I Am Setsuna - Review 9

Wer viel auf Social Media-Plattformen unterwegs ist, wird immer wieder Zeuge davon, wie selbst die Jüngeren unter uns behaupten, dass früher alles besser gewesen sei. Selbst ich erwische mich oft dabei, wie ich den alten Zeiten hinterher trauere und auf der Suche nach der verlorenen Leidenschaft zum Spielen bin. Mit I Am Setsuna versucht das Entwicklerstudio Tokyo RPG Factory jenen Gedanken aufzugreifen und möchte somit den Spielern zumindest für kurze Zeit die Möglichkeit geben, sich selbst wieder in die frühen 90er Jahre zu verfrachten. Doch wie funktioniert ein antiquiertes Spielkonzept in der heutigen Zeit, welche von dauerhafter Action und Bombast-Grafik geprägt ist?

Grundsätzlich ist es keine schlechte Idee, ein Spiel der alten Machart in der heutigen Zeit zu veröffentlichen. Nicht umsonst zeigten sich viele Spieler, quer über dem Erdball verteilt, von der Idee mehr als nur begeistert. Als Inspiration für das Rollenspiel, das sich an den goldenen Zeiten der SNES-Ära orientiert, diente das von Game-Director Atsushi Hashimoto genannte Chrono Trigger. Entsprechend platt klingt folglich die Story: Um die Welt vor dem großen Unheil zu bewahren, wird alle zehn Jahre ein Mädchen einer höheren Macht geopfert. Jenes wird von einer Leibgarde quer durch die Lande begleitet und trifft dabei immer wieder auf unvorhergesehene Probleme. Kommt Euch bekannt vor? Fast exakt den gleichen Aufhänger bieten einige Titel aus der Final Fantasy-Reihe. Immerhin ist man hier dem Begriff "Oldschool" schon einmal treu geblieben.


Beabsichtigt antiquiert



Zunächst tapse ich mit einer mir bis dato unbekannten Person durch einen idyllisch wirkenden, verschneiten Wald. Jeder Schritt ist zu hören und in gewissen Abständen fällt immer mal wieder Schnee von den dicht belegten Bäumen hinunter. Die sehr ruhig anmutende Atmosphäre wird jedoch schnell durch einen mysteriösen Mann unterbrochen. Wie ein Geist erscheint er hinter einem Baum und gibt mir einen Auftrag, den ich unbedingt erfüllen solle. Bevor er mir jedoch weitere Instruktionen geben kann, geht es schon in den ersten Kampf.

Zuerst möchten putzige kleine Pinguine erlegt werden. Die Auseinandersetzungen mit den Monstern in der Welt finden grundsätzlich rundenbasiert statt. Angelehnt an das gelungene Kampfsystem aus Final Fantasy VIII setzt I Am Setsuna auf das Active-Time-Battle-System. Erst wenn sich mein ATB-Balken vollständig gefüllt hat, kann ich den oder die Widersacher angreifen. Sobald ich am Zug bin, wird die Zeit solange angehalten, bis ich einen Angriff ausgeführt oder ein Item verwendet habe. Wahlweise kann ich außerdem den Active-Modus anwählen, bei welchem das Kampfgeschehen kontinuierlich fortgeführt wird. Durch den gekonnten Einsatz von Momentum-Attacken und verschiedener Spritnite-Fähigkeiten ist selbst der schwerste Bossgegner im Handumdrehen erledigt. Um Erstere einsetzen zu können, müssen allerdings zunächst nach und nach drei Kugeln aufgefüllt werden, welche sich im HUD über dem ATB-Balken stets im Auge behalten lassen. Verbunden ist der Einsatz im Übrigen mit dem richtigen Tastendruck zur richtigen Zeit. Ist dies gelungen, erhält mein Partner unter anderem höhere Angriffswerte oder sogar wichtige Lebenspunkte zurück.


I Am Setsuna
Die rundenbasierten Kämpfe lassen sich gemütlich ohne Hektik vom Sofa bestreiten.


Das Mysterium um die Spritnites



Bei einem der unzähligen Besuche in den Dörfern der Spielwelt lassen sich dann die gefundenen Items beim Magiekonsortium eintauschen. Hier ist es mir ebenfalls möglich, die im Kampf unerlässlichen Spritnites herstellen zu lassen. Letztere erinnern vor allem an die bekannten Materia aus der Final Fantasy-Reihe. Die Spritnites lassen sich außerdem geschickt miteinander kombinieren, sodass verheerende Kombo-Angriffe mit zwei oder sogar drei Charakteren möglich sind. Beim Verkauf der Items springt obendrein immer wieder etwas Gold heraus, welches sich ganz klassisch beim nächstgelegenen Händler gegen stärkere Waffen oder Heiltränke eintauschen lässt. Ferner steigen meine Charaktere nach jedem Kampf immer weiter auf, was sich folglich an den Lebenspunkten sowie dem überaus wichtigen Manavorrat bemerkbar macht.

Anders als in vielen anderen Rollenspiel-Vertretern ist es hier nicht möglich, selbst Punkte in einem Talentbaum oder Ähnlichem zu verteilen. Immerhin hat das den Vorteil, dass selbst die Charaktere mitleveln, welche nicht am Kampfgeschehen beteiligt gewesen sind. Sogleich dieser Umstand durchaus schön ist, wird man im Spielverlauf ohnehin nicht gezwungen auf andere Charaktere der Party auszuweichen, da die Hauptprotagonisten die meiste Zeit miteinander verbringen. Des Weiteren können allen Mitstreitern der Garde je eine Waffe und ein Talisman zugeordnet werden. Jene Schmuckstücke verfügen selbstredend über besondere offensive oder defensive Eigenschaften, oder lassen den ATB-Balken schneller füllen.


