Two Point Hospital - Review

Mit Two Point Hospital schicken sich die Two Point Studios an, den Erfolg vergangener Tage zu wiederholen, und reiten mit dem Quasi-Remake von Theme Hospital kräftig auf der Retrowelle. Die Hoffnung früherer Fans ist groß, mindestens genau so sehr wie die Angst vor einem klassischen Kunstfehler. Ich habe mir den Kittel zurecht gerückt, das Lachgas auf Anschlag gestellt und Two Point Hospital auf Herz und Nieren untersucht.

Wirtschaftssimulationen waren in den 1980ern einer der großen Eckpfeiler der PC-Spieleindustrie. Mit Vertretern wie Kaiser, Patrizier und Die Fugger durften Fans des Genres einen Hit nach dem anderen feiern - Mitte der 90er verlor diese Lok jedoch ihren Dampf, die Softwareschmieden taten sich schwer, altbekannte Simulationsmechaniken in ein modernes, dreidimensionales Umfeld einzubetten.

Ein erneutes (aber kurzlebiges) Hoch erlebte das Genre dann Ende der Neunziger nicht etwa durch umwerfende Grafikpracht, sondern durch eine Änderung der Tonalität: Während bislang versucht wurde, möglichst real, übersichtlich und planbar zu sein, überzeugten Spiele wie Airline Tycoon (1998) und Theme Hospital (1997) durch Humor, Einsteigerfreundlichkeit und einem Hang zum Dadaismus.

Auch heute fristen "WiSims" eher ein Nischendasein. Spiele wie Tropico und das erst kürzlich veröffentlichte Jurassic World Evolution verkaufen sich passabel, schaffen es aber nicht, dem Genre frisches Leben einzuhauchen. Vielleicht gelingt dies ja Ubisoft BlueByte mit Anno 1800, dem kommenden Ableger der traditionsreichen Anno-Reihe. Zeit für ein Comeback des Genres, dachten sich wohl auch Ben Hymers, Gary Carr und Mark Webley und gründeten 2016 die Two Point Studios. Alle drei arbeiteten früher für Bullfrog Productions und die Lionhead Studios an Titeln wie Fable, Black & White und das eben erwähnte Theme Hospital. Mit viel Erfahrung und neuem Elan sollte nun also Two Point Hospital das erste Spiel des Studios werden und das spirituelle Erbe von Theme Hospital antreten.

Two Point Hospital
Schrumpfköpfe werden, wie man weiß, beim örtlichen Psychologen behandelt.


Ein schweres Erbe



Two Point Hospital scheut den direkten Vergleich zum Klassiker nicht - im Gegenteil: Völlig bewusst setzt das Entwicklerteam auf den Nostalgiefaktor, appelliert an die Liebe zum Vergangenen und lockt den Spieler mit Comicgrafik, skurrilen Erkrankungen, ulkigen Animationen und Fahrstuhlmusik. Selbstverständlich birgt dieses Reiten der Retrowelle auch seine Gefahren - funktionieren zwanzig Jahre alte Mechaniken heute noch? Ist der alberne Humor eher Hindernis als Starthilfe? Man darf beruhigt sein: Two Point Hospital funktioniert und macht Spaß!

In Two Point Hospital übernehmt ihr die Aufgabe, marode Kliniken zu sanieren oder neue Krankenhäuser aufzubauen. Die alternativlose Kampagne (es gibt nur diesen einen Spielmodus) nimmt euch zu Beginn an der Hand und ihr dürft unter Mithilfe eures Beraters die ersten Krankheiten wie Topfschmerzen, Rock-and-Rollitis oder Mimenkrise in hierzu passenden Räumlichkeiten heilen. Die Funktionsweise ist auf den ersten Blick simpel: Bessere Ärzte und Gerätschaften sorgen für eine höhere Heilungschance des Patienten. Ganz ersichtlich ist trotzdem nicht, warum bei Patient A die Heilung gelingt, Patient B hingegen nach einem Fehlschlag in Zukunft als Geist euer Hospital heimsucht - es sei denn, ihr habt einen Hausmeister angestellt, der bereits als Geisterjäger fortgebildet wurde.

Mechanisch wird das Spiel nie wirklich komplizierter als der oben genannte Vorgang. Ein Patient mit Krankheit X betritt das Gebäude, wird ins passende Zimmer verwiesen und dort entweder geheilt oder nicht. Hin und wieder kann es vorkommen, dass sich eure Ärzte nicht ganz einig sind, fortan liegt es in eurer Hand, ob ihr den Patient nach Hause schickt oder trotz geringerer Heilungschance weiter behandeln möchtet. Rund um diese Grundmechanik versucht ihr euer anfangs aufgebautes Hospital zu optimieren, eure Angestellten bei Laune zu halten oder sogar den einen oder anderen Preis bei den jährlich vergebenen Klinikawards einzuheimsen.

