Football Drama - Review
Seifenoper im Fußballdress
Ein wenig merkwürdig mutet es schon an, wenn der Entwickler eines Fußball-Spiels behauptet, eigentlich kein großer Fan des Ballsports zu sein. Diese Antwort gab mir Pietro Polsinelli auf der gamescom 2019, als ich ihn nach seinem Lieblingsteam fragte. Football Drama soll wohl auch deshalb einen etwas ironischeren Blick auf die "schönste Nebensache der Welt" werfen. Zwar richteten bereits andere Spiele die Flutlichter auf die Ereignisse abseits des Rasens. Wirkliche Erzählungen fand man jedoch selten, und so klingt Football Drama nach einer frischen Brise in der mittlerweile etwas eingestaubten Kategorie der Fußball-Spiele.

Fußball, Intrigen und Liebschaften
Neben dem angenehmen Austausch mit benanntem Vierbeiner warten jedoch eine ganze Reihe weiterer Dialoge: Aluminovitch stellt mich nach jedem Spiel zur Rede und möchte mir nach Siegen gratulieren oder mich nach Niederlagen schelten – meine Reaktionen darauf verändern nicht nur die Beziehung zum Clubinvestor, sondern auch die Chance meiner weiteren Anstellung. Auch THIEFA-Chef Splatter stellt mich vor riskante Entscheidungen, die das Schicksal des ganzen Vereins zu einer Gratwanderung machen. Die Presse stellt ebenfalls nach jedem Spieltag meine Entscheidungen in Frage, während Monica, die Gemahlin Aluminovitchs, mir permanent schöne Augen macht und mich in Versuchung führt.
Die Möglichkeit, echte Konsequenzen meiner Handlungen zu spüren, eventuell Splatter und Aluminovitch gegeneinander auszuspielen, vielleicht sogar ein Happy End mit Monica herbeizuführen und dem drögen Fußballgeschäft für immer "Adieu" zu sagen, verlockt natürlich ungemein. Blöd ist nur, dass sich all diese Entwicklungen sehr dröge präsentieren und die Freiheiten, die Geschichte wirklich zu beeinflussen, relativ spärlich gesät sind.
Die unterschiedlichen Enden könnten durchaus motivierend sein, immer wieder neu ins Spiel zu starten, um auch das letzte bisschen Geschichte aus Football Drama zu quetschen - wenn da nicht der Fußball im Weg stände. Wie eingangs erwähnt behauptet der Entwickler, selbst kein großer Fan des Sports zu sein. Und das merkt man an allen Ecken und Enden. Das Geschehen auf dem Platz fühlt sich dermaßen uninteressant und repetitiv an, das ich mir bereits nach dem vierten Spiel eine Option gewünscht habe,die Spieltage überspringen zu können, um einfach in der Story voranschreiten zu dürfen. Jede Woche gestaltet sich für Rocco nämlich exakt gleich: Zuerst etwas Getratsche mit einer anderen Figur, dann folgt die Auswahl des Trainings für die folgende Woche. Das Mannschaftstraining beeinflusst hierbei verschiedene Attribute des Teams, doch wie genau und auf welche Art und Weise, das bleibt unklar.


Ein Drama mit dem Fußball
Anschließend folgt das Spiel gegen das nächste gegnerische Team, kurz zuvor darf ich mich noch mit bis zu fünf Karten ausrüsten, die so etwas wie Zwischenrufe von der Seitenlinie darstellen sollen. So kann ich den Spielern verschiedene Formationen ins Ohr brüllen oder ich befehle ihnen, die Bälle hoch und weit nach vorne zu kloppen. Die Karten können nur einmalig ausgespielt werden, jedoch erhält man nach jedem Spiel neue Zwischenrufe für sein Deck.
Ob die Karte erfolgreich ausgespielt und einige Spielzüge später auch umgesetzt werden kann, wird wohl zufällig entschieden. Das macht aber nichts, denn die Wirkungsweise der Karten bleibt im gesamten Spiel unersichtlich. Zwar reagieren die beiden Kommentatoren mit eher unlustigen Sprüchen auf meine Zwischenrufe, doch ob meine Formationsänderung sich wirklich positiv auf die Defensivleistung meiner Mannschaft auswirkt oder die hohen Bälle meine Stürmer besser in Szene setzen, steht in den Sternen. Oder irgendwo auf dem Fußball-Olymp. Vielleicht auch in Splatters Büro. Ich habe gesucht, wirklich. Aber gefunden habe ich nur noch mehr Karten, deren Sinn unklar bleibt.
Football Drama deutet mir durch mein individuelles Deck und angezeigte "Karma"- und "Kaos"-Werte zwar Einflussmöglichkeiten auf das Spiel meiner Mannschaft an, mangels Transparenz läuft jedes Spiel jedoch schnell nach dem selben Muster ab: Wähle ich aggressivere Spielweisen, zum Beispiel einen riskanten Pass nach vorne, steigt der "Stresslevel" meines Teams. Wähle ich passive Spielweisen wie ein Kurzpass-Spiel im Mittelfeld, sinkt dieser "Stresslevel" wieder. Mit Risiko spielt sich mein Team nach vorne oder schafft es, dem Gegner den Ball abzunehmen, mit passivem Spiel behaupte ich im besten Falle Ballbesitz oder halte den gegnerischen Vormarsch auf - gehe aber auch die Gefahr ein, den Ball zu verlieren und ein Gegentor zu kassieren. Somit versuche ich, taktisch riskante mit passiven Spielweisen abzuwechseln, um das Stresslevel immer knapp unterhalb der 50 Prozent-Hürde zu halten (bei höherem Stress kann ich nur noch passive Maßnahmen anwenden) und werfe hin und wieder planlos und auf mein Glück hoffend eine Karte ins Spiel.


