Forgotton Anne - Review 4

Was passiert mit der Socke, die in der Waschmaschine verloren geht? Welches Schicksal ereilt die Wohnzimmermöbel und Lampen, die wir beim Sperrmüll abgeben? Forgotton Anne - das "O" ist kein Schreibfehler - erzählt die Geschichte dieser ausrangierten Gegenstände, die im Land der Vergessenen lebendig werden und davon träumen, eines Tages zu ihrem Besitzer zurückkehren zu können. Doch ein Aufstand der Rebellen droht, den Traum platzen zu lassen. Als Hüterin Anne bin ich durch eine märchenhafte Anime-Welt gereist und habe eine berührende Geschichte erlebt.

Etwa acht Stunden hat meine Reise durch das Land der Vergessenen gedauert. Das ist deutlich länger, als ich erwartet hatte. Und wenn man Forgotton Anne ganz nüchtern und neutral betrachtet, dann sind diese acht Stunden streng genommen zu lang für den seichten, geradezu simplistischen spielerischen Unterbau, auf dessen Rücken sich die Geschichte um die junge Frau Anne abspielt, die als sogenannte Hüterin dafür zuständig ist, für Recht und Ordnung zu sorgen. Aber alles der Reihe nach.

Forgotton Anne will ein Spiel gewordener Anime sein - das haben sich die Entwickler von ThroughLine Games vorgenommen. Und dank der wirklich guten Arbeit der Designer und Zeichner (und der Unterstützung durch Square Enix Collective) ist das Spiel auch verdammt nah am großen Vorbild-Medium dran. Vor allem die Zwischensequenzen sind toll inszeniert, schick animiert und detailverliebt gezeichnet - deshalb ist es schade, dass es nur recht wenige von ihnen gibt und der Großteil davon ausgerechnet im ersten Drittel des Abenteuers verortet ist, während das Finale weitestgehend "ingame" stattfindet. Aber irgendwo muss ein Indie-Spiel freilich die Schere ansetzen. Und zum Glück sind ja nicht nur die Videos, sondern ist auch der Rest des Spiels stilistisch ein kleiner Leckerbissen - und das Finale hat mir auch ohne Cutscenes sehr gut gefallen.


Forgotton Anne
Natürlich kann Forgotton Anne nicht an sündhaft teure Animes heranreichen, ist aber trotzdem ein sehr schönes Spiel.


Eine Reise in eine Welt, in der Socken, Kühlschränke und Schaufensterpuppen lebendig werden



Aber Forgotton Anne lässt sich nicht nur visuell bei Studio Ghibli & Co. inspirieren, sondern erzählt auch eine, ich will nicht sagen "typische", aber doch recht traditionelle Geschichte um lebendig gewordene Gegenstände in einer Fabelwelt. Im Kontext wird das Szenario aber dann doch richtig interessant, denn es geht um verlorene oder verlegene Objekte, die aus der Welt der Menschen verschwunden sind - etwa die Socke, die in der Waschmaschine verloren gegangen ist, das aussortierte Grammophon oder der Federkiel, der im Laufe der Zeit irgendwann gegen einen Kugelschreiber ausgetauscht wurde. Alle diese Gegenstände treffen sich im Land der Vergessenen wieder und erhalten dort eine eigene Persönlichkeit und ein Bewusstsein, das sie lebendig werden lässt. Und sie alle träumen davon, in ihre ursprüngliche Welt, den "Äther", wie sie es nennen, zurückzukehren und wieder mit ihrem Besitzer vereint zu werden. Dabei ergeben sich auch einige witzige Dialoge, wenn sich etwa ein Wischmopp und ein alter Schuh streiten und der Mopp dem Schuh zuruft, er sei bestimmt eine dieser Latschen, die man aus dem See geangelt und direkt wieder angeekelt zurückgeworfen hat. Forgotton Anne spielt immer wieder kreativ mit dieser Thematik.

