Yooka-Laylee - Review 8

Fast 20 Jahre nach Banjo-Kazooie ist das "Collectathon" zurück, besser bekannt als ein 3D-Jump'n'Run mit Schwerpunkt auf Sammelkram. Dieses Mal spielt man keinen Bären mit Vogel, sondern ein Chamäleon mit Fledermaus, und man sammelt keine Puzzleteile mehr, sondern Buchseiten - davon abgesehen fühlt sich eigentlich alles an wie früher auf dem Nintendo 64. Yooka-Laylee ist eine charmante Zeitreise in eine Ära, in der Jump'n'Runs mit anthropomorphen Tieren das ganz große Ding waren, und das Konzept dahinter hat über 70.000 Unterstützer derart begeistert, dass sie es über Kickstarter mit mehr als zwei Millionen Britischen Pfund finanziert haben. Aber macht das auch heute noch Spaß?

Eines steht fest: Playtonic Games wissen ganz genau, was Banjo-Kazooie damals zu dem gemacht hat, was es ist. Yooka-Laylee heißt nicht nur ähnlich, sondern sieht auch ähnlich aus, spielt sich ähnlich, funktioniert ähnlich und ... ach, was soll das Geschwafel, bringen wir es doch einfach auf den Punkt: Yooka-Laylee ist Banjo-Kazooie derart ähnlich, dass man schon fast von Plagiatismus sprechen könnte. Oder von nostalgischer Romantik - je nachdem, wie verbunden man dem N64-Klassiker eben ist. Die Ähnlichkeiten kommen natürlich nicht von ungefähr: An Yooka-Laylee saßen ein Großteil ehemaliger Rare-Mitarbeiter, selbst die Musik wurde von Grant Kirkhope gemeinsam mit David Wise komponiert, und deshalb versteht es sich auch als ein spiritueller Nachfolger, als ein Spiel im gleichen Geiste. Das bringt schöne Seiten mit sich, aber auch ein paar schlechte, und während der etwa 20 Stunden, die ich mit Yooka und Laylee verbracht habe, fühlte sich so mancher Aspekt sogar zu sehr nach einem Spiel für das Nintendo 64 an.


Yooka-Laylee
Yooka und Laylee erkunden fünf kunterbunte Welten und dürfen in jeder auch mit Kartos in der Minenlore fahren.


Man statte einen Alltagsgegenstand mit einem Paar Augen aus und fertig ist der NPC



Die Handlung ist denkbar simpel und genügt gerade so, um den Rahmen für dieses kunterbunte Abenteuer zu liefern: Das böse Duo Capital B und Professor Quack hat eine Maschine entwickelt, die alle Buchseiten der Welt (sogenannte Pagies) einsaugt - und weil das nicht okay ist, machen sich Chamäleon Yooka und seine unfreundliche Freundin Laylee auf, den Schurken das Handwerk zu legen und die Pagies zu retten. Komplizierter und anspruchsvoller waren die Geschichten auch früher nicht und ohnehin kommt der Charme von Yooka-Laylee eher durch die witzigen und teils bizarren Charaktere, die man im Laufe des Spiels trifft. Der Star des Ensembles ist dabei ganz klar der durchtriebene Händler Trowzer, eine Schlange mit Hut und Handy, die in einem Hosenpaar steckt und auf schäbige Weise versucht, seine Waren an den Mann zu bringen. Der Rest des Casts hat mich dagegen eher weniger überzeugt: Einkaufswägen und Wegweiser mit Augen sind wenig kreativ und auch wenn man das gleiche wohl über Banjo-Kazooie schon hätte sagen können, so wäre mir persönlich mehr Qualität statt Quantität lieber gewesen. Soll heißen: Weniger Wegwerf-Figuren, dafür aber interessantere, die auch durchaus mehrfach auftauchen können.

Dass die Dialoge mit den vielen Wolken, Einkaufswägen, Buchseiten, Polygon-Dinosauriern, Blumen und Tintenfischen am Ende doch spaßig sind, ist vor allem der neckischen Art von Laylee zu verdanken, die teilweise richtig fiese und schwarzhumorige Sprüche auf Lager hat - sehr schön. Ohnehin sind überall Anspielungen auf die Gaming-Kultur, Banjo-Kazooie, aktuelle Standards in Platformern und sogar auf Rare und Microsoft Kinect platziert. Das meiste davon funktioniert auch in deutscher Sprache.


Yooka-LayleeYooka-Laylee
Man trifft im Laufe des Abenteuers auf allerlei skurrile Gestalten, wobei Schlange Trowzer ganz klar der Star ist.


