Nioh - Review 4

Zu gerne würde ich Nioh mit dem Ausdruck "Dark Souls auf Japanisch" umschreiben. Der Haken an der Sache: Dark Souls kommt ebenfalls aus Japan - auch wenn man ihm das nicht auf den allerersten Blick ansieht. Nioh dagegen macht sich keine Mühe, seine fernöstliche Herkunft zu verbergen. Im finsteren Action-Adventure von Team Ninja trifft man auf Samurai und Yokai, kämpft mit Katana und Kusarigama, sammelt Amrita und mischt sich in Fehden zwischen Clans und Fürsten ein. Aber hier hören die Unterschiede noch lange nicht auf. Denn so sehr sich Nioh auch nach Souls anfühlt: Team Ninja hat dem Prinzip seinen eigenen Stempel aufgedrückt und so vielleicht endgültig ein neues Genre begründet.

War es damals anno 2010 bzw. 2011 noch schwer, die Faszination von Demon's Souls und Dark Souls in Worte zu fassen und dieses außergewöhnliche Spielgefühl in einer Review zu vermitteln, ist es heute, sechseinhalb Jahre später, regelrecht ein Kinderspiel - denn der Name "Souls" ist keine kleine Nische mehr und dem modernen Videospieler längst geläufig. Mit der originalen Souls-Serie, Bloodborne, Lords of the Fallen, Salt & Sanctuary und bald auch The Surge gibt es mittlerweile so viele Vertreter, dass wir schon fast von einem eigenen Genre sprechen können. Und auch Nioh dreht sich um Seelen (hier: Amrita), Bossgegner, ein vertracktes Leveldesign mit allerlei Fallen und Gefahren - und natürlich um das berühmt-berüchtigte "Game Over", um das man auch als erfahrener Souls-Fan kaum herumkommt, auch wenn Nioh das leichtere Spiel ist.


Nioh
Eher unfreiwillig landet William in Japan und muss sich dort mit Dämonen und verräterischen Clans auseinandersetzen.


Edward Kelley, Geralt aus London und jede Menge Fragezeichen



In Nioh schlüpft man in die Haut von William, einem englischen Seefahrer, und das primäre Ziel ist es, seinen Schutzgeist zurückzuerlangen, der ihm von Edward Kelley im Tower of London gestohlen wurde. Die Reise beginnt mit dem Tutorial in ebenjenem Tower und führt alsdann durch sechs verschiedene Regionen Japans - alles, was zwischen dem Tower und dem großen Finale geschieht, habe ich allerdings ehrlich gesagt nicht verstanden. Irgendwie gerät William, fortan von den meisten nur "Anjin" genannt, in einen ausufernden Konflikt zwischen mehreren Clans und Fürsten, lernt dort Verbündete kennen und schmiedet Allianzen, hilft mit bei der Befreiung eroberter Burgen ... und die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen sind mir ein einziges großes Rätsel. Das mag an den vielen ungewöhnlichen und in kürzester Zeit durcheinander geworfenen japanischen Namen liegen, an der losen Orientierung an korrekter japanischer Historie oder auch einfach an einer merkwürdigen Erzählweise. Woran auch immer es schlussendlich liegen mag, eines lässt sich festhalten: Ohne eigene umfangreiche Recherchen oder Kenntnisse über Nobunaga & Co. bleibt die Handlung weitestgehend wirr. Wirr sind freilich auch die Erzählstränge und Universen von Bloodborne und der Souls-Reihe, aber wohingegen es dort um das Aufdecken von Mysterien geht, kommt man sich in Nioh eher vor, als sei man selbst einfach zu blöd, um die eigentlich recht aufwendig erzählte Geschichte zu verstehen.

