The World Ends With You: Final Remix - Review
Ein tödliches Spiel mitten in den Straßen Tokios
Pulsierende Beats, coole Sprüche, Mode als Rüstung und der Joy-Con als Pointer: The World Ends With You ist nicht nur in seiner Originalversion für den Nintendo DS, sondern auch als "Final Remix" auf der Nintendo Switch ein außergewöhnliches Rollenspiel der etwas anderen Art. Über zehn Jahre nach ihrem ersten Auftritt sind Neku Sakuraba und Shiki Misaki also zurück, um im bizarren Spiel der Reaper erneut um ihre zweite Chance im Leben zu kämpfen - und das auf der Switch ohne zweiten Bildschirm und ohne Touchpen, dafür aber mit neuen Inhalten und aufgepeppter Optik.
Während die Bürger Tokios zu tausenden durch die Einkaufsstraßen Shibuyas schwemmen, Smartphones klingeln und sich grelle Leuchtreklamen in den Glasfassaden der Shopping-Malls spiegeln, findet im "Underground" ein bizarres Spiel um Leben und Tod statt. In dieser alternativen Dimension von Shibuya kämpfen Neku, Shiki, Beat und Rhyme Tag für Tag um eine zweite Chance im Leben. Wer eine Woche lang jeden Tag die Mission der Reaper, stets per SMS auf das Aufklapp-Handy geschickt, erfüllt, soll am Ende in die echte Welt zurückkehren dürfen; wer an der Mission oder dem Kampf gegen die gruseligen Noise - das sind die grotesken Monster, die den Unerground bevölkern - scheitert, wird vernichtet. Nur zu zweit lässt sich dieses Spiel gewinnen und nur wer die psychischen Kräfte der "Pins" effektiv für sich nutzen kann, hat im Kampf überhaupt eine Chance.Es ist Tag 5 in Shibuya. Ich zücke den rechten Joy-Con - nur den rechten Joy-Con -, wische, klicke und ziehe mit dem Pointer über den Bildschirm. Im Hintergrund pulsiert der Beat von "Calling", während ich Pinguinen, Wölfen und einem riesigen Grizzly mit lodernden Flammen, magischen Projektilen und Stromschlägen zeige, wer hier der King des Undergrounds ist.

Apokalypse mal anders: Die Welt endet in sieben Tagen und alles ist nur ein Spiel
Das ist The World Ends With You: ein abgedrehtes, bisweilen gar regelrecht abstruses, in jedem Fall ein höchst stylisches und stilsicheres, aber auch ein absolut außergewöhnliches Action-Rollenspiel, das nichts mit dem zu tun hat, was man sonst von Genre-Vertretern aus dem Hause Square Enix kennt. Vergesst Final Fantasy & Co., wenn ihr - wie ich - zum ersten Mal in dieses virtuelle Shibuya reist. Was die Entwickler von Kingdom Hearts hier erdacht haben, ist etwas ganz anderes und auch über zehn Jahre nach dem ersten Release etwas Unvergleichliches. In The World Ends With You (kurz: TWEWY) wird nicht in Runden, sondern in Echtzeit gekämpft, und zwar nicht mit Tastendrücken, sondern mit Bewegungs- bzw. Berührungssteuerung.
Die Welt ist auch keine typische Fantasy, sondern eher eine verzerrte Abbildung der Realität - zumindest so, wie sie damals anno 2007 war, denn im Jahr 2018 scheinen Aufklapp-Handys und SMS doch ein wenig veraltet. Auch Sprüche wie "What's a Meme?" und teilweise peinlicher Jugend-Slang mögen heutzutage ein wenig out-of-date sein. Das gilt jedenfalls für die englischsprachige Version - wer möchte, darf im Final Remix für die Nintendo Switch aber auch erstmals zur deutschen Übersetzung greifen.