Offene Erkundung in fünf riesigen Welten anstatt linearer Platforming-Kost



Gemeinsam mit fünf großen und dabei jeweils einmal erweiterbaren Welten ist also die Kulisse angerichtet für ein umfangreiches und verspieltes Sammelabenteuer, und genau das ist es auch, was Yooka-Laylee liefert. Man darf sich das Spiel nicht wie ein klassisches Jump'n'Run á la Super Mario oder Rayman 3 vorstellen; anstatt weitestgehend linearer Levels mit allerlei knackigen Platforming-Herausforderungen geht es in Yooka-Laylee eher darum, die offenen und frei erkundbaren Welten auszukundschaften und auf Pagies und Federn zu untersuchen. Jeder Pagie versteckt sich dabei hinter einer kleinen Challenge, die mal an ein Minispiel, mal an ein Puzzle oder eine Schatzsuche und ein andermal auch an einen Hüpfparcours geknüpft ist.

Abwechslung gibt es reichlich und nur wenige Ideen und Elemente werden wiederholt. Dazu gehören zum Beispiel die Lorenfahrten mit Kartos, in denen man auf einer mit Hindernissen gespickten Strecke so viele Edelsteine wie möglich sammeln muss, um damit anschließend einen Pagie freizuschalten. Auch den Polygon-Dino Rextro (man beachte das Wortspiel) trifft man in jeder der fünf Levels und auch der Oberwelt an und kann sich dann im Tausch gegen jeweils eine Münze an einer Handvoll Arcade-Minigames versuchen - die allerdings größtenteils ziemlich mies und überflüssig sind und nicht einmal so "retro" aussehen, wie es der kantige Automat mit seiner pixeligen Highscore-Liste verspricht. Die meisten Pagies bleiben aber hinter weitestgehend einzigartigen Herausforderungen und der Reiz liegt gerade darin, die Welten zu erkunden und die übrigen Pagies zu finden. Eine Karte gibt es dabei ebenso wenig wie eine Zielführung oder einen "Pagie-Sensor", selbst die Oberwelt ist eine Art Labyrinth. Wer sich an dieser offenen Erkundung und Schatzsuche stört, ist definitiv nicht die Zielgruppe von Yooka-Laylee - lineare Platformer gab es in den letzten 15 Jahren durchaus einige, ein Spiel wie dieses hier aber seit Ende 2000 nicht mehr, und vor dem Start sollte einem bewusst sein, dass Playtonic genau diese längst vergangene Ära wiederbeleben möchte.


Yooka-Laylee
Für manche Pagies muss man sich mit dem D-N-Ator transformieren, wie etwa in Welt 2 in einen Schneepflug.


Nach 17 Jahren Wartezeit wären ein paar Monate mehr auch nicht schlimm gewesen



So weit, so klassisch. Und das macht alles auch durchaus Spaß, ist clever gedacht und größtenteils auch angemessen umgesetzt. Aber ausgerechnet mit den für die Spielbarkeit wichtigsten Aspekten - Kamera und Handling - stellt sich Yooka-Laylee immer wieder selbst ein Bein. In Welt 2 etwa gibt es einen Parcours, bei dem man in einer dunklen Höhle mit begrenzter Ausdauer und Beleuchtung über rutschige Rampen rollen muss, und teilweise fühlt es sich an, als würde man permanent über Eis gleiten oder komplett die Kontrolle über Yooka verlieren. Hinzu kommt eine Kamera, die gerne an Hindernissen hängenbleibt oder sich willkürlich im Kreis dreht, und zu allem Übel muss man, wenn man abgestürzt ist, den ganzen Parcours von vorne starten. Hier hätte ich vor Frust bald den Controller in den Fernseher werfen können, bevor es im 30. Anlauf irgendwann geklappt hat.

Ja: Man kann sich an die meiner Meinung nach unpräzise und schwammige Steuerung gewöhnen und desto länger man das Spiel zockt, umso mehr kommt man mit der leichten Verzögerung beim Hüpfen und Abbremsen klar. Aber für ein Spiel, das immer wieder genau diese Präzision verlangt, ist das einfach nicht optimal und alle paar Pagies Anlass für Ärger und Frustration. Mich kümmert es auch gar nicht, ob das früher genauso oder anders oder besser war. Auch in der letzten Welt hatte ich immer noch regelmäßig mit der Steuerung und Kamera zu kämpfen und das ist ein zeitloses Problem - auch wenn man natürlich lernt, damit zu leben, und sich auf solche Situationen schon mal einstellen kann. Ich hätte mir trotzdem mehr "Griff" gewünscht.

Auch an anderen Stellen bleiben Wünsche offen und wenn man erst einmal einen Fuß in den kargen, eintönigen, geradezu hässlichen Giftsumpf von Welt 3 gesetzt hat, wird man auch das Gefühl nicht los, dass Yooka-Laylee vielleicht ein wenig zu früh auf den Markt gekommen ist (auch wenn das 17 Jahre nach Banjo-Tooie geradezu paradox klingt). Die meisten offiziellen Screenshots und Trailer zeigen Szenen aus den Welten 1 und 2 und Welt 3 fällt im direkten Vergleich extrem ab - vor allem grafisch und was die Ideen im Leveldesign angeht. Ausgerechnet die letzte Welt kann wieder an das hohe Niveau der ersten anknüpfen, die mittleren dagegen sind nach dem guten Start eine mittelgroße Enttäuschung. Das heißt nicht, dass man dort keinen Spaß haben kann - aber das, was der Beginn des Spiels noch verspricht, kann der Großteil des Umfangs nicht mehr ganz einhalten. In bester Tradition entdeckt man hier und da dann auch Texturen und Animationen, die an das gute alte N64 erinnern, meistens können aber auch grafische Schwächen durch Charme und Spielwitz kompensiert werden.