Anders als gewohnt ist die Spielwelt von Nioh nicht zusammenhängend. Stattdessen schaltet man nacheinander sechs Landkarten verschiedener Regionen frei und kann von dort aus Aufträge annehmen, die wiederum in die einzelnen Abschnitte, sprich "Levels", überleiten. So ist Nioh auch ein relativ lineares Spiel, in dem die Mainquest stets von einer Hauptmission zur nächsten führt - Gabelungen gibt es keine und folglich auch keine geheimen Areale oder Bossgegner wie beispielsweise Cainhurst aus Bloodborne mit dem Märtyrer Logarius. Innerhalb der Levels kann man zwar durchaus einiges erforschen und erkunden, so sind immer irgendwo Schätze und insgesamt 150 Kodama versteckt - kleine Wesen, die beim Auffinden Boni gewähren -, aber es ist ein bisschen schade, dass man abseits dessen auf keine wirklichen Überraschungen stößt. Dafür gibt es über zwei Dutzend Nebenmissionen, die mal in brandneuen, meist jedoch in bekannten und leicht abgewandelten Arealen stattfinden und hier und da sogar mit einem exklusiven Bossgegner aufwarten können. An Umfang mangelt es Nioh wahrlich nicht, denn alleine mit dem Story- und Sidequest-Content ist man gut um die 70-80 Spielstunden beschäftigt. Die Zahl dürfte in Zukunft wachsen, wenn Team Ninja den PVP-Modus nachliefert und das Spiel per DLC um weitere Missionen ergänzt.


Nioh
Diese Raben-Tengus gehören zu den gefährlichsten Gegnern im Spiel. Schlimm wird es, wenn man zwei auf einmal trifft ..


Dark Souls trifft auf Ninja Gaiden und Diablo



Nioh ist ein sehr kampflastiges Spiel, was nicht weiter überraschen sollte, wenn man bedenkt, dass Team Ninja durch Ninja Gaiden und Dead or Alive groß geworden ist. Und hier finden sich auch die größten spielerischen Unterschiede zu den Titeln von From Software. Fünf verschiedene Waffentypen mögen zunächst zwar nach vergleichsweise wenig klingen, aber dafür steckt hinter jeder Waffengattung ein ausgefuchstes Kampfsystem inklusive mehrerer Konter- und Ausweich-Moves, aufladbaren Angriffen und Comboketten. Dazu kann man jederzeit - mit etwas Übung sogar inmitten einer Combo - zwischen drei Haltungen wechseln, wobei jede unterschiedliche Aktionen ermöglicht. Das fühlt sich dann auch so an, als habe man das Kampfsystem von Ninja Gaiden mit dem Blocken und dem Ausdauer-System von Dark Souls kombiniert, und es funktioniert ganz hervorragend!

Egal ob mit einem oder zwei Katanas, Axt, Speer oder Kusarigama: Mit allen lässt es sich sehr gut kämpfen, sobald man den Dreh raus und die entsprechende Waffe verinnerlicht hat. Und damit man sich nicht dauerhaft an einer einzelnen Waffe festklammert, gibt es jede von ihnen in x-tausend Ausführungen verschiedener Seltenheit, die über ein diablo-eskes Loot-System ausgeschüttet werden. Das ist eine coole Idee und motiviert wirklich dazu, immer wieder die Waffe zu wechseln - hat aber auch seine Nachteile.

Das spürt man spätestens dann, wenn man zum ersten Mal die 500er Marke im Inventar erreicht hat und keine weiteren Gegenstände mehr aufnehmen kann. Anfangs habe ich noch Stunde über Stunde damit verbracht, mein Inventar sorgfältig zu managen, unnütze Waffen gegen Amrita oder Geld zu tauschen oder sie beim Waffenschmied in ihre Einzelteile zu zerlegen, und immer wieder darauf geachtet, stets die aktuell am besten geeignete Waffe oder Rüstung am Leib zu tragen. Später habe ich einfach nur alle lila Gegenstände markiert und den Rest auf einmal verkauft, ohne mir die genauen Werte überhaupt noch anzuschauen. Dadurch, dass alle Ausrüstungsteile stets ein fixes Level und definierte Werte haben, die Gegner aber mit jeder neuen Mission stärker werden, ist man also gezwungen, das Equipment immer und immer wieder zu aktualisieren. Ich persönlich bevorzuge den Weg von Dark Souls und Bloodborne, in denen man jede Waffe in mehreren Stufen verbessern und so dauerhaft verwenden kann, ohne dass sie sich plötzlich schwächer oder gar völlig unbrauchbar anfühlt - das ist mir in Nioh nämlich mehrfach passiert, als ich mir nicht mehr die Mühe gemacht habe, alle 2-3 Missionen die Ausrüstung zu überprüfen. Die Idee ist freilich keine schlechte, das Managen das Inventars auf Dauer aber ziemlich ermüdend und so etwas kontraproduktiv.


