The Sexy Brutale - Review 5

Der Mann in der eisernen Maske ist in dem Puzzle-Adventure The Sexy Brutale nicht Leonardo di Caprio aus dem gleichnamigen Film. Doch der Verweis auf den unbekannten Gefangenen des französischen "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. ist in diesem Fall gar nicht mal so weit hergeholt. Denn auch die Hauptfigur im Debütwerk der Cavalier Game Studios trägt gleich mehrere Masken - darunter auch eine eiserne. Im Verlauf des Spiels verleit einem diese immer neue Fähigkeiten, um den mörderischen Tag im Kasino zu überleben und das tödliche Rätsel um die Existenz dieses makabren Schauspiels aufzudecken.

Hierzulande ist es ja üblich, alles und jeden in eine Schublade zu packen. Auf Videospiele übertragen heißt dies, dass Call of Duty, Super Mario und FIFA für Shooter-, Plattformer und Sport stehen und das Genre an sich definieren. The Sexy Brutale lässt sich nicht so einfach in ein Fach pressen. Das fängt allein schon bei der sperrigen Namensgebung an. Zwar geht es brutal(e) und makaber zur Sache, immerhin wird auf möglichst grausige Art am Strick, im Feuer oder per Stromschlag gestorben, das Spiel ist aber alles andere als schlüpfrig. Das "sexy" steht in diesem Fall eher für einen eleganten Grafikstil und psychologischen Tiefgang.

Von beidem hat The Sexy Brutale eine Menge. Zusammengenommen bezeichnet es ein Kasino, das in das weitläufige Anwesen des Marquis namens Lucas Bondes eingebettet ist. Eben dieser Marquis trägt ein dunkles Geheimnis in sich und hat zu einem Maskenball geladen, den die neun anwesenden Gäste allesamt nicht überleben werden. Aus dem mörderischen und nicht enden wollenden Samstag geht allein Lafcadio Boone lebendig hervor. Ihn begleite ich auf eine rund siebenstündige Rätseltour durch das Herrenhaus.


The Sexy Brutale
In der Kapelle des Anwesens von The Sexy Brutale findet der erste Mord statt.


The Sexy Brutale bedient sich gleich bei zwei Klassikern der Film- und Videospiel-Historie



Bevor ich im weiteren Verlauf auf die Spielmechanik eingehe, sei an dieser Stelle noch ein Griff in die jüngere Geschichte erlaubt. Hintergrund: The Sexy Brutale bedient sich gleich bei zwei Klassikern aus der Film- und Videospiel-Historie. Der erste Verweis liegt geradezu auf der Hand. Indem ich den Maskenball über einen Zeitraum von zwölf Stunden (im Spiel entspricht dies einer Realzeit von 9 Minuten) immer und immer wieder durchlebe, spielt The Sexy Brutale natürlich das "Und täglich grüßt das Murmeltier"-Prinzip durch. In einer Tutorial-Mission wird mir hierfür das nötige Werkzeug an die Hand gegeben, indem ich einen Gast vor dem sicheren Tod bewahre. Aus Dank überreicht mir der Eingeladene eine Taschenuhr, die mich dazu befähigt, die Zeit zurückzudrehen und den Tag ein ums andere Mal aufs Neue zu beginnen.

Das Setting erinnert mich – und jetzt geht es noch weiter zurück – an ein Sierra-Adventure aus dem Jahr 1989. In The Colonel's Bequest strandet die Heldin Laura Bow auf einer einsamen Insel, die als Zuckerplantage dient. Auf ihr soll der letzte Wille des Verstorbenen verlesen werden. Während sich die streitlustige Verwandtschaft misstrauisch beäugt, geht ein Mörder inmitten der raffgierigen Sippe um. Das detektivische Suchen nach wiederkehrenden Abläufen und Gewohnheiten verweist wiederum in der Klassikvorlage als auch im aktuellen Spiel auf die Romane von Agatha Christie.


