A Way Out - Review 5

In Zeiten, in denen Koop-Spiele leider Mangelware geworden sind, ist es erfrischend, wenn ein noch junges Entwicklerstudio gleich mit so einem Hammer wie A Way Out daherkommt. Die Hazelight Studios wollten ein Koop-Abenteuer abliefern, über das auch noch Wochen später gesprochen wird - so viel versprach zumindest der führende Regisseur Josef Fares. Ich habe mich mit gleich zwei verschiedenen Spielpartnern an den Gefängnisausbruch gewagt und schildere nun meine Eindrücke zum vielleicht bisher besten Koop-Spiel dieser Generation.

Als absoluter Liebhaber der amerikanischen Erfolgsserie Prison Break und diverser anderer Knast-Shows war ich sehr über die Ankündigung von A Way Out erfreut. Als wäre das Setting eines Gefängnisausbruchs, der von langer Hand geplant werden muss, nicht schon interessant genug, darf ich diesen auch noch mit einem Koop-Partner vollziehen. Für meinen Anspruch war damit das perfekte Paket geschnürt und ich wurde keine Sekunde während des knapp fünfstündigen interaktiven Films enttäuscht.


A Way Out
Auf dem Gefängnishof begegnen sich die Protagonisten das erste Mal und werden kurzerhand in eine Schlägerei verwickelt.


Eine Freundschaft, die über Grenzen hinaus geht



Aber erst einmal von vorn: Anders als das vermeintliche Serienvorbild handelt A Way Out von zwei sich bis dato fremden Personen. Vincent Moretti, Mittvierziger, fährt gerade frisch in den Knast ein. Sein Vergehen: Mord an seinem eigenen Bruder und eine fette Haftstrafe von 14 Jahren. Schon etwas länger hinter Gittern befindet sich sein zukünftiger Partner Leo Caruso. Der 36-jährige sitzt wegen eines schweren Raubüberfalls eine achtjährige Haftstrafe ab. Während sich Vincent also erst einmal an sein neues Umfeld gewöhnen muss, hat Leo nichts anderes im Sinn, als die Meute aufzumischen, sodass es nicht lange dauert, bis beide nur wenige Tage nach Vincents Inhaftierung in eine schwere Schlägerei verwickelt werden, die sie geradewegs auf die Krankenstation befördert.

Dort kommen die beiden erstmals ins Gespräch und teilen ihre Fluchtpläne. Auf Station werden beide Zellennachbarn und folglich allerlei Dinge vorbereitet, die für so einen Ausbruch vonnöten sind. Durch die enge Zusammenarbeit und das entstehende Vertrauensverhältnis entsteht auf diesem Wege schnell eine Freundschaft, aus der hervorgeht, dass beide den gleichen Feind haben. Somit ist nicht nur der Ausbruch geplant, sondern ein ganzer Rachefeldzug angedacht, der die frische Männerfreundschaft an seine Grenzen bringt.

Zwar klingt der Aufhänger der Story durchaus platt und die Charakterzeichnung des Feindes bleibt auch bis zum Schluss recht unscharf, die Freundschaft zwischen Leo und Vincent erreicht hingegen ein ähnliches Niveau wie das von Ellie und Joel aus The Last of Us. Entsprechend ist man schon nach wenigen Minuten in der glaubhaft inszenierten Story gefangen und möchte jederzeit unbedingt wissen, wie das Abenteuer endet.


A Way Out
So ein Gefängnisausbruch benötigt jede Menge Kreativität. Vincent und Leo sind dabei immer aufeinander angewiesen.


