Shadow of the Colossus - Review 6

Der Zahn der Zeit ist ein gefährliches Biest - und bedrohlicher als jeder Koloss, den Wander auf seinem Kreuzzug durch das heilige Land bezwingen muss. Aber der Zahn der Zeit nagt an manchen Spielen mehr als an anderen. Shadow of the Colossus ist eines dieser wenigen Spiele, die auch nach über zehn Jahren kaum etwas von ihrer Faszination eingebüßt haben. Mehr noch: Der Klassiker erstrahlt auf der PlayStation 4 in edlem neuem Glanz; ein derart aufwendiges Remake habe ich selten erlebt. Aber zwischen all dem Licht findet sich auch Schatten - nicht nur jener der Kolosse.

Shadow of the Colossus ist nicht nur eines dieser Spiele, die auch in ihrem hohen Alter noch faszinieren, weil es einfach nichts Vergleichbares da draußen gibt. Es ist auch eines dieser Spiele, über die man am besten gar nicht viele Worte verliert, weil sich das Gefühl und die Atmosphäre, die man beim Erleben dieses zeitlosen Klassikers verspürt, nur schwer schriftlich ausdrücken lassen. Ja, man wirft bei den Titeln von Team ICO unter Federführung von Fumito Ueda gerne mit diesen Ausdrücken umher; man schwärmt von großen Emotionen, von Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit, auch die Gänsehaut darf natürlich nicht fehlen. Ich zähle mich nicht zu den größten Fans des Studios: ICO hat mich mäßig mitgenommen und The Last Guardian hat mich dermaßen frustriert, dass ich es gar nicht erst zu Ende gespielt habe. Aber Shadow of the Colossus ist ein Spiel, das diese großen Komplimente verdient. Das war 2006 auf der PS2 und 2011 auf der PS3 so und 2018 gilt das auch auf der PlayStation 4. Den optischen Fortschritt demonstriert dieses kurze Vergleichs-Video recht eindrucksvoll.


Shadow of the ColossusShadow of the Colossus
Optisch glänzt das PS4-Remake auf ganzer Linie.


Das aufwendigste und liebevollste Remake dieser Konsolengeneration?



Was ich ohne Umschweife sofort sagen kann: Shadow of the Colossus ist eines der aufwendigsten und schönsten Remakes, die ich in meiner Spielervita bislang gesehen habe. Die Arbeit, die in dieser Neuauflage drinsteckt, ist unfassbar in einer Zeit, in der an allen Ecken und Enden Definitive Editions und hochskalierte Remastered-Ports aus dem Boden sprießen. Sony weiß ganz genau, welchen Stellenwert dieser Klassiker besitzt - und dass ein Spiel wie dieses, das auch heute sicherlich keine Konsolen verkauft und eher ein Nischendasein fristet, so viel Liebe erfährt, ist einfach eine tolle Sache und Beleg dafür, dass auch in einer Generation von Mikrotransaktionen, Lootboxen und Qualitätssicherung per Patches nicht alles an der Spielewelt schlecht ist.

Mit Bluepoint Games hat man auch ein Studio beauftragt, das schon langjährige Erfahrung mitbringt und seinerzeit auch die beiden ersten Titel von Team ICO auf die PlayStation 3 portiert hat. Mit dieser Neuauflage hat sich das Team allerdings selbst übertroffen: Grafik und Animationen sind (abgesehen von Wanders Laufbewegungen) fantastisch, die Lichteffekte ein Traum - und das schon auf der regulären PS4. Wenn man die gigantischen Titanen erst einmal selbst gesehen und erklettert hat, wird einem bewusst, dass das Original auf der PlayStation 2 damals seiner Zeit vielleicht ein wenig voraus war, denn erst mit der heutigen Technologie fühlt es sich an, als würde das Konzept Shadow of the Colossus uneingeschränkt aufgehen. Das flauschige Fell der Kolosse, das im Wind weht und sich physikalisch korrekt bewegt, das Sonnenlicht, das in genau dem richtigen Winkel und variierender Helligkeit durch die Baumkronen strahlt - wüsste man nicht, dass dieses Spiel ein Remake ist, könnte es als ein brandneuer Titel durchgehen. Optisch braucht es sich vor Uncharted 4 und anderen aktuellen Grafikbomben nicht verstecken.

