X-Morph: Defense - Review

Lodernde Flammen, schreiende Frauen und Kinder, Städte liegen in Trümmern: Auf der Erde tobt ein Krieg. Menschen gegen feindliche Invasoren aus dem All - nur einer kann gewinnen. Und damit das auch die richtige Seite ist, nehme ich die Nintendo Switch in die Hand, ziehe Geschütztürme und Laserzäune hoch und ballere mit meinem Raumschiff die Panzer nieder, die von allen Seiten auf das Zentrum der Karte zusteuern. Moment mal, Panzer? Sollten nicht die Menschen die Guten sein? Nicht in X-Morph: Defense - hier unterstütze ich die Aliens bei ihrer Eroberung der Erde.

Mehr oder weniger per Zufall bin ich auf X-Morph: Defense gestoßen, als es kürzlich für die Nintendo Switch veröffentlicht wurde. Die originale Version für PC, PlayStation 4 und Xbox One ist zu ihrem Release vor gut anderthalb Jahren völlig an mir vorbei gegangen. Dabei ist das eigentlich kurios, denn das ungewöhnliche Konzept des Spiels passt genau in mein Beuteschema. Tower Defense trifft auf Arcade-Shooter á la Bullet Hell - wie könnte ich als jemand, der viele Dutzend Stunden in den TD-Mods von Starcraft II und Warcraft III versenkt hat und auch immer mal wieder eine Runde Super Stardust oder Geometry Wars startet, da Nein sagen? Dass man dann auch noch in die Rolle der Aliens schlüpfen und die Erde erobern darf anstatt die Menschen zu verteidigen, ist die Kirsche auf dem Kuchen. Zumindest im Spiel kann man auch mal böse sein.


X-Morph: Defense
In Welle 1 geht es noch ruhig zu, aber schon bei 3 und spätestens bei 6 brennt und kracht es an allen Fronten.


Angriff ist die beste Verteidigung



Mehr gibt es zum Drumherum dann auch nicht mehr zu erzählen: Aliens landen auf der Erde, die Menschheit schlägt mit allem, was die Rüstungsindustrie zu bieten hat, zurück. Die etwas zu langen und auf Dauer immergleichen Intro-Sequenzen der insgesamt 14 Story-Missionen hätte man sich dabei schenken können, denn am Ende kommt es sowieso nur auf eines an: den Kern im Zentrum der Karte zu beschützen, welcher dem Planeten langsam die Energie absaugt. Während die Menschheit also leichte und schwere Panzer, Hubschrauber, Jäger und Bomber, Infanterie mit und ohne Jetpacks, Artilleriegeschütze, Spähfahrzeuge und mobile Reparaturwägen in Richtung der Kartenmitte schickt, platziere ich mit den vorhandenen Energie-Ressourcen Türme und Zäune aller Art, um die feindlichen Kolonnen in einem möglichst komplizierten Labyrinth vom Kern fernzuhalten. Dabei lassen sich alle Türme, sofern sie nah genug beieinander stehen, ohne Kosten per Laserbarriere verbinden.

Es ist eine einfache Rechnung: Je länger der Weg für die feindlichen Einsatzkräfte, umso mehr Zeit habe ich, sie ins Kreuzfeuer zu nehmen. Im Optimalfall setze ich die Türme dann so, dass sie den Feinden an mehreren Routen und Stellen einheizen können. Es kommt also auf eine geschickte Strategie und vorausschauendes Denken an. Das Prinzip ist schnell verinnerlicht und wer schon ein bisschen Erfahrung im Genre hat, findet sich sowieso sofort zurecht - das Rad erfindet X-Morph schließlich nicht neu.

Einfach wird es aber trotzdem nicht, denn schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad ist das Spiel eine echte Herausforderung. Feindliche Einheiten rücken in mehreren Wellen von allen Seiten an, die Missionskarte verändert oder erweitert sich teilweise von Welle zu Welle radikal, immer wieder müssen Türme abgebaut und woanders neu hochgezogen werden. Besonders knifflig wird es am Ende mancher Missionen, wenn ein Boss, beispielsweise ein gigantisches Flugzeug mit Gebäude zerfräsenden Lasern oder ein spinnen-artiger Riesenroboter mit mehreren Beinen, den Kern zu zerschmettern droht und sich einfach über die Regeln meines Labyrinthes hinwegsetzt - da musste ich schon einige Male zittern. Tower Defense ist grundsätzlich zwar kein Genre, das besonders viel Vielfalt in seinen Mechaniken erlaubt - aber X-Morph: Defense spielt so clever mit Gegnertypen und Kartendesign und führt die verschiedenen Elemente in genau dem richtigen Tempo ein, sodass sich keine Mission wie die andere anfühlt. Toll!


X-Morph: DefenseX-Morph: Defense
Nur wer lange und komplizierte Labyrinthe mit vielen Angriffspunkten baut, kann die Kolonnen vom Kern fernhalten.


Welcher Turm muss an welche Stelle?



