Phantom Doctrine - Review

Im Kalten Krieg waren Informationen oft wichtiger als Waffen. Wenn eine Regierung wusste, wo sich ein feindlicher Spion versteckt hielt, war es für sie ein Leichtes ihn auszuschalten. Identitäten wurden gefälscht, Operationen verschleiert und hochrangige Politiker ins Ausland geschleust. Im rundenbasierten Strategiespiel Phantom Doctrine übernahm ich die Leitung einer Geheimorganisation, die den Namen "Kabale" trägt. Die Mischung aus Spionageabwehr und Infiltration entführt uns dabei ins Jahr 1983 und lässt uns die raffinierten Ränkespiele hautnah miterleben.

Traue niemandem, stelle alles in Frage! Im Spiel Spion vs. Spion musst du die richtigen Karten in der Hand halten, um nicht hintergangen zu werden. Oder frühzeitig darüber in Kenntnis gesetzt zu werden. Denn wer weiß, vielleicht richtet sich dein engster Verbündeter bald gegen dich? Phantom Doctrine greift die paranoide Weltanschauung des Kalten Krieges auf und wirft uns inmitten von Intrigen, Regierungsumbruch und Hetzjagd. Als Kopf der Kabale versuchen wir schnellstmöglich herauszufinden, um was es beim Streit Ost gegen West eigentlich geht und das Schlimmste zu verhindern.


Eine neue Identität



Doch zuallererst baue ich mir meinen Protagonisten zusammen. Den Hauptagenten, sozusagen. Der feine Herr (oder Dame) bekommt einen neuen Pass spendiert mit allem was dazugehört: Namen, Staatsangehörigkeit und geeignetes Bild. Auch ein Deckname wird etabliert und sein Aussehen angepasst. Der Charaktereditor ist für diesen Zweck auch völlig ausreichend. Wir haben es ja nicht mit einem RPG zu tun. Es stehen einige vordefinierte Köpfe zur Auswahl, die mit Brillen, Narben, Tattoos und Glimmstängel abgewandelt werden können. Ein schicker Hut und eleganter Anzug - fertig ist der Vorzeige-Spion. Erste Skills sind auch schon mit von der Partie, wobei während Missionen gesammelte Erfahrungspunkte weitere Spezialisierungen zulassen. Bessere Kampftechniken, Umgang mit anderen Feuerwaffen, neue Fähigkeiten und so weiter.

Nach kurzen Cutscenes, welche die Story mit animierten Standbildern etwas näher bringen, zeigt sich die Einsatzzentrale zum ersten Mal in ihrer vollen Pracht. Von diesem Punkt werden sämtliche Bewegungen und Aktionen der Agenten gelenkt. Der zuvor generierte Schnüffler ist nämlich nur einer von vielen. Da sie für Hinterhalte und Coups um den halben Globus fliegen müssen, brauche ich Manpower - und das nicht zu knapp. Auf der Weltkarte im HQ ploppen andauernd neue Marker auf, die investigiert werden wollen. Schließlich vermuten unsere Informanten dort feindliche Aktivitäten. Also schicke ich Spion XY nach Moskau, während Agent 23 in Istanbul die Lage checkt. Sobald in einer der Städte tatsächlich seltsame Verhaltensmuster ans Tageslicht gelangen, observieren die Agenten und ich kann nach erfolgreicher Spionage den ersten Feldeinsatz starten.


Phantom Doctrine
Jede Bewegung und Handlung sollte wohl überlegt sein.


Aktion und Reaktion



Im Grunde verhält sich Phantom Doctrine wie jedes andere rundenbasierte Strategiespiel. Man startet mit den zuvor ausgewählten Agenten auf einer kleinen Karte und bewegt seine Schachfiguren einen nach dem anderen. Wie viele Felder jeder gehen darf bestimmt sein Bewegungslimit. Wer sich dazu entscheidet nur wenige Schritte zu gehen, kann aus der Gänze seiner Skills eine weitere Aktion auswählen. Oder man läuft noch ein Stück weiter und beschränkt seine Auswahl auf wenige Optionen - ganz ähnlich wie in X-COM. Neben diesen "Aktionspunkten" gibt es auch Feuerpunkte, die zum Ausschalten von Feinden genutzt werden. Dies kann entweder mit Waffengewalt geschehen, oder besser im Nahkampf, um den Gegner leise auszuschalten und keine unnötige Aufmerksamkeit auf die Gruppe zu lenken.

Um solche aggressiven Moves durchzuführen muss die "Wachsamkeit" des Agenten hoch genug sein. Dieser Wert gesellt sich zu den Lebenspunkten und verhindert unter anderem, dass mit einer Person wild durch die Gegend gerannt und am laufenden Band Leute abgemurkst werden. Die Wachsamkeit regeneriert sich zwar langsam, wird jedoch auch gebraucht, wenn die Dinge mal nicht so laufen wie geplant. Geraten die Agenten mal unter Feindbeschuss, kann ein wachsamer Spion Kugeln ausweichen und größeren Schaden verhindern. Wer nicht auf der Hut ist, bekommt die volle Kraft der blauen Bohnen zu spüren. Leider war mir nicht immer klar, wann und warum einer der Kollegen entlarvt wurde. Wer dann dem Kugelhagel entgehen will, muss die Schnellladefunktion nutzen. Ein guter Tipp: Oft und am besten bei jedem Zug speichern. Ich musste häufig neu laden.

