Sonic Forces - Review 3

Mit "Höhen und Tiefen" wäre die Geschichte von Sonic noch großzügig umschrieben; in den letzten Jahren war von den ominösen Höhen jedenfalls nicht mehr viel zu spüren. Eigentlich ging es seit 2011 nur noch steil bergab. Auf der Nintendo Wii U fand die Serie mit Sonic Boom ihren vorläufigen Tiefpunkt - auch wenn für dieses Desaster nicht das Sonic Team verantwortlich war. Doch Kopf hoch, denn die Entwickler von Sonic Generations und Sonic Colours sind zurück! Mit Sonic Forces soll es endlich wieder bergauf gehen. Und tatsächlich: Gegenüber Boom ist Forces ein Fortschritt.

Man könnte ganze Doktorarbeiten darüber schreiben, wie sich Sonic the Hedgehog über die vergangenen 26 Jahre gewandelt hat, seit damals auf dem Mega Drive alles begann. Man könnte ewig recherchieren und analysieren, wieso Mario, Zelda und Metroid den Sprung in die dritte Dimension geschafft haben und Sonic bis heute damit kämpft, sich in dieser eigentlich gar nicht mehr so neuen Welt zurechtzufinden. Über die Geschichte von Sonic wurde schon viel gesprochen, ebenso über den "Sonic Cycle" und die extrem schwankende Qualität der letzten Ableger. Die traurige Erkenntnis im Jahr 2017: Sonic Forces setzt die Abwärts-Entwicklung der Reihe konsequent fort. Sonic weiß nicht, wer er ist, was er will, was er kann und was er nicht kann - und das Ergebnis ist (wieder einmal) ein Spiel, das irgendwo zwischen den Stühlen sitzt, völlig den Fokus verliert und, so hart das klingen mag, einfach keinen Spaß macht. Das größte Kompliment, das ich Sonic Forces machen kann: Es ist besser als Sonic Boom.


Sonic Forces
Schon wieder Green Hill? Es wird Zeit, dass diese 08/15-Zone endlich für ein paar Jahre verschwindet.


Zwei Igel und ein Kaninchen mit Boxhandschuhen retten die Welt



Forces ist vor allem deshalb besser als Boom, weil es hier so etwas wie eine Qualitätssicherung gab - von makaberen Glitches, völlig zusammenhanglos durcheinander geworfenen Soundfetzen und "game-breaking" Bugs bleibt man zumindest auf der PlayStation 4 verschont. Mehr noch: Hinter Sonic Forces stecken augenscheinlich auch ein beachtliches Budget und ein größeres Team. Denn bei aller Kritik, von der es später in dieser Review noch mehr als genug geben wird, muss man auch festhalten, dass das Spiel wirklich gut, oft sogar richtig beeindruckend aussieht. Nicht nur die schiere Menge dessen, was im Hintergrund einer jeden Stage passiert, ist bemerkenswert, sondern auch die technische Qualität. Egal ob man nun durch Metropolis, Chemical Plant oder den Mystic Jungle (der dieses Mal mit dem Casino-Thema gekreuzt wurde) flitzt: Optisch hat Sonic Forces wirklich was zu bieten. Einzig Green Hill sticht als langweiliger, weil mittlerweile recht verbrauchter Schauplatz ein bisschen negativ heraus.

Kein Glitch ist unterdessen die merkwürdige Gestalt in den unten eingebetteten Screenshots. Was man dort sieht, ist der sogenannte "Rekrut" - das neueste Mitglied in der sowieso schon kunterbunten Sonic-Familie. Und diesen Rekrut darf man sich selbst erstellen. Wer Sonics Freunde (und Feinde) also bisher noch nicht schlimm genug fand, kann sich im Editor austoben und die Sega-Designs noch übertreffen. Später darf man den selbst kreierten Wolf, Vogel, Hasen oder Igel dann auch mit allerlei schicken Accessoires wie Boxhandschuhen, Winterschals, Sonnenbrillen oder einem feinen Anzug ausstatten. Das Schöne daran: Das ganze Avatar-Element ist derart ins Lächerliche gezogen, dass es fast schon wieder gut ist. Zumindest in der Idee. Spielerisch konnte ich mich eher nicht mit meinem grotesken blauen Kaninchen-Rekruten anfreunden - dazu kommen wir gleich.


