Etherborn - Review

Nicht erst seit Super Mario Galaxy und Gravity Rush bin ich ein großer Freund von Spielereien mit der Schwerkraft und Levels, die sich buchstäblich in alle Richtungen öffnen. Kein Wunder also, dass ich Etherborn von Altered Matter aus Spanien seit seiner Ankündigung auf dem Radar hatte. Denn hier wird die Wand zur Decke und der Himmel zum Abgrund, während man einer mysteriösen philosophischen Geschichte rund um das Menschsein folgt - bis auf die Spitze eines endlosen Baumes. Das klingt zunächst verwirrend, doch (fast) alles klärt sich beim Spielen Stück für Stück auf.

Oben, unten, vorne oder hinten - das ist, zumindest in Etherborn, alles eine Frage der Perspektive. Habe ich das Level noch mit einer klaren Vorstellung des Raumes betreten, hat sich diese Wahrnehmung schon nach wenigen Minuten nicht nur auf den Kopf gedreht, sondern ganz und gar aufgelöst. Denn Etherborn spielt so intelligent mit Gravitation und den Perspektiven, dass es starre Strukturen wie "oben" und "unten" faktisch nicht mehr braucht - es gibt ja sowieso keine Decke und keinen Boden, sondern jedes Level, jede Umgebung ist ein zumeist aus kleinen und großen Würfeln konstruiertes Gebilde, das frei im endlosen Raum schwebt und sich grundsätzlich von jeder Seite aus erkunden lässt. Dabei dreht sich die Kamera jeweils dynamisch mit.


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Ist das nicht ... ja, das ist beides das gleiche Level! In Etherborn ist alles eine Frage der Perspektive.


Die Wand wird zur Decke und der Himmel zum Abgrund



Wem schon bei dieser Beschreibung schwindelig wird, der kann sich in Etherborn, das übrigens über die Crowdfunding-Plattform Fig mitfinanziert wurde, auf ein Erlebnis einstellen, das einem zwar nicht den Magen umdreht, aber den Gleichgewichtssinn doch ein wenig auf die Probe stellt - jedenfalls dann, wenn man zu lange auf den Fernseher starrt; zum Erden ist ein Blick fernab des Bildschirms hin und wieder ganz hilfreich.

Man kann sich dieses Puzzle-Abenteuer in Ermangelung besserer Beispiele am ehesten als eine Mischung aus FEZ in 3D und Captain Toad: Treasure Tracker vorstellen. Der Kniff ist hier die Gravitation, die stets in Richtung der Plattform ausgeht, auf der meine Spielfigur steht. Denkt an einen eckigen Würfel: Tretet ihr über die Kante des Würfels hinaus, fallt ihr in die Tiefe; an abgerundeten Kanten wiederum könnt ihr aber entlanglaufen und so eine seitliche Fläche betreten, die dann wiederum euer neues "Oben" wird, weil sich die Kamera im Spiel mitdreht und die Perspektive verändert. Besser als alle meine Worte können das nur die in diesem Artikel eingebetteten Screenshots und Trailer darstellen, die ihr euch deshalb unbedingt anschauen solltet, weil es für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, das präzise zu erklären.

Und diese Idee ist in meinen Augen schlichtweg genial - denn der Trick an der Spielmechanik und dem beeindruckenden Leveldesign ist es, die Pfade immer wieder zu verlassen und sich etwa auf andere Plattformen fallen zu lassen, wodurch oben buchstäblich zu unten wird und man plötzlich auf der Unterseite einer Brücke entlangläuft oder auf einer Fläche, die vorher noch eine 90° schräge Wand gewesen war. Dabei sind jedes Level, jeder Bereich gerade so kompakt konstruiert, dass fast jede Seite und Fläche eine wichtige Rolle spielt und mindestens einmal betreten werden muss.

Ich bin ja grundsätzlich ein Fan von "kompaktem Leveldesign", wie man es zum Beispiel aus erwähntem Captain Toad: Treasure Tracker kennt - Etherborn geht aber noch einen Schritt weiter und nutzt wirklich den kompletten verfügbaren Raum aus. Dabei ist das Prinzip im Grunde wahnsinnig simpel, zumal es in jedem Level eigentlich "nur" eine Handvoll Lichtsphären zu sammeln gibt, mit denen man Schalter aktivieren kann, die wiederum neue Brücken oder Wege zuschalten. Aber die Spieltiefe ist enorm und ich wünschte, ich könnte einige Beispiele irgendwie anschaulicher in Worten ausdrücken.


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Auf dem Weg zur Spitze des Baumes muss man fünf unterschiedliche Areale besuchen und deren Puzzles lösen.


Philosophie-Studium als Voraussetzung?



Je nachdem, wie schnell man das Prinzip durchschaut und die richtigen Lösungen gefunden hat, ist Etherborn dann auch leider recht schnell vorbei: Mit knapp zwei bis vier Stunden sollte man maximal rechnen, um den "Endless Tree", also das Hub, das die einzelnen Levels miteinander verbindet, zu erklimmen. Danach gibt es mit einem New Game+ zwar noch eine Art Remix des ersten Durchgangs, bei dem die besagten Lichtsphären besser versteckt und anders zu erreichen sind. Logischerweise fasziniert und überrascht das erneute Durchspielen jedoch weniger, denn die Levels hat man im Grunde ja auch schon gesehen und intensiv erkundet.