Solange das Team aber nicht aufgeflogen ist, verfolge die jeweiligen Ziele ungestört weiter. Ich mache verdeckt Fotos von geheimen Dokumenten, stehle Akten aus Tresoren, klaue Waffen und Equipment aus Spinden und erledige die Zielpersonen im Gebiet. Dabei läuft ein Soundtrack im Hintergrund, der mich mit seinen Trompeten an "Gangsters: Organisiertes Verbrechen" zurückdenken lässt. Hach, Nostalgie... Beim Sammeln der Gegenstände zickt die Engine aber leider etwas rum. Die Schnüffler müssen immer direkt vor einem Objekt stehen um mit ihm zu interagieren. "Du möchtest ein Bild von diesem Bauplan machen? Aber der liegt ja verkehrt herum! Nope, von hier kannste kein Foto machen. Bitte einmal um den Tisch laufen..."

Eine weitere kleine Ungereimtheit ist das "Verstecken von Leichen"-Feature. Hat einer der Schläger einen Gegner niedergerungen, kann man den leblosen Körper verstecken - so weit, so gut. Nach einer kurzen Aufheben-Animation verschwindet das Model aber einfach vom Bild und ist nicht mehr zu sehen. Es muss also kein Hirnschmalz aufgewendet werden, um die Gestalten à la Agent 47 aus Hitman in geeigneten Containern oder Schränken zwischenzulagern - schade.


Phantom DoctrinePhantom Doctrine
Mit den richtigen Agenten und deren Skills sind auch schwierige Missionen kein Problem.


Zurück im HQ - Krankenstation, Fälscherstube, Analyse



Ist der Auftrag abgeschlossen und die Missionsziele erfüllt, geht es zurück ins Versteck. Hier erhalten die Agenten ihre wohlverdienten XP, können aufgelevelt, mit neuen Skills bestückt oder angepasst werden. In der Krankenstation behandelt ein Arzt die Weh-Wehchen der angeschossenen Verbündeten, in der Fälscherstube werden zusätzlich Moneten gedruckt und in der Werkstatt nützliche Dinge wie Schalldämpfer oder Rauchgranaten zusammengeschustert.

Geheime Dokumente hingegen wandern ins Analysezentrum wo ich sie nach Stichwörtern durchsuche und am schwarzen Brett mit Fäden verbinde. So kann man sie nach und nach in Zusammenhang bringen und verdeckte Ermittlungen oder feindliche Basen ausfindig machen. Das macht echt Spaß und gibt dir das Gefühl ein echter Detektiv zu sein. Hast du genug geforscht, stehen dir weitere Zimmer zur Verfügung um etwa das "MKULTRA" unterzubringen. Hier werden gefangen genommene Gegner eingesperrt, verhört oder einer Gehirnwäsche unterzogen, um dem Gegner eine Schläferzelle unterzujubeln.

Viele dieser Aktionen erhöhen jedoch das Risiko aufzufliegen. Wenn's mal eng wird und die Nachforschungen feindlicher Agenten Früchte tragen, müssen wir mit Sack und Pack umziehen - sprich unser Geheimquartier wechseln und in einer anderen Stadt untertauchen. Das kostet viel Geld und kann bei fehlenden Finanzmitteln auch mit Strafen einhergehen. Wer keine Kohle hat um den Standort des HQ's von Dublin nach Berlin zu verlegen, kompromittiert Agenten, verliert Equipment und ist womöglich sogar für den Tod einiger Spione verantwortlich.


Phantom DoctrinePhantom Doctrine
Findest du den roten Faden im Papierkrieg?


Verschlafener Multiplayer



Phantom Doctrine übernimmt das aus der Kampagne bekannte Rezept und kopiert dies 1-1 in den Mehrspielermodus. Hier bekriegen sich jeweils zwei Gegner auf einer vorher ausgewählten Map. Zu Beginn des Matches stellst du dir auf Punktkosten deinen Eingreiftrupp zusammen und wählst deinen Startpunkt auf der Karte. Dann heißt es Warten... sehr viel Warten. Da jeder Spieler seine Agenten taktisch klug aufstellen und Hinterhalte legen möchte, dauert ein Zug gern mal mehrere Minuten. Dann sitzt man vor dem leeren Bildschirm, kann nichts tun und starrt auf den "Feindliche Aktivität"-Balken. Wer Geld für die rundenbasierte Action ausgibt, sollte dies also auf keinen Fall nur für den Multiplayer tun.


