Trials of the Blood Dragon - Review
Style over substance: Wie ein Crossover gleich zwei Serien ruiniert
Als Ubisoft auf der E3 ein Crossover zwischen Trials und dem Far-Cry-Spin-Off Blood Dragon ankündigte, staunte ich nicht schlecht - und war sofort Feuer und Flamme für das ungewöhnliche Projekt. Schwer zu lenkende Motorräder treffen auf den glorreichen 80er-Style um Blutdrachen und Cyber-Commando Rex Power Colt, während im Hintergrund die Beats und Bässe von Power Glove dröhnen? Count me in! Doch so grandios, wie Trials of the Blood Dragon in der Theorie klingt, ist es in Wahrheit nicht.

Trials zu Fuß
Dabei war die Prämisse durchaus vielversprechend und einige der neuen "Features" bergen tatsächlich Potential. Jenes etwa, was erfahrene Trials-Veteranen im oben eingebetteten Screenshot schon reichlich verwirren dürfte: die Waffe, die man in manchen Levels mit sich trägt. Mit dieser kann man via Bewegung des rechten Analogsticks Projektile verschießen - und das ist wichtig und nützlich, um die Feinde, die auf der Strecke patrouillieren, auszuschalten, oder seltsame rote Bläschen zum Platzen zu bringen, die den weiteren Weg des Levels freilegen. Ja, schon das ist ein Gimmick, das nicht unbedingt zu Trials passt. Aber es ermöglicht neue Freiheiten der Levelgestaltung wie etwa optionale Routen, ohne die Trials-Erfahrung zu beeinträchtigen. Denn es wird ja immer noch gefahren und gesprungen.
Umso schockierender war der Moment, als Roxanne tatsächlich von ihrem Motorrad abstieg - und zu Fuß weiterging. Zu Fuß. In einem verdammten Trials-Spiel. Mit der Maschinenpistole in der Hand hüpfte und schlich ich durch dunkle Forschungslabore der Vietkong, bemühte mich mit der schwammigen Schusssteuerung, präzise Kopftreffer zu verteilen, kämpfte mich tapfer zum Power-Schalter der Einrichtung und fragte mich, was ich hier eigentlich spielte. Ein schlechtes Contra Light? Das Problem dieser Zu-Fuß-Abschnitte ist nicht die Tatsache, dass sie da sind, sondern das furchtbare Handling, mit dem man sie bewältigen muss. Und ihre Häufigkeit im Spielverlauf, denn über die gesamten 27 Levels gesehen dürften sie mindestens ein Viertel der Spielzeit einnehmen. Teilweise werden sie sogar in eigentlich ganz normale Trials-Levels mit hineingemischt und ruinieren dort nicht nur den Spielfluss, sondern vor allem auch den Highscore nach der Zieleinfahrt. Eine Katastrophe für die Jagd nach Punktezahlen!
Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Zero-Gravity-Passagen im All noch gar nicht erlebt ...


Ein schlechter Kompromiss
Trials of the Blood Dragon ist ein hervorragend inszenierter, knallig-bunter und teilweise herrlich psychedelischer Action-Trip, der mit Rex Colts Kindern Slayter und Roxanne zwei coole Hauptfiguren einführt und sogar eine witzige Geschichte samt unerwartetem Twist im finalen Kapitel erzählt, aber es ist nicht nur kein Trials mehr, sondern im Kern auch kein gutes Spiel.
So sehr ich es für seine Präsentation auch schätze, so schmerzt es mich, wie das eigentliche Gameplay darunter leidet. Immer wieder blitzen Potential und Spielspaß auf - wenn man in Miami mit dem Bike über blinkende Häuserdächer heizt oder zum ersten Mal mit dem Grapple über Abgründe schwingt. Aber immer wieder werden diese Momente durch die Zu-Fuß-Abschnitte unterbrochen. Teilweise stellen sich auch die bunte Farbenpracht und das blinkende Effektgewitter gegen das Leveldesign - ein schlechter Kompromiss, der mehr schadet als nutzt, aber stellvertretend dafür steht, wie Trials of the Blood Dragon seine spielerischen Qualitäten gegenüber dem visuellen Element verkauft. Dass Power Glove wie schon in Far Cry 3: Blood Dragon zuvor einen großartigen Soundtrack liefert, fällt angesichts dessen außerhalb des Hauptmenüs gar nicht wirklich auf. Immerhin kann man ihn dort in voller Länge anhören.
Dass das Spiel nach bereits 27 Levels, die jeweils auch nur ein paar Minuten dauern, vorbei ist, ist ebenfalls schade - gerade deshalb, weil die Highscore-Jagd wegen genannter Gründe dieses Mal einfach nicht so viel Spaß macht. Einen Editor für Strecken und Bikes oder Multiplayer-Funktionen abseits von Ranglisten gibt es übrigens auch nicht, was allerdings auch nicht wirklich dramatisch ist, da Trials of the Blood Dragon - anders als noch Fusion - ohnehin als kleiner Download-Ableger mit Fokus auf den Singleplayer-Inhalt konzipiert wurde.
Fazit von Tim:
Ich hatte mich wirklich über die Ankündigung auf der E3 gefreut - vor allem, weil es die einzige wirklich interessante von Ubisoft in diesem Jahr gewesen war. Aber Trials of the Blood Dragon hat mich enorm enttäuscht. Es versucht, zwei völlig unterschiedliche Konzepte unter einen Hut zu bringen, die sich, wie das Spiel zeigt, scheinbar ausschließen. Das psychedelische, abgedrehte, stellenweise verwirrende Neon-Effektgewitter eines Blood Dragon lässt sich zumindest in dieser Form nicht mit dem anspruchsvollen Physik-Gameplay von Trials verbinden. Wobei man hier auch die Frage stellen darf, was genau Trials eigentlich mittlerweile geworden ist - denn vom ursprünglichen Motorradfahren ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Greifhaken, Maschinenpistole, Zero-Gravity-Passagen, Stealth und Contra Light zu Fuß - manches davon birgt Potential, aber vieles fühlt sich einfach erzwungen und "gimmicky" an. So sehr, dass es dem eigentlichen Kern des Spiels schadet. Klar ist es supercool, Rieseninsekten auf ihrem Heimatplaneten zu zerbomben, vor riesigen Blutdrachen zu fliehen, in Miami mit Zebramaske Drogendealer zu erledigen - die Anspielung ist offensichtlich - und aus den feurigen Tiefen der Hölle zu entkommen. Aber die Spielmechaniken leiden enorm unter der stylischen Präsentation und das war den Kompromiss nicht wert. Das Ergebnis: das für mich bisher schlechteste Trials.
Die effektgeladene Präsentation von Blood Dragon steht dem Gameplay von Trials im Weg. Dieses Crossover ist eine Enttäuschung - und auch kein echtes Trials mehr.
- kreative und sehr, sehr stylische Inszenierung
- Fortsetzung der Geschehnisse aus Blood Dragon
- einige coole Ideen zur Auflockerung von Trials
- Power Glove liefert abermals großartige Musik
- eigentliches Trials-Gameplay kommt viel zu kurz
- unausgegorener Mix innerhalb einzelner Levels
- neue Mechaniken wirken wie schlechte Minispiele
- ganz schreckliche Abschnitte zu Fuß und im All
- psychedelische Inszenierung schadet Leveldesign
- mit nur 27 kurzen Levels zu kurz und zu simpel
- weder Multiplayer-Features noch Streckeneditor
Tim hat Trials of the Blood Dragon auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