The Sexy BrutaleThe Sexy Brutale
Die Spielumgebung wird aus einer isometrischen Perspektive gezeigt.


Ich muss die Laufwege und Gespräche der Gäste und ihrer Mörder ausspionieren



Was mich aber im Besonderen auf das Sierra-Adventure hat stoßen lassen, sind die Parallelen im spielerischen Aufbau. Gemeinsam haben beide Titel, dass Aktionen nur zu einer bestimmten Zeit an einem fest definierten Ort ablaufen. Dies bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass ich diese Handlung verpasse, wenn ich mich nicht zu genau dieser Stunde an diesem Punkt innerhalb des weitläufigen Anwesens einfinde. Auch die "Schlüsselloch-Mechanik" teilen beide Spiele. Was das Spiel von heute natürlich fundamental vom Pixel-Adventure der Vergangenheit unterscheidet, ist seine Versöhnlichkeit im Hinblick auf das Fehlermanagement. The Colonel’s Bequest hat den Spieler früher gnadenlos in Sackgassen laufen und sterben lassen. Dieses frustrierende Element kann ich (heute) leicht umgehen, indem ich die Zeit zurückspulen kann und dadurch eben nicht nahezu den kompletten Fortschritt des Spiels verliere.

Wie gesagt: in The Sexy Brutale habe ich die Aufgabe, die Morde an den Gästen des Maskenballs zu verhindern. Hierfür starte ich den Tag, vor einer Wanduhr liegend, in unterschiedlichen Räumen des großzügig angelegten Areals. Die Uhren dienen mir dabei als Rücksetzpunkt, wenn ich den täglichen Durchlauf neu starte. Nun muss ich die Laufwege und Gespräche der Gäste und ihrer Mörder ausspionieren, um die Routinen darin zu erkennen. Erst dann kann ich die Umwelt manipulieren und so den Mord verhindern. Die Spielumgebung wird mir dabei aus einer isometrischen Perspektive gezeigt. Dabei erinnern die einzelnen Schauplätze an kleine Dioramen, die liebevoll das Dekor der 1920er-Jahre kopieren. Über das namensgebende Kasino hinaus gibt es noch viele andere Schauplätze zu entdecken: darunter eine Bar, eine Kirche und eine Parklandschaft. Viele Türen bleiben mir zunächst verschlossen und öffnen sich erst, nachdem ich die passende Fähigkeit durch eine neue Maske erlangt habe. Sie wird mir nach jedem erfolgreich verhinderten Mord von einer mysteriösen Frau in Rot übergeben. Wenn ich durch die Gänge streife, kann ich mir vor einer Tür überlegen, ob ich sie sofort öffnen oder erst einen Blick durch das Schlüsselloch wagen möchte. Wenn ich mich für Letzteres entscheide, kann ich meinen Blickwinkel dem Lichtkegel einer Taschenlampe gleich anpassen und damit die Szenerie visuell und akustisch wahrnehmen.


The Sexy BrutaleThe Sexy Brutale
Auch eine Parklandschaft und ein Ballsaal gehören als Schauplätze dazu.


Wie sieht das Gameplay nun konkret aus: In der Tutorial-Mission muss ich den Mord an Reginald Sixpence, einen der Gäste des Maskenballs, verhindern. Während die Uhr im Hintergrund gnadenlos tickt und der Tag sich dem Ende zuneigt, erkunde ich die von mir zugänglichen Korridore und Zimmer und spähe dabei vorsichtig die Bediensteten und deren Handlungen aus. Zunächst einmal geht es in jeder Mission darum herauszufinden, wo, an wem und vor allem wie der Mord überhaupt ausgeführt werden soll. Im Fall von Reginald wird dies schnell klar. Ein Blick durch das Schlüsselloch zur Kapelle offenbart mir die grausigen Details. Noch während ich ein Gespräch zwischen dem Mörder und seinem späteren Opfer belausche, fällt ein Gewehrschuss und der Uhrmacher fällt in einer Blutfontäne zu Boden. Der Tag beginnt von vorn.

