Hey! Pikmin - Review 5

Wer gedacht hat, dass Nintendo den Nachschub für seine portablen Systeme mit der Einführung der Nintendo Switch reduzieren oder gar komplett einstellen würde, lag eindeutig falsch. Stattdessen bekommt die mobile Sparte mit dem New Nintendo 2DS XL sogar noch Nachwuchs spendiert. Parallel zum Start der neuen Hardware ist zudem mit Hey! Pikmin ein Puzzle-Plattformer erschienen, der zwar die Pikmin als Figuren nutzt, im Genre aber deutlich von den bisher erschienenen Teilen der Serie abweicht.

Eigentlich freut sich Captain Olimar auf einen freien Tag mit seinen Kindern. Doch bevor es in den Schoß der Familie gehen kann, hat der Astronaut im Auftrag des Frachtunternehmens Hocotate Freight noch einen Job in der Schwärze des Alls zu erledigen. Zu allem Überfluss ist da auch noch ein Asteroidenfeld, das dem Raumschiff extrem zusetzt und zu einem unfreiwilligen Zwischenstopp auf einem fremden Planeten zwingt. Fazit: aus dem Flug nach Hause wird erstmal nix. Um sein Raumschiff, die Dolphin II, wieder flott zu kriegen, müssen 30.000 Einheiten Glitzerium her. "Vor dem Absturz hatten wir einen reichlichen Vorrat und jetzt... Null Komma Null", berichtet der Steuermann entsetzt. Und ohne den Treibstoff funktioniere im Raumschiff ausschließlich der Getränkehalter. Gottseidank scheint die obere Sektion des Fluggeräts noch funktionstüchtig zu sein. Sie transportiert den Captain im Verlauf des Spiels zwischen den Gebieten umher und liefert zudem alle Pikmin, die ich lebend durch das Level manövriert habe, im Pikmin-Park ab. Dort können die kleinen Helfer in verschiedenen Bereichen selbstständig ihre Suche nach Treibstoff fortsetzen.


Hey! PikminHey! Pikmin
Die Pikmin und Captain Olimar sind zurück: diesmal in einem Puzzle-Plattformer


Was die Pikmin zur Lösung des Glitzerium-Problems beitragen



Zurück zur Suche nach einer Rückfahrkarte und der Sache mit dem fehlenden Treibstoff: das wertvolle Gut lässt sich leider nicht bequem an einer Tankstelle nachfüllen. Stattdessen ist das Glitzerium kreuz und quer über die Landmasse des unentdeckten Planeten verstreut und verbirgt sich unter anderem in Alltagsgegenständen, wie einer Zahn- oder Haarbürste, in einem Ring oder einem Videospielmodul für Gameboy oder NES. Darüber hinaus können auch Blumen "geerntet" werden, in dessen goldenen Nektar-Nüssen sich der Rohstoff verbirgt. Allerdings heißt die einfache Formel: eine Nuss steht für eine Sprit-Einheit. Die größeren Vorräte lassen sich hingegen aus den bereits erwähnten Gegenständen (Schätze) gewinnen, von denen es bis zu drei in den Tiefen des Levels zu entdecken gibt. An dieser Stelle kommen die Pikpik-Karotten ins Spiel, mit dessen Hilfe Captain Olimar an den wertvollen Glitzerium-Treibstoff gelangen kann. Wer jetzt allerdings auf die bekannte Formel der bisherigen Pikmin-Titel und damit auf ein zeitlich verknapptes Ressourcenmanagement hofft, wird sich die Augen reiben. Mit seinen Vorbildern teilt Hey! Pikmin nur noch das bekannte Personal, bestehend aus Captain Olimar und den namensgebenden Pikmin, die auch hier mit ihrer Resistenz gegen Feuer (rot), Wasser (blau) und Elektrizität (gelb) auftreten, Steine zertrümmern können oder mit Flügeln ausgestattet in den Spielverlauf eingreifen.

In diesem Sinne erwartet mich ein lupenreiner Plattform-Puzzler, dessen Spielspaß und Tiefe sich aus der Kombination dieser Fähigkeiten speist. Die Steuerung ist dabei auf das Nötigste reduziert. Mit dem Schiebepad bewege ich Captain Olimar von links nach rechts über den unteren Screen. Das Besondere: die Spielwelt erstreckt sich über beide Bildschirmhälften der mobilen Konsole. Um allerdings auch im oberen Teil agieren zu können, müssen die Pikmin zunächst durch ein Pfeifengeräusch aus ihrem Versteck gelockt und per Stylus auf höhere Ebenen geschleudert werden. Dies gelingt mir, indem ich per Fadenkreuz auf einen Gegenstand, z. B. eine Glitzerium-Nuss, ziele. Diese wird dann von den Pikmin eingesammelt und in einem Konto verbucht. Dabei existiert jeweils ein Zähler für die Glitzerium-Einheiten und ein Guthaben für die Schätze. Auch die Anzahl der aktuell mich begleitenden Pikmin wird mir angezeigt. Abgerundet wird das HUD durch eine Gesundheitsanzeige und jeweils ein Symbol für die Pikmin-Pfeife, das Jet-Pack (um Kanten und Vorsprünge zu überwinden) und die unterschiedlichen Pikmin-Arten, aus denen ich wählen kann. Wenn ich zum Beispiel einen Felsen oder einen Eiszapfen sprengen will, muss ich die Helfer mit der passenden Eigenschaft in die erste Reihe schicken, während die anderen folgen.