Warum der Koop-Zwang sinnvoll ist



Die Erzählung der aufregenden Geschichte erfolgt wie in einem interaktiven Film und wird stets von butterweichen und passenden Kamerafahrten unterstützt. Das Zusammenspiel zwischen den beiden Protagonisten ist derart glaubhaft inszeniert, dass man in die Gedanken der Spielfigur eintaucht und so handelt, als würde man gerade selbst im Wald vor der Polizei flüchten müssen. Hinzu kommen verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten, die zuvor mit dem Koop-Partner abgestimmt werden müssen: Fesseln wir das alte Ehepaar, welches auf der Farm vor uns lebt, um an neue Kleider zu kommen, oder scheuchen wir die Pferde des Hofs auf, um die Besitzer nur kurz aus dem Haus zu locken? Nur wenn beide der Entscheidung zustimmen, wird die Story fortgeführt und ein alternativer Weg eingeschlagen, der allerdings immer zurück auf die lineare Erzählweise des Spiels führt. Dennoch macht es unglaublichen Spaß, die Vorgehensweisen zu diskutieren und sich schweren Herzens für einen Weg zu entscheiden. Diese Art von Auseinandersetzung mit einem vorliegenden Problem gab es selten und gibt dem Spiel zusätzliche Tiefe.

Die überaus liebevoll gestalteten und vor allem abwechslungsreichen Schauplätze bieten zudem allerlei zu entdecken. Auch hier wurde die Koop-Komponente herausragend genutzt: Auf der Farm dürfen Leo und Vincent beispielsweise für eine Trophäe musizieren. Während der eine auf dem Piano klimpert, spielt der andere parallel dazu ein Banjo. Beide Spieler müssen währenddessen verschiedene eingeblendete Knöpfe drücken. Nur wenn beide keine zu hohe Fehlerquote aufweisen, erfolgt eine Zwischensequenz, die die Mühen mehr als nur belohnt und den Protagonisten darüber hinaus weiteres Profil verleiht. Solche Minispiele finden sich überall in der Welt und beschäftigen neben der Hauptstory durchaus für weitere Spielstunden. Ich selbst habe mit meinem Partner sogar fast eine halbe Stunde damit verbracht, ganz simpel gegeneinander "Vier gewinnt" zu spielen.


A Way Out
Eine kurze Runde "Vier gewinnt" gefällig? Nur eine von vielen Möglichkeiten sich zu duellieren.


Alleine schon deswegen ist es sinnvoll, dass die Hazelight Studios auf den Koop-Zwang gesetzt haben. Das Zusammenspiel mit einem menschlichen Mitspieler lässt eine ganz andere Bindung entstehen und auch aus Gameplay-Sicht hat man alles dafür getan, dass beide Spieler voneinander abhängig sind: Mal leuchte ich Leo den Weg, mal passt einer auf die Wachen auf, während der andere eine Vorrichtung löst. Hierdurch entsteht schnell das Gefühl, dass man etwas Verbotenes unternimmt und das Adrenalin rast in die Höhe.

Der dynamische Splitscreen, der auch mal ins Vollbild wechselt, um einen Protagonisten in den Fokus zu stellen, sorgt außerdem für noch mehr Atmosphäre und ist trotz einer Online-Session, in der man durchaus darauf hätte verzichten können, niemals störend aufgefallen - im Gegenteil. Selten war es so nützlich, den Bildschirm des Mitspielers zu sehen, auch und vor allem dann, wenn ich selbst in einem anderen Teil des Areals unterwegs gewesen bin. Durch das praktische und vor allem unkompliziert anzuwendende Freundepass-Feature - der Besitzer des Spiels kann jederzeit einen Freund kostenlos einladen - ist zudem garantiert, dass man im Normalfall immer jemanden findet, mit dem man das Abenteuer zusammen erleben kann. Ein vorbildliches Konzept, das sehr gut zum Koop-Gedanken passt.


Schwächen, über die man hinweg sehen muss



Dass den Hazelight Studios nicht das Budget größerer Produktionen zur Verfügung gestanden hat, merkt man A Way Out natürlich stellenweise an. Zwar sind die Inszenierung durchaus filmreif, die englische Synchronisation meist sehr gelungen und der Soundtrack stets mehr als passend und atmosphärisch, die Animationen der Gesichter wirken hingegen oft steif und aus der vergangenen Konsolengeneration. Hinzu kommen öfter mal spät nachladende Texturen und kleinere Ruckler, die das Spielgeschehen aber nicht wirklich beeinflussen. Dennoch hat man versucht, im Rahmen der verfügbaren Mittel auf teilweise tolle Lichtstimmungen zu setzen - das Gesamtbild und auch die Actionsequenzen können natürlich trotzdem nicht mit Blockbustern wie Uncharted oder The Last of Us mithalten. Das Ganze gestaltet sich eher so, dass man im kleineren Rahmen versucht hat, das Bestmögliche herauszuholen, und das ist meiner Meinung nach mehr als gelungen. Der dynamische Splitscreen sorgt für ordentlich Atmosphäre und setzt stets die richtigen Szenen in den Fokus, sodass man immer davon überzeugt ist, an einem spannenden Kinofilm interaktiv mitwirken zu dürfen.



