure, das den Test der Zeit mit Bravour besteht. Auch in seiner ursprünglichen Pixel-Form macht das Spiel noch einen hervorragenden Eindruck und ist meiner Meinung nach nicht nur gut gealtert, sondern zeitlos in seiner Optik. Unter dem Strich bleibt ein humoriges Point n' Click-Adventure, das zu den besten seiner Art gehörte und immer noch gehört. Auch im Jahr 2016 kann das Spiel mit einem cleveren Rätsel-Design, irrwitzigen Dialogen und gelungenen Slapstick-Einlagen punkten. Ich würde aber jedem empfehlen, sich in jedem Fall die englischen Originalstimmen anzuhören, denn die Wortwitze sind in der deutschen Synchronisation einer eher nachlässigen Übersetzung zum Opfer gefallen. Neben der angepassten Grafik gibt es noch einen ganzen Katalog an Konzeptzeichnungen und den Kommentar der Entwickler oben drauf, um das Retro-Paket abzurunden.

Besonders gut finde ich ...
  • zeitloses Design
  • clevere Rätsel
  • innovative Zeitreise-Struktur
  • witzige Dialoge
  • Retro-Charme
  • wahlweise Original-Grafik und Verbenparser
  • Entwickler-Kommentar
  • Konzeptzeichnungen
Nicht so optimal ...
  • deutsche Übersetzung fällt gegenüber dem (englischen) Original ab

Jari hat Day of the Tentacle: Remastered auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von LucasArts zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Lucas Arts
    Double Fine Productions
  • Publisher:LucasArts
    Double Fine Productions
  • Genre:Adventure
  • Plattform:PC, Mac, PS4, PSVita
  • Release:30.06.1993
    (Remastered) 22.03.2016

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