Far Cry: New Dawn - Review

Keine zwölf Monate ist es her, seit ich in Hope County Recht und Ordnung etablieren wollte. Das "Project at Eden's Gate" um Anführer Joseph Seed wurde kurzerhand zu Kleinholz verarbeitet, alle Lager der Gruppierung ausgelöscht und die Fanatiker in ihre Schranken gewiesen - nur damit ich dann gegen Ende ziemlich verduzt vor dem Rechner saß und mir die Stirn reiben musste. Das turbulente Ende von Far Cry 5 war also nur Vorgeplänkel für das, was nun kommen sollte. Far Cry: New Dawn bietet mehr vom Alten und Bekannten - verzichtet aber auf große Neuerungen.

17 Jahre nach dem Zusammenbruch der Menschheit finde ich mich an Bord eines Zuges wieder. In Far Cry: New Dawn übernehme ich die Rolle eines Veterinärs, der mit anderen Gleichgesinnten durch das zieht, was ehemals als USA bezeichnet wurde. Wo auch immer wir auf Menschen treffen, helfen wir, Unterkünfte zu errichten, Nahrung anzubauen und den Kindern von Morgen eine bessere Zukunft zu schaffen. Das hat bisher auch immer wunderbar funktioniert, doch dann macht unsere Lok abrupt Stop in Hope County. Dieses Gebiet wird von den sogenannten Highwaymen kontrolliert und die finden es gar nicht toll, dass hier plötzlich Leute mit guten Vorsätzen durch die Gegend flanieren. Nach kurzem Schlagabtausch und einem Gespräch mit den beiden Anführerinnen der Gruppierung, den Schwestern Mickey und Lou, werde ich auch schon in die aus anderen Teilen der Serie bekannte offene Welt entlassen. Und das "bekannt" ist hier wörtlich zu nehmen.


Far Cry 5: New DawnFar Cry 5: New Dawn
Bei menschlichen Gegnern variiert das Spiel wenig. Tierische Widersacher haben da schon eine breitere Palette zu bieten.


Mehr vom Gleichen



Zuflucht finde ich in der Ortschaft Prosperity, in der sich einige Überlebende der bombenindizierten Post-Apokalypse zusammengerauft haben, um ein neues Leben zu beginnen. Diese Gemeinde bildet das Zentrum des Spiels, in welches ich immer wieder zurückkehre und von wo aus viele Missionen starten. Ähnlich wie in Far Cry Primal kann ich Häuser und Einrichtungen upgraden, um mehr Fahrzeuge freizuschalten, meine KI-Kompagnons zu verbessern oder Waffen aufzuleveln. Dafür brauche ich aber Ethanol, eine der wichtigsten Ressourcen in New Dawn. Diese flüssige Währung wächst jedoch leider nicht auf Bäumen, sondern will den bösen Highwaymen mit List und Tücke (oder wahlweise großem Arsenal) aus der Tasche gezogen werden. Am meisten davon kann ich beim Übernehmen feindlicher Basen erbeuten, ebenfalls bekannt seit Far Cry 3. Dieses Mal darf ich mich aber dafür entscheiden, bereits befreite Außenposten wieder von den Highwaymen annektieren zu lassen, um sie später für eine höhere Belohnung erneut kleinzuschießen. So kommt genug Ethanol zusammen, um nach 6-8 Spielstunden meine Waffen auf der höchsten Stufe zu haben.

New Dawn setzt nämlich als erstes Far Cry auf einen seichten RPG-Ansatz (abgesehen von den bisher vertretenen Skill-Trees). Das kann man finden, wie man will. Mir persönlich hat die Mechanik nicht sonderlich zugesagt. Gegner werden nun in vier Stärke-Kategorien eingeteilt: Leicht (grau), Mittel (blau), Schwer (lila) und Legendär (gelb). Stehe ich also mit einer Level-1-Schrotflinte vor einem Level-3-Gegner, kann der Kugeln fressen wie bekloppt und bekommt nur marginalen Schaden zugefügt - obwohl er oberkörperfrei durch die Weltgeschichte rennt. Habe ich aber eine Level-3-Knarre, fällt der Kollege nach zwei Treffern zu Boden. Ahja ....

Abgesehen davon wurde alles zum Spiel schon in den Reviews zu älteren Teilen erzählt. Die Spielmechaniken, das Gunplay, Waffen, Gegner, Guns/Fangs for Hire, Fahrzeuge - alles dasselbe. Dass es sich hier quasi nur um ein Spin-Off von Far Cry 5 handelt, merkt man durchaus an einigen Abstrichen gegenüber der Vorlage. Die gecrafteten Waffen zum Beispiel sind nun fix, im Sinne von "gekauft wie gesehen". Ein nachträgliches Anbringen von Schalldämpfern, das Ändern der Lackierung oder ein größeres Fernrohr sind nicht möglich. Fliegerasse werden leider mit nur drei Helikoptern abgespeist. Flugzeuge wurden komplett gestrichen. Und die KI haben sie wohl aus den frühen 90er Jahren recycelt.