Chaos ist bei der Verteidigung des Kerns vorprogrammiert, nicht zuletzt natürlich deshalb, weil die Zahl an Türmen, Barrieren und Feinden mit jeder Welle größer wird. Ruhepausen gibt es deshalb auch nur zwischen den Wellen: Hier zeigt das Spiel mit verschiedenfarbigen Linien auf, welchen Pfaden welche Einheiten folgen werden - und je nachdem, wie ich meine Türme platziere, ändern sich die Routen entsprechend. Vor jeder Mission kann man sich dabei für Turmarten und Fähigkeiten entscheiden, die man mit in den Kampf nehmen möchte. Luftabwehrgeschütze mit hoher Feuerrate sind unabdingbar, wenn die Menschheit mit schnellen Hubschraubern anrückt - aber um den großen, langsameren Bombern beizukommen, sollten mit Lasersystemen schon stärkere Türme her. Die kosten aber wiederum doppelt so viel Energie - und sollten deshalb so platziert werden, dass sie möglichst nicht nur eines, sondern gleich mehrere Luftgeschwader erreichen und bestenfalls zerstören können.

Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Blockaden, verlängerten Wegen und schweren, fortgeschrittenen Türmen. Und das kostet nicht nur Anstrengung, sondern auch Zeit: Ich habe für jede Mission durchschnittlich etwa eine Stunde gebraucht. Da kommt es natürlich gelegen, dass X-Morph nach jeder Welle automatisch speichert und sich damit auch perfekt für das Gaming To Go der Nintendo Switch eignet. Im Handheld-Modus habe ich wie schon bei Wargroove sogar die meiste Zeit verbracht, denn auch wenn auf dem kleineren Bildschirm hin und wieder die Übersicht leidet, sind Performance und Grafikqualität beeindruckend - die Bildrate bricht selbst beim größten Effektgewitter im Mobilbetrieb nur in wenigen Fällen ein. Auf dem großen Fernseher sieht das Spiel nochmal eine Ecke schicker aus, vor allem die Physik beim Einsturz von Gebäuden und Auseinanderfallen von Einheiten gefällt sehr. Und natürlich passt X-Morph hervorragend auf die Switch, denn das Genre bietet sich einfach an für die schnelle Runde zwischendurch im Zug, auf der Couch oder im Bett vor dem Schlafengehen.


X-Morph: DefenseX-Morph: Defense
Die Bosskämpfe sind die Höhepunkte der 14 Missionen, welche man auch zu zweit im Splitscreen bestreiten darf.


Twinstick-Shooter lassen grüßen



So weit, so schön - aber was hat das alles nun mit Bullet Hell zu tun? Die Antwort liegt in dem Raumschiff, das man als Spieler über das Schlachtfeld steuert. Das kann nämlich nicht nur Türme hochziehen und abreißen, sondern auch wie in einem Super Stardust selbst in alle Richtungen feuern und wird von den feindlichen Einheiten ebenfalls aufs Korn genommen. Man muss also nicht nervös vor dem Bildschirm sitzen und dabei zuschauen, wie die Kolonnen durch das Labyrinth auf den Kern zusteuern, sondern kann aktiv eingreifen und die Türme bei ihrer Verteidigungsarbeit unterstützen.

Tiefe kommt dabei durch verschiedene Waffen und passive Skills hinzu. Und man kann die Einzelteile, zu denen die Panzer und andere Gerätschaften zerlegt werden, mit dem Raumschiff während des Kampfes aufsammeln, um sie in der kommenden Runde als Energie für weitere Türme zu recyceln. So ist X-Morph: Defense unter dem Strich in der Gewichtung zwar mehr Tower Defense als Arcade-Action - aber diese zusätzliche Komponente ist eine coole und sinnvolle Ergänzung und hat mir über die ganze Spielzeit richtig viel Spaß gemacht.


Was sind das denn für graue Kacheln?



Eingangs habe ich es ja schon kurz angesprochen: X-Morph: Defense ist kein neues Spiel, sondern auf der Nintendo Switch "nur" eine Umsetzung, knapp anderthalb Jahre nach dem Erstrelease für andere Plattformen. Es ist mir deshalb auch ein Rätsel, wieso die Download-Inhalte wie "European Assault" und "Survival of the Fittest", die das Spiel um weitere Missionen und einen - wer hätte es gedacht? - Survival-Modus erweitern, nicht gleich mitgeliefert werden, sondern separat erworben werden müssen. Nun ist es nicht so, als wäre das Hauptspiel für den veranschlagten Preis nicht schon umfangreich genug, aber dass direkt zum Launch auf der Switch mehrere DLC-Pakete angeboten werden, finde ich bei einer späten Umsetzung etwas enttäuschend.