Die Technik der 80er



Wie bereits oben beschrieben, hat die Engine so ihre Macken. Die Charakteranimationen sind, gerade aus nächster Nähe betrachtet, nicht mehr zeitgemäß und auch die Grafik im Allgemeinen ist kein Meilenstein. Im Gegenteil: Bei vielen Glitches konnte ich die Weltkarte nur noch zur Hälfte erkennen und im Hintergrund der Charakterauswahl flimmerten und zuckten die Texturen auf und ab. Einen Totalausfall gab es zweimal, bei dem ich das Spiel per Task Manager beenden mussten. Immerhin ist das Grafikmenü und die sonstigen Optionen reichhaltig bestückt. So kann jeder das Abenteuer auf seine Bedürfnisse anpassen.

Es gibt zwar keine deutsche Sprachausgabe, doch zumindest wurden alle Texte und Dokumente lokalisiert. Größere Schreib- oder Logikfehler sind mir hierbei nicht aufgefallen. Was ich Entwickler CreativeForge Games jedoch ankreiden muss ist die mangelnde Einführung in wichtige Gameplay-Mechaniken. Viele Features werden Frischlingen zu spät oder gar nicht erklärt und man stochert beim ersten Durchgang oftmals im Dunkeln. Hat man dann aber mal begriffen, welcher Button welche Aktion ausführt und wie man zu Geld kommt macht die Spionage-Simulation wirklich Laune. Die Operationen sind von Spannung und Intrigen durchzogen, man verliert Freunde und gewinnt neue dazu, Doppelagenten wenden sich während einer aktiven Mission plötzlich gegen dich und, und, und.

Der Fokus ist aber ganz deutlich auf Stealth ausgelegt. Wer wie Rambo Zimmer stürmen und die Gegner mit Waffengewalt in die Knie zwingen will, beißt früher oder später ins Gras. Feuergefechte sollten tunlichst vermieden werden, denn die Widersacher rufen unablässig weitere Kollegen aufs Schlachtfeld. Diese Wellen von Gegnern prasseln dann bis zur Evakuierung auf einen hernieder und außer der Flucht gibt es keine Möglichkeit, solch eine Flut dauerhaft zu überleben.

Den letzten Miesepeter muss ich dem Mangel an Abwechslung zuschieben. Nach weniger als 15 Stunden Spielzeit wiederholen sich viele Aufträge bereits und jede Mission fühlt sich sehr, sehr ähnlich an. Alle Dokumente sichern, jede Kiste durchsuchen, Gegner eliminieren, Evakuieren. Da ist schnell die Luft raus. Auch die Progression der einzelnen Charaktere und Agenten ist schwach auf der Brust. Der Ausbau ihrer Fähigkeiten wirkt sich nicht so ausschlaggebend auf das Gameplay aus, wie beispielsweise in Divinity. Jeder Spion wirkt auswechselbar und kann schnell ersetzt werden. Der Verlust eines Soldaten in X-COM war für mich immer schlimmer, als bei Phantom Doctrine.



Energiekuchen

Fazit von Tobias:

Im Großen und Ganzen fühlte ich mich gut unterhalten von Phantom Doctrine. Das Spionage-Setting, die rundenbasierte Stealth-Action und das Zusammensetzen der einzelnen Puzzlestücke hat mir viel Spaß bereitet. Ich konnte mich oft schwer vom Bildschirm lösen, da ich nur noch schnell diesen einen Fall lösen wollte, oder fix eine andere Mission begonnen habe.

Der Wermutstropfen kam dann erst gegen Schluss, bei dem sich viele Areale und Aufgaben wiederholten. Hier wäre dem Spiel eine Entschlackungskur gut bekommen. Ich habe für die Kampagne und den Multiplayer 24 Stunden benötigt - fünf weniger auf der Uhr hätten locker gereicht. Das Spiel fühlt sich schlicht zu lang an. Diese Art von repetetivem Gameplay gab es zwar auch schon in X-COM oder den Divinity-Teilen, doch dort wurde mit herausragenden Dialogen, Charakterentwicklung und unterschiedlichen Arealen weitere Faktoren der Rechnung hinzugefügt. Das kann man bei Phantom Doctrine leider nicht gerade behaupten.

Die Grafikbugs, die flache Story und die Überlänge sollten ein Ansporn für das junge Studio aus Polen sein, welche erst 2015 mit Hard West recht gute Kritiken einheimsen konnten. Wenn hier mit Patches nachgeholfen und ein bisschen mehr Zeit in den nächsten Titel investiert wird, könnte eine aufstrebende Spieleschmiede ihren endgültigen Durchbruch feiern.

Besonders gut finde ich ...
  • Spionage-Setting
  • Fäden ziehen am schwarzen Brett
  • ... wenn ein Plan genauso aufgeht, wie man ihn sich zurechtgelegt hat
  • das "Nur noch schnell eine Mission"-Gefühl
Nicht so optimal ...
  • Grafik und Glitches
  • fehlende Erklärung essenzieller Gameplay-Mechaniken
  • Überlänge durch fehlende Abwechslung

Tobias hat Phantom Doctrine auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Good Shepherd Entertainment zur Verfügung gestellt.

Phantom Doctrine - Boxart
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  • Entwickler:CreativeForge Games
  • Publisher:Good Shepherd Entertainment
  • Genre:Strategie
  • Plattform:PC, PS4, Xbox One
  • Release:14.08.2018