Selten habe ich mich über meine computergesteuerte "Unterstützung" so aufregen müssen. Die stottern wild durch die Gegend, stehen zwei Meter von ihrem Ziel entfernt und eröffnen partout nicht das Feuer oder lassen meinen Versuch, ein Lager ungesehen zu infiltrieren, mit einer dicken Explosion auffliegen. Auch wurden sie mehrfach in einigen Kilometern Entfernung gespawnt, starben dort und wollten schnell von mir wiederbelebt werden, was aufgrund der Distanz einfach nicht machbar war. Danke für nichts! Mit Ausnahme von Timber, dem hilfsbereiten Hund. Der bringt nämlich auch Munition bei und markiert Feinde für mich. Ja, wer ist ein braver Junge? Du bist ein braver Junge!


Far Cry 5: New Dawn
Das Übernehmen feindlicher Stützpunkte ist dank dem tierischen Neuzugang Timber deutlich einfacher.


In jeder Hinsicht Mittelmaß



Dieser Punkt zieht sich tatsächlich durchs komplette Spiel. Die meisten Begleiter taugen nichts, aber ein, zwei sind ganz okay. Die Story ist recht gut, hätte aber viel weiter ausgebaut werden können. Die verschiedenen Charaktere, die man im Spielverlauf trifft, wirken zu Beginn ganz interessant, haben aber keine wirklich herausstechende Persönlichkeit oder bleiben gar länger im Gedächtnis. Dazu zählen leider auch die beiden Antagonisten Mickey und Lou, von denen ich mir durchaus mehr erwartet habe. Und für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Auch Joseph Seed feiert ein Comeback. Doch dessen Eskapaden sollte jeder selbst erleben.

Angeln und Jagen kennt man ebenfalls aus dem letzten Teil, machen aber wegen der abgespeckten Variante wenig Sinn und bringen kaum spielerischen Vorteil. Auch in New Dawn werde ich wieder unter Drogen gesetzt und sehe die Welt verschwommen oder voller Halluzinationen. Das ist ein Mal unterhaltsam, doch dann nervt es tierisch. Dazu kommt die recycelte Karte aus dem Vorgänger. Die macht aber tatsächlich den größten Charme des Spiels aus und ist vor allem für Kenner voll mit Anspielungen auf Far Cry 5. Es gibt sogar eine Questreihe, bei der ich alte Fotos mit der neuen Landschaft vergleichen musste. Eine schöne Spielerei.

Abgesehen davon sieht man auch einige Bekannte aus dem Vorgänger wieder, die die nukleare Katastrophe überlebt haben. Der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen, was den Querverweis sehr unterhaltsam gestaltet. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Neueinsteiger durchaus ihre Probleme mit New Dawn haben könnten. Denn abseits der Anspielungen und Verbindungen zu Far Cry 5 steht hier nur ein weiterer Open-World-Shooter von Ubisoft auf dem Programm.


Far Cry 5: New DawnFar Cry 5: New Dawn
Rein optisch macht New Dawn durchaus einiges daher. Leider kann der Rest da nicht ganz mithalten.


Die offene Welt wird immerhin durch sogenannte Expeditionen aufgelockert. Bei diesen "Forschungsreisen" bringt mich ein Pilot mittels Heli an unterschiedliche Orte Amerikas, wo ich seltene Rohstoffe wie zum Beispiel Schaltkreise plündern kann - die sind vor allem für die höherstufigen Waffen notwendig. Also durchsuche ich die Gefängnisinsel Alcatraz, einen Vergnügungspark oder ein abgestürztes Militärflugzeug nach brauchbarem Schrott und muss dann schleunigst von dort verschwinden. Die angesprochene Crafting-Mechanik bezieht sich glücklicherweise auf einige wenige Rohstoffe, die überall in der Spielwelt verteilt zu finden sind. Zahnräder und Federn zum Bau von Fahrzeugen oder Waffen gibt es vor allem in alten Bunkern zuhauf. Doch um dort hinzukommen, muss man den Schatz erst einmal finden und kleine Rätsel lösen - das ist quasi die New-Dawn-Variante zu den Prepper-Verstecken aus Teil 5. Die Bunker sind auch allesamt gut gelungen und machen durchweg Spaß.


Was bleibt nach dem Untergang?



Alles in allem handelt es sich bei Far Cry: New Dawn wieder um einen soliden Shooter mit ansehnlicher Grafik. Das Trefferfeedback ist gelungen, auch wenn die gescripteten Animationen oftmals steif wirken. Das Chaos am Wegesrand beim Erkunden der offenen Welt kommt nicht zu kurz und nach etwa 15 Spielstunden kann man die Credits über den Bildschirm fliegen sehen. Ubisoft hat auch dieses Mal wieder einen Shop für kosmetische Upgrades oder schnelleres Farmen von Ressourcen eingebaut, welcher aber getrost ignoriert werden kann - ganz anders als noch in Assassin's Creed Odyssey, wo man, ohne Echtgeld in die Hand zu nehmen, ja quasi zum Grinding gezwungen wurde.