Protagonist Neku wird also, um zurück zur Geschichte von TWEWY zu kommen, von einem Tag auf den anderen in den "UG" gespült, den Underground von Shibuya, eine alternative Dimension, in der das erwähnt tödliche Spiel stattfindet. Wer das Spiel meistert, indem er sieben Tage lang alle Missionen bewältigt, erhält eine zweite Chance im Leben. Die Fragen, die wir uns stellen, beschäftigen auch Neku: Wie kommt er in den UG? Wer sind diese "Reaper"? Was ist das für ein Spiel? Warum kann er sich an nichts erinnern? Was passiert nach dem siebten Tag? Auch nachdem er mit der sympathischen, aber auch etwas mysteriösen Shiki im Underground einen Partner gefunden hat, sind die Antworten noch weit weg. Tatsächlich versteht man vieles in TWEWY erst nach ein bis zwei Dutzend Spielstunden. Ganz langsam, Stück für Stück werden die Geheimnisse um das Spiel und den Underground gelüftet, bis schließlich nach etwa 20 bis 25 Stunden der Vorhang fällt und (fast) alle Fragen beantwortet sind.
Ich möchte an dieser Stelle keine Überraschungen vorwegnehmen und belasse es deshalb nur hierbei: Freut euch auf eine spannende Story und viele interessante Charaktere mit eigenen Persönlichkeiten und Hintergründen. Denn TWEWY dreht sich vor allem um Themen wie Freundschaft, Zusammenhalt und die Rolle, die man selbst in der Gesellschaft einnimmt. Und auch wenn Neku es anfangs noch nicht so richtig akzeptieren möchte: Auch ein Alleingänger wie er braucht jemanden an seiner Seite.


Vertraue deinem Partner
Das gilt ganz besonders im Underground, denn den grotesken Noise, die sich überall in Shibuya breit machen, könnte Neku alleine nicht einmal ein Haar krümmen. So sind die Regeln des Spiels der Reaper: Nur als Paar hat man eine Chance im Kampf.
Für die Originalfassung des Spiels damals auf dem Nintendo 3DS war das ein ganz wichtiger Aspekt, denn dort wurden beide Bildschirme für innovative "Splitscreen-Gefechte" genutzt, indem oben und unten jeweils eigenständige Kämpfe stattfanden - Neku und Shiki gehörten dabei jeweils ein Bildschirm. Auf der Nintendo Switch klappt das freilich nicht mehr, also hat Square Enix das Kampfsystem etwas überarbeitet (so mancher Kenner des Originals spricht wohl auch von einer Vereinfachung). Fortan steuert man also nur noch Neku direkt und kann Shiki über entsprechende Eingaben unterstützend in den Kampf rufen oder mit ihr gemeinsam spektakuläre "Fusion Combos" triggern, die dann wiederum alle Gegner auf dem gesamten Schlachtfeld treffen.
All das geschieht mit gerade einmal zwei Tasten und dem Pointer bzw. im Handheld-Modus dem Finger - und ist auf den ersten Blick ganz genauso chaotisch, wie es sich auf dem Papier schon anhört. Bewegen, Ausweichen, Shiki rufen, alle sechs möglichen Angriffe: Sämtliche Aktionen im Kampf liegen quasi ausschließlich auf der Pointer-Funktion. Stellt euch die Kämpfe am besten als eine Art "Point'n'Click" vor, indem man Neku durch entsprechendes Tippen oder Ziehen fortbewegt und gleichzeitig durch bestimmte Gesten vordefinierte Aktionen auslöst - je nachdem, welche "Pins" man gerade angelegt hat.

Gotta catch 'em all: Pin-Sammelwahnsinn mit nur einem Joy-Con
Pins geben die Fähigkeiten vor, die Neku im Kampf zur Verfügung stehen. So kann man etwa mit dem Pin "Sexy D" herumstehende Objekte greifen und auf Gegner schleudern. Oder mit dem Pin "Ice Blow" durch eine vertikale Linie einen riesigen Eiszapfen beschwören. Mit "Pamper Me Tether" kann ich zwei Stahlketten herbeizaubern, die Gegnern den Weg blockieren, und "Rakuyo" erlaubt Neku einen kräftigen Uppercut. Insgesamt gibt es über 250 Pins mit allerlei verschiedenen Fähigkeiten, jeweils aktiviert durch eine bestimmte Geste. Und alle Pins können in mehreren Levels verbessert werden und sich dabei oft in stärkere Versionen ihrer selbst verwandeln - das regt zum Sammeln und Kämpfen an wie sonst nur ein Pokémon.