Anne ist als Hüterin dafür zuständig, in diesem düsteren Land der Vergessenen für Ruhe und Ordnung zu sorgen, während ihr Meister und Erzieher Bonku die sogenannte Ätherbrücke fertigstellt, mit der alle "Forgottlings", also die Einwohner dieser Welt, zurück in den Äther gelangen können. Und Anne nimmt natürlich schnell eine tragende Rolle ein, denn eine Gruppe Rebellen um den mysteriösen Fig droht, den Traum vom Äther platzen zu lassen. Bevor der Konflikt vollends eskaliert und es zum "Bürgerkrieg" kommt, liegt es also an mir und Anne, die Verschwörung aufzudecken. Und wie es sich für ein solches Szenario und einen Anime gehört, ist längst nicht alles so, wie es scheint, und schon bald stellt man sich die Frage, was richtig und was falsch ist, wer die Wahrheit spricht - und welche Rolle Anne, die im Mittelpunkt von allem steht, in diesem Chaos eigentlich spielt.

Dabei bedient sich die Story weitestgehend bekannter Elemente, schafft es aber mit gelungenen Dialogen und sympathischen Figuren immer wieder, Spannung aufzubauen - bis am Ende alles mit einem tollen Finale aufgeklärt wird, das nicht nur berührend inszeniert ist, sondern auch viele der Entscheidungen aufgreift, die ich im Laufe des Abenteuers getroffen habe.


Forgotton Anne
Ist der Sandsack ein Rebell? Nicht jeder mag die Hüterin - und die Vergessenen sind oft schwer zu durchschauen ...


Entscheidungen, Konsequenzen und belanglose Schalterrätsel



Denn neben einigen kleinen Puzzle- und Platforming-Einlagen, die spielerisch von Anfang bis Ende leider super-simpel, geradezu oberflächlich bleiben, dreht sich Forgotton Anne vor allem um eines: Entscheidungen. Zwar folgt die Geschichte einem relativ linearen Pfad, aber immer wieder werde ich als Spieler vor Fragen gestellt. Und oft geht es vor allem darum, sich zwischen Gewalt und Diplomatie zu entscheiden, denn mit ihrem "Arca" am Handgelenk kann Anne Vergessene "destillieren" - und damit ihre Existenz auslöschen, um sie in wertvolle Energie zu verwandeln. Das funktioniert leider nicht bei allen und nicht jederzeit, sondern nur in den vorgesehenen Situationen, aber trotzdem fiel mir die Wahl nicht immer leicht, zumal eine erfolgreiche Diplomatie oft auch an andere Bedingungen geknüpft ist - etwa daran, sein Gegenüber mit Einfühlsamkeit oder auch schlagkräftigen Argumenten zu überzeugen. Meistens war mir der "gute Weg" aber zu offensichtlich und zu einfach, es gab zu wenig Grauzonen. Erst im letzten Drittel wird es dahingehend schwerer und interessanter - immerhin gerade noch rechtzeitig.

Das größte Problem, mit dem Forgotton Anne über seine acht Stunden Spieldauer zu kämpfen hat, und damit kommen wir zurück zum Einstieg, ist dann ausgerechnet sein spielerischer Kern. Nun ist mir schon bewusst, dass es ThroughLine in erster Linie darum ging, eine spannende, interaktive Geschichte zu erzählen und diese visuell und akustisch entsprechend in Szene zu setzen. Das hat zweifelsohne wunderbar geklappt, gerade die vom Copenhagen Philharmonic Orchestra eingespielte Musik und die (rein englische) Sprachausgabe sind erstaunlich hochwertig und damit - nicht nur für einen Indie-Titel - sehr beeindruckend. Aber irgendwo ist Forgotton Anne eben auch ein Videospiel. Und dieser Part steht ihm manchmal ein bisschen im Wege.

Die zu einfachen Puzzles, denen es auf Dauer auch an Vielfalt fehlt, sind zu verschmerzen, und dass das Platforming unter den zu detaillierten Animationen leidet - es will sich einfach kein "Flow" einstellen -, kann ich auch noch hinnehmen. Aber bei acht Stunden ist der spielerische Unterbau einfach zu seicht und repetitiv. Da wäre schon mit kleinen Mitteln mehr drin gewesen, etwa mit kreativeren Puzzles oder klassischen Adventure-Rätseln samt aufnehm- und kombinierbaren Gegenständen. So bleibt Forgotton Anne ein liebevoll erzähltes und inszeniertes Story-Adventure, dem es an einer überzeugenden Gameplay-Basis fehlt.