Nun weiß ich, dass der Mörder ein Gewehr benutzen wird, um Reginald hinter dem Altar stehend ins Herz zu schießen und ich irgendwie die Waffe finden und neutralisieren muss. Daher gilt es die Räume zu erkunden, Gespräche zu belauschen, Figuren auszuspionieren, nach optionalen Spiel- und Einladungskarten Ausschau zu halten und das Rätsel zu lösen - idealerweise deckt man quasi im Vorbeigehen noch ein paar Geheimnisse auf. Der vorliegende Fall ist mit guter Beobachtung und gesunder Logik rasch gelöst, als ich in einem anderen Teil der Villa eine Platzpatrone finde. Die Kausalität an dieser Stelle zusammenzusetzen, dürfte sicherlich nicht schwer sein. Ich nehme also die Kugel, tausche sie gegen die echte Patrone aus, bevor der Mörder das Zimmer betritt, um dann mit ansehen zu können, wie der Tötungsversuch ins Leere läuft und stattdessen der Killer sein Fett abkriegt. Als Belohnung bekomme ich die Taschenuhr überreicht, womit die grundlegende Mechanik des Spiels eingeführt ist. In den folgenden Kapiteln sind die Zusammenhänge natürlich ein Stück weit komplexer. Aber im Grunde folgen alle Puzzles diesem Ablauf.


Schüsse, Erschütterungen und die Rewind-Funktion



Dass die Zeit in diesem Spiel ein zentrales Element darstellt, sollte bereits klar sein. Interessant ist auch, dass natürlich alle Morde parallel ablaufen, obwohl ich mich immer nur an einem der Tatorte befinden kann. In diesem Sinne haben sich die Macher – trotzt der Rewind-Funktion – für eine lineare Abfolge der Ereignisse entschieden. Dass eine Gleichzeitigkeit vorliegt, zeigt sich aber auch daran, dass die Figuren auf Schüsse und Erschütterungen, die an anderen Orten passieren, aktiv reagieren, indem sie dies in ihren Gesprächen oder Kommentaren erwähnen. Hier hätte sich, über die zeitliche Ebene hinaus, die Möglichkeit einer räumlichen Dimension eröffnet.

Wenn ich die Chance bekommen hätte, durch die Manipulation der Umgebung an verschiedenen Orten eine Kettenreaktion zu erzeugen und damit gleich mehrere Morde gleichzeitig zu verhindern, hätte dies eine zusätzliche Raum-Zeit-Konstellation erzeugt (ähnlich wie in The Cave oder auch Day of the Tentacle) und die Komplexität erhöht. Aber auch so ist The Sexy Brutale ein richtig feines Spiel geworden, das die Spannung zu steigern weiß und zumindest mich sehr neugierig darauf gemacht hat, den höheren Sinn hinter dieser zynischen Aufführung zu ergründen. Über die Story und ihren Verlauf sei natürlich nichts verraten. An dieser Stelle möchte ich nur Dr. Soran aus Star Trek Generations (1994) zitieren: "Die Zeit ist das Feuer, in dem wir brennen". Dies gilt auch für The Sexy Brutale.