Die Steuerung per Pointer oder Touch bedeutet, dass es auf den Schlachtfeldern von Shibuya entsprechend heiß (und chaotisch) hergeht, dass sich einige Gesten überschneiden oder sehr ähneln und man so gerade in hitzigen Kämpfen gegen mehrere schnelle Gegner durchaus mal die Kontrolle über das Geschehen verlieren kann. Dazu trägt auch das Effektgewitter bei. Aber unter dem Strich funktioniert die Steuerung trotz der fehlenden Präzision im Detail auch mit dem Joy-Con erstaunlich gut, im Handheld-Modus gleich nochmal eine Ecke besser - wenngleich keine der beiden Optionen an die Originalformel mit dem Touchpen heranreicht. Dafür sind die Gyro-Steuerung des Joy-Cons zu schwammig und der kapazitive Bildschirm der Switch zu ungenau. Die Switch-Version ist also definitiv mehr Kompromiss als Optimallösung. Ich persönlich kam aber nach einiger Übung so gut mit dem rechten Joy-Con (es braucht nur einen einzigen Joy-Con) zurecht, dass ich The World Ends With You nicht nur im TV-Modus angefangen, sondern es auch fast die gesamte Zeit dort gespielt und ohne großere Probleme beendet habe.
Apropos Probleme: Wer zunächst mit der Steuerung oder bestimmten Gegnertypen, vielleicht auch dem einen oder anderen Boss besonders zu kämpfen hat oder wem das Spiel partout zu leicht fällt, der kann die Schwierigkeitsstufe jederzeit anpassen - und das auf eine ziemlich clevere Weise. Denn nicht nur kann man die Schwierigkeit von "Easy" bis "Ultimate" (nach dem ersten Durchspielen freigeschaltet) vor und nach jedem Kampf nach Belieben verändern. Man kann auch Nekus Level stufenweise senken oder erhöhen und so auch einen Level-50-Helden in einen Level-1-Schwächling verwandeln. Dabei sinken zwar die HP, im Gegenzug erhöhen sich jedoch die Erfahrungspunkte und die Droprate. Richtig spannend wird die Mechanik erst dadurch, dass man auf verschiedenen Schwierigkeitsgraden unterschiedliche Noise antrifft, die wiederum gänzlich andere Beute hinterlassen. An bestimmte Pins gelangt man also nur, indem man immer wieder mit Schwierigkeitsgrad und Nekus Stufe hantiert - sehr cool.


Style and Substance
"Cool" ist auch ein gutes Stichwort, wenn es darum geht, Nekus und Shikis Ausrüstung zu verwalten. Natürlich trägt man im modernen Tokyo in Zeiten von Head- und Smartphones keine schweren Kettenpanzer oder Magiergewänder. In Shibuya ist Mode die Rüstung: Miniröcke, Kleider, Lederjacken, Armbanduhren, schicke Hüte, lässige Sportschuhe, sogar glitzernde Bauchnabel-Piercings bestimmen über Lebenspunkte, Angriff und Verteidigung, und eingekauft wird überall zu regulären Öffnungszeiten. Wer das Spiel der Reaper gewinnen will, kommt folglich um das Shoppen nicht herum. Aber auch abseits der Stats rentiert sich das Stöbern in den vielen Läden Shibuyas: Wer die Augen offenhält, stößt immer wieder auch auf neue Pins oder seltene Sticker, mit denen man zum Beispiel weitere Slots für das Pin-Deck freischalten kann. Erkundung lohnt sich!