Das ewige Talent
Diese Intransparenz ist leider sehr frustrierend und überdeckt die durchaus vorhandenen positiven Aspekte des Spiels. Der Soundtrack beinhaltet zum Beispiel ganz wunderbare Jazz-Stücke und kann mehrere Stunden unterhalten. Die Fangesänge, das dumpfe Geräusch des getretenen Balls, die nervtötende Vuvuzela – all das vermittelt darüber hinaus eine gute Stadionatmosphäre. Auch die grafische Darstellung des Comic-Looks und Interface macht Freude: Zwar ist sie minimalistisch, aber stimmig und wirkt wie aus einem Guss. Ich hatte auch wirklich Spaß an allen Gespräche zwischen Rocco, der Presse, dem Präsidenten und all den anderen Charakteren.
Die Spiele selbst werden ebenfalls ordentlich inszeniert, indem sie gerade zweckmäßig zu sein scheinen und eben nicht vom Hauptthema, dem "Drama", ablenken. Den Humor fand ich dagegen gewöhnungsbedürftig. So richtig zünden wollten die oft etwas forcierten Witzchen bei mir nicht, was allerdings auch an der wirklich furchtbaren Lokalisation liegen könnte. Football Drama wirkt auf Deutsch, als wäre es dem Google-Translator entsprungen, und auch die englischen Texte sorgten bei mir für einiges Kopfzerbrechen.
Ohne Frage stecken hinter dem Spiel ein spannendes Konzept und eine sympathische Aufmachung. Ich war besonders nach meinem gamescom-Meeting wirklich gespannt darauf, wie Football Drama das Rundherum des Fußballsports abbildet. Leider machten mir die ständigen Wiederholungen im Gameplay sowie die schlampige Übersetzung und fehlenden Tutorials einen Strich durch die Rechnung. Falls Open Lab Games die beiden letzteren Punkte noch nachbessern, werde ich aber vielleicht auch noch die eine oder andere Saison mit Rocco Gallianio zu Ende bringen.
Fazit von Steffen:
Irgendwie fühlt sich Football Drama wie ein verschossener Elfmeter in der 90. Minute eines wichtigen Spiels an. Mit etwas mehr Sorgfalt, Konsequenz und Plan hätte sich das Spiel perfekt in einer nahezu unbedienten Nische des virtuellen Fußballsports breit machen können. Während Konami und Electronic Arts immer realistischere Versionen des rollenden Balles anbieten und der Football Manager von Sports Interactive einsame Kreise über dem Tal der Management-Simulationen zieht, bleibt der ironische Blick auf den mittlerweile absurden Kommerz dieser modernen Gladiatorenkämpfe seit langer Zeit vernachlässigt.
Was hatte ich damals Spaß mit den Ereignissen in der Anstoß-Reihe, wie stolz war ich auf den neuen Sportwagen, den sich mein Trainer-Pendant nach der Meisterschaft in EAs Fußball-Manager gönnte! Football Drama aber kann hier nicht anknüpfen. Es zeigt sich ein wenig zu linear, um mir das Gefühl einer eigenen Geschichte zu vermitteln. Es ist ein wenig zu undurchsichtig, als dass ich Roccos Geschichte in vollen Zügen genießen könnte. Und es bleibt gerade an den wichtigen Spieltagen ein wenig zu dröge, um wirklich Spaß zu machen.
Aber wie heisst es im Fußball: Mund abputzen, weitermachen! Open Lab Games sollten unbedingt transparentere Statistiken, bessere Tutorials und eine ordentliche Übersetzung nachliefern. Und wenn es dann schon nicht die Meisterschaft wird, so könnte am Schluss zumindest ein Platz im gesicherten Mittelfeld heraus springen.
- interessanter Ansatz, Nebenschauplätze des Fußballs zu beleuchten
- sehr schöner Soundtrack
- comichafter Grafikstil weiß zu gefallen
- völlige Intransparenz des Spielgeschehens ...
- ... was durch die deutsche Übersetzung noch kryptischer wird
- sämtliche Gameplay-Inhalte wiederholen sich zu oft
- Konsequenzen der Dialoge dürften schwerer wiegen
Steffen hat Football Drama auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von OpenLab Games zur Verfügung gestellt.