Predator

Fazit von Predator:

Das Knastabenteuer der Macher von Brothers: A Tale of Two Sons überzeugt als Koop-Abenteuer auf ganzer Linie. Das Zusammenspiel der Protagonisten, der dynamische Splitscreen, die glaubhafte und überaus liebevoll detaillierte inszenierte Spielwelt und das kontrovers diskutierte Ende sorgen für ein nahezu perfektes Gesamtpaket, das für den angesetzten Budget-Preis absolut zu empfehlen ist. Lediglich die technischen Schwächen und der sehr leichte Schwierigkeitsgrad, der sich im Übrigen nicht ändern lässt, trüben das Gesamtbild etwas. Aber gerade weil der Anspruch so niedrig gesetzt ist, können auch die Freundin, die Eltern oder weniger spielaffine Menschen dieses Abenteuer in voller Gänze genießen - zumal die Checkpoints nach einem Ableben mehr als nur fair gesetzt sind und somit keine Längen entstehen.

A Way Out hat alles, was zu einem perfekten Koop-Erlebnis gehört, und ist für mich jetzt schon einer der Top-Titel 2018.

Besonders gut finde ich ...
  • tolles Szenario
  • glaubhaft inszenierte Spielwelt
  • herausragender Twist gegen Ende
  • intuitive Rätsel und Steuerung
  • atmosphärischer Soundtrack
  • äußerst geniale Kamerafahrten
  • dynamischer Splitscreen
  • Freundepass-Feature
  • keine Längen
Nicht so optimal ...
  • keine Sammelobjekte
  • teils steife Animationen
  • nachladende Texturen
  • kleinere Ruckler
  • Entscheidungen wirken sich nicht aufs Ende aus
  • kaum Wiederspielwert

Predator hat A Way Out auf der PlayStation 4 gespielt.

A Way Out - Boxart
  •  
  • Entwickler:Hazelight Studios
  • Publisher:EA Originals
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:23.03.2018

Kommentare


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Evoli, ... und 4 Gästen.
  • Jari
    #1 | 9. April 2018 um 13:53 Uhr
    Ich habe A Way Out auch in zwei Sessions mit einem Kumpel durchgespielt und auch wenn die Mechaniken (schießen, fahren) nicht so ausgereift sind, wie in einem Uncharted oder Tomb Raider, ist die Erfahrung doch absolut lohnenswert. Vor allem das letzte Drittel ist ein Tritt in die Magengrube. Nicht so berührend wie A Tale of Two Brothers, aber trotzdem super! Das einzige was nicht gefällt, sind der nicht so optimal abgemischte Ton und dass man so manches Mal unbeabsichtigt aus dem Bild geschoben wird.
  • ATeC
    #2 | 9. April 2018 um 15:30 Uhr
    kane and lynch teil 3
  • Kithaitaa
    #3 | 14. April 2018 um 22:09 Uhr
    Über 1 Million verkaufte Exemplare [ externer Link ] in den ersten Launch-Wochen. Das ist schon ziemlich stark und wohl auch berechtigt. Nun rattern wohl wieder die Köpfe der Publisherstrategen =D
  • Jari
    #4 | 17. April 2018 um 16:35 Uhr

    Kithaitaa: Über 1 Million verkaufte Exemplare [ externer Link ] in den ersten Launch-Wochen. Das ist schon ziemlich stark und wohl auch berechtigt. Nun rattern wohl wieder die Köpfe der Publisherstrategen =D

    ...mehr (oder ausschließlich nur noch) Koop-Spiele?

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