Baba Is You - Review
Wissen, wer der Baba ist
Regeln machen nicht immer Spaß, aber sie verleihen unserem Leben Struktur - und auch Videospiele könnten ohne sie nicht funktionieren. Auch wenn man bei all der Grafikpracht moderner Produktionen gerne mal vergisst, dass hinter der Fassade ein hochgradig komplexer Code steckt: Letztlich bewegen wir uns in allen Spielen von Tetris bis God of War nur in demjenigen Raum, den uns die Regeln des Spiels zugestehen. Das gilt auch für Baba is You. Doch hier gibt es einen Twist: Man kann die Regeln jedes Levels buchstäblich auseinandernehmen und auf den Kopf stellen.
Die Regeln des ersten Levels sind denkbar simpel und schnell verstanden: Baba is You. Wall is Stop. Flag is Win. Rock is Push.Ich könnte also, wie es das Spiel schon vorschlägt, die Steine verschieben ("Rock is Push"), dann mit Baba, diesem kleinen weißen Wesen, das ich steuere ("Baba is You"), durch die entstandene Lücke huschen und schließlich die Flagge berühren - schon hätte ich das Level gemeistert ("Flag is Win"). Warum erwähne ich die Regeln hier noch ein zweites Mal? Weil man das Level auch ganz anders lösen kann - und besser als mit diesem GIF lässt sich das Spiel auch kaum beschreiben. Denn indem ich die ersten beiden Regeln nach links und dann WALL nach oben schiebe, steht da plötzlich "Wall is You", und mit jeder Bewegung des Sticks bewegen sich alle Mauerblöcke auf dem Spielfeld, denn ich bin nicht mehr Baba, sondern die Mauer. Und zwar die ganze Mauer.

Regeln sind dazu da, um gebrochen aufgehoben zu werden
Das ist nur ein klitzekleines Beispiel für das kongeniale Spielkonzept, welches Baba is You in über 200 Levels auslotet. Hinter jedem Level steckt die Grundregel "Text is Push", die es ermöglicht, aus den einzelnen Textblöcken Sätze und damit neue Regeln zu bauen oder bestehende Regeln zu verändern. Während das erste Level noch ohne eine Änderung der Regeln beendet werden kann, muss danach ordentlich verschoben und experimentiert werden, bis man auf einen geeigneten Lösungsweg stößt.
Schon bald schlüpft man nicht nur in die Rolle von Baba, sondern auch die von WALL, ROCK, FLAG, CRAB oder ROBOT; die Zahl an Attributen, die einem Objekt zugeordnet werden können, steigt von Welt zu Welt ebenfalls an. Verschieben mit PUSH und Stehenbleiben bei STOP sind lediglich der Gipfel eines Eisberges an Möglichkeiten. Schon bald werden verschlossene Türen und Schlüssel eingeführt - wohlgemerkt als Attribute SHUT und OPEN, die nicht nur einer Tür und einem Schlüssel, sondern eben auch Baba, einer Mauer oder einem Stein zugeschrieben werden können. Die Komplexität steigt derart rasant an, dass es nicht lange dauert, bis man zum ersten Mal an einem Level festhängt. Baba is You ist selbst dann, wenn man die Regeln verinnerlicht hat, ein bockschweres Spiel - zum Glück verzweigt sich die Karte, sodass man auch bei einem anderen Level weitermachen kann.
Ich habe schon viele Puzzlespiele gespielt, aber selten musste ich so viel und so vorausschauend nachdenken wie in Baba is You. In Worten lässt sich nur schwer ausdrücken, wie vielschichtig das Konzept, einfache Textblöcke zu verschieben und damit die Regeln zu verändern, in der Praxis eigentlich ist - und wie viel Spaß es macht, mit den gegebenen Möglichkeiten zu experimentieren. Alleine das Gefühl, das STOP aus "Wall is Stop" zu lösen und dann einfach durch eine Mauer zu laufen, ist Gold wert und bricht mit so vielen Konventionen, die man über Jahrzehnte gelernt und als gegeben hingenommen hat. Selbst Wasser kann schweben, wenn man den Satz "Water is Float" entsprechend zusammensetzt.
Und Regeln gelten ja nicht nur horizontal von links nach rechts, sondern auch vertikal von oben nach unten - gleichzeitig könnte das Wasser also auch verschoben werden (!), wenn dort "Water is Push" stünde. Doch aufgepasst: Wer die Regel "[OBJECT] is You" zerstört, dem Spieler selbst also keine Rolle mehr zuweist, der nimmt sich buchstäblich selbst aus dem Spiel. Rien ne va plus - nichts geht mehr, untermalt von einer gruseligen, leblosen Musik. Großartig! Selbst mit seiner limitierten Grafik versprüht Baba is You unheimlich Charme.