Jari

Fazit von Jari:

Vielleicht fange ich mal mit den weniger guten Seiten von The Sexy Brutale an. Die Animationen der Figuren sind zum Teil hölzern umgesetzt und die Steuerung, vor allem wenn ich einen Raum betreten will, schwammig. Auch hätte ich mir anstelle von Textboxen lieber Sprachausgabe gewünscht (aber das kennen wir ja auch von Zelda). Wer sich nicht in Geduld üben kann, ist hier fehl am Platz. Die meiste Zeit ist man damit beschäftigt, die einzelnen Szenarien immer und immer wieder zu wiederholen, um sich die Abläufe einzuprägen. Wer eine Konversation verpasst, dem ist vielleicht der entscheidende Hinweis für die Lösung des Rätsels durch die Lappen gegangen. Allerdings haben sich damit dann auch die negativen Seiten dieser Indie-Perle bereits erschöpft. Bitte versteht mich nicht falsch: die oben genannten Punkte schmälern das Gesamterlebnis dieses ungewöhnlichen Spiels nur unmerklich. Dafür sind das morbide Setting und der Handlungsverlauf in seiner Konsequenz einfach zu spannend. Wen die kleinen Abstriche nicht stören, wird mit einem fantastischen Jazz-Soundtrack, prächtigen Dioramen und einer Story belohnt, die nicht vor der Verarbeitung von Schuld, Sühne, Vergebung und Tod zurückschreckt.

The Sexy Brutale überzeugt durch eine intelligente Spielmechanik, einen coolen Soundtrack und stimmungsvolle Grafik.

Besonders gut finde ich ...
  • edler Grafikstil
  • cooler Jazz-Soundtrack
  • tiefgründiger Storyverlauf
  • intelligente Spielmechanik
Nicht so optimal ...
  • repetitiver Spielablauf
  • hölzerne Animationen
  • keine Sprachausgabe

Jari hat The Sexy Brutale auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Avanquest zur Verfügung gestellt.


Kithaitaa

Fazit von Kithaitaa:

Während viele sehnsüchtig auf die Veröffentlichung von Rime warten, legen die spanischen Tequila Works gemeinsam mit den Cavalier Game Studios ein überraschend kurzweiliges Puzzle-Adventure für zwischendurch aufs Parkett. Das Debütwerk der Engländer weiß nicht nur mit einem liebevollen Look in Iso-Perspektive zu überzeugen, sondern auch durch eine clevere und zugleich amüsante Spielmechanik. Gefangen in einer Zeitschleife, wie einst Bill Murray. Darin liegt auch der Clou. Obwohl ich zum Lösen der Rätsel viele der Abläufe mehrfach beobachten und analysieren muss, lerne ich stets dazu, erhalte neue Hinweise, neue Fähigkeiten und werde gleichermaßen von der Neugier auf den Ausgang der Story vorangetrieben. Backtracking dürfte für Point'n'Click-Fans kein Fremdwort sein und ist auch wesentlicher Bestandteil im Gameplay von The Sexy Brutale. Die Schwierigkeit der Rätsel ist moderat bis leicht und dürfte euch vor keine großen Herausforderungen stellen. Kleinere Makel bei der Steuerung verzeihe ich dem Indietitel genre, läuft es ansonsten doch absolut rund und ohne Glitches. Am Ende des rund 6-8 stündigen Detektiv-Abenteuers bleibt mir nicht nur der Jazz-Soundtrack im Ohr, sondern auch die Charaktere und ein rundum gelungenes Spielerlebnis im Kopf. Fühlt sich gut an.

Besonders gut finde ich ...
  • clevere Spielmechanik
  • liebevolles Artdesign
  • detailreich gestaltete Iso-Schauplätze
  • spannend inszenierte Story
  • amüsante Charaktere
  • stimmiger Jazz-Soundtrack
  • intuitive Steuerung
Nicht so optimal ...
  • verhältnismäßig einfache Rätsel

Kithaitaa hat The Sexy Brutale auf der PlayStation 4 gespielt.

  •  
  • Entwickler:Cavalier Game Studios
    Tequila Works
  • Publisher:Tequila Works
    Modern Games
  • Genre:Puzzle-Adventure
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:11.04.2017

Kommentare-Kommentier-Show


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 4 Gästen.

Name:*
E-Mail (wird nicht angezeigt):*
Eigene Homepage (optional):
Dein Kommentar:*
              
Antispam:*
 
Captcha