Sniper: Ghost Warrior 3 - Review 4

Mit Sniper: Ghost Warrior 3 setzen die polnischen CI Games ihre Scharfschützenserie fort und schicken im aktuellen Szenario die beiden Brüder Jonathan und Robert North ins nordöstliche Georgien und damit in einen blutigen Freiheitskampf. Wie sich der Action-Titel in den drei Varianten, nämlich als Sniper, Geist oder Krieger anfühlt, habe ich bereits im vergangenen Jahr auf der gamescom testen dürfen. Damals konnte ich die Mission "Fliegende Funken" anspielen, in der ich ein Eisenbahndepot angreifen und mehrere Tanklaster in die Luft sprengen musste. Nun liegt das Spiel in der finalen Version vor.

Für die Art von Hintergrundgeschichte, wie sie Sniper: Ghost Warrior 3 über eine Strecke von vier Kapiteln und insgesamt 26 Missionen (wenn man den Prolog und einen optionalen Auftrag hinzurechnet) präsentiert, ist die englische Bezeichnung "cheesy" geradezu erfunden worden. In diesem Fall würde ich auch noch das Attribut "konfus" hinzufügen wollen. Selbst wenn ich die Handlung spoilern wollen würde: Ich könnte es gar nicht, denn ich habe bereits nach wenigen Stunden komplett die Orientierung darüber verloren, welcher Separatist nun mit welchem Geheimdienst gemeinsame Sache macht und welche zwielichtige Rolle die Gesellschaft 23 und eine Person namens Armazi in diesem undurchsichtigen Spiel einnehmen. Angeblich sollen die beiden Elitesoldaten Jonathan und Robert North den lokalen georgischen Widerstand im Kampf um die Freiheit unterstützen. Bereits kurz nach ihrer Ankunft in der ehemaligen sowjetischen Republik werden die Brüder allerdings getrennt, womit ein zweiter Handlungsstrang aufgemacht wird, indem ich (Robert) das Schicksal meines jüngeren Bruders (Jonathan) ergründen muss. Auch die Dialoggestaltung und die Charakterzeichnung aller Protagonisten glänzen nicht gerade durch eine ausgefeilte Tiefgründigkeit. Dies gilt vor allem für meine beiden "Gespielinnen" Raquel und Lydia: Mit einem tief sitzenden Dekolletee und einem Kampfanzug á la Catwoman und Lara Croft (aus der alten Serie) haben die Macher einfach mal die plumpe Sexismus-Karte gespielt.


Sniper: Ghost Warrior 3
Ob ich als Sniper, Geist oder in Rambo-Manier als Krieger spiele, bleibt mir überlassen.


Die Sniper-Mechanik funktioniert erstaunlich gut und die Drohne ist eine Wucht



Doch die vollkommen abstruse Geschichte um zwei Amerikaner in Georgien wäre zu verschmerzen, wenn Sniper: Ghost Warrior 3 genau dann punkten könnte, wenn es drauf ankommt: nämlich beim Scharfschützen-Gameplay. Und in diesem Punkt hat das polnische Studio einen guten Job gemacht. Die Sniper-Mechanik fühlt sich gut an und funktioniert reibungslos. Nachdem ich meinen Gegner ins Visier genommen habe, wähle ich die Munition aus (wahlweise leise oder mit mehr Durchschlagskraft), drehe am Entfernungsregler meines Gewehrs, halte den Atem an und drücke ab. Zuvor habe ich das Terrain mit einer Drohne ausgespäht und die Feinde markiert. Auch dieses Feature ist eine Wucht. Es macht einfach Spaß, mit dem Gadget über das Areal zu fliegen und die Lokalität aus der Luft auszuspähen. Wenn die Drohne dabei auf den Boden aufschlägt oder – sollte ich nicht filigran genug gesteuert haben – eine Wand touchiert, gibt es (soweit ich das bewerten kann) ein ordentliches Feedback. Ich kann mit dem fliegenden Auge auch tatsächlich in jedes Gebäude und jedes Zimmer schweben, was erstaunlich cool sein könnte, wenn die Umgebungen nicht so trist wären. Wird meine Drohne entdeckt, nimmt der Gegner sie aus dem Spiel und der Bildschirm wird schwarz.


Sniper: Ghost Warrior 3Sniper: Ghost Warrior 3
Nachdem ich die Gegner mit der Drohne ausgespäht habe, setze ich mein Gewehr auf das Ziel an.


