RAGE 2 - Review

Nachdem der erste Teil in der Retrospektive kein Meilenstein war und noch heute mit seinen herein ploppenden Texturen unschöne Erinnerungen weckt, war es wirklich überraschend zu erfahren, dass Rage einen Nachfolger erhalten soll. RAGE 2 verspricht eine breitere Farbpalette als ständiges braun-grau, dickes Actiongeballer und eine große offene Welt. Einen farbenfrohen Spielplatz, in dem ich mich mit meinen neuen Kräften und Waffen austoben kann. Und obwohl id Software und die Avalanche Studios jene drei Versprechen auch tatsächlich eingehalten haben, scheint nicht viel mehr hinter dem wirklich gelungenen Core-Gameplay zu stecken.

Eine Fortsetzung impliziert doch eigentlich, dass ein vorausgegangenes Spiel, ein Film oder eine Serienstaffel einen gewissen Erfolg verzeichnen konnte, oder? Rage hatte kein gutes Trefferfeedback, die Gegner waren schiere Kugelfänger, die Fahrzeugsteuerung desaströs und das Finale mehr als unbefriedigend. Und trotzdem sehen wir uns jetzt mit Rage 2 konfrontiert. Scheinbar hat Bethesda Softworks sehr viel Vertrauen in die Marke und ich muss wirklich zugeben, dass mich die knalligen Gameplay-Trailer ziemlich heiß auf den Titel gemacht haben. Fakt ist: Endzeit hat seit Fallout und Mad Max schon immer gut funktioniert, also packen wir noch ein bisschen Pink mit in den Mixer und hoffen das was hängen bleibt. Zumindest hat man aus einigen Fehlern der Vergangenheit gelernt - auch wenn andere dazu gekommen sind.


Wo sind wir hier gelandet?



Den ersten Teil von Rage braucht man nicht zu kennen, um die Story von Rage 2 zu verstehen. Die kurze Zusammenfassung: Ein Asteroid stürzt auf die Erde und begräbt alles und jeden unter einer dicken Staubschicht. Die Menschheit hat jedoch mit sogenannten "Archen" Vorkehrungen getroffen und lässt diese bunkerähnlichen Gefriertruhen mit ihren im Kälteschlaf befindlichen Insassen kurze Zeit nach dem Aufprall an die Erdoberfläche kommen. Als einer von diesen Aufgetauten mache ich mich auf ins Wasteland und erkenne schnell, dass kaum eine der Archen es an die Oberfläche geschafft hat. Also duelliere ich mich mit Mutanten und dem Establishment, um am Schluss einen Knopf zu drücken und die gestrandeten Kryopods an die Erdoberfläche zu holen.

Der neueste Teil spielt einige Jahre nach dieser Geschichte und bringt die Obrigkeit zurück auf den Plan. General Cross, der Antagonist im Spiel und bekennender Cyborg, hat im Untergrund eine Privatarmee aufgebaut und will sich die Kontrolle über das Ödland einverleiben. Bei einem seiner ersten großangelegten Angriffe stehe ich zwischen den Fronten, werde kurzerhand zum "Ranger" befördert und soll fortan für Recht und Ordnung in dieser anarchistischen Welt sorgen. Das war es eigentlich auch schon.

Um den fiesen General aufzuhalten konspiriere ich mit drei Personen, die eine gewisse Machtposition im Wasteland innehaben. Für sie erledige ich Aufträge, radiere Mutanten-Nester aus, zerstöre Straßensperren und haue randalierenden Banden die Köpfe vom Hals. Dabei kommt mir ein ansehnliches Waffenarsenal und tolle Fähigkeiten zu Gute.


RAGE 2
Archen sind extrem wertvoll und enthalten neben neuen Fertigkeiten auch schlagkräftige Waffen.