I Am Setsuna
Leider gibt es auf der begehbaren Weltkarte kaum Geheimnisse zu entdecken.


Eine Reise der grenzenlosen Traurigkeit



Abseits der Kämpfe, welche im Übrigen nicht zufallsgeneriert werden, begleite ich die Garde um Setsuna aus der Isoperspektive von schräg oben. Während der rund 15 Stunden Spielzeit reise ich durch verschiedene Dörfer, kämpfe mich durch schillernde Eishöhlen oder versuche am Ende eines unaufgeregten Dungeons einen Bossgegner zu erledigen. Leider sind die Dungeons sehr ähnlich aufgebaut und verfügen nur über wenige Abzweigungen, auf denen sich bestenfalls eine Truhe finden lässt. Weiterhin bin ich immer wieder zu nervigem Backtracking verpflichtet, um die ohnehin recht höhepunktarme Geschichte voranzubringen. Hier hätte ich mir definitiv eine größere Weltkarte gewünscht, da diese recht inhaltsleer und zudem kaum Überraschungen zu bieten hat. Daran ändern die überall in der Welt verteilten verschlossenen Kisten leider auch nichts. Diese lassen sich erst gegen Ende des Spiels öffnen und beherbergen die ein oder andere starke Waffe für meine Garde. Der Reiz, diese einzusammeln, hält sich allerdings in Grenzen, da die Party zum Ende des Spiels ohnehin über genug Power verfügt.


Kopieren und blamieren



Mit der Kälte stets im Nacken und dem melancholischen Soundtrack aus der Feder von Tomoki Miyoshi, der im Übrigen für den Soundtrack von Soul Calibur 5 verantwortlich zeichnet, auf den Ohren, reise ich zwischenzeitlich fast schon gelangweilt durch die weit verschneiten Landschaften. Fernerhin der andauernden Tristesse und dem ganzen Schnee hätte ich mir mehr Abwechslung und vor allem Gebiete gewünscht. Ständig die gleichen Dörfer und Dungeons zu besuchen, macht auf Dauer wenig Spaß und selbst die anfangs durchaus packende Geschichte verblasst von Spielstunde zu Spielstunde. Erst in der zum Ende hin findet I Am Setsuna wieder den roten Faden und kommt langsam in Fahrt. Leider etwas zu spät, zumal es neben der Hauptgeschichte kaum Aufgaben zu erledigen gibt.

Klassisch hin oder her, man hätte aus der Welt und der Geschichte um das junge Mädchen Setsuna viel mehr herausholen können oder gar müssen. Immerhin passt die optische Präsentation einigermaßen, wenngleich die Gestiken der Figuren nicht mit denen des uralten Chrono Trigger mithalten können. Der von Randy Kerber eingespielte stimmige Piano-Soundtrack passt zwar super zur Welt, wiederholt sich für meinen Geschmack leider viel zu oft und wirkt in dem ein oder anderen Dialog sogar deplatziert. Ebenso sehen die Häuser der Bewohner, die in den Dörfern leben, teilweise exakt gleich aus. Selbst die Nebencharaktere in den Städten sind teilweise einfach kopiert und mit anderem Namen versehen worden. In einer solch kleinen Welt, die das Spiel nun einmal bietet, hätte ich mir insbesondere bei dem angekündigten Anspruch mehr gewünscht.



Predator

Fazit von Predator:

Egal ob alt oder neu: I Am Setsuna verfolgt zwar einen spannenden Ansatz, konnte mich allerdings nicht über die komplette Spielzeit fesseln. Die inhaltsarme Welt sowie die über Strecken unnötig gezogene Story haben es mir schwergemacht, am Ball zu bleiben. Weiterhin hat mich das Balancing der Kämpfe gestört. Während die Zwischengegner fast immer mit nur einem Schlag erledigt gewesen sind, fahren die Bossgegner eine unausgewogene Stärke auf, welcher man nur mit Grinden entgegnen kann.

Der Piano-Soundtrack ist stimmig und die Grafik nett anzuschauen. Dennoch hätte ich mir mehr Abwechslung im tristen Alltag der Welt gewünscht, welche mich immer und immer wieder an die gleichen Orte geführt hat. Hier wäre sicher mehr drin gewesen. Gleichwohl ist I Am Setsuna für alle Fans von RPG-Spielen der 90er Jahre mit Einschränkungen zu empfehlen. Das Spiel ist teilweise schwere Kost und die schwermütigen Piano-Sounds sowie das gewollt altbackene Gameplay könnte euch schnell vor den Bildschirmen einschlafen lassen. Wenn das nicht stört, gibt es immerhin solide Unterhaltung, welche selbst auf schwachbrüstigen PC-Systemen erstaunlich gut läuft.

Besonders gut finde ich ...
  • stimmungsvoller Soundtrack
  • gelungenes Kampfsystem
  • Spritnite & Momentum-System
  • guter Ansatz
  • Flugschiff ermöglicht erneute Durchreise
Nicht so optimal ...
  • unausgewogenes Balancing
  • teils nerviges Backtracking
  • in die Länge gezogene Story
  • inhaltsleere Weltkarte
  • kein Neues Spiel-Plus
  • Speicherpunkte schlecht gesetzt
  • Gegenstände und NPCs teilweise einfach kopiert
  • kaum abwechslungsreiche Gebiete

Predator hat I Am Setsuna auf dem PC gespielt.

  •  
  • Entwickler:Tokyo RPG Factory
  • Publisher:Square Enix
  • Genre:JRPG
  • Plattform:PC, PS4, Switch, PSVita
  • Release:19.07.2016
    (Japan) 18.02.2016
    (Switch) 03.03.2017

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