Und noch etwas ist an The World Ends With You einfach nur schweinecool: sein Style. Auch wenn es seinen Ursprung auf dem Nintendo DS hatte und damit an manchen Stellen trotz HD-Lifting etwas veraltet aussehen mag (gerade was die Menüs angeht), sind die Zeichnungen von Charakteren und Gegnern schlichtweg fantastisch. Diese stammen übrigens teilweise von Tetsuya Nomura, der vielen als Character Artist der Final-Fantasy-Serie bekannt sein dürfte. Mir haben es vor allem die Zeichnungen der animalischen Gegnertypen von Kaulquappen über Fröschen bis hin zu riesigen Haien, Drachen und Nashörnern angetan, die stets mit einer Art Neon-Tätowierung überzogen sind und TWEWY damit einen einzigartigen, unverwechselbaren Stil verleihen.
Und selbstverständlich muss ich zum Abschluss auch noch den Soundtrack hervorheben, der mit einer Mischung aus Elektro- und Hip-Hop-Beats quasi die perfekte musikalische Begleitung stellt. Egal ob "Calling", "Long Dream" oder "Give Me All Your Love" - die zumeist mit englischen Lyrics versehenen Tracks von Takeharu Ishimoto sind so gut, dass sie bei mir während des Schreibens dieser Review quasi in Dauerschleife im Hintergrund laufen. Kenner des Originals wird es dabei freuen, dass man alternativ zu den neuen Remixes auch jederzeit zum Original-Soundtrack wechseln kann, der mindestens ebenso gut ist. Bei diesem Soundtrack ist es wahrlich kein Wunder, dass Neku ständig nur mit Kopfhörern zu sehen ist und "Phones" genannt wird.
Fazit von Tim:
Ein paar Stunden hat es gedauert, bis ich mich mit der ungewöhnlichen Steuerung mit nur einem Joy-Con anfreunden konnte - dann hat es allerdings sofort "Klick!" gemacht und ich habe mich in dieses bizarre, abgedrehte, aber einfach nur sympathische Action-Rollenspiel verliebt. Für mich war es die erste Begegnung mit The World Ends With You und auch wenn so mancher Kenner der Nintendo-DS-Originalfassung das veränderte Kampfsystem und die Joy-Con-Steuerung wohl als faule Kompromisse abtun würde, hat für mich als Neuling in Shibuya alles ziemlich gut funktioniert.
TWEWY ist vor allem deshalb etwas Besonderes, weil es gerade im Hause Square Enix eine krasse Abkehr von alldem ist, was dort sonst an Japan-Rollenspielen erdacht wird - und auch heute gibt es da draußen nichts, was auch nur halbwegs vergleichbar wäre. Das Spiel der Reaper hat mich großartig unterhalten und mich trotz der letzten fehlenden Präzision im Kampf mit seiner tollen Pin-Mechanik, der packenden Geschichte, den liebenswerten Charakteren und nicht zuletzt dem famosen Soundtrack über rund 20 Stunden an die Nintendo Switch gefesselt. Und nun wird es Zeit für den richtigen Nachfolger, den Creative Director Tetsuya Nomura ja schon seit Jahren andeutet!
Pulsierende Beats, coole Sprüche, Mode als Rüstung und der Joy-Con als Pointer: The World Ends With You funktioniert trotz fehlender Präzision im Kampf auch auf der Nintendo Switch sehr gut und überzeugt auch im Jahr 2018 mit seiner packenden Geschichte und dem unvergleichlichen Stil - egal, ob man das Abenteuer im TV- oder Handheld-Modus erlebt.
- packende Geschichte, die sich Stück für Stück offenlegt
- tolle Charaktere auf beiden Seiten (Spieler und Reaper)
- unvergleichlicher Style, vor allem beim Gegnerdesign
- immer noch innovatives Kampfsystem á la Point'n'Click
- Sammelwahn: hunderte verschiedene Pins mit Evolutionen
- interessantes Schwierigkeitssystem mit Level-Abstufung
- famoser Soundtrack, der Electro und Hip-Hop kombiniert
- witziges optionales Arcade-Minispiel Tin Pin Slammer
- sowohl im Dock als auch mobil Präzisionsprobleme
- ständiger Zwang zum Rekalibrieren des Joy-Cons
- kurzes neues Story-Kapitel schwer freischaltbar
Tim hat The World Ends With You: Final Remix auf der Nintendo Switch gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt.