Tim

Fazit von Tim:

Es fällt schwer, Yooka-Laylee nicht zu mögen, aber gleichzeitig ebenso schwer, sich nicht über die vielen verpassten Chancen und das teilweise verschwendete Potential zu ärgern - und das ist schade, weil das Spiel gerade zu Beginn zeigt, dass auch ein altmodisches Collectathon noch seinen Platz in der modernen Spielelandschaft verdient hätte. Aber Playtonic und dem tierischen Duo in der Hauptrolle gehen im Mittelteil des Abenteuers die Puste (und das Budget?) aus. Und dass ein Spiel wie dieses, das in vielen seiner abwechslungsreichen Herausforderungen Präzision verlangt, unter einer schwammigen Steuerung und einer stellenweise katastrophalen Kameraführung leidet, ist ein großes Problem. Ich mag Yooka-Laylee für seinen Ideenreichtum, für das oft gute Leveldesign, den Humor, die Charaktere, seine Musik und die Leichtfüßigkeit, mit der gerade die erste Welt noch punkten kann - aber echte Begeisterung hat sich leider nicht wirklich einstellen können, zu schwer wiegt die genannte Kritik, zu oft war ich gefrustet oder genervt. Wer sich solche "Spiele wie früher" herbeisehnt, kommt schon auf seine Kosten und bessere Alternativen gibt es seit Ende der PlayStation-/N64-Ära nicht mehr. Aber das erhoffte große Comeback ist Yooka-Laylee leider nicht geworden.

Yooka-Laylee verspricht in Welt 1 viel, verliert aber danach immer mehr an Leichtfüßigkeit und Charme und rappelt sich erst viel zu spät wieder auf, während die durchwachsene Steuerung und verkrampfte Kamera immer wieder für Frust sorgen. Trotz toller Ideen, viel Abwechslung und Charme: Das großartige Comeback ist leider ausgeblieben.

Besonders gut finde ich ...
  • fünf farbenfrohe Welten mit meist tollem Leveldesign
  • über 100 Pagies mit einzigartigen Herausforderungen
  • liebenswerte Präsentation mit bizarren Charakteren
  • Musik von Grant Kirkhope & David Wise passt perfekt zum Abenteuer
  • breites Moveset, das mit jeder Welt erweitert wird
  • beeindruckender Ideenreichtum, enorme Abwechslung
Nicht so optimal ...
  • z.T. große Probleme mit Steuerung und Kameraführung
  • Parcours immer wieder mit zu wenigen Checkpoints
  • Welt 3 fällt im Vergleich zu den anderen immens ab
  • vermeintliche Sackgassen, wenn Fertigkeiten fehlen
  • Qualität der Herausforderungen nicht durchweg gut
  • Rextros Arcade-Minispiele sind meist zum Abgewöhnen

Tim hat Yooka-Laylee auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Team17 zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Playtonic Games
  • Publisher:Team17
  • Genre:Plattform-Puzzler
  • Plattform:PC, Mac, PS4, XboxOne, Switch
  • Release:11.04.2017
    (Switch) 2017

Kommentare-Kommentier-Show


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 7 Gästen.
  • Frankstar
    #1 | 11. April 2017 um 00:48 Uhr
    z.T. große Probleme mit Steuerung und Kameraführung -> Kommt ein Day-One Patch (PC)

    was würdest du den Vergeben von 0 bis 10 ?
    Jim(quisition) hat ja eine 2/10 vergeben - ich sehe das aber als eine Troll-Review an.
  • Tim
    #2 | 11. April 2017 um 11:58 Uhr
    Das mit dem Patch ist gut zu wissen, könnte ich auf der PS4 nochmal checken, danke. Eigentlich will ich gar keinen Score vergeben, nicht ohne Grund haben wir das hier ja nicht - aber wenn ich MÜSSTE, dann wohl eine 6/10. Den Bericht von Jim Sterling fand ich schon ziemlich lächerlich. Habe den auch gelesen und das ist größtenteils relativ haltloses Gebashe. Wir reden hier von keinem katastrophalen, unspielbaren Bug-Desaster oder so, sondern von einem Spiel, das den Erwartungen nicht gerecht werden kann (meiner Meinung nach). Hatte mir da einfach mehr versprochen, auch wenn es wie gesagt auch sehr viele schöne Seiten hat.

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