Nioh
Auch William braucht zwischen all den Schlachten mal eine Ruhepause: Heiße Quellen regenerieren Leben und Motivation.


"Nicht schon wieder so ein blöder Radmönch ..."



Nioh ist, und das war zu erwarten, kein einfaches Spiel - aber auch kein allzu schwieriges. Dafür, dass es sich in erster Linie an Veteranen von Ninja Gaiden und Souls richtet, ist es meiner Ansicht nach nicht schwierig genug, zumal man sich mit der Onkyo-Magie zusätzliche Vorteile verschaffen kann, indem man Bossgegner zum Beispiel verlangsamt und anschließend ihre Verteidigung schwächt, zeitgleich aber den eigenen Angriff bufft - und die Gegenstände dafür erhält man nach jedem Beten am Schrein erneut (Schreine sind quasi die Leuchtfeuer in Nioh). So hing ich im ganzen Spiel an kaum einer Stelle länger fest, die meisten Bosse waren spätestens im dritten, manchmal gar im ersten Anlauf schon geknackt. Sieht man über die etwas zu niedrige Schwierigkeitsstufe hinweg, sind die Bosskämpfe aber größtenteils sehr gelungen und angenehm abwechslungsreich.

Neben einem riesigen Tausendfüßler habe ich auch die Nioh-Versionen von Elsa aus Frozen oder der Chaos Witch Queelag aus dem ersten Dark Souls bekämpft. Ich wünschte nur, eine ähnliche Variation gäbe es auch bei den gewöhnlichen Gegnern, die man auf dem Weg zum Boss erledigen muss. Aber hier stellt sich Nioh gewissermaßen selbst ein Bein, weil es nach ca. der Hälfte der Story fast ausschließlich die gleichen bekannten Gegnermodelle recycelt anstatt neue Typen einzuführen. Immer wieder trifft man auf die gleichen Dämonen, irgendwann ärgert man sich nur noch über die Yokai-Nebel, aus denen wieder mal ein Zyklopen-Gegner oder brennender Radmönch spawnt. Diese Abwechslungsarmut im Gegnerdesign ist darum auch das größte der wenigen Probleme, die Nioh mit sich trägt, und Punkt Nummer 1, der in einem möglichen Nachfolger verbessert werden sollte.

Absolut lobenswert ist dagegen die gesamte technische Seite, über die ja schon im Vorfeld und anlässlich der Demos viel gesprochen worden ist. Man kann in Nioh tatsächlich aus drei verschiedenen Darstellungsmodi wählen - 30fps bei maximaler Grafikqualität, 60fps für maximale Bildrate oder eine variable Framerate für eine fairen Kompromiss aus beidem. Wer eine PlayStation 4 Pro besitzt, kann dort auch noch zusätzliche 4K-Optionen aktivieren, die ich mangels einer PS4 Pro aber nicht testen konnte. Persönlich habe ich zu den konstanten 60fps gegriffen und dabei im ganzen Spiel keinen einzigen Framedrop bewusst wahrgenommen, wobei das Spiel immer noch gut aussah. Daran könnten sich durchaus andere Entwickler ein Beispiel nehmen.