Sonic ForcesSonic Forces
Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon immer davon geträumt, seinen eigenen Sonic-Charakter zu designen?


Weniger wäre mehr gewesen



Sprechen wir zunächst kurz darüber, was für eine Art von Spiel Sonic Forces eigentlich ist - denn das ist nach den jüngsten Entgleisungen in Form von Sonic Lost World (welches immerhin coole Ideen hatte) und Sonic Boom (reden wir nicht davon) keine Selbstverständlichkeit mehr. Sonic Forces ist gewissermaßen ein geistiger Nachfolger von Sonic Generations. Es führt abermals den modernen 3D-Sonic und den klassischen 2D-Sonic in einem Spiel zusammen und wechselt munter zwischen den Dimensionen hin und her. Zusätzlich kommen mit den Avatar- und Tag-Team-Stages zwei weitere Leveltypen hinzu, in denen man den selbst erstellten Avatar spielt bzw. mit ihm und Sonic gemeinsam unterwegs ist. Das Resultat sind vier grundsätzlich verschiedene Spielweisen, die nicht so richtig miteinander harmonisieren und sich untereinander derart in ihrer Handhabung unterscheiden, dass es regelrecht irritiert. Nicht nur einmal habe ich vergeblich versucht, mit Modern Sonic in einem 2D-Abschnitt den Spin Dash zu starten bzw. mit Classic Sonic die Homing Attack. Gerade weil die Levels für Sonic-Spiele untypisch kurz ausfallen und meist zwischen 60 und 120 Sekunden dauern, fühlt es sich seltsam an, ständig von einem Leveltyp zum nächsten zu springen.

Eines der größten Probleme von Sonic Forces ist - wieder einmal -, dass es einfach nicht weiß, was genau es sein will und was seine Stärken sind. Nicht nur sorgt das Hin- und Herspringen zwischen den Leveltypen für einen Bruch des Spielflusses. Vor allem sind die neuen Avatar-Stages auch ein krasser Gegensatz zum sonst doch recht schnellen Gameplay moderner Sonic-Titel.

Der Rekrut lässt sich nämlich mit sogenannten Wispons ausstatten - man erinnere sich an Sonic Colours -, die alternative Routen und Herangehensweisen an die Levels erlauben. Das heißt konkret, dass ich mein Kaninchen etwa mit einer Art Elektropeitsche oder einem Flammenwerfer ausrüsten kann - und dann große Gegnergruppen entweder mit der Peitsche bestrafe oder dem Feuerstrahl brate. Oft muss man erst einige Gegner ausschalten, bevor sich der Weg tiefer ins Level öffnet, und das tut der Geschwindigkeit des Gameplays einen herben Abbruch; man könnte auch von einer Deplatzierung oder etwas Überflüssigem sprechen. Über die gesamte Spielzeit nehmen die Avatar-Stages zwar nur einen kleinen Teil des ohnehin schon mickrigen Umfangs ein (nach etwa sechs Stunden hat man alle Levels gespielt), dennoch stachen sie für mich immer wieder negativ heraus.


Sonic Forces
Infinite nennt sich Sonics zweiter Gegenspieler in Forces - und er ist wahnsinnig arrogant und abgehoben.


Mit Vollgas in Richtung Credits - und dann?



Das heißt nicht, dass die eher traditionellen 2D- und 3D-Levels viel besser wären. Tatsächlich halte ich das Leveldesign in Forces größtenteils für das schwächste, das ich seit Jahren in der Serie erlebt habe. Neben einigen Ausreißern nach unten (Aqua Road) und einigen wirklich guten Levels (Metropolis) sind die Kurse, die man als Sonic berennt und bespringt, eher mäßiger Durchschnitt mit einem gerade zu Beginn auffälligen Fokus auf Quick-Time-Events und einem akuten Mangel an Raum zum Erkunden. Gerade wenn man zuvor das wunderbare Sonic Mania gespielt hat, vermisst man alternative Pfade im Leveldesign in Sonic Forces umso mehr. Auch coole Ideen, die das Level buchstäblich auf den Kopf stellen, bleiben selten. Das mitunter größte Problem ist aber, dass sich die Levels gerade zu Beginn fast schon automatisiert von selbst spielen und man nur hier und da ausweichen oder ein Knöpfchen drücken muss. Das legt sich zwar über die kommenden Stunden, ist aber bezeichnend dafür, wie schwer es Sega bis heute fällt, Sonic in der dritten Dimension zu etablieren.