Wer ordentlich Blei austeilen will, greift besser zu Call of Duty oder Battlefield



Zwischen den Missionen ziehe ich mich in das so genannte Safehouse zurück. Hier kann ich meine Ausrüstung reparieren, Munition nachkaufen (oder an der Werkbank selbst zusammenbauen) und die nächste Mission auf einem Laptop aktivieren. Mein Waffenarsenal besteht neben einem Scharfschützengewehr noch aus einer Schnellfeuerwaffe und einer Pistole, hinzu kommen Granaten, ein Nahkampfmesser und nützlicher High-Tech-Schnickschnack wie ein Nachtsichtgerät. Mit mehr Geld und Ressourcen schalte ich im Verlauf der Kampagne immer neues Gerät frei. Zudem erhalte ich nach jedem erfolgreich absolvierten Auftrag eine Abrechnung darüber, wie viel Sniper, Geist oder Krieger in meiner Vorgehensweise gesteckt hat. Dementsprechend kann ich meine Skillpunkte auf diese drei Kategorien verteilen und neue Fähigkeiten freischalten. Allerdings halte ich den Rambo-Ansatz nur halbgar umgesetzt und für ein Spiel, wie es Sniper: Ghost Warrior 3 sein will, auch überhaupt nicht als zwingend erforderlich. Wer ordentlich Blei austeilen will, greift zu Genre-Schwergewichten wie Call of Duty oder Battlefield, aber nicht zu einem Spiel, das auf Schleichen und Töten aus der Ferne ausgelegt ist.

Bisher habe ich Sniper: Ghost Warrior 3 weitestgehend gelobt - aber es wäre ein Leichtes, es in Grund und Boden zu kritisieren. Doch bevor ich genau dies tue, sei gesagt, dass das Spiel durchaus noch andere positiven Seiten hat. Die schneebedeckten Berge, das fahle Mondlicht und die prachtvolle Kirchen-Architektur Georgiens sind zum Teil schön anzusehen. Allerdings ist die Grafikqualität bestenfalls Last-Gen und hätte so auch auf der PlayStation 3 erscheinen können. Doch in einigen wenigen Momenten erinnert die Atmosphäre des Spiels an die geniale James-Bond-Umsetzung GoldenEye Reloaded. Und mit einer deutlich besseren Story im Rücken hätte Sniper: Ghost Warrior 3 die Lizenz zum Töten auch gut zu Gesicht gestanden. Gleich im ersten Akt muss ich beispielsweise eine Satellitenanlage in den kaukasischen Bergen infiltrieren und die Kommunikation umleiten. Der Missionsablauf und die fiebrige Mischung aus rasanter Action und Undercover-Einsatz spiegeln genau diese Stimmung wider.


Sniper: Ghost Warrior 3Sniper: Ghost Warrior 3
Bevor ich eine Satellitenstation in den Bergen infiltriere, ziehe ich mich in mein Safehouse zurück.


Massive technische Probleme killen den Spielspaß nahezu komplett!



Doch unter dem Strich leidet das Spiel unter massiven technischen Problemen. Gleich mehrfach fror mein Bildschirm ein, so dass ich die PlayStation neu starten musste. Einmal kam es zudem zu einem Totalabsturz samt Fehlermeldung. Auch die Kampagne weist die absurdesten Fehler auf. An dieser Stelle möchte ich zwei meiner gravierendsten Beobachtungen nennen. In einer Mission musste ich meine Mitkämpferin Lydia von einem erhöhten Aussichtspunkt aus beschützen, während sie die entführte Raquel aus einem Silo befreien sollte. Auf dem Weg zu meinem Sniper-Nest dachte ich so bei mir, dass ich ja schon mal einem Gegner auf einem Wachturm im Vorbeigehen das Licht ausknipsen könnte. Je weniger Feinde, desto besser. Auf meiner Plattform angekommen, gab mir Lydia die Befehle durch: "Erledige die Scharfschützen auf den Dächern". Nach drei präzisen Schüssen war das Hindernis aus dem Weg geräumt. Dann allerdings erreichte mich eine Anweisung, mit der ich in dieser Form nicht gerechnet hätte: "Jetzt schalte den Soldaten auf dem Wachturm aus". Ihr könnt euch vorstellen, wie ungläubig ich den blöden Wachturm mit meiner Drohne umkreiste. Da war kein verdammter Soldat mehr (weil ich ihn ja schon ausgeschaltet hatte) und die Mission damit am Ende. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie schwer es ist, einen Algorithmus zu programmieren, der auf genau solche Situationen flexibel reagieren kann, aber dass ich zu einem kompletten Neustart der Mission gezwungen werde, nur weil ich diese Person an einem Punkt erschossen hatte, wo ich es nicht hätte tun dürfen, geht gar nicht.