Boomstick - neu interpretiert



Gerade bei den fetten Wummen macht sich die Präsenz von id Software bemerkbar. Den DOOM-Effekt spürt man beim Gunplay an jeder Ecke und Kante, denn das Trefferfeedback ist allererste Sahne und bringt bei jedem Schuss puren Spielspaß. Insbesondere die Schrotflinte hat es mir angetan und nach zahlreichen Upgrades für das Rückstoßmonstrum (ja, die Knarren dürfen allesamt mit verdienten Punkten verbessert werden), wollte ich quasi keine andere Waffe mehr benutzen. Der Clou bei den Schießeisen: Die meisten haben einen sekundären Feuermodus, wenn man zielt. So habe ich dieses Gameplayfeature auch noch nicht umgesetzt gesehen - eine ziemlich clevere Idee. Sobald ich mit der der Flinte nämlich über Kimme und Korn ziele, wird die Bleiladung zu einem dicken Pellet "zusammengeschmolzen" und fungiert als heftiges Dum-Dum-Geschoss, das mein Gegenüber von den Beinen fegt. So kann ich auch weit entfernte Gegner mit der Schrotflinte vom Hochsitz schleudern, um ihnen am Boden dann mit der normalen Salve den Rest zu geben. Schweinegeil!

Doch auch der Raketenwerfer mit den zielsuchenden Projektilen hat seine Daseinsberechtigung. Gerade, wenn es gegen die riesigen Cyber-Crusher geht. Oder die Charged Pulse Cannon, die vor allem gegen Geschütztürme und stark gepanzerte Feinde sehr effektiv einsetzbar ist. Doch diese Leckerbissen wollen allesamt erst einmal gefunden werden, denn das Spiel präsentiert einem die Bleischleudern nicht einfach auf dem Silbertablett. Alle Waffen werden in den bereits angesprochenen Archen gefunden und können nur dort freigeschaltet werden. Ich musste also auf die Suche nach diesen großen, weißen Strukturen gehen und mit etwas Glück habe ich ich nicht nur Schießeisen, sondern auch Upgrades für meinen Ranger-Anzug gefunden.

Der verleiht einem nahezu übermenschliche Kräfte und erlaubt es zur Ein-Mann-Armee aufzusteigen. "Zerschmettern" ist wie ein Machtstoß aus dem Star Wars Universum und schleudert Gegner wild durch die Luft (oder schält ihnen die Rüstung vom Körper). Der "Slam" lässt mich aus großer Höhe nach unten sausen und eine Schockwelle am Boden verursachen, die meine Feinde umwirft oder gleich zu roter Pixelpaste verarbeitet. Kombiniert mit dem "Doppelsprung" wird daraus ein wunderschön fluffiges Ballett des Todes, dass sich in Sachen Shooter-Bombast definitiv nicht verstecken muss.


RAGE 2RAGE 2
Das Gunplay darf ruhig als tadellos betitelt werden. Viel mehr steckt im Rest des Spiels leider nicht drin.


Kommt da noch mehr?



Die ersten drei bis vier Stunden sind großartig und auch wirklich gut inszeniert, doch dann stellt sich allmählich repetitive Arbeit ein. Die Story motiviert nicht wirklich und ist bereits nach 10-12 Stunden vorbei. Das hat mich tatsächlich etwas irritiert, bin ich von anderen Open-World-Spielen doch durchaus mehr gewohnt. Und allein der Fakt, dass ich mich nach dieser kurzen Zeit schon von allen Zusatzinhalten wie Nebenquests oder Sammelaufgaben abgewendet habe um endlich die Credits über den Bildschirm laufen zu sehen, spricht für sich. Die Aufgaben sind im Grunde auch alle aus einem Guss: Geh von A nach B, hau alles kurz und klein und komm dann wieder zurück.

Das ist bei Banditenfestungen des Goon Squad genau das Gleiche wie bei den Shrouded oder den River Hogs, um hier mal ein paar der anderen Fraktionen zu nennen. Nur bessere Rüstungen und tierische Begleiter der Gegner machen hier einen geringen Unterschied. Auch der Kampf gegen die Authority Turrets ist beim ersten Mal unterhaltsam, langweilt aber spätestens beim dritten oder vierten Aufeinandertreffen mit der immer gleichen Mechanik. Wo id Software als Markenzeichen seine Waffen hochhält, tun das die Avalanche Studios mit der offenen Welt. Die ist zwar ganz hübsch anzusehen, bietet aber sonst keinen Mehrwert. Genauso wie bei den jüngsten Just Cause-Spielen hat man eine zeitlang Spaß an der Zerstörung und den Gefechten, da es aber keinerlei Abwechslung gibt wird man demselben irgendwann überdrüssig. Es bringt also jeder genau das ein, was man von ihm vermutet.