Dafür stimmt die Qualität der Zusatzinhalte: Für wenige Euro erhält man weitere Aufträge mit brandneuen Karten, Gegnertypen und Features. Auf der Finnland-Map in "European Assault" feuern die Verteidiger der Erde zum Beispiel in unregelmäßigen Abständen Orbitalraketen ab, welche meine Türme für einige Sekunden einfrieren und nutzlos machen. Hier musste ich erst einmal umdenken, denn bislang war ich ein Freund von möglichst komplex konstruierten Labyrinthen auf engstem Raum - diese Taktik hilft in Finnland nicht mehr weiter. Wer das Hauptspiel mag, kommt mit den DLC-Paketen auf jeden Fall auf seine Kosten.

Eine letzte Kritik gebührt auch der Gestaltung des Hauptmenüs, welches von fünf Kacheln vier als gesperrte DLC-Inhalte ausgraut und in einem weiteren Button daneben nochmals auf den Nintendo eShop hinweist. Bei meinem ersten Start des Spiels dachte ich, es handele sich um freischaltbare Inhalte, auf die ich erst nach ein paar Story-Missionen Zugriff habe.



Tim

Fazit von Tim:

Damit hatte ich nicht gerechnet: X-Morph: Defense ist ein großartiger Hybrid aus Tower Defense und Arcade-Action und gerade auf der Nintendo Switch dank Gaming To Go ein echter Zeitfresser. Weit über 15 Spielstunden hat mich die Eroberung der Erde samt den DLC-Paketen beschäftigt und auch nach dem Ende schaue ich immer wieder gerne in das Spiel hinein, um bereits absolvierte Missionen noch einmal auf höheren Schwierigkeitsgraden zu versuchen. Ich hätte nicht gedacht, dass sich der Twinstick-Shooter so nahtlos in das etablierte Tower-Defense-Rezept integriert. Auch wenn X-Morph das Genre natürlich unter dem Strich nicht neu definiert, fühlt es sich doch sehr unverbraucht an und hat mich mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, dem sehr guten Kartendesign und vor allem den spannenden Bosskämpfen von Anfang bis Ende überzeugt.

Der einzige echte Kritikpunkt ist die DLC-Politik, denn gerade bei einer verspäteten Umsetzung hätten die Zusatzinhalte in meinen Augen schon im Paket enthalten sein sollen - und über die fies platzierten ausgegrauten Kacheln im Hauptmenü, die mir schon beim Spielstart unter die Nase reiben, was mir doch alles zur vollständigen Spielerfahrung fehlt, habe ich mich richtig geärgert. Das ist allerdings schnell vergessen, wenn man erstmal im Effektgewitter der Schlacht versinkt und Turm um Turm und Zaun an Zaun platziert, um die anrückenden Kolonnen an Panzern aufzuhalten. X-Morph: Defense ist für mich das bislang beste Tower-Defense-Spiel für die Nintendo Switch!

Tower Defense trifft auf Arcade-Action - und die Mischung geht auf: X-Morph: Defense begeistert mit schicker Präsentation, packenden Schlachten und einem hervorragenden Kartendesign auch auf der Nintendo Switch.

Besonders gut finde ich ...
  • Tower Defense und Arcade-Action ergänzen sich prima
  • spektakuläre Schlachten mit variierenden Gegnerwellen
  • sehr gutes Kartendesign mit viel Raum zur Gestaltung
  • ausreichend große Vielfalt an Türmen und Skills
  • coole Bosskämpfe lockern die Kern-Verteidigung auf
  • schon auf mittlerem Schwierigkeitsgrad anspruchsvoll
  • alle Missionen auch im Splitscreen zu zweit spielbar
  • auch auf der Switch gelungene Physik und Performance
  • bequemes und faires automatisches Speichersystem
Nicht so optimal ...
  • im Mobilbetrieb leidet die Übersicht teilweise stark
  • im Hauptmenü DLC-Werbung mit Holzhammer-Methode
  • gelegentliche, verschmerzbare Einbrüche der Bildrate
  • lange Ladezeiten beim ersten Start einer Mission

Tim hat X-Morph: Defense auf der Nintendo Switch gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Exor Studios zur Verfügung gestellt.


X-Morph: Defense - Boxart
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  • Entwickler:EXOR Studios
  • Publisher:Exor Studios
  • Genre:Action-Strategie
  • Plattform:PC, PS4, Xbox One, Switch
  • Release:30.08.2017
    (Switch) 22.02.2019

Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: 3 Gästen.
  • Darius
    #1 | 6. März 2019 um 18:55 Uhr
    Oha, "das bislang beste Tower-Defense-Spiel für die Nintendo Switch". Klingt ziemlich gut. Erinnert mich optisch an die Anomaly-Spiele von 11bit [Anomaly 2 - Gameinfos & Review | pressakey.com], die seinerzeit auch das Konzept etwas umgedreht haben und ein Tower-Offense-Spiel daraus gemacht haben. Die waren auch sehr kurzweilig (und würden sich heute sicherlich auch gut auf der Switch machen).
  • Philipp
    #2 | 7. März 2019 um 09:31 Uhr
    ANOMALY war von den Screens her auch mein erster Gedanke  Halte das mal im Auge, sieht spaßig aus und Tower Defense ist gerade unterwegs immer fein.

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