Theoretisch wird dem Spieler die Möglichkeit gegeben, ins Detail zu gehen: Man darf Bilanzen büffeln, die Klinik mit Bildern und anderen Dekoartikeln verschönern, Laufwege optimieren oder Mitarbeiterbiographien studieren, um versteckte Stärken und Schwächen zu entdecken. So ist mancher Arzt besonders unfreundlich zu den Patienten, während einer der Hausmeister ein Talent besitzt, seine Kollegen zu besserer Leistung zu animieren.


Two Point Hospital
Später im Spiel sind auch eindrucksvollere Klinikkomplexe möglich.


Mikromanagement für die Bedeutungslosigkeit



Leider - und das war schon bei Theme Hospital ein Problem - ist das alles sehr egal. Denn die größte Schwäche des Spiels ist zweifelsohne die schwache KI der Mitarbeiter und Patienten. Wozu soll ich denn ewig tüfteln, wo das neue WC gebaut wird, wenn Patienten es einfach nicht nutzen, obwohl die Blase kurz vor der Explosion steht? Warum soll ich Räume optimieren, wenn der effektivste Weg ist, die Klinik frühestmöglich auf das Maximum der möglichen Gebäude zu erweitern und mich anschließend mit genug Platz und Geld im Gepäck auszutoben?

Anfangs war ich noch besorgt, wenn mein Berater mir die Info gab, ein Patient verlasse nach 180 Tagen unzufrieden das Krankenhaus ohne getrunken, gegessen oder das WC genutzt zu haben - bis ich feststellen musste, dass eben diese meckernden Patienten gefühlte fünf Meter neben meinem liebevoll platzierten Snackautomat vor sich hin hungern. Ein anderer Patient fühlte sich dagegen genötigt, in meiner Station zu verweilen und das ihm zugewiesene Bett partout nicht aufzusuchen - die Heilung blieb ihm verwehrt, nach über einem Jahr auf Station verließ der Herr wütend mein Krankenhaus. Das könnte alles furchtbar frustrierend sein - wenn es nicht so konsequenzlos bliebe. Die Klinik läuft trotz alledem wie geschmiert, finanzieller Druck ist nach einer Weile kaum noch spürbar und aufs Klo tragen kann man die Patienten nunmal auch nicht.

Auch die zu Beginn interessanten Missionsaufgaben fordern den Spieler leider zu kurz oder zu selten - trotz unterschiedlichen Krankenhäuser, Standorte und Vorgaben kehrt schnell der Alltag ein. Die Konsequenz dessen ist, dass sich fast jede Mission ähnelt und die Spannung auf der Strecke bleibt.


Vergebene Klinikmüh' ...



Nach anfänglicher Freude über die tollen Animationen, den angenehmen Radiosender samt lustiger Kommentare und die sichtbare Liebe zum Detail machte sich so bei mir nach einer Weile etwas Frust breit. Natürlich macht es Spaß, neue Krankheiten zu erforschen, die besten Mitarbeiter zu beschäftigen und einen Sack voller Preise abzuräumen. Toll ist auch die Möglichkeit, eine bereits abgeschlossene Klinik mit neuen Gerätschaften erneut aufzusuchen und umzubauen.

Über die Schwächen in der Spieltiefe und den etwas kargen Spielumfang kann all dies jedoch nicht hinwegtäuschen. So bleibt Two Point Hospital leider etwas zu nah am spirituellen Vorbild, übernimmt quasi Eins zu Eins die Stärken und Schwächen und ist eher ein Spiel für zwischendurch, statt wochenlang an den Bildschirm zu fesseln.



Lichtspieler

Fazit von Steffen:

Ach Two Point Hospital, es hätte so schön sein können. Anfangs hatte ich wirklich viel Spaß, und auch jetzt investiere ich hin und wieder gerne mal eine Stunde. Mehr aber nicht - der Mangel an Spieltiefe, der fehlende Mut zur Innovation und die saudumme KI bewahren mich vor durchgespielten Nächten. Wer Theme Hospital mochte, darf einen Blick riskieren, ebenso empfehlenswert dürfte das Spiel für WiSim-Beginner sein.

Besonders gut finde ich ...
  • lustige Animationen
  • komfortabler Baumodus
  • viel Liebe zum Detail
  • legitimer Nachfolger von Theme Hospital
Nicht so optimal ...
  • nur ein einziger Spielmodus
  • Spielablauf wiederholt sich zu schnell
  • wenig Spieltiefe
  • Schwierigkeitsgrad dürfte höher sein
  • strunzdumme KI

Steffen hat Two Point Hospital auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von pressakey.com zur Verfügung gestellt.

Two Point Hospital - Boxart
  •  
  • Entwickler:Two Point Studios
  • Publisher:Sega
  • Genre:Simulation
  • Plattform:PC, PS4, Xbox One, Switch
  • Release:30.08.2018
    (Konsolen) 25.02.2020