Die Fahrzeuge möchte ich aber dennoch erwähnen. Rage 2 bietet einen recht stattlichen Fuhrpark für ein in der Apokalypse angesiedeltes Szenario. Das erstreckt sich vom mit Raketen bestückten Phoenix (meinem Standardvehikel), über Monstertrucks, dem Motorrad Raptor, Radlader (mit einsetzbarer Schaufel) bis hin zum Gyrokopter Ikarus, der einen hoch in die Lüfte gleiten und weite Strecken spielend zurücklegen lässt. Da die Fahrzeuge zwar nicht mehr ganz so ungelenk wie im Vorgänger, aber immer noch ziemliche Wuchtbrummen sind, bin ich recht fix dauerhaft auf den fliegenden Kammeraden umgestiegen. Damit gelangt man am schnellsten von A nach B und ist fix mit den Missionen fertig. Außerdem profitiert der Slam-Angriff von zusätzliche Höhe und teilt damit erhöhten Schaden aus, nur so als Denkanstoß. Wer trotzdem Spaß an den Gefechten im Stile von Carmageddon hat, darf sich auf zahlreiche Konvois freuen, die quer durch die Prärie rollen und Belohnungen sowie Upgrades für den fahrbaren Untersatz liefern. Die zusätzlichen Autorennen sind glücklicherweise (wie schon bei Rage) rein optional, da auch die Kamera nicht immer das macht, was sie soll.


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Ob Dschungel, Wüste, Sumpf oder Canyon: Die unterschiedlichen Biotope können mit zahlreichen Fahrzeugen erforscht werden.


Die Technik stört den Flow



Den größten Kritikpunkt habe ich bereits nach wenigen Minuten im Spiel erkannt: Das fummelige HUD. Überall in der Welt liegen Kisten herum, die ich zerschlagen kann, um Munition oder Rohstoffe aufzusammeln. Doch in 90% der Fälle denkt das Spiel, die Entfernung sei zu groß oder ich haue in einem falschen Winkel zu. Dann steh ich da und brauche mehrere Versuche um diese dämlich Kiste kaputt zu kloppen. Irgendwann habe ich sie im Vorbeilaufen einfach zerschossen, weil mir die fummelige Rumprobiererei ziemlich auf die Nerven ging. Da ist der Sweetspot einfach zu klein. Genau dasselbe Problem tritt bei den Aufzügen auf. Man glaubt gar nicht wie viele Aufzüge es in Rage 2 gibt - sie sind einfach überall! Um mit ihnen zu fahren muss ich einen recht prominenten, pinken Knopf drücken - und zwar ganz genau. Mittendrauf. Einen Zentimeter daneben mit dem Fadenkreuz? Geht nicht. Argh... sowas stört den Spielfluss unnötigerweise und könnte so leicht behoben werden. Macht halt die Hitbox für die Dinger größer! Selbes Spiel wie mit den Ark-Kisten. Diese besonderen Truhen sind nur für Ranger mit der entsprechenden Ausrüstung zugänglich und müssen durch gedrückt halten der "Fokus-Taste" geöffnet werden. Auch hier ist der Punkt an dem ich die Funktion endlich auslösen kann viel zu klein.