Baba Is NOT Easy
Natürlich gibt es kein klassisches Game Over und sollte man sich doch einmal vertun und in eine Sackgasse manövrieren - was übrigens in jedem Level dutzendfach passiert -, dann genügt ein Tastendruck, um wie mit STRG + Z den letzten Schritt rückgängig zu machen. Anders als so manches Office-Programm kann man das in Baba is You allerdings unbegrenzt oft und lange tun und so alle Schritte bis zum Levelbeginn zurückspringen. Das ist immens wichtig, denn gerade die späteren Levels werden unfassbar komplex und verlangen allerlei Bewegungen und Veränderungen zur Lösung - da kommt man alleine durch das Gedächtnis nicht mehr weit, denn meist erinnert man sich zwar an den Zwischenschritt, den man erreichen musste, aber nicht mehr daran, wie man überhaupt erst so weit gekommen ist.
Spätestens dann, wenn die Attribute MOVE, TELEPORT oder, Gott bewahre, PULL ins Spiel kommen, trennt sich auch in Baba is You die Spreu vom Weizen. Und doch macht das Spiel immerzu einen Riesenspaß! Das Gefühl, nach einer Ewigkeit des Grübelns endlich den Geistesblitz zur Lösung zu erzielen, ist unbezahlbar.
Irgendwann nutzt sich das Spielprinzip erwartungsgemäß zwar ein wenig ab. Vielleicht könnte ich sogar so weit gehen und sagen: Irgendwann wird Baba is You fast schon zu schwer - nämlich dann, wenn die kompliziertesten Attribute aufeinandertreffen und mein Kopf schon zu rauchen beginnt. Das bedeutet auch, dass man Baba is You ab einem gewissen Punkt, der für jeden individuell sein dürfte, nicht mehr für zu lange Zeit am Stück spielen kann. Aber ich sehe das nicht als ein Problem des Spiels, sondern vielmehr als einen weiteren Beleg dafür, wie genial das so simpel erscheinende Spielprinzip tatsächlich ist, denn mit den wenigsten Mitteln wird hier wahnsinnig viel geschaffen. Mag der Grafikstil anfangs noch an ein Flash-Browserspiel erinnern, erkennt man schon bald sogar dort die Liebe zum Detail und Figuren wie Baba und Keke haben sich fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Nimmt man dann noch die angenehme Musik dazu, die ebenfalls von Entwickler und Mastermind Arvi Teikari stammt, dann ergibt Baba is You ein in jeder Hinsicht perfekt aufeinander abgestimmtes Ganzes.
Fazit von Tim:
Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Entwickler Arvi Teikari. Seit ich Baba Is You auf der gamescom im vergangenen Jahr mehr oder weniger zwischen den Terminen kurz angespielt hatte, war ich gespannt auf dieses kuriose Puzzlespiel - aber dass es mich derart fesseln und selbst fernab der Nintendo Switch beschäftigen würde, hatte ich nicht erwartet. Das Spielprinzip ist so simpel wie genial und mit den vermeintlich einfachsten Mitteln wird eine unfassbare Spieltiefe erzielt, die für mehr als 200 Levels locker ausreicht und den Hirnzellen immer wieder aufs Neue alles abverlangt. Wer hätte gedacht, dass es so viel Spaß macht, Textblöcke herumzuschieben und Regeln zu ändern? Für mich steht fest: Wer auf Nintendo Switch oder PC spielt und auf Puzzlespiele steht, kommt um diese Perle nicht herum.
Mit einfachen Mitteln konstruiert Baba Is You ein Spielprinzip von immenser Spieltiefe und Komplexität, das über viele Stunden fesselt und beschäftigt - und nie an seiner Faszination einbüßt. Für alle Fans von Puzzlespielen gilt: Baba is Win!
- einzigartiges Spielprinzip mit immenser Spieltiefe
- mehr als 200 Levels für etliche Rätselstunden
- sehr gute Einführung, fair steigende Lernkurve
- mit minimalen Mitteln wird maximaler Charme erzielt
- bequeme Rückspul-Funktion bis hin zum Levelstart
- wird schnell sehr anspruchsvoll, später bockschwer
- Grundwissen in englischer Sprache ist Voraussetzung
Tim hat Baba Is You auf der Nintendo Switch gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Hempuli Oy zur Verfügung gestellt.