Tim

Fazit von Tim:

Es ist eine schöne kleine Geschichte, die Forgotton Anne erzählt, und die märchenhaft anmutende Fantasy-Welt mit den Vergessenen ist kreativ erdacht und ansprechend umgesetzt. Das Finale bzw. allgemein die letzte Stunde haben mich dann auch emotional abgeholt und die Art und Weise, wie ich schließlich die Auswirkungen meiner Entscheidungen zu spüren bekam, hat mir sehr gefallen. Aber ihr werdet es schon herausgelesen haben: Wirklich begeistert hat mich Forgotton Anne leider nicht. ThroughLine Games können sich wenig vorwerfen, was die visuelle und akustische Umsetzung des interessanten Konzeptes angeht. Es ist das Konzept selbst, mit dem ich nicht zu 100% glücklich werde. So sehr ich die handgezeichneten Hintergründe und Figuren mag, so angenehm die Animationen und Zwischensequenzen an große Anime-Produktionen erinnern, so störe ich mich an der daraus resultierenden "Hakeligkeit" im Gameplay. Anne reagiert auf Eingaben immer etwas verzögert, aufgrund der langen Animationen beim Landen und Klettern will sich einfach nicht der nötige Flow einstellen, und die Puzzles, bei denen diese Verzögerung kein Thema wäre, sind mir über weite Strecken zu simpel und zu gleichförmig. So steht sich Forgotton Anne ein bisschen selbst im Wege. Dennoch: Den Preis von rund 20 Euro ist die acht-stündige Reise in das Land der Vergessenen allemal wert - sofern einem die Geschichte nicht schon vorab aus diversen Filmen bekannt vorkommt und man sich mit dem belanglosen spielerischen Anteil abfinden kann.

Der kreativen und liebevollen Fantasy-Welt mit ihren sympathischen Figuren und Dialogen steht ein konzeptionell belangloses und technisch eher hakeliges Gameplay gegenüber. Damit bleibt Forgotton Anne ein schönes kleines Story-Adventure, das aber vor allem spielerisch Federn lässt - dafür aber mit einem gelungenen Finale überzeugt.

Besonders gut finde ich ...
  • liebevoller, handgezeichneter Zeichentrick-Grafikstil
  • einige wunderbar in Szene gesetzte Zwischensequenzen
  • märchenhafte Geschichte mit ein paar Entscheidungen
  • ein paar nette Rätsel/Puzzles und Leveldesign-Ideen
  • tolles Finale, das die Erzählung passend abschließt
  • hochwertiges Voice Acting und stimmungsvolle Musik
Nicht so optimal ...
  • hakelige Spielbarkeit wegen aufwendiger Animationen
  • Gameplay und Rätsel bleiben weitestgehend seicht
  • zwischendurch Leerlauf, Passagen ziehen sich z.T.

Tim hat Forgotton Anne auf der PlayStation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Square Enix Collective zur Verfügung gestellt.

Forgotton Anne - Boxart
  •  
  • Entwickler:ThroughLine Games
  • Publisher:Square Enix Collective
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PC, PS4, XboxOne
  • Release:15.05.2018

Kommentare & Likes


Folgenden Usern gefällt der Beitrag: Kithaitaa, ATeC, ... und 2 Gästen.
  • Kithaitaa
    #1 | 12. Mai 2018 um 22:07 Uhr
    Schade, dass das Gameplay wohl etwas mau ausfällt. Hatte das Spiel auch auf meiner Liste und werde es mir wohl dennoch "bei Gelegenheit" holen, da wohl der Rest passt und auch mal was anderes ist. Ist auch deren erstes Projekt, und die haben bereits ein weiteres im Köcher  

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