Zu diesem Unmut gesellt sich dann noch das Menü, in dem es ruckelt - im Menü. Das ganze Spiel läuft auf der PlayStation 4 Pro flüssig mit knapp 60fps aber im Menü ruckelt es? Eingaben werden nicht erkannt, ich muss mehrere Sekunden auf eine Rückmeldung warten, das volle Programm. Wie kann sowas bei der Qualitätskontrolle durchkommen? Das ist mir völlig schleierhaft. Dazu fehlen Sounds und Töne, die mir gekaufte Upgrades audiovisuell belegen. Oder der Ton fällt auf der Karte einfach komplett aus. Einmal hatte ich auch den Fall, dass ein Soundschnippsel hängen blieb und in Endlosschleife im Hintergrund dauerhaft zu hören war. Diesen Bug konnte ich nur durch den Neustart des Spiels beheben - einen ungeplanten Neustart. Rage 2 gehört zu den wenigen Spielen, die meine PS4 Pro tatsächlich zu einem Absturz gebracht haben. Naja, wenigstens verlor ich dabei keinen allzu großen Fortschritt. Die Savepoints sind nämlich fair gesetzt.

Wer das Motorrad aufgrund des unfassbaren Eingabe-Delays lieber links liegen lässt, kann auf die Schnellreise zurückgreifen. Und mit schnell meine ich auch wirklich pfeilschnell. Die Ladezeiten sind generell erfreulich kurz und auch beim Systemstart ist man binnen weniger Sekunden mitten im Spielgeschehen. Wenn der Rest nur auch so tadellos funktionieren würde.



Energiekuchen

Fazit von Tobias:

Bei Rage 2 wird sich absolut nichts getraut. Die generische Open-World beheimatet immer gleiche Aufgaben und greift Gameplay-Mechaniken auf, die wir schon tausendfach gesehen haben. Abgesehen vom wirklich guten Trefferfeedback und den actiongeladenen Kämpfen gibt es schlicht nichts zu holen. Die blassen Charaktere vergisst man nach wenigen Tagen, die Geschichte motiviert nur ein paar Stunden und die Rennen sind ein Graus. Wer lediglich mit coolen Moves und fetten Knarren Banditenfestungen ausheben möchte, wird hier einige Zeit Unterhaltung finden, aber beim besten Willen nicht für den vollen Preis.

Für die kommenden Monate sind zwar noch weitere Inhalte geplant (auch kostenlose), doch dabei beschränkt sich das Entwicklerduo zunächst auf Waffenskins und Ödland-Challenges, zusätzliche Story-Erweiterungen sollen im Sommer und Herbst folgen. Inwieweit diese zum erneuten Anspielen ermutigen können, bleibt abzuwarten. Wer noch etwas anderes zum spielen hat und nicht sofort im "Mutant Bash TV" auftreten möchte, sollte lieber auf einen Sale warten und das Spiel gepatcht und mit allen Inhalten abgreifen.

Besonders gut finde ich ...
  • großartiges Trefferfeedback bei allen Waffen
  • die Kampfeinlagen sind mit das Beste, was es bisher in Open-World Spielen gab
  • schöne Grafik und nette Effekte
  • erfreulich kurze Ladezeiten
Nicht so optimal ...
  • kurze Kampagne für ein Open-World-Spiel
  • zu kleine Hitbox bei Kisten, Knöpfen und Gegenständen
  • ruckelndes Menü mit Eingabe-Delay
  • schwammige Fahrzeugsteuerung
  • repetitives Gameplay
  • langweilige Missionen und Nebenquests

Tobias hat RAGE 2 auf der PlayStation 4 Pro gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Bethesda Softworks zur Verfügung gestellt.

RAGE 2 - Boxart

Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: HerrBeutel, CookieMonster, Tim ... und 3 Gästen.
  • Tim
    #1 | 8. Juni 2019 um 12:31 Uhr
    Spätestens beim Vergleich zu Just Cause ist mir die Lust auf RAGE 2 endgültig vergangen - schade eigentlich, weil ich mich vorher so drauf gefreut hatte und das Gunplay bzw. der Kampf ja wirklich gut sind. Auf der einen Seite finde ich es fast schon "schön", dass das Spiel trotz Open-World-Design nicht gleich wieder die 30+ Stunden sprengt, auf der anderen hätte es die Welt halt auch gar nicht erst gebraucht. Nein, dann überspringe ich RAGE 2 lieber und warte auf DOOM Eternal - oder Shadow Warrior 3, wenn das hoffentlich bald angekündigt wird. Darauf habe ich fast noch mehr Bock.   

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