Schön ist auch, dass Shadow of the Colossus inhaltlich nahezu völlig unangetastet bleibt. Fast gar nichts hat sich gegenüber dem Original verändert - es gibt keine neuen Kolosse, keine erweiterte Storyline, keine Nebenmissionen und auch die weitläufige Landschaft ist noch genauso leer und einsam wie damals. Und das ist auch alles genau richtig so, denn erst durch diese Reduktion auf das das, was wirklich zählt, entfesselt das Abenteuer seinen ganz besonderen Reiz. Man erkundet eine gigantische Welt und ist doch der einzige Mensch in ihr; man hat zwar ein Schwert, aber braucht es in der gesamten Spielzeit eigentlich nur etwas mehr als 16 Mal, um es in die Schwachstellen der Kolosse zu stechen. In Shadow of the Colossus geht es nur um eine einzige Sache: alle Kolosse zu töten, damit Wanders Geliebte durch ein Ritual wieder zum Leben erweckt werden kann. Zwischen Prolog und Epilog stehen keine Dialoge, kaum Zwischensequenzen und keine Quests oder Minispiele, sondern einzig und allein diese 16 Giganten. Okay, es gibt jetzt auch Trophäen und ein paar Collectibles, aber das bleibt zum Glück vernachlässigbar.


Shadow of the Colossus
Um die Kolosse zu besiegen, muss man sie erklettern und ihre Schwachstellen treffen. Jeder ist ein kleines Rätsel.


David gegen Goliath



Jeder Koloss ist dabei wie ein eigenes kleines Rätsel, denn in diesem Duell zwischen David und Goliath kann der kleine Wander nur dann etwas ausrichten, wenn er mit seinem heiligen Schwert die richtige Schwachstelle des Riesen trifft. Darin liegt auch die spielerische Herausforderung: Es geht weniger um Timing oder irgendwelche Combos; Shadow of the Colossus ist kein klassisches Actionspiel. Man muss den Koloss beobachten, seine wunden Punkte mit dem Lichtstrahl des Schwertes ausfindig machen und sich dann einen Weg dorthin suchen. In den meisten Fällen klettert man irgendwie am Fell der Giganten hinauf oder hinab, aber mit zunehmender Spielzeit wird es immer komplexer und man muss nicht nur den Schwachpunkt finden, sondern ihn zum Beispiel unter der schweren Steinpanzerung erst mit einem Trick freilegen. Oder man muss überhaupt erst einen Weg zum Titanen finden, denn manche leben unter Wasser oder gar in der Luft. Und hat man das Fell erst einmal gepackt, versucht der Koloss natürlich auch, Wander wieder abzuschütteln - dann gilt es, die Ausdauer im Auge zu behalten und im richtigen Moment Energie zu tanken. Andernfalls wird man abgeworfen und landet hart auf dem Boden der Tatsachen - wobei man dort schnell Gefahr läuft, von den mächtigen Stampfern der Kolosse wie eine Ameise zerquetscht zu werden.

Das Schema ist stets das gleiche und doch immer anders, weil sich jeder Koloss vom anderen unterscheidet und jeder eine eigene Herausforderung, quasi ein eigenes Rätsel darstellt. Und nicht nur der Kampf selbst, sondern auch der Weg hin zum Titanen ist etwas Besonderes: Man startet zwar immer vom Schrein in der Mitte der Spielwelt, muss das nächste Ziel aber alleine durch den Lichtstrahl des Schwertes selbstständig und ohne Questmarker finden. Dafür reitet man oft minutenlang auf dem Rücken des treuen Pferdes Agro durch Wüsten, Wälder oder Ruinen, ohne auf dem Weg außer wunderschönen Panoramen und kleinen Schreinen, an denen man speichern und sich heilen kann, irgendetwas Nennenswertes zu entdecken. Man bekommt wirklich das Gefühl, nur ein kleines Wesen in einer verlassenen und geheimnisvollen, aber auch idyllischen und anmutigen Welt zu sein, die eigentlich für größere Bewohner bestimmt ist - wie ebenjene majestätischen Kolosse, die ebenfalls Einzelgänger sind.


Shadow of the ColossusShadow of the Colossus
Die Landschaft ist gigantisch und wunderschön, aber auch einsam und leer - das Gefühl der Isolation ist bedrückend.


Tradition verpflichtet - auch im negativen Sinne



Aber bei allem Lob, das ich für Shadow of the Colossus und die Qualität dieses Remakes übrig habe, habe ich nicht nur gegen die Kolosse gekämpft, sondern auch gegen Steuerung und Kamera. Und es ärgert mich, dass sich diese immer gleichen Probleme in jedem Spiel von Team ICO wiederholen und sie auch in einer Neuauflage eines externen Studios nicht behoben werden. Kommt man einem großen Titanen zu nah oder muss gar neben ihm im Wasser abtauchen, dreht die Kamera komplett durch, sodass jegliche Orientierung sofort verloren geht. Und beim Reiten oder Streifen durch die Landschaft nervt es mich, dass ich die Kamera nicht frei anpassen kann, sondern sie sich jedes Mal wie magnetisch wieder in die Ausgangsposition zurückbewegt - dabei habe ich sie genau deshalb angepasst, weil die Ausgangsposition schlecht war und ich sie unbedingt ändern wollte.