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In Bonus-Leveln geht es darum, möglichst viel Glitzerium einzusammeln. Pikmin helfen auch gern beim Brückenbau.


Am Ende eines Levels wartet das Taxi in Form einer Untertasse



Die Kombination aus simpler Steuerung und einfachen "Schalter"- und Sammel-Rätseln macht aus Hey!Pikmin das perfekte Spiel für Zwischendurch. Der Planet unseres Bruchpiloten ist in acht Gebiete unterteilt, hinzu kommen Unter- und Geheimlevel (wobei ich mich frage, warum ein Level, das vor mir auf der Karte aufpoppte, als geheim bezeichnet werden muss!), wobei am Ende jeder "Mini-Welt" ein Bosskampf auf mich wartet. Wie viele der Schätze ich in jedem Abschnitt hebe, ist übrigens zunächst einmal für den Fortschritt des Spiels irrelevant. Wenn ich das Level schaffe und vielleicht noch ein paar Pikmin in die Landezone hinübergerettet habe, beamt mich die Untertasse in ihr Inneres und es geht weiter "bis an das Ende der Welt". Sobald ich in einen Abschnitt starte, muss ich zunächst ein Pikmin-Nest ansteuern und den Signalton auslösen. Nur dann scharren sich die bunten Karotten um Captain Olimar.

Nun ernte ich so viele Glitzerium-Nüsse wie möglich, halte nach Schätzen Ausschau und kämpfe gegen allerlei Gewürm und Gegner, die einer hässlichen Ente ohne Flügel ähneln. Die Schätze befinden sich zumeist an Orten, die für mich nicht unmittelbar zugänglich sind. Die einfachste Variante: ich sehe, dass sich in einem höher liegenden Bereich Bauteile befinden, die an anderer Stelle durch meine Helfer zu einer Brücke aufgeschichtet werden, um weiter voranzukommen. Zudem werden für das Heben bestimmter Gegenstände oder das Auslösen von Aufzügen (in Form von Pflanzenstilen) eine Mindestanzahl an Pikmin benötigt, d.h. dass ich für große Teil manchmal mehr als zehn Pikmin in den oberen Bildschirmbereich schicken muss.


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Die Farbe der Pikmin zeigt deren spezifische Eigenschaft an. Gelb heißt immun gegen Elektrizität.


Die doppelte Bildschirmfülle ist wunderschön in das Spiel implementiert



Überhaupt ist die doppelte Bildfülle wunderschön in den Spielverlauf implementiert worden. In einer Wasser-Welt schiebt sich ein Tentakel-Wesen über die komplette Länge beider Screens und bildet auf diese Weise eine Barriere für Captain Olimar und die Pikmin. Immer wieder schweben Glitzerium-Nüsse von oben herab in mein Aktionsfeld. Indem neue Mechaniken eingeführt werden, schafft es das Spiel zudem – von Welt zu Welt – mich aufs Neue zu überraschen, gerade auch durch die spezifischen Eigenschaften der Pikmin. In dieser Hinsicht drehen sich die Welten um die Elemente Wasser, Luft und Feuer. Zudem spielt das Licht (Elektrizität) eine Rolle. Alle spielerischen Herausforderungen sind um diese Elemente herum gebaut.

Ein Beispiel: in der Welt "Brennendes Brachland" steht innerhalb des Levels "Lichter in der Dunkelheit" sprichwörtlich alles unter Strom. Um eine Brücke zu aktivieren, muss ich meine gelben Pikmin auf einen elektrifizierten Wurm schleudern, dessen Blitze wiederum einen Brückenmechanismus aktivieren. Nach einigen Sekunden erlischt die Energiezufuhr und damit auch die Möglichkeit des Übergangs. In den verwinkelten Abschnitten gibt es zudem versteckte Türen und damit Gebiete, die sich mir nicht auf den ersten Blick erschließen. Manchmal muss man einfach mal an einem kleinen Vorsprung nach rechts oder links gehen und es wird sich ein bislang unerschlossener Teil der Karte öffnen. Eine Übersicht kann ich übrigens mit einem Klick auf eine der beiden Schultertasten zuschalten. Die Aufmachung erinnert in ihrer Pixel-Optik an den Look eines Bit.Trip Runner. Obwohl der Retro-Style ohne Frage schick daherkommt, hält sich für mich der praktische Mehrwert der Mapping-Funktion in Grenzen. Sobald ich die rotierenden Scheinwerfer des Mutterschiffs sehe, weiß ich auch ohne Karte, welche Richtung ich einzuschlagen habe. So weit so gut!