Mehr Spaß macht die Ballerorgie aber natürlich mit Freunden. Dank des integrierten Koop-Modus könnt ihr wieder zu zweit Unheil stiften. Alle Missionen stehen hier zur Verfügung, wobei wie auch im Vorgänger lediglich der Host den Story-Fortschritt einheimst. Koop-Partner dürfen nur Loot und die Erfahrung ins eigene Spiel übernehmen. Für zwischendurch ist der neueste Ableger also vor allem für Serienveteranen geeignet.



Energiekuchen

Fazit von Tobias:

Wer mit Far Cry 5 viel Spaß hatte, wird New Dawn durchaus zu schätzen wissen. Das gewohnt gute Gunplay und die traditionelle offene Welt funktionieren für das Chaos auf den Straßen von Hope County auch dieses Mal. Auch die ganzen Querverweise auf Teil 5 bzw. Easter Eggs zu anderen Ubisoft-Spielen sind gut platziert und animieren zum Weiterspielen. Das war es dann aber auch schon.

Nach weniger als einem Jahr gleich den nächsten Ableger hinterher zu pfeffern, hat eben auch seine Nachteile. Besonders die künstliche "Intelligenz" und die flachen Charaktere haben mir den Spielspaß schnell verhagelt. Der Vorwurf des Recyclings kommt nicht von ungefähr, auch wenn Ubisoft an einigen Ecken und Kanten gefeilt hat. Die farbenfrohe und pink angemalte Postapokalypse dieses Sequels muss sich in wenigen Monaten mit RAGE 2 messen, welches in etwa das gleiche Setting bietet. Schauen wir mal, wie sich New Dawn dann in der Retrospektive hält. Gebraucht hätte es dieses Spin-Off in meinen Augen jedenfalls nicht, denn den Sequel-Charme wie damals bei Primal erreicht New Dawn bei Weitem nicht.

Besonders gut finde ich ...
  • wer einfach mehr Far Cry möchte, wird hier bedient
  • sehr hübsche Grafik mit "Aha"-Momenten
  • mannigfache Anspielungen und Easter Eggs für Kenner
  • die Expeditionen machen Spaß und sorgen für Nervenkitzel
  • Chaos am Wegesrand sorgt weiterhin für wahnwitzige Aktionen
Nicht so optimal ...
  • miese KI mit Fremdschämpotential
  • Steuerung teilweise arg hakelig
  • uninteressante Gegner
  • man hätte deutlich mehr aus der Story machen können
  • ohne Hintergrundkenntnisse gehen für Neueinsteiger viele Details verloren
  • seichte RPG-Mechanik wurde arg seltsam implementiert

Tobias hat Far Cry: New Dawn auf der PlayStation 4 Pro gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

Far Cry: New Dawn - Boxart
  •  
  • Entwickler:Ubisoft
  • Publisher:Ubisoft
  • Genre:Action-Adventure
  • Plattform:PC, PS4, Xbox One
  • Release:15.02.2019

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Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: ATeC ... und 4 Gästen.
  • Darius
    #1 | 5. März 2019 um 13:07 Uhr
    Das hatte sich wohl irgendwie abgezeichnet. Dass durch die miese KI dann aber auch noch ein Stück weit der "gute Shooter"-Effekt flöten geht, ist natürlich schade. Fand leider auch schon Far Cry 5 nicht sonderlich berauschend, weil es am Ende doch nur auf das Abarbeiten der Missionen hinauslief und so typisch Ubiworld daherkam - wenn auch wohl gegenüber den Vorgängern abgemildert. Abgesehen vom Ende fand ich die Story auch eher lahm und vorhersehbar.

    Hab zuvor jedoch auch nur Far Cry 4 aus der Reihe gespielt, das fand ich seinerzeit schon nice - Primal eher weniger, den dritten Teil wollte ich eigentlich noch nachholen -, aber das mit dem Bösewicht-Konzept wirkt mittlerweile auch etwas ausgelutscht. Schön anzuschauen sind die Welten natürlich schon immer, auch wenn Hope County jetzt gegenüber dem Pazifik und Kyrat durch das Vertraute eher abfällt. Mal schauen, was Ubisoft sich für den nächsten großen Teil ausdenkt.
  • Tim
    #2 | 7. März 2019 um 22:28 Uhr
    Far Cry 3 war für mich "damals" noch so ein fantastisches Spiel, ich habe das richtig geliebt. Auch Far Cry 4 war toll und hat mir vom Setting her noch ein bisschen besser gefallen. Von Blood Dragon ganz zu schweigen, dessen Soundtrack ich heute noch gerne höre. Aber dann ging es so schnell abwärts ...

    Primal war mein letztes FC und konnte ich schon nicht mehr zu Ende spielen, weil mich das immergleiche Prinzip derart gelangweilt hat. Teil 5 habe ich dann schon gar nicht mehr angefasst. Und jetzt ist hier New Dawn, das kaum was zum Positiven verändert, sondern mit Gegnerlevels (!!!) noch größeren Unfug einführt. Far Cry ist wohl das neue Assassin's Creed. Beide habe ich früher echt geliebt, jetzt rühre ich sie nicht mal mehr an   

    Dafür freue ich mich auf RAGE 2, das wirkt im Vergleich doch frischer - wenn auch nicht ganz so bunt.

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