Und natürlich ist auch die Steuerung mal wieder eine kleine Katastrophe: Beim Klettern verfängt sich Wander ständig im Fell, nach dem Umfallen braucht er stolze fünf Sekunden, um wieder aufzustehen. In dieser Zeit hämmert man wie bekloppt auf die Tasten, aber der vermeintliche Held bleibt entspannt auf dem Boden liegen. Und wenn er sich dann irgendwann doch aufrappelt, ist die Chance groß, dass er direkt wieder vom Titanen ausgeknockt wird - ein kleiner Teufelskreis, der mich gerade beim zwölften Koloss regelrecht frustriert hat. Vom treuen Begleiter Agro, der munter gegen Wände und Bäume rennt und erst gefühlt eine halbe Stunde später wieder zum Galopp ansetzt, möchte ich gar nicht anfangen - da gefallen mir die zureitbaren Wildpferde in The Legend of Zelda: Breath of the Wild viel besser, die sich zwar anfangs auch bockig anstellen, danach aber präzise reiten lassen und die auch selbstständig den Weg finden. Es mag ja sein, dass man sich als Liebhaber der Team-ICO-Spiele mittlerweile mit diesen Mäkeln bei Kamera und Steuerung abgefunden hat. Ich kann auch mit ihnen leben und lasse mir davon dieses fantastische Erlebnis, das Shadow of the Colossus zweifelsohne ist, nicht verderben. Aber ich werde nicht müde, mich Spiel um Spiel wieder darüber zu ärgern, bis es eines Tages endlich besser wird. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dass das Abenteuer nach nur etwas mehr als sechs Stunden vorbei ist, ist indes in meinen Augen kein Grund zur Kritik, denn diese sechs Stunden sind genau ausreichend, ohne das Konzept zu überstrapazieren. Außerdem gibt es nach dem berührenden Abspann noch die Möglichkeit, mit New Game+ zu starten oder die Kolosse im Time-Trial-Modus herauszufordern. Für mich kam jedoch keines der beiden in Frage, denn ich finde, das Spiel lebt von den ersten Begegnungen mit den majestätischen Wesen - und diese Erfahrung, die mich auch auf der PlayStation 4 fasziniert hat, möchte ich mir nicht durch eine Highscore-Jagd nach besseren Zeiten kaputtmachen. Nichtsdestotrotz ist es natürlich schön, dass man auch nach den Credits noch etwas zu tun hat.



Tim

Fazit von Tim:

Man kann vor der Qualität dieser Neuauflage nur anerkennend den Hut ziehen. Die Art und Weise, mit welcher Sony und Bluepoint Games das PS2-Meisterwerk aus dem Jahre 2006 in die moderne Zeit gehievt haben, ist schlichtweg großartig - und die Liebe zum Detail, die in jedem Pixel und jedem Polygon steckt, zeugt von dem großen Respekt, den auch die Entwickler vor dem legendären Klassiker haben. Aber Bluepoint müssen sich nicht vor Team ICO verbeugen, sondern können stolz mit erhobenem Haupt auf ihr Remake blicken, denn ich habe in meiner Spielerkarriere nur sehr selten eine solch aufwendige und liebevolle Neuauflage gespielt. Und Shadow of the Colossus ist auch inhaltlich gut gealtert: Das Entdecken, Beobachten und Erklettern der Titanen ist auch im Jahr 2018 noch eine Wucht und etwas, das es in dieser Form einfach in keinem anderen Spiel gibt - das gilt vor allem für den allerersten Koloss.

Trotzdem muss man auch festhalten, dass bei all diesem Lob nicht nur die Kolosse, sondern auch einige technische Aspekte große Schatten werfen: Steuerung und Kamera sind einmal mehr unausgegoren und störrisch und auch wenn mancher das der Tradition von Team ICO zuschreiben mag, stört es mich enorm und hat mich teilweise aus der eigentlich so einnehmenden, fast schon sakralen Stimmung hinausgerissen. Dass man über diese Macken, die in anderen Spielen Grund für starke Abzüge wären, hinwegsehen kann, spricht hingegen nur für den außergewöhnlichen Reiz dieses Shadow of the Colossus - und dass das auch nach über zehn Jahren noch gilt, steht symbolisch für seine besondere Bedeutung in der Geschichte der Videospiele.