Tim

Fazit von Tim:

Nioh braucht sich absolut nicht hinter Dark Souls und Bloodborne verstecken! Schon im ersten Anlauf haben Team Ninja ein hervorragendes Fundament geschaffen, auf dem sie nun mit einem Nachfolger aufbauen müssen, und die bekannte Souls-Formel dabei mit neuen spielerischen Elementen gewürzt. Fünf Waffengattungen mit jeder Menge Combos und Spezialaktionen, drei verschiedene Haltungen mit individuellen Angriffen, dazu Onkyo-Magie und diverse Ninja-Werkzeuge - das Kämpfen in Nioh macht einfach nur Spaß und ist wesentlich tiefgründiger und komplexer als man es von den Spielen von From Software kennt. Nioh ist also nicht einfach nur ein Klon, denn Team Ninja haben die Vorlage genommen und ihr ihren eigenen Stempel aufgedrückt. Was ihm allerdings zur Extraklasse fehlt, ist neben einem etwas höheren Schwierigkeitsgrad und einer verständlicheren Story vor allem Variation im Lategame: Sowohl Gegner als auch das Leveldesign ähneln sich langfristig sehr und irgendwann konnte ich diese ätzenden Radmönche und Yoki einfach nicht mehr sehen. Bei einer kürzeren Spielzeit wäre das weniger dramatisch, aber bei immerhin rund 70 Stunden fällt es umso schwerer ins Gewicht - auch wenn der große Umfang per se natürlich absolut lobenswert ist. Ebenso wie die gesamte technische Seite, an der sich andere Entwickler ein Beispiel nehmen sollten. Für Nioh 2 wünsche ich mir, dass sich Team Ninja dieser Kritikpunkte annehmen, die Erkundungsreize ausbauen und ansonsten genau so weitermachen - denn Nioh ist schon jetzt ein tolles Spiel, aus dem man aber definitiv mit einem Nachfolger noch mehr herausholen kann.

Nioh nimmt die Souls-Formel, transportiert sie nach Japan, reichert sie mit Ninja Gaiden und Diablo an und baut einen technischen Rahmen drumherum, auf den andere Entwickler neidisch sein können. Wegen der fehlenden Vielfalt im Gegnerdesign reicht es zwar noch nicht zur Extraklasse - aber das Fundament steht, auf dem jetzt gebaut werden muss.

Besonders gut finde ich ...
  • starkes Kampfsystem mit fünf Waffentypen und drei Haltungen
  • viele abwechslungsreiche und z.T. kreativ designte Bossgegner
  • motivierendes Erkunden der Areale zum Sammeln der Kodama
  • riesiger Umfang mit insgesamt mehr als 70 Stunden Spielzeit
  • drei Darstellungsmodi: 30fps, 60fps oder variable Framerate
  • mehrstufige Trainingsmissionen im Dojo mit Belohnungen
  • große Enzyklopädie mit ausführlichen Infos und 3D-Modellen
Nicht so optimal ...
  • Story ohne Studium Japans Geschichte kaum nachvollziehbar
  • auf Dauer mangelt es Gegnern und Arealen an Variation
  • Nebenmissionen finden meist in Gebieten der Mainquest statt
  • diablo-eske Loot-Ausschüttung sorgt für Chaos im Inventar
  • Coop nur für Missionen möglich, die schon erledigt wurden

Tim hat Nioh auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Sony Interactive Entertainment zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Team Ninja
  • Publisher:Sony CEE
  • Genre:Action-RPG
  • Plattform:PS4
  • Release:09.02.2017

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Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 3 Gästen.
  • Kithaitaa
    #1 | 25. Februar 2017 um 23:20 Uhr
    Da Tim das Thema "neues" Genre anspricht, auf Reddit gab es diese Frage auch und gleich dazu eine Statistik, wie lange andere Spiele "Doom-Like" tituliert wurden, bis das Genre "First-Person-Shooter" erschaffen wurde. Ganz interessant [ externer Link ] - vor allem (suche Wiki) da es da eine Timeline-Grafik zu gibt =D
  • Fetzig
    #2 | 26. Februar 2017 um 13:50 Uhr
    Die Frage ist ja, wie man das neue Genre betiteln würde? Skill based RPGs?
  • Frankstar
    #3 | 1. März 2017 um 09:59 Uhr
    Ich bin für gtRPG (get tilted Role Play Game)

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