Mit den erwähnten knapp sechs Stunden Spielzeit ist Sonic Forces auch reichlich kurz und selten war ich in einem Sonic-Spiel derart unmotiviert, mich nochmals am Ringesammeln oder an Highscores bzw. Bestzeiten zu versuchen. Zwar sollen sogenannte SOS-Missionen, Geheim- und Bonuslevels sowie einige Herausforderungen zusätzliche Anreize schaffen, das Spiel nach den Credits nicht direkt ad acta zu legen. Aber zum einen ist es viel zu leicht, den Rang S zu erreichen, sodass hier kaum noch eine Herausforderung besteht. Zum anderen sind die Missionen, die Sega tagtäglich aktualisiert, ein schlechter Scherz. "Wechsle die Kopfbedeckung" oder "Absolviere ein Sonic-Level" sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und als Belohnung winken neue Avatar-Klamotten und ein kurzzeitiger XP-Multiplikator. Ich erwarte nicht die Qualität der täglichen Herausforderungen wie in Rayman Legends. Aber die täglichen Missionen in Sonic Forces sind beschämend und, so hart das klingt, einfach nur peinlich.



Tim

Fazit von Tim:

Es ist schade, dass Sega und das Sonic Team ihre Kernmarke immer wieder umbauen und anstatt Sonic Forces nicht einfach ein Generations 2 gemacht haben. Denn wie so oft hat man sich wieder verzettelt und zu viele Zutaten in den Topf geworfen, sodass am Ende ein höchst inkonsistentes und ganz und gar nicht homogenes Jump'n'Run entstanden ist, das nicht weiß, ob es schnell sein will oder langsam, ob Levels kurz oder lang sein sollen und ob es nun mehr um das Springen und Ausweichen oder doch um belanglose Action gehen soll. Aber auch ungeachtet der Avatar-Stages ist Sonic Forces einfach nicht rund: Ich habe selten ein Sonic erlebt, in dem Levels derart kurz waren und in dem es so wenig zu sehen und zu erkunden gab - alternative Routen, sonst immer prägendes Element eines jeden Ablegers, sind hier viel zu rar gesät. Die stumpfe Story samt dezent befremdlicher neuer Figuren ist noch das kleinste Problem. Nach den wirklich gelungenen Sonic Generations und Sonic Colours hatte Sega eigentlich ein hervorragendes Fundament zum Aufbauen - stattdessen bekommen wir wieder einen unausgegorenen Mischmasch, in dem nichts so richtig miteinander harmonisiert.

Sonic Forces ist besser als Sonic Boom und grafisch beeindruckend - danach hört es mit den Komplimenten aber auf. Ein durchschnittliches Leveldesign, der mickrige Umfang und ständige Brüche im Spieldesign machen Forces zu einem weiteren Sonic, das nicht weiß, was es ist und was es eigentlich sein will - und das so nur wenig Spaß macht.

Besonders gut finde ich ...
  • beeindruckende Grafik und Präsentation der Levels
  • einige spektakuläre Kameraschwenks von 2D zu 3D
  • teilweise coole, unverbrauchte Ideen im Leveldesign
  • Avatar zu konfigurieren ist spaßiger als erwartet
Nicht so optimal ...
  • unglaublich kurze und minimalistische Levels
  • nahezu keine alternativen Routen in den Levels
  • Levels spielen sich z.T. schon fast automatisch
  • anfangs übertriebener Fokus auf Quick-Time-Events
  • z.T. schwammige Steuerung (vor allem Aqua Road)
  • Story, Dialoge und Sprecher zum Fremdschämen
  • Avatar-Fähigkeiten unterbrechen den Spielfluss
  • regelrecht lächerliche tägliche "Missionen"

Tim hat Sonic Forces auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Sega zur Verfügung gestellt.

  •  
  • Entwickler:Sonic Team
  • Publisher:Sega
  • Genre:Jump'n'Run
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne, Switch
  • Release:07.11.2017

Kommentare-Kommentier-Show


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 2 Gästen.

Name:*
E-Mail (wird nicht angezeigt):*
Eigene Homepage (optional):
Dein Kommentar:*
              
Antispam:*
 
Captcha