Noch absurder war hingegen mein Feuergefecht mit vier gegnerischen Schergen, die mich und einen Separatistenkämpfer in einer Ruinenlandschaft stellen wollten. Nachdem ich drei von ihnen getötet hatte, passierte auf einmal nichts mehr und es war Stille im Wald. Mit Hilfe des Erkundungsmodus, der übrigens genauso funktioniert wie in The Witcher 3: Wild Hunt, hatte ich eine Bodenplatte ausgemacht, unter der sich ein Raum befinden musste. Allerdings fehlte der Trigger, um sie zu öffnen. Irgendwann kam mir die Idee, doch mal den Geländewagen der bösen Buben zu inspizieren. Was ich dort sah, verschlug mir die Sprache. Da saß (kein Witz) der noch fehlende vierte Soldat seelenruhig auf dem Beifahrersitz. Hatte der im wahrsten Sinne des Wortes den Schuss nicht gehört? Als ich meine Maschinenpistole auf die Scheibe der Autotür richtete und den Abzug betätigte, endete die Szene in einem großen Feuerball und ich war tot. Neustart!


Sniper: Ghost Warrior 3Sniper: Ghost Warrior 3
Eine Kill-Cam wie bei Sniper Elite gibt es zwar nicht, dennoch ist die Gewaltdarstellung drastisch.


Warum die Sniper-Elite-Serie vieles besser macht



Ich habe es bis zu dieser Stelle vermieden, den weißen Elefanten im Raum zu benennen, aber wenn sich ein Scharfschützenspiel (oder Action-Hybrid, wie sich Sniper: Ghost Warrior 3 definiert) am Markt behaupten will, dann muss es sich mit dem Referenz-Titel des Genres messen. Und das ist nun mal die Sniper-Elite-Serie. Es ist ja nicht so, dass Rebellion mit ihrer Version der Geschichte gleich von Anfang an durchgestartet wäre. Gerade Teil 2 war in vielen Details noch holprig und ungeschliffen, aber die Serie hat sich danach fantastisch entwickelt. In Sniper Elite kann ich jederzeit speichern und damit – ohne vom Spiel bestraft zu werden – verschiedene Taktiken ausprobieren. Wenn mich hingegen in Sniper: Ghost Warrior 3 der letzte noch verbliebene Gegner in einem Areal tötet, setzt mich der Speicherpunkt an den Anfang zurück und ich muss den kompletten Rotz nochmal spielen. Genau das hat mich schon an Enemy Front massiv gestört. Auch in anderen Punkten macht Sniper Elite einfach eine viel bessere Figur. Die Sandbox-Areale sind konsequenter umgesetzt als die Pseudo-Open-World in Sniper: Ghost Warrior 3. Obwohl ich in meinem Jeep kilometerweit durch die Landschaft fahren kann, bleibt die Umgebung öde und leer. Die Karte weist zwar eine Menge "Fragezeichen" aus, an denen sich Nebenmissionen befinden. Diese beschränken sich aber darauf, Geiseln und Stützpunkte zu befreien oder Artefakte und allerlei Kisten zu sammeln, was irgendwann einfach zu eintönig wird, um mich auch nach Ende der Kampagne langfristig motivieren zu können.

Auch die Gewaltdarstellung muss an dieser Stelle noch zur Sprache kommen. Sniper: Ghost Warrior 3 hat zwar keine Röntgen-Kill-Cam wie Sniper Elite im Programm, allerdings wird auch hier jeder Kopfschuss mit einer expliziten Zurschaustellung des erzielten Treffers abgefeiert. Und in diesem Fall schießen die Macher meiner Meinung nach dann doch über das Ziel hinaus. Wenn die Kugel ihr Ziel trifft, zerplatzt der Schädel des Opfers wie in einem schlechten Zombie- oder Splatterfilm und das Blut sprudelt nur so aus dem enthaupteten Rumpf des Opfers hervor. Ob dies aus ballistischer Sicht überhaupt in irgendeiner Form der Realität entspricht und der Kopf geradezu explodieren würde, sei dahingestellt. Ich zumindest halte dies für ein Sniper-Spiel für unangemessen und effektheischend. Klar: Auch die Sniper-Elite-Serie ist in dieser Hinsicht kein Kind von Traurigkeit, aber die Kill-Cam ist ein Feature, das die Spiele in ihrer Absurdität auch bekannt gemacht hat und mittlerweile vielleicht einfach dazugehört. Ich für meinen Teil hatte sie in der Vergangenheit immer komplett deaktiviert.