Shadow of the Colossus ist eines der aufwendigsten Remakes unserer Zeit und entfesselt auch nach über zehn Jahren noch die gleiche Faszination und einnehmende Atmosphäre wie auf der PlayStation 2 - und seine Reize sind so außergewöhnlich, dass man dafür auch gerne über die zickige Steuerung und die störrische Kamera hinwegsehen kann.

Besonders gut finde ich ...
  • inhaltlich unveränderte Restaurierung eines KLassikers
  • Konzentration auf das Wichtige: keine Sidequests o.ä.
  • fantastische Kulissen, tolle Lichteffekte, v.a. im Wald
  • 16 majestätisch anmutende Kolosse mit eigenem Charakter
  • jeder Koloss ist anders und ein eigenes kleines Rätsel
  • weitläufige Landschaft erweckt bedrückende Atmosphäre
  • orchestrale Musik begleitet das Spielgeschehen optimal
  • New Game Plus und Time Trials nach dem Durchspielen
  • starker Prolog und Epilog, die in Erinnerung bleiben
Nicht so optimal ...
  • störrische Kamera, die sich ständig magnetisch bewegt
  • Steuerung zickt insbesondere beim Reiten und Klettern
  • misslungene Laufanimationen von Wander beim Sprinten

Tim hat Shadow of the Colossus auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Sony Interactive Entertainment zur Verfügung gestellt.

Shadow of the Colossus - Boxart
  •  
  • Entwickler:Bluepoint Games
  • Publisher:Sony Interactive Entertainment
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PS4
  • Release:07.02.2018

Kommentare


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Kithaitaa, ATeC, ... und 4 Gästen.
  • Kithaitaa
    #1 | 19. Februar 2018 um 21:07 Uhr
    Ich habe am vergangenen Wochenende auch mal kurz reingespielt, weil ich SotC auf bisherigen PlayStation-Generationen verpasst habe. Die Spannung war groß, der Respekt vor dem "vielgelobten Klassiker" ebenfalls, aber ... so richtig abholen konnte mich das Spiel leider nicht. Sieht wunderbar aus, da haben Bluepoint wirklich wieder ordentliche Arbeit abgeliefert. Auch der Prolog und Soundtrack ging schon gut rein, als es dann aber ans Spiel ging ... der erste Koloss im Dreck lag und ich weitermachen sollte, war meine Aufmerksamkeit und Begeisterung verflogen. Leider. Vllt. sollte ich es nochmal versuchen, irgendwann =]
  • Fetzig
    #2 | 20. Februar 2018 um 15:43 Uhr
    Vielleicht ist der Titel auch einfach nichts für Dich. Die Melancholie und die Ruhe die zwischen den Kämpfen dominieren sind einfach nicht für jeden gemacht.  
  • DarkRaziel
    #3 | 26. Februar 2018 um 15:51 Uhr
    Habe das Game auf PS2 (Gekauft) & PS3 (PS+)
    Somit lasse ich die PS4 Version gerne aus, denn unterstütze nicht die Einfallslosigkeit nur um Software auf den Markt zu werfen.
    Das Spiel ist Super, aber wie ein Satz weiter oben unterstütze ich so etwas nicht immer zumal hier nichts geändert wurde bis auf Grafik.
  • Tim
    #4 | 26. Februar 2018 um 17:45 Uhr
    Das kann man dann so oder so sehen. "Einfallslos" ist ein Remake in dem Sinne wohl immer, aber Spiele wie SotC verdienen diese zweite (oder dritte) Chance dann auch - gerade dann, wenn man sich so viel Mühe bei der Neuauflage gegeben hat. Es wird ja keiner gezwungen, sich das Spiel nochmals zu kaufen.   
  • Kithaitaa
    #5 | 26. Februar 2018 um 23:15 Uhr

    DarkRaziel:Somit lasse ich die PS4 Version gerne aus, denn unterstütze nicht die Einfallslosigkeit nur um Software auf den Markt zu werfen.


    Naja, nicht jedes Spiel muss ja für einen selbst gedacht und gemacht sein. Lieblos auf den Markt geworfen wurde es ja auch nicht. Gönn' doch einfach den jungen Spielern, die vielleicht auch erst mit der PS4 eingestiegen sind (sind ja nicht alles so alte Säcke wie wir), auch die Chance, tolle Klassiker nachzuholen (mit aktueller Technik)   
  • DarkRaziel
    #6 | 28. Februar 2018 um 19:01 Uhr
    Habe ja nicht gesagt das dieses Game Schlecht ist und es bestimmt genug Leute gibt welche es noch nicht gespielt haben.
    Als alter Hase hat man schon so einiges in den Fingern und wenn die Spannung raus ist macht mir auch ein Game nicht mehr Spaß.
    Somit allen VIEL SPAß mit dem Game.      

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