Das fehlende Checkpoint-System nervt und ist eigentlich unnötig



Was ich allerdings nicht verstehen kann: warum hat es Nintendo versäumt, ein funktionierendes Checkpoint-System einzubauen. Stattdessen saugt mich die Untertasse in sich auf, wenn ich ins Gras gebissen habe, nur um mich ganz am Anfang des Abschnitts wieder auszuspucken. Richtig genervt und auch im Spielfluss gestört hat mich dies erst in der letzten der acht Welten. Trotzdem bleibt es ein Detail, das nervt und unnötig ist. Zudem ist es so, dass sich das Spiel formal erst beenden lässt, wenn ich die 30.000 Einheiten des Treibstoffs eingesammelt habe. Dennoch versagt mir das Spiel, auch wenn die Summe fehlt, ausdrücklich nicht den Zugang zum finalen Boss-Kampf. Der dicke Fisch liegt also am Boden und mein Assistent weißt mich lediglich darauf hin, dass ich doch bitteschön bereits besuchte Gebiete nochmals spielen soll, um auch wirklich alle Schätze heben zu können und damit die benötigte Anzahl an Punkten zu erreichen. Hier hätte ich mir eine strengere Spielführung gewünscht. Immerhin hätte Nintendo an dieser Stelle nur ein Haus weiter und bei Professor Layton an die Tür klopfen müssen. Im Falle des smarten Archäologen ist es nämlich so, dass mir das Finale (zunächst) verwehrt bleibt, wenn ich nicht eine Mindestanzahl an Rätseln geknackt habe. So hätte es im Falle von Hey! Pikmin eigentlich auch laufen müssen. Mehr habe ich allerdings nicht mehr auszusetzen. Trotz dieser kleinen Schönheitsfehler steht das abgewandelte Pikmin-Prinzip auch hier für einen sehr entspannten Spielspaß.



Jari

Fazit von Jari:

Auch wenn Hey! Pikmin das Genre nicht neu erfindet und sicherlich kein aufgebohrter Triple-A-Titel sein will: dem Charme der kleinen Helfer konnte ich mich nur schwer entziehen. Nintendo stellt mit diesem im wahrsten Sinne des Wortes kleinen, aber überaus feinen Spiel unter Beweis, dass die mobile Konsolen-Sparte auch weiterhin mit Futter versorgt wird und keinesfalls unter der Übermacht der Switch zu leiden hat (zumindest für den Moment). Ob nun die liebevoll designten Hintergründe, ein entspannt dahin plätschernder Soundtrack oder das gefällige Gameplay: Hey! Pikmin macht Spaß und lädt immer wieder zu einer kurzen Partie auf der Couch ein. Ein kleiner Makel bleibt allerdings bestehen. Mir geht es nicht in den Kopf, warum es Nintendo versäumt hat, ein ordentliches Checkpoint-System in die Levels einzubauen. OK: der Schwierigkeitsgrad ist alles andere als knackig (ein kinderleichtes Spiel ist es aber auch nicht) und die Gesamtspielzeit hält sich auch in Grenzen. Allerdingst ist es nervig, wenn ich einen Abschnitt immer und immer wieder von vorne beginnen muss, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, hier und da ein Zwischenziel einzubauen. Doch unter dem Strich bleibt Hey! Pikmin mehr als nur ein Lückenfüller.

Auch wenn ein Checkpoint-System dem Spiel gut getan hätte: Mit Hey!Pikmin hat Nintendo einen Puzzle-Plattformer geschaffen, der zwar in einem neuen Genre unterwegs ist, den Charme seiner Figuren aber dennoch auf treffende Weise einfängt.

Besonders gut finde ich ...
  • interessante Themen-Welten aus Wasser, Luft, Feuer und Licht
  • charmante Pikmin-Wesen
  • schöner Soundtrack
  • immer neue Spielmechaniken wissen zu motivieren
Nicht so optimal ...
  • fehlendes Checkpoint-System
  • strengere Spielführung wäre wünschenswert
  • kein sehr hoher Schwierigkeitsgrad

Jari hat Hey! Pikmin auf dem Nintendo 3DS gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Arzest
  • Publisher:Nintendo
  • Genre:Sidescroller
  • Plattform:3DS
  • Release:28.07.2017

Kommentare-Kommentier-Show


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Tim, ... und 4 Gästen.
  • Tim
    #1 | 29. August 2017 um 18:37 Uhr
    Sicher ein ganz nettes Spiel für zwischendurch, aber in der Form als Pikmin-Spiel auch irgendwie ein bisschen witzlos. Hoffentlich bringt Nintendo bald ein richtiges neues Pikmin. Teil 4 wurde ja schon vor Jahren inoffiziell angekündigt, wird langsam Zeit, dass da was Konkretes gesagt und gezeigt wird. Pikmin 3 war wirklich super und ich würde mich sehr über einen Nachfolger freuen.

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