Noch ein paar Kleinigkeiten: Wenn ich einen Stützpunkt befreie, dann hätte ich zumindest erwartet, dass, ähnlich wie in den Assassin's-Creed-Spielen, eine Animation verdeutlicht, dass sich etwas für die Menschen verändert hat (vielleicht mal eine andere Fahne hissen oder so). Stattdessen verharren die Einwohner Georgiens in genau der verängstigten Demutshaltung wie zuvor, obwohl keine Bösewichte mehr da sind. Auch das Klettern ist eine Qual und alles andere als ein Spaß, weil viel zu hakelig und in ein starres Korsett gezurrt. Hier hätte vielleicht mal ein Blick in Richtung Uncharted (ab Teil 2) oder zum Tomb-Raider-Reboot gut getan, um das Problem zu beheben. Zudem wird man mit unfassbar langen Ladebildschirmen gegängelt, sowohl zum Start als auch beim Wechsel zwischen den drei Gebieten. Die Litanei der Unzulänglichkeiten ließe sich sicherlich noch fortsetzen, allerdings möchte ich die Review an dieser Stelle beenden und sage nur: "Gehe ins Bordell und finde die Puffmutter!" Und damit zitiere ich allein den originalen Wortlaut einer Missionsbeschreibung.



Jari

Fazit von Jari:

Mit Sniper: Ghost Warrior 3 habe ich es mir alles andere als leicht gemacht. Zumindest habe ich mehrfach versucht, das Spiel zu mögen. Würde ich den Titel allein auf die Sniper-Mechanik reduzieren und stundenlang mit der Drohne durch die Gegend fliegen, die Welt wäre in bester Ordnung. Allerdings ist die Realität eine andere. Ghost Warrior 3 scheitert in technischer Hinsicht auf ganzer Linie und schafft es damit, den Spielspaß schneller zu killen als ich den Abzug jemals betätigen könnte. Warum es nicht möglich sein soll, die grundlegendsten Dinge wie das Klettern und Fahren ordentlich zu gestalten und permanentes Speichern zu ermöglichen (um nur einige Punkte auf der Mängelliste zu nennen), will mir nicht in den Kopf. Zudem ist das Spiel voll von Grafikfehlern und matschigen Texturen. Hinzu kommen Systemabstürze, eingefrorene Bildschirme und eine komplett vermurkste Story. Dass mit der weiblichen Charakterzeichnung kein Gleichstellungspreis zu gewinnen ist, sei hier explizit nochmal erwähnt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass CI Games mit dem kostenlosen Mini-DLC „Die Flucht von Lydia“ zumindest den Perspektivwechsel ermöglicht, indem ich in die Rolle der weiblichen Kämpferin schlüpfen kann. Dennoch: „Ganz Afghanistan reicht nicht aus, um die North-Brüder zu schlagen“, heißt einer der denkwürdigen One-Liner der Hintergrundgeschichte. Nein: Im Bezug auf die Qualität des Spiels haben dies die Brüder ganz alleine geschafft. Sniper: Ghost Warrior 3 ist kein fertiges Spiel, sondern Pre-Alpha. Karl Fairburne: Du fehlst!

Sniper: Ghost Warrior 3 kann trotz einer robusten Sniper-Mechanik und eines interessanten Drohnen-Features aufgrund von technischen Mängeln nicht überzeugen.

Besonders gut finde ich ...
  • robuste Sniper-Mechanik
  • Drohnen-Aufklärung gut integriert
Nicht so optimal ...
  • viel zu lange Ladezeiten
  • klischeebeladene und konfuse Story
  • nur mittelmäßige Vertonung
  • häufige Systemabstürze
  • uninteressante Nebenaufgaben
  • unfaire Rücksetzpunkte
  • permanentes Speichern nicht möglich
  • Grafik bestenfalls auf Last-Gen-Niveau
  • Matschige Texturen und Clipping-Fehler
  • Open-World-Konzept geht nicht auf
  • unnatürliche Lauf-Animationen
  • unangemessene Splatter-Gewalt

Jari hat Sniper: Ghost Warrior 3 auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von CI Games zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:City Interactive
  • Publisher:City Interactive
  • Genre:FPS
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:25.04.2017

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Folgenden Usern gefällt der Beitrag: ... 4 Gästen.
  • Jari
    #1 | 31. Mai 2017 um 19:46 Uhr
    Es hat heute einen Patch gegeben, der wohl einige der technischen Probleme, die ich auch während des Spielens erlebt habe, behebt. Die schwache Story und eine uninteressante Open-World lassen sich dadurch aber sicherlich nicht signifikant verbessern.

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