Den Rahmen um das Abenteuer bildet derweil eine mysteriöse Geschichte rund um das Menschsein, also etwas sehr Philosophisches, das ich ehrlich gesagt in seiner etwas überbordenden Metaphorik nicht so ganz verstanden habe. Die Atmosphäre hat mich trotzdem gepackt, denn mit seiner stimmungsvollen, leisen Musik, den kräftigen Farben und monumentalen Hintergründen fühlt man sich ein bisschen wie in einem interaktiven Gemälde - in dieser Hinsicht erinnerte es mich auch ein bisschen an Gris. Vor allem im letzten Abschnitt greift Etherborn in die Trickkiste und schafft mit gigantischen, fast ein wenig furchteinflößenden Skulpturen eine sehr melancholische Stimmung. Schade nur, dass ich die Handlung dahinter einfach nicht verstanden habe.



Tim

Fazit von Tim:

Viel länger als diese knapp zwei bis vier Stunden hätte Etherborn dann auch nicht sein dürfen, denn so genial ich das Spielprinzip und die generelle Idee finde, so begrenzt sind sie auch in ihrer Tiefe - ein oder zwei Levels mehr und vermutlich hätte sich bei mir schon eine Art Müdigkeit eingestellt ob der grundsätzlich zwar visuell grundverschiedenen, aber spielerisch doch meist gleichförmigen Umgebungen. So endet Etherborn für meinen Geschmack auch genau zum richtigen Zeitpunkt, um als ein einzigartiges und faszinierendes Kleinod in Erinnerung zu bleiben. Hut ab vor Altered Matter, die es geschafft haben, um diese tolle Idee herum auch entsprechend komplexe Levels ohne eine einzige Sackgasse zu entwickeln - das war keine leichte Aufgabe.

Schade finde ich letztlich nur, dass ich der übergeordneten Story kaum etwas abgewinnen konnte und sie schlicht nicht verstanden habe - so bleibt nach dem Durchspielen einmal mehr die bittere Erkenntnis, dass nicht nur der Blick auf oben und unten eine Frage der Perspektive ist, sondern auch Kunst im Auge des Betrachters liegt und ich mit meinem ungeschulten Auge an einer Interpretation des Dargestellten gescheitert bin. Aber auch ohne diesen philosophischen Kontext zu verstehen, finde ich Etherborn absolut spielenswert und kann es jedem Puzzle-Freund mit einem Faible für ausgefallene Gravitationsspielchen nur ans Herz legen.

Etherborn spielt auf intelligente Weise mit Schwerkraft und Perspektiven und inszeniert so ein faszinierendes Puzzle-Abenteuer, das auch dann absolut spielenswert ist, wenn man - wie ich - den philosophischen Überbau nicht versteht.

Besonders gut finde ich ...
  • einzigartige Spielidee, die immer wieder fasziniert
  • hervorragendes, kompaktes Leveldesign ohne Sackgassen
  • ansprechende Ästhetik mit starken Farben und Unschärfe
  • genau im richtigen Maße fordernd und immer logisch
Nicht so optimal ...
  • wirrer, wenig selbsterklärender narrativer Überbau
  • New Game+ wegen Vorkenntnissen weniger spannend

Tim hat Etherborn auf der Nintendo Switch gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Altered Matter zur Verfügung gestellt.


Darius

Fazit von Darius:

Wer seine Gehirnzellen mit einer Herausforderung für zwischendurch überraschen möchte, um damit gleichermaßen sein räumliches Vorstellungsvermögen sowie den Orientierungssinn zu animieren, ist bei Etherborn genau richtig. Das junge Entwicklerstudio Altered Matter hat mit seinem Debüttitel ein sympathisches Indie-Puzzlespiel geschaffen, das unverbrauchte Gameplay-Elemente kombiniert und damit einen frischen Ansatz liefert. Zwar werden unweigerlich Erinnerungen an FEZ geweckt, dennoch spielt sich das Werk der Spanier völlig anders. Die Kombination aus Gravitation und seinem ausgeklügelten Leveldesign, das auf spannende Weise mit Perspektiven und der Kamera spielt, habe ich bisher zumindest selten gesehen. Auch der ausgewogene Schwierigkeitsgrad, mit seiner guten Balance zwischen Herausforderung und Logik, hat mir gut gefallen.

Der Umfang fällt mit fünf unterschiedlichen Welten, die jeweils mit einem eigenen stimmungsvollen Soundtrack unterlegt sind, jedoch recht überschaubar aus und hätte für mich gerne etwas üppiger ausfallen dürfen. Gerade die Stimmung zum Ende hebt das Spiel nochmal auf ein neues Level, auch in punkto Abwechslung. Bei der Story muss ich leider ebenfalls weitestgehend passen, genau wie Tim. Gleichzeitig würde ich jedoch auch eine Empfehlung an Puzzle-Fans aussprechen - und im gleichen Atemzug auf The Gardens Between verweisen, das ebenfalls mit frischen Ideen punktet, für mich aber auch mehr Umfang und das rundere Gesamtpaket liefert.

Besonders gut finde ich ...
  • frisches, unverbrauchtes Puzzle-Gameplay mit Gravitation
  • spannendes und durchdachtes Leveldesign
  • intelligentes Spiel mit Perspektiven und Unschärfe
  • gute Balance zwischen Herausforderung und Logik
  • stimmungsvoller Soundtrack
Nicht so optimal ...
  • relativ kurze Spielzeit (trotz NG+ Modus)
  • verhältnismäßig wenig Abwechslung in den fünf Levels

Darius hat Etherborn auf der PlayStation 4 Pro gespielt.

Etherborn - Boxart
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  • Entwickler:Altered Matter
  • Publisher:FoxNext Games
  • Genre:Action-Puzzle
  • Plattform:PC, PS4, Xbox One, Switch
  • Release:18.07.2019